Praxisbeispiel für den KI-gestützten Wissenstransfer
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Petra Möller, 63 Jahre alt und seit mehr als 25 Jahren im Betrieb, geht in acht Monaten in Rente. Sie ist die einzige Mitarbeiterin, die die betriebsspezifische Kalkulations- und Auftragssoftware „SteelOffice Pro" vollständig beherrscht, einschließlich selbst entwickelter Vorlagen, Sonderlogiken und Fehlerbehebungsroutinen. Fällt Petra Möller kurzfristig aus, können Angebote nicht mehr zuverlässig kalkuliert werden, was die Handlungsfähigkeit des Betriebs gefährdet. Eine Nachfolge gibt es bislang nicht, und im Tagesgeschäft bleibt kaum Zeit, das Wissen systematisch zu sichern. Wie kann der Betrieb vorgehen?
Das folgende Vorgehen lässt sich auf viele softwarebasierte Arbeitsprozesse übertragen. Der Aufwand hängt davon ab, wie umfangreich der zu dokumentierende Prozess ist. Planen Sie in jedem Fall ausreichend Zeit ein, um die Ergebnisse zu prüfen und zu ergänzen.
Beispielhafte Vorgehensweise zur Wissenssicherung:
1. Ziel formulieren
Bis zu Petra Möllers Renteneintritt in acht Monaten wird das operative Kernwissen rund um „SteelOffice Pro“ so gesichert, dass der Betrieb auch ohne sie Angebote kalkulieren kann.
2. Prozess aufzeichnen
Zeichnen Sie die Arbeitsschritte in der Software am Bildschirm auf. Lassen Sie Petra Möller dabei mündlich erläutern, was sie tut und warum sie so vorgeht. Für die Aufzeichnung können Sie kostenfreie Tools nutzen, etwa das Snipping Tool (Windows) oder OBS-Studio.
3. Aufzeichnung mit KI analysieren
Laden Sie das Video in ein KI-System und lassen Sie das Video analysieren.
Beispiel-Prompt: „Analysiere die einzelnen Prozessschritte in diesem Video sowohl auf der Bild- als auch auf der Tonspur. Es handelt sich um einen Prozess bei der Auftragskalkulation, der das Thema [XY] beschreibt. Stelle die einzelnen Schritte des Prozesses dar und gib eine kurze Erklärung, was bei jedem Schritt zu tun ist.“
Prüfen Sie zunächst, ob die KI den Inhalt korrekt erfasst hat, und schärfen Sie bei Bedarf nach, bevor Sie weitermachen.
4. Ausgabeformat festlegen und Dokumentation erstellen
Entscheiden Sie, in welcher Form die Dokumentation im Arbeitsalltag am nützlichsten ist: eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, ein Prozessschaubild oder eine Kombination aus beidem.
Beispiel-Prompt: Erstelle auf Basis der Prozessschritte eine Schritt-für-Schritt-Anleitung mit beschreibenden Texten als Word-Datei. Ergänze passende Screenshots aus dem Video zu den Schritten [XY].
5. Ergebnis prüfen und pflegen
Die erstellte Dokumentation sollte im Nachgang von der erfahrenen Mitarbeiterin auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft werden, solange sie noch im Betrieb ist. Legen Sie außerdem fest, wer die Anleitung künftig aktualisiert, wenn sich der Prozess verändert.
Hinweise für die Umsetzung:
- Videolänge: Halten Sie die Aufzeichnung kompakt (max. 4 Minuten). Ist das nicht möglich, unterteilen Sie den Prozess in Einzelsequenzen.
- Prompting: Tasten Sie sich schrittweise heran. Lassen Sie die KI zunächst nur den Inhalt beschreiben, bevor Sie das Ausgabeformat festlegen.
- Datenschutz: Vermeiden Sie es, sensible Betriebsinterna oder personenbezogene Daten im Video sichtbar zu machen. Verpixeln Sie kritische Passagen, bevor Sie das Video hochladen. Wenn Ihr Betrieb mit besonders schutzbedürftigen Daten arbeitet, prüfen Sie den Einsatz von KI-Tools, die eine DSGVO-konforme Verarbeitung garantieren.
- Denken Sie den Prozess weiter: Was erfolgt als Nächstes? Wo liegt Ihr Wissen ab? Wie wird sichergestellt, dass entsprechende Mitarbeitende darauf Zugriff bekommen?