
Transkript: Folge 120
Sibylle:
KOFA auf dem Sofa – dein Podcast für bessere Personalarbeit im Mittelstand, präsentiert vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung.
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von KOFA auf dem Sofa – eurem Podcast, in dem wir darauf schauen, wie man auch ohne großes Budget und ohne spezialisiertes Personal gute Personalarbeit in kleinen und Kleinstunternehmen machen kann.
Heute geht es um ein Thema, das man auf den ersten Blick gar nicht mit KMU in Verbindung bringt: New Work. Das klingt nach Vertrauensarbeitszeit, nach dem Wunsch, sich im Job zu entfalten, oder nach Homeoffice. Aber was ist zum Beispiel mit einer Heizungsmonteurin, die morgens um sieben Uhr auf der Baustelle stehen muss?
Darüber spreche ich mit Juliane. Sie führt in vierter Generation einen Handwerksbetrieb in Nordhessen und lebt New Work trotzdem. Wie das funktioniert, möchte ich heute herausfinden.
Hallo und herzlich willkommen, liebe Juliane. Schön, dass du da bist.
Juliane:
Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr.
Sibylle:
Juliane, ihr feiert in vier Jahren euren 100. Unternehmensgeburtstag und du bist in der vierten Generation mitten in der Unternehmensübergabe. Was hat sich in der Zeit, seit du im Unternehmen arbeitest, am stärksten verändert? Und was ist vielleicht auch gleich geblieben – und das ist gut so?
Juliane:
Für mich hat sich am stärksten verändert, dass ich genau in einer Phase ins Unternehmen gekommen bin, in der sich der Markt massiv verändert hat. Ich habe meine Abschlussarbeit über den Markt und die veränderten Wettbewerbsbedingungen geschrieben. Der eine oder andere würde jetzt sagen: „Schon wieder.“ Das ist ungefähr vier oder fünf Jahre her. Genau zu dieser Zeit bin ich eingestiegen und habe gesehen, wie stark sich der Markt verändert und wie sich dadurch auch die Anforderungen der Kundinnen und Kunden gewandelt haben.
Das war für mich am Anfang besonders prägend. Heute ist vieles davon schon Normalität geworden. Hinzu kommt natürlich der technologische Wandel, der das Tempo deutlich erhöht hat und uns vor die Herausforderung stellt, wie wir neue Technologien sinnvoll und wertschöpfend in den Betrieb integrieren können.
Trotzdem habe ich großes Vertrauen darin, dass sich unser Unternehmen immer wieder neu erfinden kann. Das hat es in den vergangenen 95 Jahren bereits mehrfach bewiesen. Es musste sich immer wieder auf neue Rahmenbedingungen einstellen und neu sortieren.
Diese Fähigkeit, immer wieder neue Ideen zu entwickeln, auf veränderte Marktbedingungen zu reagieren und gleichzeitig das Team auf diesem Weg mitzunehmen, ist geblieben. Und ich glaube, genau dieses Vertrauen darauf, dass Veränderung schon immer Teil unserer Unternehmensgeschichte war, ist eine große Stärke.
Sibylle:
Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt, den viele unterschätzen. Wenn ihr 1930 gegründet wurdet, habt ihr unter anderem den Zweiten Weltkrieg und die Zeit danach überstanden. Dass kleine Betriebe Veränderung können, steht für mich deshalb außer Frage.
Ihr seid ein Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnikunternehmen – eine Branche, die aktuell stark nachgefragt ist. Wie viele Mitarbeitende habt ihr?
Juliane:
Aktuell beschäftigen wir 120 Mitarbeitende.
Sibylle:
Wow, also schon ein etwas größeres KMU nach unserer Definition. Gelingt es euch denn, alle Stellen zu besetzen? Wie funktioniert das bei euch?
Juliane:
Der Fachkräftemangel ist natürlich auch im Handwerk ein großes Thema. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv damit, wie wir ihm begegnen können. Wir verfolgen dabei unterschiedliche Strategien.
Ein wichtiger Punkt ist, unsere Sichtbarkeit zu erhöhen. Wir investieren bewusst darin und schaffen neue Formate, um Mitarbeitende zu gewinnen und sie gleichzeitig aktiv in die Weiterentwicklung des Unternehmens einzubinden.
Natürlich haben auch wir immer wieder Schwierigkeiten bei der Besetzung von Stellen. Davon darf man sich aber nicht verunsichern lassen. Wichtig ist, dranzubleiben, immer wieder neue Wege auszuprobieren und dadurch die Sichtbarkeit und Attraktivität des Unternehmens zu steigern, damit Menschen genau bei uns arbeiten möchten.
Sibylle:
Ich glaube, das ist wirklich ein Umdenken. Viele Unternehmen sagen: „Wir haben ohnehin schon so viel zu tun – und jetzt sollen wir auch noch Sichtbarkeit aufbauen?“
Du gehst da einen ganz anderen Weg. Du bist Podcasterin und Speakerin. Ich kenne viele Handwerksbetriebe, die einfach einen Aufkleber mit „Mitarbeitende gesucht“ aufs Auto kleben – und das war's.
Erlebst du, dass sich da etwas verändert? Und wie viel Zeit investierst du persönlich in die Sichtbarkeit von Veltum?
Juliane:
Vielleicht zuerst eine kleine Anekdote: Wenn wir darüber sprechen, wie wir Sichtbarkeit schaffen und Mitarbeitende gewinnen können, erleben wir bei unseren Auszubildenden häufig, dass sie ihre Freundinnen und Freunde ansprechen und sagen: „Hier ist es eigentlich ganz gut.“
Wenn sich dann jemand bewirbt, heißt es oft: „Ich kenne jemanden, der hier seine Ausbildung gemacht hat. Er oder sie hat gesagt, dass es ein guter Betrieb ist.“ Manchmal sind es also genau diese kleinen Dinge. Oder jemand sagt: „Eure pinke Farbe ist mir aufgefallen.“ Das bringt einen dann auch zum Schmunzeln.
Warum investieren wir so viel in Sichtbarkeit und unterschiedliche Formate? Zum einen, weil wir in Nordhessen zu Hause sind – einer sehr ländlich geprägten Region. Zwar haben wir im Vergleich zu vielen anderen Handwerksbetrieben etwas mehr Mitarbeitende, aber gerade bei Themen wie Technologie und Transformation merken wir, dass wir mit unserem eigenen Know-how an Grenzen stoßen.
Deshalb investieren wir bewusst in Sichtbarkeit, um Netzwerke aufzubauen. Wir können die Veränderungen nicht allein aus dem Unternehmen heraus gestalten. Wir brauchen externe Partnerinnen und Partner sowie Netzwerke, auf die wir zurückgreifen können. So holen wir uns zusätzliches Know-how ins Unternehmen und profitieren davon.
Der zweite wichtige Faktor ist der ländliche Raum. Sichtbarkeit bedeutet für uns deshalb nicht nur, unser Unternehmen bekannter zu machen, sondern auch die Region mitzugestalten und sie so attraktiv wie möglich zu machen. Ziel ist, dass Menschen zurückkommen und junge Leute sich bewusst für die Region entscheiden.
Das sind für uns die beiden wichtigsten Säulen: Transformation gemeinsam gestalten und den ländlichen Raum stärken.
Sibylle:
Das finde ich total spannend. Der ländliche Raum gilt in vielen Studien als besonders herausfordernd. Ausbildungsplätze zu besetzen, ist oft schwierig – unter anderem wegen des fehlenden öffentlichen Nahverkehrs oder weil der Führerschein inzwischen so teuer geworden ist.
Kannst du zwei oder drei Argumente nennen, mit denen ihr junge Menschen überzeugt, in der Region zu bleiben?
Juliane:
Natürlich kennen wir das Problem mit der Mobilität. Wir hatten zum Beispiel einen Mitarbeitenden, der mit den Busverbindungen gar nicht rechtzeitig zur Arbeit hätte kommen können. Da musste er kreativ werden. Ich glaube, Not macht auch erfinderisch – und das gehört zum ländlichen Raum manchmal dazu.
Uns geht es aber gar nicht darum, dass Menschen ihr ganzes Leben ausschließlich in der Region verbringen. Im Gegenteil: Ich halte es für sehr wertvoll, auch einmal auszubrechen und andere Erfahrungen zu sammeln. Genau das fördern wir.
Natürlich wünschen wir uns eine langfristige Bindung unserer Mitarbeitenden. Das sehen wir auch bei vielen jungen Menschen, die schon lange bei uns sind und inzwischen ihr erstes Jubiläum feiern.
Gleichzeitig investieren wir bewusst darin, dass Mitarbeitende zwischendurch Erfahrungen außerhalb unseres Unternehmens sammeln können. Das kann zum Beispiel ein Auslandsaufenthalt während oder nach der Ausbildung sein.
Wir hatten kürzlich eine Mitarbeiterin, die nach ihrer Ausbildung zunächst ein Praktikum in Berlin bei einem deutlich größeren Unternehmen gemacht hat und anschließend noch bei einem weiteren größeren Betrieb in Kleve. Solche Erfahrungen bringen neue Perspektiven mit sich. Die Ideen und Impulse fließen anschließend wieder in unser Unternehmen und in die Region zurück.
Dadurch entwickeln wir uns weiter. Gleichzeitig stärkt das oft auch die Bindung an das Unternehmen, weil man Erfahrungen in der Stadt sammeln konnte, ohne dauerhaft dorthin wechseln zu müssen.
Sibylle:
Und das sind ja diese typischen Bumerang-Mitarbeitenden, oder? Die gehen erst weg und kommen dann wieder. Das hat natürlich eine enorme Wirkung auf die Beschäftigten, die geblieben sind. Sie denken dann: „Ach cool, die war unterwegs, hat die Welt gesehen und wollte trotzdem wieder hierherkommen.“ Das finde ich super.
Was ich auch oft höre, ist, dass Handwerksbetriebe sagen: „Jetzt haben wir ausgebildet und unsere fertigen Gesellinnen und Gesellen gehen in die Industrie.“ Oder Fachkräfte sagen irgendwann: „Woanders kann ich mehr verdienen.“ Was glaubst du, ist der häufigste echte Grund, warum Menschen einen Handwerksbetrieb verlassen?
Juliane:
Zunächst einmal habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt, das nicht zu persönlich zu nehmen. Wir investieren immer in den Menschen. Natürlich kann es passieren, dass jemand wieder geht. Das finde ich genauso traurig. Aber wir tun das ja nicht nur für das Unternehmen, sondern weil wir Potenzial in den Menschen sehen.
Ich glaube, nur mit dieser Haltung kann man auch Bumerang-Mitarbeitende gewinnen – selbst wenn man heute noch nicht daran glaubt.
Ich habe schon als Kind am Küchentisch mitbekommen, was es zu Hause ausgelöst hat, wenn jemand gekündigt hat. Das wurde oft sehr persönlich genommen. Nach ein paar Wochen hat man dann aber auch gemerkt: Es kommt vielleicht jemand Neues mit einer ganz anderen Perspektive.
Dieses Gefühl habe ich mitgenommen. Und dann kam irgendwann meine erste Kündigung in meiner aktiven Zeit im Unternehmen – in einem Bereich, der mir sehr nahestand. Daraus habe ich unglaublich viel gelernt. Ich habe versucht zu verstehen, woran es gelegen hat.
Ich glaube, gerade bei jungen Menschen ist es häufig so, dass sie das Gefühl haben, nicht gehört zu werden, nicht mitgestalten zu können, nicht weiterzukommen oder nicht gesehen zu werden.
Deshalb versuche ich, immer wieder Formate zu schaffen, in denen Mitarbeitende mitgestalten können. Ideen sollen nicht nur geäußert, sondern auch umgesetzt werden. Und diese Umsetzung muss sichtbar sein. Wir investieren viel Zeit darin, dass Menschen den Betrieb aktiv mitentwickeln und wir Veränderungen gemeinsam als Team gestalten.
Gerade bei der jungen Generation müssen wir da noch stärker investieren. Ich glaube, Gestaltungsfreiheit ist heute ein echter Mehrwert der Arbeit. Diese Erfahrung habe ich damals gemacht und seitdem versuche ich, genau solche Formate im Arbeitsalltag zu etablieren.
Sibylle:
Wow. Wenn ich dir zuhöre, merkt man, dass das für dich wirklich eine Haltung ist – die Überzeugung, dass Mitgestaltung wichtig ist. Und Mitgestaltung ist ja auch ein wesentlicher Baustein von New Work.
Viele verbinden damit eher Kicker, Obstkorb und völlige Freiheit ohne Hierarchien. Was bedeutet New Work denn in einem Handwerksbetrieb, in dem mehr als die Hälfte der Belegschaft gar nicht im Unternehmen ist, sondern auf Baustellen bei Kundinnen und Kunden arbeitet? Wie lebt ihr das?
Juliane:
Kennengelernt habe ich New Work über unseren Coworking Space hier in der Region. Bei der ersten Digitalkonferenz, die wir veranstaltet haben, gab es einen Vortrag von jemandem, der solche Konzepte umsetzt.
Ich habe mich damals gefragt: Was bedeutet das eigentlich für das Handwerk?
Es hat ein paar Jahre gedauert, bis wir unsere Antwort darauf gefunden haben. Für uns geht es nicht um einen Obstkorb oder eine besonders schöne Arbeitsumgebung. Es geht vielmehr darum, Zusammenarbeit zu verändern.
Effizienz ist immer so ein schwieriges Wort. Aber wie können wir Zusammenarbeit besser gestalten? Wie können Informationen schneller auf die Baustelle gelangen und ebenso schnell wieder zurückkommen? Wie können wir unnötige Wege vermeiden?
Dafür denken wir sowohl das Raumkonzept als auch die digitale Arbeitsumgebung mit. Das ist für uns New Work.
Sibylle:
Musstest du dafür viel Überzeugungsarbeit leisten?
Juliane:
Ich würde sagen, wir sind mittendrin. Wir sind noch kein Unternehmen, das sagen würde: „Unser New-Work-Konzept steht.“
Vor drei Jahren haben wir unsere Ausstellungsfläche umgestaltet und aus einer klassischen Ausstellung eine kleine Coworking-Area gemacht.
Früher stand dort ein großes U aus Tischen. Dort fanden alle Besprechungen statt – ganz klassisch mit Präsentation. Wir haben viel Überzeugungsarbeit geleistet, um von diesem U wegzukommen. Das ist tatsächlich ein Satz, der meinem Vater bis heute im Kopf geblieben ist: „Wir müssen weg vom U.“
Er fragte dann immer: „Wohin denn? Als I? Oder als V?“
Wir haben gesagt: Nein. Wir müssen den Raum so gestalten, dass Zusammenarbeit spürbar wird. Es soll nicht mehr darum gehen, sich in eine Besprechung zu setzen und sich berieseln zu lassen. Stattdessen soll der Raum dazu anregen, sich einzubringen, Lösungen mitzuentwickeln und miteinander ins Gespräch zu kommen – auch dann, wenn Diskussionen einmal intensiver werden.
Das war der erste große Schritt.
Wenn wir heute über unseren Gesamtprozess sprechen, dann war diese Fläche letztlich nur ein Prototyp. Natürlich müssen wir solche Themen intern diskutieren. Aber ich glaube gar nicht, dass Überzeugungsarbeit der richtige Weg ist. Man muss die Dinge erleben.
Deshalb fahren wir gemeinsam hin, schauen sie uns an und entscheiden anschließend als Team, was sinnvoll ist und was nicht. Dann ist es eine Entwicklung, der man Zeit geben muss.
Sibylle:
Das gilt ja grundsätzlich für Unternehmenskultur. Aber schon bei Meetingformaten braucht es Zeit. Wenn ich an mein eigenes Team denke: Wir haben unterschiedlichste Ansätze ausprobiert. Mal haben wir gestanden, mal gesessen, unterschiedlich protokolliert oder die Moderation gewechselt. Irgendwann habe ich das Team sogar gebeten, sich selbst neue Formate auszudenken.
Wir sind dabei auch mit einigen guten Ideen gescheitert. Das kennst du bestimmt auch. Gibt es einen Fehlschlag, den du mit uns teilen möchtest?
Juliane:
Auf jeden Fall. Im Handwerk war es lange so, dass Termine einfach zwischendurch stattgefunden haben. Besprechungen wurden überzogen oder spontan verschoben.
Ich war vorher auch eine Zeit lang in einem Konzern. Dort begann jedes Meeting pünktlich und endete pünktlich. Wenn das nicht der Fall war, kam notfalls sogar die Führungskraft herein und beendete das Meeting.
Das war eine ganz andere Meetingkultur als die, die wir im Handwerk kannten oder entwickeln wollten.
Natürlich gab es Rückschläge. Und die gibt es bis heute. Man fällt schnell wieder in alte Muster zurück.
Wir haben zum Beispiel angefangen, Retrospektiven einzuführen. Dabei schauen wir gemeinsam darauf: Was lief gut? Wo gibt es Ideen? Was müssen wir angehen?
Gerade die ersten Runden waren herausfordernd. Da musste man schon an das Format glauben.
Früher wurden viele Themen nur im Vier-Augen-Gespräch besprochen. Wenn das Problem dort nicht gelöst wurde, eskalierte es irgendwann. Genau das wollten wir verändern und Themen regelmäßig in den Retrospektiven ansprechen.
Natürlich gab es auch Retrospektiven, in denen niemand einen Sticky geschrieben hat. Und andere, in denen plötzlich alle etwas aufgeschrieben haben.
Ich glaube, man muss darauf vertrauen und das Format immer wieder an die aktuelle Situation im Unternehmen und an die Zusammenarbeit anpassen.
Sibylle:
Du hast eben schon das Thema Netzwerke angesprochen. Du hast selbst das Network Waldeck-Frankenberg mitgegründet. Dort organisiert ihr gemeinsam mit anderen Betrieben unter anderem KI-Schulungen.
Was ist für dich der größte Mehrwert dieses Netzwerks – etwas, das du mit Veltum allein nicht erreichen könntest?
Sibylle:
Vielleicht noch einmal zur Klarstellung: Das Network Waldeck-Frankenberg hast du nicht mitgegründet.
Juliane:
Genau. Ich bin schon lange Teil des Teams. Das Netzwerk beschäftigt sich mit Fachkräftesicherung und der Gewinnung junger Talente für unsere Region. Gegründet wurde es von vier jungen Männern, die damals selbst noch studiert haben und die Idee mit in die Region gebracht haben. Seitdem haben sie viele junge Menschen dafür begeistert, Teil des Netzwerks zu werden.
Aus diesem Netzwerk heraus ist unter anderem ein Coworking Space in der Region entstanden. Seit 2024 sind wir als Veltum ebenfalls dort vertreten. Man kann sich das wie einen Innovationsstandort vorstellen – etwas, das man aus Großstädten kennt, nur eben mitten auf dem Land.
Damit schließt sich auch der Kreis zu dem, was ich eben gesagt habe. Wir brauchen nicht nur überregionale Netzwerke, sondern auch starke regionale Netzwerke. Themen wie Transformation, Technologie und Innovation müssen wir gemeinsam vor Ort denken. So entstehen kürzere Wege und direkter Austausch.
Daraus sind zum Beispiel gemeinsame KI-Schulungen mit einem anderen Unternehmen aus der Region entstanden, das in einer völlig anderen Branche tätig ist. Wir konnten diese Schulungen gemeinsam anbieten und beide Seiten haben davon profitiert.
Außerdem organisieren wir Veranstaltungen zu den Themen Transformation und Innovation. Dafür gewinnen wir Speakerinnen und Speaker, zu denen wir als einzelner Handwerksbetrieb sonst kaum Zugang hätten.
In diesem Jahr waren beispielsweise Schwarz Digits, ELA Container und Microsoft bei uns zu Gast. Wenn ich dort als Handwerksbetrieb mit 120 Mitarbeitenden anrufen würde, wäre das für diese Unternehmen wahrscheinlich nicht besonders interessant. Da müsste ich schon viel Überzeugungsarbeit leisten.
Durch unser Netzwerk schaffen wir jedoch eine Plattform mit rund 30 Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen. Das ist eine ganz andere Ausgangslage. So können wir den Austausch regional verankern und sind nicht nur eine von vielen Hundert Personen auf einer anonymen Großveranstaltung.
Das ist für mich aktuell der größte Mehrwert: Wir holen Menschen und Wissen in unsere Region, die wir als einzelner Handwerksbetrieb wahrscheinlich nicht erreichen würden.
Sibylle:
Das ist spannend. Am Ende eines solchen Abends nimmt man dann nicht nur ein paar Visitenkarten mit, sondern konnte konkrete Fragen stellen, Neues lernen und vielleicht sogar selbst etwas beitragen.
Juliane:
Genau. Und gleichzeitig erweitert man sein Netzwerk. Am Ende geht es immer darum, neue Kontakte aufzubauen, damit man bei einer späteren Herausforderung weiß, wen man ansprechen kann.
Sibylle:
Ganz konkret: Was würdest du einem Betrieb raten, der jetzt mit KI starten möchte, weil er Angst hat, den Anschluss zu verlieren, aber noch überhaupt keine Erfahrung damit hat?
Juliane:
Zunächst einmal würde ich sagen: Die Angst kann man sich nehmen. Ich glaube, wir stehen alle noch ganz am Anfang – unabhängig davon, in welcher Branche wir unterwegs sind.
Bei vielen Unternehmen ist KI aktuell noch Ausprobieren. Und das ist völlig in Ordnung.
Wichtig ist, sich zu überlegen, wie man die Mitarbeitenden einbindet. Viele nutzen generative KI ohnehin schon im Arbeitsalltag. Das sollte man sich bewusst machen.
Ein zweiter zentraler Punkt sind die Daten. Ohne Daten können wir langfristig keine KI sinnvoll einsetzen.
Auch wir arbeiten derzeit überwiegend mit generativer KI. Im Qualitätssicherungsbereich bauen wir gerade Schritt für Schritt eine Datenbasis auf, auf die wir zugreifen und mit der wir interagieren können. Erst dadurch entsteht eine Datenhoheit, die wir später für KI-Anwendungen nutzen können.
Mein Rat wäre deshalb: Beschäftigt euch zuerst damit, wo eure Daten liegen und worauf ihr tatsächlich Zugriff habt. Das ist die Grundlage für spätere Anwendungen.
Außerdem sollte man sich überlegen, wie man das Know-how im Team verankern möchte. Welche Formate helfen dabei? Wie kann Wissen aufgebaut werden?
Dann braucht es möglichst schnell Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in den einzelnen Teams. Niemand kann dieses Thema allein vorantreiben – weder intern noch extern. Es braucht Menschen, die Lust darauf haben und ihr Wissen im Alltag weitergeben.
Wenn jemand zum Beispiel sagt: „Ich habe gerade einen neuen KI-Assistenten gebaut. Schau ihn dir doch mal an, der könnte auch für dich hilfreich sein“, dann verbreitet sich das Wissen ganz anders.
Wenn das ausschließlich top-down gesteuert wird, funktioniert es aus meiner Sicht nicht. Das ist unsere Haltung. Andere Unternehmen gehen vielleicht anders vor.
Sibylle:
Vielleicht ergänze ich noch eine Beobachtung aus meiner eigenen Erfahrung. Wenn es um Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für KI geht, sollte man ganz bewusst auch Frauen mitdenken.
Oft heißt es automatisch: „Die Männer machen das schon, die können IT.“ Dabei gibt es genauso viele kompetente Frauen. Deshalb lohnt es sich, sie ganz gezielt anzusprechen.
Das bringt mich auch schon zu meiner letzten Frage. Du engagierst dich für Frauen im Handwerk. Was muss sich aus deiner Sicht in der Branche noch verändern? Und wo siehst du bereits positive Entwicklungen?
Juliane:
Ich würde sogar sagen, dass ich mich noch gar nicht in erster Linie für Frauen im Handwerk engagiere. Mir geht es aktuell vor allem um Frauen in Waldeck-Frankenberg und Nordhessen.
Wir möchten Formate schaffen, die Female Empowerment auch im ländlichen Raum ermöglichen. In Großstädten ist das längst selbstverständlich, auf dem Land dagegen oft noch nicht.
Wenn wir solche Formate etablieren, lernen Frauen, sich zu vernetzen und auszutauschen. Daraus entstehen neue Kooperationen – und davon profitieren wiederum auch wir als Unternehmen.
Aus unserem Netzwerk Female Empowerment Waldeck-Frankenberg ist inzwischen ein überregionales Netzwerk für Nordhessen entstanden. Dort haben sich verschiedene Female-Empowerment-Initiativen zusammengeschlossen.
Bei einer Veranstaltung kamen rund 160 Frauen zusammen. Von Veltum waren 45 Personen dabei.
Viele von ihnen waren solche Netzwerktreffen vorher gar nicht gewohnt. Irgendwann habe ich mich umgedreht und gesehen, dass jede Person mit anderen Menschen im Gespräch war. Da habe ich gemerkt, wie wertvoll dieser Abend für unser Team war.
Denn genau das, was wir dort lernen – Netzwerken, Kontakte aufbauen und voneinander lernen –, nehmen wir anschließend wieder mit ins Unternehmen.
Ich glaube, dass wir aktuell vor allem branchenübergreifend zusammenarbeiten müssen. Es geht darum, Female Empowerment in der Region aufzubauen – über Altersgruppen und Erfahrungsstufen hinweg. Und genau daraus entsteht wiederum eine positive Wirkung für die Unternehmen.
Sibylle:
Ein Handwerksbetrieb, der seit 1930 besteht, setzt New Work nicht als Modeerscheinung um, sondern aus einer klaren Notwendigkeit heraus: gute Mitarbeitende zu gewinnen und langfristig zu halten.
Juliane Veltum hat uns heute viele konkrete Impulse mitgegeben. Liebe Juliane, zum Abschluss lade ich dich ein, deine drei wichtigsten Botschaften für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer zusammenzufassen.
Juliane:
Mein erster Punkt ist: Kooperationen aufbauen. Nicht nur, um Wissen auszutauschen, sondern um Unternehmen gemeinsam weiterzuentwickeln und Projekte zusammen umzusetzen. Allein können wir die aktuellen Herausforderungen nicht mehr bewältigen.
Der zweite Punkt ist: Menschen mitgestalten lassen. Veränderung funktioniert nur, wenn alle mitdenken können. Verantwortung schafft Motivation.
Und drittens: Beim Thema Technologie sollten wir uns nicht verunsichern lassen. Natürlich müssen wir Tempo aufnehmen. Gleichzeitig müssen wir das Team einbinden, gemeinsam diskutieren, ausprobieren und neue Tools testen.
Wichtig ist, ins Handeln zu kommen, Erfahrungen zu sammeln und dabei die eigenen Daten im Blick zu behalten. Sie sind die Grundlage für den erfolgreichen Einsatz von KI.
Sibylle:
Vielen Dank für die vielen Einblicke in euer Unternehmen und in eure Art, Veränderungen anzugehen.
Du machst das Handwerk sichtbar und treibst Kulturwandel aktiv voran. Ich glaube, das ist ein echtes Aushängeschild für die Branche.
Für euren weiteren Weg wünsche ich dir und dem gesamten Team viel Erfolg. Wir haben heute gehört: Ihr seid noch längst nicht am Ziel – und genau das macht es spannend.
Vielen Dank, Juliane, und alles Gute.