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Transkript: Folge 119

KOFA auf dem Sofa - Folge 119 - Kurzfolge: Mehr Chancen für alle – Inklusion gegen den Fachkräftemangel (Gast: Verena Kurth)   

Letizia: 
Hallo und herzlich willkommen zurück zu „KOFA auf dem Sofa kompakt – wenn kurze Fragen auf kluge Köpfe treffen“. 

Nachdem wir in der letzten Kurzfolge schon eine Premiere hatten und Sibylle als Gesprächspartnerin zu Gast war, dachte ich mir: Warum nicht direkt so weitermachen? Denn heute habe ich wieder eine echte Expertin auf meinem Sofa. Diesmal kommt sie allerdings nicht aus dem KOFA-Team. Für dieses besondere Thema wollte ich mir nämlich Unterstützung von außen holen. 

Heute sprechen wir über das Thema Inklusion. Dafür freue ich mich sehr, Verena Kurt begrüßen zu dürfen. Verena ist bei der Einheitlichen Ansprechstelle für Arbeitgeber tätig. Was sie dort genau macht und wie sie Unternehmen beim Thema Inklusion unterstützt, darüber werden wir heute sprechen. 

Ich freue mich sehr, dass du heute dabei bist, Verena. 

Verena: 
Ja, ich freue mich auch. 

Letizia: 
Was bedeutet Inklusion eigentlich für dich? Und warum ist es heute überhaupt so wichtig, über Inklusion zu sprechen? 

Verena: 
Vorab: Die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber sind Ansprechpartner für ganz Deutschland. Sie sind überall vertreten. 

Warum ist das Thema so wichtig? Wenn man sich vorstellt, dass über 90 Prozent der Menschen ihre Behinderung im Laufe ihres Lebens erwerben und wir gleichzeitig einen demografischen Wandel erleben, bei dem wir immer älter werden und viele Menschen wahrscheinlich auch länger arbeiten werden, dann wird deutlich, dass Inklusion in Betrieben auch volkswirtschaftlich eine immer größere Rolle spielt. 

Dafür muss man gar nicht besonders sozial eingestellt sein. Es ist schlicht eine Notwendigkeit, um Know-how in den Betrieben zu halten und gleichzeitig die Chance zu nutzen, innovative Möglichkeiten der Inklusion zu schaffen. Man glaubt gar nicht, was alles möglich ist und was am Ende der gesamten Belegschaft zugutekommt. 

Letizia: 
Ich finde es total interessant, dass du sagst, viele Menschen bekommen ihre Behinderung erst im Laufe ihres Lebens. Man denkt oft zuerst an Behinderungen, die von Geburt an bestehen. Dabei kann es jeden von uns treffen. Das muss man sich immer wieder bewusst machen. 

Du hast gesagt, dass viele Unternehmen schon sehr viel Spannendes tun. Kannst du konkrete Beispiele nennen? Woran erkennt man ein inklusives Unternehmen? Was macht ein inklusives Unternehmen aus? 

Verena: 
Ich persönlich finde, ein inklusives Unternehmen erkennt man daran, dass man gar nicht merkt, dass es inklusiv ist. 

Wenn Inklusion wirklich gelebt wird, werden alle mitgenommen und einbezogen. Der Mensch wird zuerst als Mensch gesehen und erst in zweiter Linie als jemand mit einer anderen Hautfarbe, einer Behinderung, einer anderen Religion oder einer anderen sexuellen Orientierung. Das ist für mich im Grunde zweitrangig. 

Letizia: 
Inklusivität kann ja ganz vieles bedeuten. 

Verena: 
Ja, absolut. 

Ich bin bei der Handwerkskammer Südwestfalen angestellt und arbeite dort im Auftrag des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe. Mein Schwerpunkt liegt auf Menschen mit Behinderung. Wir unterstützen Betriebe dabei, Menschen mit Einschränkungen weiterzubeschäftigen oder neu einzustellen. 

Ganz oft ist es so, dass Handwerksbetriebe Inklusion längst leben. Sie fragen gar nicht groß nach, sondern sehen einfach: Da möchte jemand arbeiten und kann anpacken. 

Manchmal hat jemand keinen oder nur einen schlechten Schulabschluss, vielleicht wegen einer Lernbehinderung. Wenn die Person ihre Arbeit gut macht, ist sie für den Betrieb eine wertvolle Fachkraft. Dann wird sie gar nicht mehr über ihre Behinderung definiert. Dann heißt es einfach: „Das ist der Luis.“ Alles andere spielt keine Rolle. 

Oder nehmen wir das Beispiel Rollstuhl und Handwerk. Oft hört man den Spruch: „Ein Dachdecker muss doch aufs Dach.“ Das stimmt natürlich. Aber es gibt viele Tätigkeiten, die auch jemand mit einer Gehbehinderung ausüben kann. 

Ich begleite aktuell eine junge Frau, die aufgrund eines Hirntumors im Rollstuhl sitzt. Sie ist unglaublich pfiffig. Sie beeindruckt einfach, weil sie sehr clever ist und gleichzeitig eine hohe Frustrationstoleranz mitbringt. Sie gibt nicht so schnell auf und ist eine echte Kämpferin. 

Ich habe sie einem Betrieb vorgestellt, den ich schon lange kenne und der einfach eine tolle Unternehmenskultur hat, ohne das groß nach außen zu tragen. Nach drei bis vier Tagen Probearbeit sagte der Chef nur: „Boah, die ist ja super clever.“ 

Genau das hatte ich ihm vorher schon gesagt. Sie wird dort demnächst eine Ausbildung beginnen. Obwohl sie halbseitig gelähmt ist und leichte Spracheinschränkungen hat, wird sie ihren Weg machen, weil sie einfach großartig ist. 

Solche Beispiele erlebe ich immer wieder. Ich versuche den Betrieben zu vermitteln, dass wir viel zu viele Schubladen im Kopf haben. Das Thema Behinderung ist unglaublich vielfältig. 

Jeder kennt Menschen mit einer Schwerbehinderung. Darüber wird nur oft gar nicht gesprochen. Wenn jemand Krebs hatte oder Diabetes hat, interessiert das im Alltag meist auch niemanden mehr, solange die Person gut mit ihrer Erkrankung umgehen kann. Ich glaube, gerade in Deutschland denken wir bei Behinderung noch häufig in festen Schubladen. 

Letizia: 
Es ist schön, dass du diese Geschichten so nah miterlebst. Man sieht daran, wie viel Motivation viele Menschen mitbringen. 

Ich stelle mir das jetzt aus Unternehmenssicht vor. Was kann ein Unternehmen tun, wenn jemand im Betrieb plötzlich eine Behinderung bekommt oder sich eine Person mit Behinderung auf eine Stelle bewirbt? Wie kann man diese Menschen unterstützen und gleichzeitig das Unternehmen inklusiver gestalten? Kannst du dazu etwas aus der Praxis erzählen? 

Verena: 
Ich erzähle gleich etwas aus der Praxis, aber vorher noch ein kleiner Werbeblock. 

Unternehmen müssen einfach die zuständige Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber kontaktieren und sich beraten lassen. Wir kommen direkt in die Betriebe und beraten vor Ort. 

Es ist wirklich beeindruckend, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Ich mache diese Tätigkeit jetzt seit einem Jahr. Am Anfang dachte ich selbst: „Wie soll ich da den Überblick behalten?“ Es gibt so viele Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten. 

Das reicht von technischen Hilfsmitteln bis hin zu Dingen, die man auf den ersten Blick gar nicht damit verbindet. Zum Beispiel kann auch ein Auto gefördert werden, wenn eine Person mit Schwerbehinderung dieses benötigt, um ihrer Arbeit nachgehen zu können. 

Es gibt immer individuelle Fallbeispiele. Man kann nichts pauschalisieren. Ein Kollege hat gestern gesagt: „Haben Sie ein Unternehmen, haben Sie ein Unternehmen. Haben Sie einen Menschen mit Behinderung, haben Sie einen Menschen mit Behinderung.“ Damit meinte er: Jeder Fall ist anders. 

Deshalb ist es so wichtig, dass Unternehmen sich an uns wenden. Gemeinsam schauen wir dann, was sinnvoll ist und was sowohl die Person als auch das Unternehmen brauchen. 

Ein Unternehmen muss wirtschaftlich arbeiten können. Das steht immer an erster Stelle. Häufig steht das aber überhaupt nicht im Widerspruch zur Beschäftigung eines Menschen mit Behinderung – ganz im Gegenteil. 

Ich bin überzeugt, dass sich der Elektroniker, bei dem die junge Frau künftig im Büro arbeitet, sehr freuen wird. Er kann sich stärker auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren, weil sie ihm viele organisatorische Aufgaben abnimmt. 

Das sind Denkweisen, die wir noch überwinden müssen. Je mehr wir das Thema in die Öffentlichkeit bringen, desto mehr Betriebe öffnen sich dafür. Das ist das Allerwichtigste. 

Wenn Probleme auftreten, gibt es fast immer Lösungen. Viele Unternehmen haben zum Beispiel Sorge, Menschen mit Behinderung seien unkündbar. Das stimmt so nicht. Auch für Menschen mit Behinderung gelten Probezeiten. 

Man kann es also ausprobieren. Und wenn Unternehmen merken, dass jemand gut ins Team passt, fragen sie später häufig selbst nach weiteren Bewerberinnen und Bewerbern mit Behinderung. 

Das ist zwar auch wieder eine Art Schubladendenken, aber es zeigt vor allem, dass viele Betriebe erkennen: Behinderungen sind nicht automatisch Einschränkungen – manchmal bringen sie sogar besondere Stärken mit sich. 

Letizia: 
Okay, das heißt, es gibt eigentlich keine allgemeingültige Anleitung. Man muss sich immer den konkreten Einzelfall anschauen: Was braucht die Person? Was ist im Unternehmen möglich? Und gemeinsam eine passende Lösung finden. Ein allgemeines Grundprinzip gibt es also nicht. 

Verena: 
Nein. Ich persönlich war selbstständig, bevor ich bei der Handwerkskammer angefangen habe. Inzwischen würde ich sogar sagen: Wenn man unternehmerisch denkt, sollte man das Thema bewusst in den Fokus rücken und Menschen mit Behinderung einstellen. 

Das klingt vielleicht etwas makaber, aber es ist natürlich auch ein Imagegewinn, wenn ein Unternehmen zeigt, dass es sozial verantwortlich handelt. Das soll keine Show sein, aber die Belegschaft bekommt mit, wenn sich ein Arbeitgeber für Menschen einsetzt, die an bestimmten Stellen mehr Unterstützung brauchen. Dann wissen auch die anderen Mitarbeitenden: Wenn ich selbst einmal Schwierigkeiten habe, wird mein Arbeitgeber wahrscheinlich ebenfalls nach Möglichkeiten suchen, mich weiterzubeschäftigen. 

Außerdem ist es bei vielen Themen so, dass technische Hilfsmittel nicht nur einzelnen Personen helfen. Wenn es beispielsweise um Hebehilfen geht, gibt es inzwischen viele technische Lösungen, die zunächst für einen Menschen mit Schwerbehinderung angeschafft werden. Anschließend stellt der Arbeitgeber häufig fest: Das ist ein so gutes Hilfsmittel, dass wir es auch unseren anderen Mitarbeitenden zur Verfügung stellen. So lassen sich Rückenbeschwerden vorbeugen und die Arbeit insgesamt erleichtern. 

Im Grunde müsste in jedem Lehrbuch für Unternehmerinnen und Unternehmer stehen: Macht euch frei von Vorurteilen und öffnet euch für dieses Thema. Denn dadurch entstehen viele neue Impulse. 

Abgesehen davon fällt auch der Umgang mit Kundinnen und Kunden leichter, wenn Unternehmen die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln. Unser System in Deutschland grenzt Menschen leider häufig eher aus, als sie einzubeziehen. Das ist hinderlich – gerade dann, wenn Kundinnen oder Kunden selbst eine Schwerbehinderung haben. 

Aber auch im Hinblick auf kulturelle Vielfalt ist Offenheit wichtig. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Regionen der Welt zu den Kundinnen und Kunden gehören, sollte ein Unternehmen zeigen, dass es anderen Kulturen offen begegnet. 

Das Thema ist insgesamt sehr groß und aus wirtschaftlicher Sicht absolut sinnvoll. 

Letizia: 
Man muss den eigenen Blickwinkel einfach erweitern und den Menschen stärker in den Mittelpunkt stellen. 

Wir sind hier in einem Podcast rund um das Thema Fachkräftesicherung. Du hast den Fachkräftemangel vorhin schon angesprochen. Kannst du noch einmal erklären, warum Inklusion in Unternehmen auch ein wichtiger Baustein zur Fachkräftesicherung ist? Welche Chancen ergeben sich daraus für Unternehmen? 

Verena: 
Ich muss aufpassen, dass ich jetzt keinen großen Vortrag halte. Ich versuche, mich kurz zu fassen. 

Wir wissen, dass Deutschland vor einer demografischen Herausforderung steht. Es gibt immer weniger junge Menschen, die ins Berufsleben einsteigen, während wir gleichzeitig länger arbeiten müssen – und zum Glück auch länger arbeiten können. Unsere Lebenserwartung ist gestiegen und viele Menschen bleiben heute deutlich länger gesund als frühere Generationen. 

Deshalb müssen wir umdenken. Wir dürfen den Blick nicht nur auf Jugendliche und junge Erwachsene richten, die wir für eine Ausbildung gewinnen möchten. Stattdessen sollten wir uns fragen: Welche Potenziale gibt es darüber hinaus? 

Es gibt viele Menschen, die als Quereinsteiger infrage kommen. Manche sagen: „Ich kann nicht mehr im Schichtdienst arbeiten, weil ich gesundheitlich regelmäßige Arbeitszeiten brauche.“ Dann möchten sie vielleicht eine Weiterbildung oder Ausbildung im Handwerk machen. 

Es gibt außerdem viele Menschen, die bereits in Rente sind. Manche stellen fest, dass ihnen der Kontakt zu anderen Menschen fehlt und sie gerne wieder arbeiten würden – auch, um etwas dazuzuverdienen. Dafür müssen allerdings die Rahmenbedingungen stimmen. Unternehmen müssen sich darauf einstellen und erkennen, dass diese Menschen oft hoch motiviert sind und wertvolle Erfahrung mitbringen. Häufig entfällt sogar eine aufwendige Einarbeitung, weil sie bereits Expertinnen oder Experten auf ihrem Gebiet sind. Das ist wiederum auch wirtschaftlich interessant. 

Im Grunde sind wir dazu gezwungen, unseren Blick zu erweitern. Und genau das bringt uns weiter. Wir gewinnen neue Erkenntnisse, entwickeln neue technische Lösungen und profitieren von der Vielfalt unserer Gesellschaft. 

Und am Ende geht es auch um unsere Finanzen. Wir alle profitieren davon, wenn möglichst viele Menschen möglichst lange am Arbeitsleben teilnehmen können. 

Letizia: 
Das heißt, wir sollten unseren Blick für alle Menschen öffnen. Unternehmen sollten nicht nur nach den klassischen Lebensläufen suchen, sondern auch Menschen berücksichtigen, die einen anderen Weg gegangen sind. Das hast du sehr schön beschrieben. 

Zum Abschluss würde ich gerne noch einen Blick in die Zukunft werfen. Wie sieht für dich eine inklusive Arbeitswelt in zehn Jahren aus? Was wünschst du dir persönlich, wenn du an all die Menschen denkst, die du in deiner Arbeit begleitest? 

Verena: 
Eigentlich habe ich das schon am Anfang gesagt. Mein Wunsch ist, dass wir irgendwann gar nicht mehr über Inklusion sprechen müssen. 

Wenn ich nach Italien fahre und sehe, wie selbstverständlich dort Mobilität für Menschen im Rollstuhl mitgedacht wird, fällt mir der Unterschied sofort auf. Dort gibt es überall Rampen – selbst am Markusplatz in Venedig. Niemand spricht darüber. Ich bin selbst über diese Rampen gelaufen und habe sie einfach als praktische Wege wahrgenommen, obwohl ich keinen Rollstuhl nutze. 

Ich wünsche mir, dass wir erkennen: Wir sind alle unterschiedlich – und genau darin liegt unsere Stärke. 

Mein Sohn hat zum Beispiel eine Hörschädigung und ist Hörakustikmeister geworden. Gerade deshalb kann er Menschen mit einer Hörschädigung besonders gut beraten. Seine eigene Erfahrung ist eine große Kompetenz und hilft ihm dabei, Kundinnen und Kunden optimal zu unterstützen. 

Je offener wir werden und je mehr Unternehmen das erkennen, desto besser. In Italien sieht man als Tourist an vielen Stellen, wie selbstverständlich Barrierefreiheit mitgedacht wird. Ich war dort zwar nicht in Betrieben, aber im Alltag fällt es sofort auf. 

Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn wir in Deutschland an diesen Punkt kämen. 

Letizia: 
Dann fasse ich unser Gespräch noch einmal zusammen: Den eigenen Blickwinkel öffnen, Menschen stärker in den Mittelpunkt stellen und weniger in Schubladen denken. Vielleicht sollten wir auch gar nicht mehr so sehr über Inklusion sprechen, sondern vielmehr über ein selbstverständliches Miteinander. 

Vielen Dank, Verena, dass du heute da warst. Ich habe aus unserem Gespräch sehr viel mitgenommen und hoffe, dass es unseren Zuhörerinnen und Zuhörern genauso geht. 

Abmoderation: 
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