
Transkript: Folge 121
KOFA auf dem Sofa kompakt. Letizia fragt nach – wenn kurze Fragen auf kluge Köpfe treffen.
Letizia:
Mein Name ist Letizia und ich freue mich, dass ihr heute wieder eingeschaltet habt. Heute habe ich jemanden auf mein Sofa geholt, der schon einmal hier war. Schön, dass du wieder da bist, Franziska!
Wir sprechen heute über ein Thema, das man auf den ersten Blick vielleicht sogar als eine moderne Form des Abwerbens bezeichnen könnte: Active Sourcing. Dabei warten Unternehmen nicht darauf, dass sich jemand bei ihnen bewirbt, sondern gehen selbst aktiv auf potenzielle Bewerberinnen und Bewerber zu.
Ich finde, Active Sourcing ist einer der am meisten unterschätzten Recruiting-Wege, die Unternehmen heute – insbesondere über digitale Medien – nutzen können. Das Thema hat natürlich auch viel mit Social Media zu tun. Wir starten einmal ganz von vorne: Was ist Active Sourcing, in einfachen Worten erklärt?
Franziska:
Active Sourcing bezeichnet die gezielte und aktive Direktansprache passender Kandidatinnen und Kandidaten. Dabei geht es um Personen, die gut zu einer Stelle passen könnten, sich aber nicht selbst auf eine ausgeschriebene Position bewerben. Stattdessen geht das Unternehmen aktiv auf sie zu.
Auf diese Weise können auch Menschen erreicht werden, die aktuell gar nicht selbst auf Jobsuche sind, aber möglicherweise über einen Wechsel nachdenken würden, wenn ihnen ein attraktives Angebot gemacht wird.
Letizia:
Das klingt nach einer großen Chance für Unternehmen. Wie verbreitet ist Active Sourcing aktuell? Nutzen es bereits viele Unternehmen?
Franziska:
Aus einer repräsentativen Unternehmensbefragung wissen wir, dass nur rund 40 Prozent der Unternehmen Active Sourcing nutzen. Damit handelt es sich noch um eine Minderheit der Betriebe. Entscheidend ist jedoch: Die Mehrheit der Unternehmen, die Active Sourcing einsetzen, bewertet diese Recruiting-Strategie als besonders erfolgreich.
Active Sourcing ist also noch nicht sehr weit verbreitet, aber durchaus erfolgversprechend. Das hängt auch damit zusammen, dass sich der Arbeitsmarkt verändert. Durch den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel stehen weniger Fachkräfte zur Verfügung. Unternehmen müssen sich deshalb deutlich stärker um geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen.
Häufig reicht es nicht mehr aus, eine klassische Stellenanzeige zu veröffentlichen und auf Bewerbungen zu warten. Entweder gehen nicht genügend Bewerbungen ein oder die Bewerberinnen und Bewerber passen nicht zur ausgeschriebenen Stelle. Deshalb gewinnen proaktive Methoden wie Active Sourcing an Bedeutung. Sie verschaffen Unternehmen zusätzlichen Handlungsspielraum.
Letizia:
Theoretisch suchen sich Unternehmen also ihren „Perfect Match“ aus und versuchen anschließend, diese Person von einem Wechsel zu überzeugen.
Ich kann mir vorstellen, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen denken: „Das ist doch eher etwas für große Konzerne.“ Woran erkenne ich, ob Active Sourcing zu meinem Unternehmen passt und mir dabei helfen könnte, offene Stellen zu besetzen?
Franziska:
Grundsätzlich ist Active Sourcing besonders sinnvoll, wenn Stellen schwer zu besetzen, stark spezialisiert oder für den Betrieb besonders wichtig sind. Das können beispielsweise Expertenrollen, Stellen in Engpassberufen oder zentrale Schlüsselpositionen im Unternehmen sein.
Active Sourcing bedeutet für Unternehmen allerdings einen zusätzlichen Aufwand. Es handelt sich um ein zeitintensives Recruiting-Instrument. Deshalb sollten sich Unternehmen vorher gut überlegen, ob der Einsatz in ihrem Fall sinnvoll ist.
Dabei können sie sich folgende Fragen stellen:
Gibt es in unserem Unternehmen Stellen, die über klassische Wege wiederholt nur schwer zu besetzen sind? Sind diese Stellen so wichtig, dass sich der zusätzliche Aufwand für Active Sourcing lohnt? Und gibt es in unserem Unternehmen jemanden, der Interesse an dieser Aufgabe und die passenden Fähigkeiten dafür mitbringt?
Es muss nicht zwingend eine Person geben, die sich in Vollzeit mit Active Sourcing beschäftigt. Auch verschiedene Personen im Unternehmen können zusammenarbeiten. Dadurch ist Active Sourcing ebenfalls für kleine und mittlere Unternehmen umsetzbar.
Active Sourcing kann somit eine gute Strategie sein. Aufgrund des damit verbundenen Aufwands sollte es aber gezielt eingesetzt werden.
Letizia:
Den Aufwand hast du bereits angesprochen. Was brauche ich konkret, um Active Sourcing umzusetzen? Es braucht Zeit und jemanden, der sich federführend darum kümmert und das notwendige Know-how mitbringt. Welche Tools werden außerdem benötigt? Kannst du uns einen Einblick in den konkreten Arbeitsalltag geben?
Franziska:
Ein wichtiger Faktor ist zunächst die Zeit. Wenn Active Sourcing als neue Strategie im Unternehmen aufgebaut wird, muss es erst einmal von Grund auf in die bestehenden Prozesse integriert werden. Aber auch später bleibt Active Sourcing eine relativ zeitintensive Recruiting-Strategie. Das liegt an der Methode selbst.
Wenn ein Unternehmen keine eigene Stelle für Active Sourcing schaffen kann, bietet es sich an, die Aufgaben aufzuteilen. Beispielsweise kann der jeweilige Fachbereich einbezogen werden, wenn das Profil der passenden Kandidatin oder des passenden Kandidaten festgelegt wird.
Kommunikationsstarke Personen aus dem Unternehmen können wiederum dabei unterstützen, eine geeignete Ansprache zu entwickeln: Wie können potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten gut angesprochen werden? Wie sollte eine erste Nachricht formuliert sein?
Active Sourcing findet häufig online statt, muss sich aber nicht ausschließlich auf digitale Kanäle beschränken. Wird es online durchgeführt, sind LinkedIn und Xing die klassischen Plattformen. Dort gibt es kostenpflichtige Tools, die die Suche vereinfachen und zusätzliche Möglichkeiten bieten. Unternehmen sollten sich allerdings im Vorfeld darüber bewusst sein, dass dadurch Kosten entstehen.
Auch Künstliche Intelligenz kann beim Active Sourcing unterstützen, beispielsweise bei der Entwicklung geeigneter Suchbegriffe oder beim Entwurf einer ersten Nachricht. Wichtig ist jedoch: KI ersetzt keine fachliche Einschätzung. Personenbezogene Daten ausgewählter Kandidatinnen und Kandidaten sollten keinesfalls in ein KI-Tool eingegeben werden. Außerdem darf eine KI keine Auswahlentscheidung für oder gegen eine Person treffen.
Letizia:
Gerade auf LinkedIn erhält man heute viele sehr ähnliche Nachrichten. Deshalb sollte man darauf achten, die eigene Persönlichkeit und Sympathie in die Ansprache einzubringen. Eine Standardnachricht, die vollständig von einer KI erstellt wurde, ist häufig nicht überzeugend.
Die Nachricht stellt möglicherweise den ersten Kontakt zwischen dem Unternehmen und einer potenziellen Bewerberin oder einem potenziellen Bewerber dar. Deshalb sollte man sich gut überlegen, wie eine individuelle und kreative Ansprache aussehen kann.
Franziska:
Absolut. Es ist sehr wichtig, authentisch aufzutreten und eine Ansprache zu wählen, die zum Unternehmen passt. Eine allgemeine Standardnachricht kann diesem Anspruch nicht gerecht werden.
Die angesprochenen Personen merken, ob eine Nachricht zu ihrem persönlichen Hintergrund passt und ob sie wirklich individuell gemeint ist. Deshalb sind das kommunikative Geschick der Person, die Active Sourcing betreibt, und das notwendige Know-how für ein strukturiertes Vorgehen entscheidend.
Letizia:
Man spricht schließlich Menschen an, die gar nicht konkret auf Jobsuche sind. Wenn man ihnen eine beliebige Standardnachricht schickt, hat man sie wahrscheinlich direkt verloren. Gerade bei Personen, die aktuell nicht aktiv suchen, ist kommunikatives Geschick besonders wichtig.
Franziska:
Genau. Ein großer Vorteil des Active Sourcings besteht darin, Personen zu erreichen, die nicht aktiv auf Stellensuche, aber möglicherweise wechselbereit sind. Gleichzeitig liegt darin auch eine besondere Herausforderung.
Unternehmen müssen zunächst einen Zugang zu diesen Personen finden, ihnen ein attraktives Angebot machen und selbst überzeugend auftreten. Außerdem ist etwas Vorsicht geboten, da die angesprochenen Personen in der Regel bereits bei einem anderen Unternehmen beschäftigt sind.
Unternehmen sollten deshalb darauf achten, fair gegenüber Wettbewerbern, Kunden und Partnern aus derselben Branche zu bleiben. Sie sollten nicht damit beginnen, Beschäftigte aggressiv von anderen Unternehmen abzuwerben. Das könnte sich negativ auf das eigene Unternehmen und seine Beziehungen auswirken.
Letizia:
Dabei ist also Fingerspitzengefühl gefragt. Stellen wir uns vor, ich möchte eine offene Position mithilfe von Active Sourcing besetzen. Wie flexibel sollte ich dabei sein und wie offen sollte das Suchprofil gestaltet werden?
Unternehmen haben häufig sehr konkrete Vorstellungen und suchen nach einer Person, die perfekt zur Stelle passt. Ein gewisses Maß an Flexibilität ist dabei aber vermutlich notwendig, oder?
Franziska:
Genau. Hier gilt es, eine gute Balance zu finden. Einerseits sollte gezielt festgelegt werden, welches Profil gesucht wird und welche Fähigkeiten, Kompetenzen und Qualifikationen die Person mitbringen sollte. Andererseits darf dieses Profil nicht zu starr definiert sein. Sonst werden möglicherweise Kandidatinnen und Kandidaten übersehen, die eigentlich gut zur Stelle passen würden.
Es kann helfen, sich die Beschäftigten anzusehen, die im eigenen Unternehmen bereits in ähnlichen Positionen arbeiten: Welche Qualifikationen bringen sie mit? Welche beruflichen Wege haben sie eingeschlagen? Über welche Fähigkeiten verfügen sie?
Daran können sich Unternehmen orientieren und gleichzeitig eine gewisse Bandbreite möglicher Profile berücksichtigen.
Letizia:
Wenn ich Active Sourcing einsetze, kann ich dann mit allen anderen Recruiting-Maßnahmen aufhören? Muss ich beispielsweise keine klassische Stellenanzeige mehr schalten? Wie spielen die unterschiedlichen Wege in der Realität zusammen?
Franziska:
Ich würde Unternehmen auf keinen Fall empfehlen, mit den klassischen Recruiting-Maßnahmen aufzuhören. Active Sourcing ist eher eine sinnvolle Ergänzung als ein Ersatz für andere Recruiting-Wege.
Wie bereits angesprochen, eignet sich Active Sourcing insbesondere für Stellen, die über klassische Wege nur schwer besetzt werden können. Viele andere Stellen lassen sich mit klassischen Methoden weiterhin gut besetzen.
Unternehmen sollten deshalb den Mix der verfügbaren Recruiting-Instrumente nutzen und gezielt überlegen, welche Methode sich für welche Stelle eignet. Active Sourcing kann auch als zweite Stufe eingesetzt werden, wenn eine klassische Stellenausschreibung zunächst nicht den gewünschten Erfolg bringt.
Der Mehrwert von Active Sourcing liegt vor allem darin, Menschen zu erreichen, die durch klassische Maßnahmen nicht angesprochen werden. Dadurch können möglicherweise auch Stellen besetzt werden, für die auf herkömmlichem Weg keine passenden Bewerbungen eingehen.
Letizia:
Active Sourcing eignet sich also besonders für die „Sorgenkinder“ – für Stellen, die sich nur schwer besetzen lassen. In diesen Fällen lohnt es sich, neue Wege auszuprobieren.
Franziska:
Absolut.
Letizia:
Ich hoffe, dass wir unseren Hörerinnen und Hörern mit dieser Podcastfolge einen guten Einblick in die Welt des Active Sourcings geben konnten. Vielleicht probiert das eine oder andere Unternehmen diese Recruiting-Methode künftig selbst aus.
Franziska, ich bin schon gespannt, wann wir uns das nächste Mal hier auf dem KOFA-Sofa wiedersehen – bestimmt wieder zu einem spannenden Thema. Vielen Dank für die interessanten Einblicke und bis zum nächsten Mal!
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