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Transkript: Folge 23

KOFA auf dem Sofa: Wie finden Unternehmen noch gute IT-ler?

Sibylle: KOFA auf dem Sofa, Folge Nummer 23. Hallo Jens, grüß dich. 

Jens: Hallo, hallo. Ja, auch an Sie ein herzliches Willkommen und ganz vielen Dank noch einmal für Ihre Reaktion auf unsere letzte Folge, als wir Tijen Onaran hier bei uns auf dem Sofa zu Gast hatten. Darüber haben wir uns sehr gefreut. 

Das ist die letzte KOFA-auf-dem-Sofa-Folge in diesem Jahr, die letzte vor der Weihnachtspause. Und was könnte man da besser machen, als noch einmal ein kleines bisschen auf dieses Jahr zurückzublicken? Auf dieses 2020, das wegen Corona so ganz anders war als alle Jahre zuvor – zumindest alles, woran ich mich im Moment erinnern kann. 

Sibylle, wie war das für dich, 2020? Wie war es für dich persönlich? 

Sibylle: Ja, wow. Also ich hatte tatsächlich dieses Jahr zum ersten Mal so einen richtig tollen Plan gemacht, wann ich wohin in Urlaub fahre, und mir das ganz groß in meinen Kalender geschrieben. 

Na ja, und dann löste sich so im Laufe der Zeit ein Urlaub nach dem anderen in Luft auf. Das war dann echt für mich ein Angang, mir irgendwann zu sagen: Jetzt streiche ich die erst mal alle raus und gucke mal, was kommt und was dann geht. 

Und dann hatte ich tatsächlich einen richtig, richtig schönen Sommer mit spontanen Ausflügen und Erlebnissen. Das hat mir dann ganz gutgetan, erst mal loszulassen, um mich darauf einzulassen, was dieses Jahr so bringt. 

Jens: Das ging mir genauso. Ich habe vieles auch geplant gehabt und es brach so nacheinander weg, weil ich mir dachte: Na ja, jetzt ist es noch zwei, drei Monate hin oder so, da wird sich das schon entspannt haben. 

Jetzt haben wir mittlerweile Dezember. Es sieht immer noch überhaupt nicht danach aus. Mittlerweile reden sie davon, dass es im Frühjahr oder Sommer des kommenden Jahres vielleicht wieder ein bisschen anders wird. 

Aber in der Tat, und ich glaube, das ist es auch tatsächlich, was du gerade gesagt hast: Man hat das Ganze so ein bisschen gelassener gesehen, weil man sowieso nicht mehr planen konnte. Deswegen war es dann eigentlich auch fast egal. 

Am Anfang hat man sich natürlich geärgert. Aber als man irgendwann für sich kapiert hat: Okay, jetzt einfach im Moment leben und mal gucken, was passiert, dann weiß man auch die kleinen Ausflüge und Urlaube, die man machen konnte, viel mehr zu schätzen. Oder eben auch die Geschichten mit der Familie, die plötzlich eine ganz besondere Bedeutung bekommen haben. 

Sibylle: Absolut. Und was ich im Laufe der Zeit total schätzen gelernt habe: Distanz war ja eher so das Wort am Anfang des Jahres. Trotzdem ist ganz viel Nähe entstanden. 

Ich denke an die vielen Videobesprechungen, die ich mit meinem Team hatte, wo man dann zum ersten Mal wirklich sah: Wo wohnen denn die Leute? Wer ist denn da der Lebensgefährte? Wer sind die Kinder? 

Also man war auf einmal mittendrin im Leben der Kolleginnen und Kollegen, die man sonst immer nur im Betrieb erlebt. 

Jens: Stimmt absolut. Das Thema Videokonferenzen hat natürlich viel mehr an Bedeutung gewonnen – notgedrungen. Homeoffice in den letzten neun Monaten, das sind mittlerweile, glaube ich, knapp zehn Monate. 

Ich bin mir ganz sicher, dass die allermeisten jetzt viel tiefer in dem Thema drinstecken als vielleicht noch im Februar. Auf der einen Seite beruflich, auf der anderen Seite auch privat. Es war ja teilweise die einzige Möglichkeit, mit der Familie Kontakt zu halten. 

Sibylle: Auch bei uns. Oma und Opa sind jetzt fit wie die Turnschuhe, was das ganze Thema betrifft. Das hätte ich ihnen auch nicht unbedingt zugetraut. 

Ich glaube, das ist ja eh etwas: Wir haben uns vielleicht insgesamt manche Dinge gar nicht zugetraut. Dann hieß es: Na ja, Kreativität, Videokonferenzen – ist das alles so gegeben? 

Und es sind ja wirklich beeindruckende Sachen entstanden in den letzten neun Monaten. 

Jens: Was hat sich denn durch diese Homeoffice-Situation für dich persönlich an der Arbeit geändert? 

Sibylle: Also erst mal spare ich natürlich Wegzeiten. Das empfinde ich als sehr angenehm. 

Auf der anderen Seite fehlt es mir schon, über den Flur zu gehen und dass sich Gespräche ergeben, die ich nicht geplant habe. Ich habe so den Eindruck, man muss jetzt immer sehr initiativ werden, um etwas in die Wege zu leiten. 

Früher war es schon mal so, dass man zufällig eine Kollegin aus einem anderen Team getroffen hat und zu einem Thema ins Gespräch kam, das man vielleicht gar nicht vordergründig auf der Agenda hatte. 

Auf der anderen Seite habe ich ja auch zwei kleine Kinder. Da war das Thema Homeschooling natürlich ebenfalls etwas, das wir hier bewerkstelligen mussten. 

Jens: Gottes Willen, ja. 

Sibylle: Und ich habe einen Erstklässler gehabt, jetzt einen Zweitklässler. Da habe ich aber auch schon erlebt – entgegen all diesen Unkenrufen, und natürlich läuft noch nicht alles total rund –, dass jetzt in dieser zweiten November-Light-Lockdown-Welle schon vieles viel besser organisiert ist in der Schule als noch im März und in den darauffolgenden Monaten. 

Jens: Na ja, wollen wir mal sehen. Also bei uns in der Schule – mein Sohn ist jetzt in der sechsten Klasse – ist Homeschooling noch immer komplett bei den Eltern hängengeblieben. 

Weil sie eben sagen: Na ja, bis wirklich sichergestellt werden kann, dass auch die Kinder, die keine Notebooks haben, am digitalen Unterricht teilnehmen können. Ob die Lehrer jetzt welche haben, sei mal dahingestellt. Aber auch die Kinder. 

Bis das soweit ist, wird das noch zwei Jahre dauern. Also bis dahin haben wir es hoffentlich geschafft. 

Aber vielleicht noch mal ganz allgemein, wie es hier bei mir im Job ist: Ich habe auch festgestellt, dass viele Kundentermine einfach online stattgefunden haben. Früher bin ich durch die halbe Republik gefahren, um Termine von einer oder zwei Stunden wahrzunehmen, für die ganze Tage oder sogar mehrere Tage draufgegangen sind. 

Das lässt sich jetzt alles viel fokussierter und kompakter machen. Das ist viel weniger stressig, auch für mich persönlich. Mir gefällt das sehr gut. 

Jens: Auch, dass das inzwischen von allen Seiten akzeptiert ist. Früher war es so: Wenn man nach einem digitalen Kundentermin gefragt hat, musste man sich dafür quasi entschuldigen. 

Mittlerweile sind die Leute ganz froh darüber. Sie haben verstanden, dass man solche Dinge auch mal schnell erledigen kann, ohne dass gleich ein kompletter Tag blockiert wird. 

Und wir haben natürlich als Firma nebenbei auch noch Reisekosten gespart und die Umwelt geschont, wenn man das ebenfalls hervorheben möchte. 

Insgesamt glaube ich, dass das eine sehr gute Entwicklung ist. Es ersetzt natürlich nicht den Kontakt mit einzelnen Menschen und die Gespräche über den Flur hinweg. Aber insgesamt muss ich sagen: So schlimm Corona auch ist, das ist für mich eine positive Entwicklung. 

Sibylle: Ich glaube, wir alle sind in unserem kommunikativen Verhalten noch einmal ganz anders unterwegs. Und ich weiß, dass bei uns im Betrieb auf jeden Fall eine Gruppe von Menschen sehr gefragt war. Das war, glaube ich, die gefragteste Telefonnummer bei uns. 

Das war nämlich die Durchwahl 655 – unsere IT-Hotline. 

Jens: Okay, ja, ist klar. Natürlich: Wenn alles in Richtung Digitalisierung geht und der Bedarf dort anzieht, dann ist natürlich auch die Beratung von eurer Seite besonders gefragt gewesen. 

Sind IT-Berufe im Allgemeinen seit Beginn von Corona demnach gefragter denn je, so wie ich das jetzt heraushöre? 

Sibylle: Ja, da kann man, wenn man genauer hinschaut, ein bisschen differenzierter draufblicken. 

Es gibt Berufe in der IT, die sehr gefragt sind und seit Corona noch gefragter geworden sind als vorher. Das sind Expertinnen und Experten für IT-Systemanalyse und IT-Netzwerktechnik. 

Also mehr diese kurzfristigen, coronabedingten Digitalisierungsprojekte und die Menschen, die man dafür braucht. Das zeigen eine KOFA-Studie, die wir gemacht haben, und auch der Jobmonitor des Handelsblatts belegt das. 

Wer hingegen zwar ebenfalls gefragt ist, bei dem die Nachfrage durch Corona aber nicht besonders gestiegen ist, sind offene Stellen in der IT-Anwendungsberatung und Softwareentwicklung. 

Da sieht man: Die Nachfrage ist wie bisher, vielleicht durch Corona sogar leicht rückläufig, aber eben nicht so deutlich noch einmal gestiegen. 

Wir haben auf der einen Seite jetzt also IT-Fachkräfte. In einigen Bereichen ist die Arbeitslosigkeit gestiegen, in anderen ist aber der Bedarf gestiegen. Das heißt: Wie kann man das Ganze lösen? 

Vermutlich jetzt einfach mal so gedacht: Wenn die Leute schon eine Grundaffinität oder eine Grundausbildung in diesem Bereich haben, wäre es doch eigentlich sinnvoll zu schauen, ob man diese zusätzlichen Stellen, die da benötigt und besetzt werden müssen, eventuell mit den Leuten besetzen kann, die im Moment arbeitslos sind, oder nicht? 

Sibylle: Genau, und das ist in manchen Bereichen auch ziemlich gut möglich. Allerdings sind manche Berufe so speziell, dass man sie nicht einfach umschulen kann. 

Vielleicht noch einmal zu den Zahlen: Wir haben in Deutschland im Moment 20.340 Stellen für IT-Fachkräfte, die nicht besetzt werden können. Die fehlen in der deutschen Wirtschaft einerseits natürlich coronabedingt, aber eben auch, weil die Digitalisierung die Unternehmen grundsätzlich beschäftigt. 

Bei den IT-Fachkräften ist das noch einmal besonders, weil sie nicht nur in einer bestimmten Branche gefragt sind, sondern eigentlich von fast jeder Art von Unternehmen gebraucht werden. Deshalb ist das auch eine besonders kritische Berufsgruppe für unsere Volkswirtschaft. 

Die KfW, die Kreditanstalt für Wiederaufbau, schaut sich regelmäßig an, welche Fachkräfte fehlen. Sie stuft aktuell zwei Drittel der Berufe als Mangelberufe ein und sagt, dass es bei IT-Fachkräften oft mehr als 160 Tage dauert, bis eine Stelle wieder besetzt werden kann. Das sind ungefähr 30 Prozent mehr Zeit, als Unternehmen normalerweise benötigen, um jemanden für ihre Stellen zu finden. 

Na ja, und damit kann dann eben auch das Produktivitätswachstum in Deutschland gehemmt werden. 

Jens: Ganz klar. Aber welche Möglichkeiten siehst du dann, um diese Engpässe zu beheben beziehungsweise zumindest zu verringern? 

Sibylle: Da gibt es drei richtig gute Wege, würde ich sagen. 

Der erste ist, dass man Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen noch stärker in den Fokus nimmt. Die sind in den IT-Berufen ohnehin ziemlich stark vertreten. Da gibt es zwar formale Qualifikationen, aber viele bringen als Autodidakten Teilqualifikationen mit, haben Weiterbildungen besucht oder sich selbst sehr viel Wissen angeeignet. 

Darauf stärker zu setzen, wäre ein Weg. Also erstens Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger bei Bewerbungsgesprächen stärker in Betracht zu ziehen und nicht nur auf die Abschlüsse zu schauen. 

Der andere Weg ist, Menschen weiterzubilden, die bereits eine Affinität zur IT haben oder bestimmte Dinge schon können, aber vielleicht das eine oder andere Tool oder eine Programmiersprache noch nicht beherrschen. Dass man da eben gezielt auf Weiterbildung setzt. 

Jens: Ja, das wäre natürlich schön, wenn alle KMU Weiterbildungen fest integrieren würden. Es ist aber natürlich klar: Das dauert und ist möglicherweise auch kostenintensiv. 

Hältst du es trotzdem für notwendig, dass da jedes kleine und mittlere Unternehmen ein Auge drauf hat? 

Sibylle: Absolut. Ich glaube sogar, dass die Corona-Pandemie auch eine Chance sein kann. 

Wenn man Unternehmen fragt, warum sie nicht weiterbilden oder was ein Hemmnis dafür ist, dann sagen die meisten: Wir haben so viele Aufträge, wir haben keine Zeit. 

Dieses Hemmnis existiert aktuell aber nicht mehr ganz so stark. Deshalb sehen wir sogar, dass einige Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden in Kurzarbeit schicken mussten, diese Zeit nutzen, um mehr weiterzubilden oder sich gezielt auf die Zukunft vorzubereiten. 

Jens: Na ja, und die Begründung, dass zu viele Aufträge da sind, ist zwar nachvollziehbar. Aber es soll ja gerne auch so bleiben. Da muss man natürlich auch an morgen denken. 

Sibylle: Ganz genau. Dafür ist Weiterbildung natürlich perfekt. 

Und sie ist gerade in unsicheren Zeiten auch ein sehr starkes Signal. Wenn ich in meine Mitarbeitenden investiere, indem ich sie zu Weiterbildungen schicke, heißt das ja: Wir möchten mit euch in die Zukunft gehen. Wir sehen in euch unseren gemeinsamen Weg und qualifizieren euch dafür weiter. 

Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass es viele Fördermöglichkeiten gibt, um Weiterbildung zu unterstützen. 

Es gibt zum Beispiel das Qualifizierungschancengesetz. Das ist eine Maßnahme der Bundesregierung, um gezielt die Weiterbildung von bereits Beschäftigten zu stärken und sie fit für die Anforderungen zu machen, die die Digitalisierung an uns alle richtet. 

Da kann man sich einmal informieren. Es gibt viele Möglichkeiten, bereits Beschäftigte weiter zu qualifizieren. 

Jens: Gut, also wir haben auf der einen Seite die Quereinsteiger, dann die Weiterbildung. 

Und was, glaube ich, auch häufig vergessen wird – darüber haben wir, glaube ich, schon in der letzten Folge mit Tijen gesprochen –, ist natürlich das Thema Frauen. 

Da liegt viel Potenzial brach. Viele qualifizierte Frauen werden in solchen Berufen gar nicht genutzt oder könnten dafür qualifiziert werden. Auch da ist sicherlich noch viel Luft nach oben. 

Sibylle: Ja, wir haben uns das 2019 im KOFA einmal genauer angeschaut. Damals haben wir uns mit dem Thema Chancengleichheit und Digitalisierung beschäftigt. 

Ein Ergebnis war, dass nur 16,5 Prozent aller IT-Fachkräfte Frauen sind. 

Das hat natürlich verschiedene Gründe. Sicher muss man da schon sehr früh in der Bildungskette ansetzen. 

Viele von uns haben wahrscheinlich die Erfahrung gemacht, dass man Mädchen Technik eher nicht zutraut. Wenn wir an Weihnachtsgeschenke denken, bekommen Jungs vielleicht eher ein Tablet oder einen Elektrobaukasten und Mädchen eher andere Dinge. 

Jens: Wäre ja schön, wenn es auch mal umgekehrt wäre. 

Sibylle: Genau. Dass man Mädchen Mut macht, ihnen das zutraut und auch Beispiele aufzeigt. 

Und da ist Tijen natürlich ein hervorragendes Vorbild. Sie zeichnet Frauen mit dem Digital Female Leader Award aus, die in Digitalisierungsberufen wirklich etwas bewegen wollen. 

Man sollte möglichst früh bei jungen Mädchen ansetzen, Berufsorientierung unterstützen und IT-Berufe attraktiv machen. Auch zeigen, was dort alles möglich ist. Dass man eben nicht nur wie ein Nerd allein in einem dunklen Kellerraum sitzt und vor sich hin arbeitet, sondern dass IT-Berufe ganz viel mit Kommunikation und Problemlösefähigkeit zu tun haben. 

Jens: Was ja häufig auch Kernkompetenzen von Frauen sind, die sie von sich aus schon mitbringen. 

Sibylle: Genau. Wir sagen ja auch: Für die Digitalisierung braucht man nicht nur Programmiersprachen. Man braucht auch bestimmte Denkweisen, wie man Probleme angeht und lösen möchte. 

Wir sind da mit unserem ganzen Menschsein gefragt. Und ich glaube, das kann für junge Mädchen ein total attraktives Berufsbild sein. Das müsste nur noch stärker kommuniziert werden. 

Jens: Tijen hat es in der letzten Folge gesagt: Visibility, also Sichtbarkeit von Frauen in Unternehmen, ist ganz wichtig, um zu zeigen: Ich kann das auch schaffen. 

Insofern noch einmal der Appell an alle KMU: Wenn Sie Frauen im Unternehmen haben, die solche Positionen bereits besetzen, dann kann es nicht verkehrt sein, sie auch sichtbar zu machen. 

Und dann natürlich noch die Sache: Wenn man im eigenen Land keine passenden Fachkräfte findet, könnte es auch Sinn machen, über den Tellerrand hinauszuschauen und den Fühler ins Ausland auszustrecken. Auch dort gibt es viel qualifiziertes Personal. 

Sibylle: Genau. Ungefähr 820.000 Beschäftigte in IT-Berufen haben wir in Deutschland und rund elf Prozent von ihnen kommen bereits heute aus dem Ausland. 

Manche Unternehmen haben also schon erkannt, dass das eine gute Möglichkeit ist. 

Die Bundesregierung unterstützt das ja auch mit ihrer Fachkräftestrategie. Da gibt es einerseits die inländische Säule, also die Fachkräftepotenziale, die wir in Deutschland noch nutzen wollen. 

Gerade bei IT-Fachkräften sind die Hürden aber so weit wie möglich gesenkt worden. Eine ausländische Arbeitskraft mit Berufserfahrung kann eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland bekommen, selbst wenn sie keine formalen Qualifikationen nachweisen kann. 

Es reicht ein Nachweis, dass sie in den vergangenen sieben Jahren mindestens drei Jahre in einem Beruf gearbeitet hat, in dem sie mit IT zu tun hatte. 

Damit möchte die Bundesregierung Unternehmen ermutigen, zu schauen, was da draußen möglich ist, die eigenen Türen zu öffnen und vielleicht auch Hürden abzubauen. 

Jens: Den Ansatz finde ich ganz klasse. Auch, dass das von der Bundesregierung unterstützt wird. 

Jetzt reden wir aber nicht von Weltkonzernen oder Global Playern, sondern von KMU. Die sollen jetzt im Ausland Fachkräfte rekrutieren. Ist das überhaupt realistisch? Kann ein KMU das darstellen? 

Sibylle: Tatsächlich gibt es eine Studie von vor drei Jahren, deren Ergebnis zeigt, dass kleine Unternehmen sich teilweise sogar leichter tun. 

Damit sind allerdings eher Unternehmen gemeint, die sehr spezialisiert sind und fast ausschließlich IT-Fachkräfte beschäftigen. Dort ist Englisch häufig auch Teamsprache. 

Das ist im klassischen deutschen Mittelstand eher nicht der Fall. Dort gilt oft noch: Wir sprechen Deutsch und das ist uns wichtig. Eine Arbeitskraft, die sich bewirbt, sollte deshalb von vornherein sehr gute Sprachkenntnisse mitbringen. 

Andererseits sind Mittelständler oft sehr flexibel. Und ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die sagen: „Wir finden niemanden mehr“, sich einmal fragen, wie wichtig es ihnen wirklich ist, die richtige Person zu finden und was sie dafür bereit sind zu tun. 

Ein erster Schritt wäre, Stellenanzeigen auch auf Englisch auszuschreiben. Außerdem kann man überlegen, wo man sie veröffentlicht – etwa bei der ZAV, der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, oder auf dem Portal „Make it in Germany“. 

Dort gibt es Leitfäden und Unterstützung bei der Frage, wie man Stellen so formuliert, dass sie für internationale Fachkräfte attraktiv sind. 

Außerdem spielt uns in die Karten, dass wir inzwischen viel mehr Erfahrung mit digitalen Bewerbungsgesprächen haben. Man muss also nicht mehr sofort jemanden um die halbe Welt fliegen lassen, um sich ein Bild von der Person zu machen. 

Das gesamte Bewerbungsverfahren kann heute viel einfacher digital stattfinden. 

Das sind aus meiner Sicht die Grundvoraussetzungen, um überhaupt mit Menschen aus dem Ausland in Kontakt zu kommen, die Stellen besetzen könnten, die wir in Deutschland nicht mehr besetzen können. 

Jens: Also, wir haben ganz verschiedene Potenziale, die Unternehmen nutzen können. Fassen wir es vielleicht noch einmal kurz zusammen: Da waren die Quereinsteiger, der Bereich Weiterbildung, natürlich die Frauen und dann auch noch potenzielle Arbeitskräfte aus dem Ausland. 

Also ich würde sagen, das ist fast schon ein Blumenstrauß an Möglichkeiten, um ganz gezielt auf die Suche nach qualifizierten Fachkräften zu gehen. 

Sibylle: Ja, und ganz wichtig wäre mir noch als Ergänzung: Ich glaube, Unternehmen müssen sich – gerade die kleineren – auch noch einmal fragen, ob ihre Bewerbungsverfahren überhaupt so aufgestellt sind, dass sie für IT-Fachkräfte attraktiv sind. 

Werben wir mit den richtigen Argumenten um sie? 

Ein Feedback, das man ja oft hört, ist dieser Mythos: „Na ja, wenn man die Leute nur richtig bezahlen würde, dann gäbe es keinen Fachkräftemangel.“ Aber wir Menschen haben oft andere Antriebe – und das trifft eben auch oder gerade auf IT-Fachkräfte zu. 

Wenn ich sie beispielsweise dadurch erreiche, dass ich fachliche Weiterbildungsangebote habe, die Technologien nutze oder die Programmiersprachen einsetze, die sie auch sprechen, wenn ich ihnen zeige, wie unser Projektmanagementstil im Unternehmen aussieht und das zu ihnen passt, dann habe ich schon gute Argumente auf meiner Seite. 

Und wenn ich dann noch ermögliche, dass sie sich mit einem Klick aus ihren Businessnetzwerken heraus bewerben können, also nicht langwierig Daten in Bewerbungssysteme eintippen müssen oder gar – und das machen viele Unternehmen noch –, per Brief mit Bewerbungsmappe bewerben sollen. 

Das sagt übrigens auch Achim Berg, der Präsident des Bitkom, also des Verbands der Digitalwirtschaft. Viele Unternehmen setzen tatsächlich noch darauf, dass sich IT-Spezialisten per Brief mit Bewerbungsmappe bewerben. 

Jens: Das ist ja eigentlich schon in sich widersprüchlich. 

Sibylle: Ganz genau. Da sollte man den Blick einfach noch einmal etwas weiten. 

Oder wenn man bereits einen ITler oder eine ITlerin im Unternehmen hat, einfach mal fragen: „Was wäre für dich bei einem Bewerbungsprozess wichtig? Was würde dich ansprechen?“ 

Dann hat man schon ganz viel gewonnen. 

Jens: KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen. 

Das ist unsere kleine Mitnehm-Rubrik, in der wir Ihnen immer noch einmal drei praktische Tipps für Ihren Alltag mit an die Hand geben möchten. Diesmal mit ganz konkreten Ideen, wie Sie IT-Fachkräfte für Ihr Unternehmen gewinnen können. 

Unser erster Tipp: 

Fördern Sie die betriebliche Weiterbildung. Nutzen Sie die Corona-Pandemie und daraus eventuell resultierende zeitliche Freiräume, um Ihre bestehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in IT-Kompetenzen, aber auch in Soft Skills weiterzubilden. 

Tipp Nummer zwei: 

Bleiben Sie bei der Suche nach neuen Fachkräften flexibel. Schauen Sie über den Tellerrand und nehmen Sie Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, Fachkräfte aus dem Ausland und Frauen gezielter in den Blick. 

Standort und Sprache sollten keine Hemmnisse sein. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass viele Arbeiten auch außerhalb des Büros, zum Beispiel im Homeoffice, geleistet werden können. 

Und hier kommt Tipp Nummer drei: 

Passen Sie Ihren Bewerbungsprozess an die Ansprüche Ihrer Bewerberinnen und Bewerber an. Eine IT-Fachkraft sollte sich bei Ihnen nicht per Post bewerben müssen. Eigene Projekte und deren Quellcodes sind viel aussagekräftiger als eine schriftliche Bewerbung oder ein abgetippter Lebenslauf. 

Bleiben auch Sie als Unternehmen innovativ und digital auf der Suche. 

KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen. 

Ja, wagen wir vielleicht noch einen kurzen Blick in die Zukunft, ins kommende Jahr. Sibylle, was siehst du da auf unsere Wirtschaft zukommen? Ist zu erwarten, dass jetzt alles wieder gut wird oder zumindest deutlich besser als aktuell? 

Sibylle: Die Zahlen aus den Wirtschaftsforschungsinstituten, wie zum Beispiel dem Institut der deutschen Wirtschaft oder auch von KfW Research, stimmen uns ja durchaus hoffnungsvoll. 

Dort rechnet man wieder mit einem Wirtschaftswachstum von rund vier Prozent. 

Die Chefvolkswirtin der KfW, Fritzi Köhler-Geib, betonte kürzlich in einem Pressegespräch, dass wir jetzt auch die Chance haben, die Wirtschaft digitaler und klimaneutraler umzubauen und dadurch gesellschaftlich weiterzukommen. 

Insofern glaube ich schon, dass wir mit einem Schub in das neue Jahr starten können. 

Jens: Ja, und dazu werden wir alle unseren Teil beitragen und unser Bestes geben. Aber das tun wir ja ohnehin schon die ganze Zeit. 

Insofern blicken wir einfach optimistisch in die Zukunft. 

Die erste Folge von KOFA auf dem Sofa im neuen Jahr wird es Ende Januar geben, am 25. Januar, um genau zu sein. 

Dann bekommen Sie von uns Tipps, wie Unternehmen ihre Mitarbeitenden auch in schwierigen Zeiten – wie denen, die wir aktuell erleben – motivieren und langfristig binden können. 

Starten Sie jetzt aber erst einmal motiviert und voller guter Vorsätze in die Weihnachtsfeiertage. Kommen Sie gut ins neue Jahr. 

Sibylle, dir auch tolle Weihnachten und bis zum 25. Januar. Ich freue mich darauf. 

Sibylle: Ja, Jens, ich wünsche dir auch frohe Weihnachten. Tank die Akkus wieder auf. Ich mache das auch. 

Und dann starten wir im neuen Jahr gemeinsam weiter durch. Ich freue mich darauf. 

Fachleute für Fachkräfte. 

KOFA auf dem Sofa – der Podcast.