
Transkript: Folge 19
KOFA auf dem Sofa: Neue Wege der Azubi-Rekrutierung
Jens:
KOFA auf dem Sofa. Der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer.
Ja, hallo und herzlich willkommen. Schön, dass es endlich losgeht. KOFA auf dem Sofa. Frisch bezogen steht es da, unser Sofa, von dem aus wir ab sofort alle zwei Wochen mit Ihnen durchstarten und ganz genau hinsehen werden.
Hier bei uns geht es nämlich darum, was Unternehmen tun können, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und sich natürlich auch jetzt in der Corona-Krise zu behaupten.
Jetzt mache ich das Ganze hier aber nicht alleine, sondern ich habe eine tolle Frau an meiner Seite. Sibylle Stippler ist bei mir und wir freuen uns sehr, dass Sie reinhören.
Hallo auch noch mal an dich, Sibylle.
Sibylle:
Hi Jens, danke für das nette Sofa, für den neuen Bezug.
Genau, ich freue mich wie du und bin schon ganz gespannt auf all das, was wir gemeinsam vorhaben und dann auch irgendwann mit unseren Gästen.
Jens:
Sag mal ganz ehrlich: Als erste Folge, wir sitzen das erste Mal hier – bist du nicht auch ein bisschen aufgeregt?
Sibylle:
Klar, ich habe Herzklopfen.
Sonst bin ich es immer total gewohnt, mich richtig schick zu machen für meine großen Auftritte, wenn ich auf irgendwelchen Bühnen stehe und Unternehmen etwas erzähle.
Und jetzt sieht mich ja keiner. Doch stimmt, das sollte reichen.
Genau, also für dich dann eben auch gerne heute das Kleid mit den Blumen.
Jens:
Danke schön, beste Startvoraussetzung.
Der Titel dieses Podcasts heißt KOFA auf dem Sofa. Das Sofa haben Sie schon gesehen, als Sie auf diese Folge geklickt haben. Aber wer oder was ist denn KOFA eigentlich? Vielleicht kannst du das noch mal kurz erzählen.
Sibylle:
Sehr gute Frage. Das ist auch die Frage, die die meisten Menschen auf unserer Webseite eintippen, wenn sie das erste Mal bei uns sind: Was heißt eigentlich KOFA?
Das steht für Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung.
Das klingt jetzt erst mal ziemlich abgehoben, aber eigentlich richten wir uns damit an kleine und mittlere Unternehmen sowie an Multiplikatoren und wollen sie dabei unterstützen, eine gute Personalarbeit zu machen.
Denn wir sagen: Gute Personalarbeit ist der Schlüssel zur Fachkräftesicherung.
Dazu gehören für uns ganz viele Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Checklisten und Praxisbeispiele. Wirklich von der Frage: Wie führe ich eigentlich ein Bewerbungsgespräch? Wie finde ich überhaupt heraus, welches Personal ich brauche? Bis hin zu ganz ausführlichen Informationen darüber, wie ich eine gute Ausbildung mache.
Jens:
Also wir haben jetzt hier folgenden Plan, damit Sie gleich wissen, was Sie erwartet.
Auf der einen Seite werden Sibylle und ich gemeinsam mit Ihnen in die Welt der kleinen und mittleren Unternehmen eintauchen. Wir nennen sie auch die KMU.
Wir werden schauen, wo dort der Schuh drückt. Fachkräftemangel ist schließlich fast überall ein großes Thema.
Und wir wollen ganz konkrete Ideen geben, wie Unternehmen diesem Mangel entgegenwirken können.
Auf der anderen Seite haben wir uns überlegt, regelmäßig Platz auf unserem Sofa zu machen. Denn wir werden auch Gäste einladen.
Das werden natürlich Leute aus der Praxis sein, die wirklich etwas zu erzählen haben, die vielleicht auch Role Models sind und Geschichten mitbringen, die uns und Sie weiterbringen.
Bevor wir loslegen, sollten wir uns aber vielleicht noch einmal kurz vorstellen.
Was meinst du, Sibylle? Du zuerst?
Sibylle:
Ich bin eigentlich Wirtschaftsforscherin und zugleich Frau für die Praxis mit ganzem Herzen.
Ich bin Teamleiterin im Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung und führe dort in Teilzeit ein Team von total engagierten Leuten.
Da sind Menschen dabei, die sich tief in Zahlen eingraben, bis hin zu Leuten, die unsere Webseite gestalten.
Mein Job besteht zu einem großen Teil darin, Ihnen – also Unternehmen und Multiplikatoren – Erkenntnisse aus der Wissenschaft so zu erklären, dass Sie sie verstehen und möglichst sogar ganz praktische Ideen daraus entwickeln können.
Was können Sie jetzt konkret in Ihrem Unternehmen umsetzen?
Jens:
Sehr spannend. Also eine absolute Fachfrau, wenn es um Fachkräftesicherung geht.
Ich komme sozusagen aus einer anderen Richtung, nämlich aus der Perspektive desjenigen, dem das Ganze erklärt wird.
Ich bin selbst Geschäftsführer eines solchen KMU und dadurch weiß ich ganz gut, was uns in diesem Bereich bewegt und wie wir ticken.
Außerdem ist natürlich auch mein Unternehmen von der Corona-Krise betroffen gewesen – und wer weiß, was noch kommt.
Es bleibt spannend und auch darüber wollen wir natürlich sprechen.
Vorher aber noch mal ganz kurz: Es sprechen immer alle von Fachkräftemangel. Gibt es den denn überhaupt wirklich? Oder ist das nur eine subjektive Wahrnehmung? Oder vielleicht sogar ein typisch deutsches Thema, weil wir einfach gerne meckern?
Sibylle:
Das liest man ja auch öfter mal in den Medien: Der Fachkräftemangel sei ein Mythos.
Leider ist er für viele Unternehmen bittere Realität.
2019 waren zum Beispiel von 1,4 Millionen offenen Stellen rund 990.000 schwer zu besetzen.
Das heißt, die Unternehmen suchen wirklich händeringend nach Personal, um Innovationen voranzubringen, Aufträge abzuarbeiten oder Menschen zu pflegen und im Kundenkontakt zu sein.
Das ist also ein sehr reales Problem.
Und jetzt kann man natürlich fragen – ich sehe dir die nächste Frage schon an – Corona, wie sieht es denn damit aus?
Jens:
Genau.
Ist die Krise etwas gewesen, das den Fachkräftemangel verstärkt hat? Oder war das Problem ohnehin schon da und wurde durch die Krise gar nicht grundlegend verändert?
Sibylle:
Das muss man differenziert betrachten.
Es gibt Branchen, die sehr unter der Corona-Pandemie gelitten haben und vermutlich auch noch weiter leiden werden. Wir denken an Gastronomie, Tourismus oder teilweise auch Logistik.
Es gibt aber auch Branchen, die während Corona eine besonders hohe Nachfrage hatten.
In Summe können wir sagen: Der Fachkräftemangel wird durch die Corona-Pandemie nicht verschwinden.
Er hat sich in manchen Bereichen etwas abgeschwächt, weil die Konjunktur nicht mehr so stark boomt.
Aber wir haben in Deutschland eine grundsätzliche Herausforderung – den demografischen Wandel.
Es wurden in den vergangenen Jahrzehnten einfach zu wenige Menschen geboren.
Wenn jetzt die Babyboomer in den Ruhestand gehen, können viele frei werdende Stellen gar nicht nachbesetzt werden.
Und dann wird oft gesagt: Die Digitalisierung steigert doch die Produktivität, vielleicht werden dadurch viele Jobs überflüssig.
Das sehen wir bisher nicht.
In einzelnen Bereichen ja, aber für den Großteil der Berufe suchen die Unternehmen weiterhin händeringend nach Personal.
Peter Altmaier hat einmal gesagt: „Ohne Fachkräfte läuft der Mittelstandsmotor nicht rund.“
Und genau so ist es.
Jens:
Das glaube ich auch.
Um wen reißen sich die Unternehmen aktuell denn am meisten?
Kannst du das in euren Daten erkennen?
Sibylle:
Ja, das beobachten meine Kolleginnen und Kollegen sehr genau.
Wir veröffentlichen dazu jeden Monat ein Update.
Und was sich seit Jahren konstant zeigt: Besonders gefragt sind Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung.
Wenn wir von Fachkräften sprechen, meinen wir meistens genau diese Gruppe.
Und trotz Corona und Digitalisierung waren im August 2020 noch drei Viertel aller ausgeschriebenen Stellen für Menschen mit Berufsausbildung sogenannte Engpassberufe.
Ein Engpassberuf ist einfach ein Beruf, der schwer zu besetzen ist, weil es nicht genügend Bewerberinnen und Bewerber gibt.
Jens:
Vom Gefühl her denkt man immer, dass vor allem Akademiker gesucht werden. Menschen mit Spitzenqualifikationen, die sonst niemand abdecken kann.
Jetzt sagst du, dass vor allem Menschen mit Berufsausbildung gesucht werden.
Woher kommt das?
Sibylle:
Ganz einfach: Das sind die meisten Jobs, die es in Deutschland gibt.
Wir sind ja auch zu Recht stolz auf unser duales Ausbildungssystem.
Dabei muss man beide Seiten betrachten.
Einerseits ist der Bedarf der Unternehmen in diesem Bereich besonders groß.
Andererseits gibt es immer weniger junge Menschen, die sich für eine Ausbildung entscheiden.
Wir erleben einen Trend zur Akademisierung.
Wenn die Eltern studiert haben, fällt es vielen Kindern schwerer, sich bewusst für eine Ausbildung zu entscheiden.
Dabei sagt das Bundesinstitut für Berufsbildung ganz klar, dass dual ausgebildete Fachkräfte in Zukunft mehr denn je gefragt sein werden.
Wenn man also auf Nummer sicher gehen möchte – auch in Corona-Zeiten –, dann ist eine duale Ausbildung eigentlich ein sehr guter Weg.
Jens:
Wie war das eigentlich bei dir? Hast du studiert oder eine Ausbildung gemacht?
Sibylle:
Eigentlich beides.
Ich war damals so ein typischer Fall.
Kurz vor dem Abitur hatte ich überhaupt keine Ahnung, wo es hingehen soll.
Jens:
Und wer weiß das schon in dem Alter?
Sibylle:
Eben.
Vor allem, wenn man nicht dieses eine Fach hat, bei dem man sofort merkt: Das ist genau mein Ding.
Bei mir war alles irgendwie interessant.
Ich wusste nur: Ich möchte unbedingt einmal ins Ausland.
Und man denkt dann ja schnell, dafür brauche ich auf jeden Fall ein Studium.
Mein Vater hatte damals eine Kollegin, deren Sohn eine Ausbildung bei Bayer gemacht hat – kombiniert mit einem dualen Studium.
Mit dem habe ich sehr lange telefoniert.
Und er hat mir nicht nur erklärt, wie die Ausbildung zur Industriekauffrau funktioniert, sondern vor allem erzählt, was man danach alles machen kann.
Jens:
Und das ist der wichtige Punkt.
Viele wissen gar nicht, was man später mit einer Ausbildung alles anfangen kann.
Beim Studium fehlt dieser Praxisbezug manchmal.
Und dann hast du gesagt: Das klingt gut, das probiere ich aus?
Sibylle:
Genau.
Der Typ hat mir imponiert.
Das klang spannend.
Dann habe ich mich einfach beworben und das Bewerbungsverfahren mitgenommen.
Und tatsächlich habe ich ein Angebot bekommen.
Obwohl – das haben sie mir später sogar gesagt – ich die einzige Frau im Assessment Center war, die in Jeans gekommen ist.
Mir war das überhaupt nicht bewusst.
Ich bin einfach so hingegangen, wie ich war.
Offenbar hat das funktioniert.
So habe ich dann bei Bayer Industriekauffrau gelernt und parallel BWL studiert.
Und genau dieser direkte Praxisbezug von allem, was ich gelernt habe, hat mir unglaublich gut gefallen.
Jens:
Ja, bei mir war es im Prinzip umgekehrt. Ich habe zuerst studiert. Das heißt, das stimmt nicht ganz, ich habe ja schon parallel zum Zivildienst beim Radio gearbeitet, so ein bisschen.
Dann habe ich mich aber entschieden – weil meine Eltern der Meinung waren, das Kind muss etwas Ordentliches studieren. Genau die Geschichte, die du eigentlich erzählt hast –, dass ich Lehramt studiere. Deutsch und Geschichte für Gymnasium.
Fünf Semester lang habe ich das gemacht. Aber ich hatte irgendwie das Gefühl, ich komme da vom Regen in die Traufe.
Ich saß in den Vorlesungen und gefühlt saßen da noch die gleichen Pappenheimer wie vorher im Abitur.
Und in diesen fünf Semestern – zumindest bis ich dann abgebrochen habe – ging es kein einziges Mal um Schule. Es ging eigentlich nur ums Fach.
Damit konnte ich nicht so richtig etwas anfangen.
Deswegen habe ich mich irgendwann entschieden, weil ich parallel weiterhin beim Radio gearbeitet hatte, mich komplett darauf einzulassen. Und das hat dann viele Jahre gut funktioniert.
Irgendwann kam aber der Punkt, an dem ich gesagt habe: Okay, da musst du vielleicht doch noch mal etwas machen. Immer nur in der eigenen Suppe herumzurühren und immer nur Radio – kennst du einen Sender, kennst du alle – da musste noch mal etwas passieren.
Deshalb habe ich später berufsbegleitend noch BWL studiert, mit Schwerpunkt Medienwirtschaft beziehungsweise Medienbetriebswirtschaft.
Und damit war die Sache am Ende wieder rund.
Was ich damit sagen wollte: Genauso wie bei dir führen viele Wege nach Rom. Und eine Ausbildung kann durchaus der richtige Weg sein.
Heute halte ich es für völlig irrelevant, ob du studierst oder eine Ausbildung machst. Hauptsache, du weißt genau, was du willst und was dir Spaß macht.
Sibylle:
Ja, das ist auf jeden Fall ein total wichtiger Punkt.
Und ich glaube, diese vielfältigen Perspektiven, die eine Ausbildung bietet, noch einmal klarzumachen, ist wichtig.
Viele haben – so wie ich damals auch – nach der Schule einfach keine Ahnung, in welche Richtung es gehen soll.
Und es gibt dermaßen viele Ausbildungsberufe, von denen den Schülerinnen und Schülern wahrscheinlich nur zehn bekannt sind.
Jens:
Vorhin habe ich gelesen: 1.300 Ausbildungsberufe gibt es wohl. Wahnsinn, oder?
Sibylle:
Ja, da kann sich eigentlich jeder irgendwo wiederfinden.
Man muss nur die richtigen Informationen von den richtigen Leuten bekommen.
Und ich glaube, darüber sprechen wir gleich auch noch ein bisschen. Wie kommt man eigentlich dahin?
Jens:
Genau, das machen wir gleich.
Jetzt noch mal kurz zu Corona. Das war für die Wirtschaft schließlich erst einmal eine Vollbremsung.
Wenn ich an mein Unternehmen denke: Mir wäre in dieser März- und Aprilzeit beim besten Willen nicht eingefallen, jetzt auch noch einen Auszubildenden einzustellen.
Ich war gerade damit beschäftigt, das Unternehmen zu retten oder zumindest die Zahlen wieder zu stabilisieren.
Trotzdem sollte man als Unternehmen natürlich nicht vergessen, an morgen zu denken und in Auszubildende zu investieren.
War das nur mein subjektiver Eindruck oder hast du das insgesamt in der deutschen Wirtschaft auch so wahrgenommen?
Sibylle:
Da hast du genau die Erfahrung gemacht, die ganz viele gemacht haben.
Als der erste Lockdown kam, ging es bei vielen Unternehmen erst einmal darum, alles zusammenzuhalten und angesichts dieser völlig unsicheren Zukunftsaussichten eben nicht noch zusätzlich neues Personal einzustellen.
Das haben wir tatsächlich sehr häufig beobachtet.
Gleichzeitig ist Ausbildung natürlich eine Investition in die Zukunft.
Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen.
Und wir gehen ja – wie praktisch alle führenden Wirtschaftsforschungsinstitute – davon aus, dass diese Krise uns zwar hart getroffen hat, wir uns aber auch wieder erholen werden.
Bildest du eigentlich aus oder hast du schon einmal ausgebildet?
Jens:
Wir kommen ja aus einem besonderen Bereich. Wir machen Agenturarbeit.
Wir bilden nicht klassisch aus, aber wir haben Trainees, die ein Jahr oder anderthalb Jahre bei uns sind und sozusagen on the Job lernen, wie das Ganze funktioniert.
Das ist keine anerkannte Ausbildung, eher so etwas wie ein Volontariat.
Sibylle:
Ja, aber trotzdem ist das schon ein wichtiger Schritt für junge Menschen, um in die Praxis hineinzuschauen.
Bei Unternehmen, die klassisch ausbilden, ist es oft so, dass das eine grundsätzliche Entscheidung ist.
Viele bilden nicht jedes Jahr aus, aber sie haben sich bewusst dafür entschieden, junge Menschen ins Berufsleben einzuführen und langfristig an den Betrieb zu binden.
Deshalb werden zum Beispiel auch Ausbildungsprämien gar nicht so stark genutzt, wie man vielleicht denken würde.
Denn Ausbildung bedeutet eben mehr, als nur finanzielle Förderung mitzunehmen.
Die Schwierigkeit war dieses Jahr vor allem, dass genau zu dem Zeitpunkt, an dem normalerweise Gespräche stattfinden und Ausbildungsverträge geschlossen werden, der Lockdown kam.
Deshalb hat sich vieles nach hinten verschoben.
Das beobachten wir deutlich.
Jens:
Was sich auch grundlegend verändert hat, ist das Kennenlernen.
Früher gab es Ausbildungsmessen, auf denen sich potenzielle Arbeitgeber und zukünftige Azubis kennenlernen konnten.
Man konnte herumgehen, schnuppern und schauen, welche Ausbildungsberufe es überhaupt gibt.
Dieser Orientierungskontakt ist jetzt natürlich eingeschränkt, weil viele dieser Messen nicht stattfinden.
Welche Ideen haben Unternehmen entwickelt, um trotzdem junge Menschen zu erreichen?
Denn wenn die zukünftigen Fachkräfte so wichtig sind, macht Not ja bekanntlich erfinderisch.
Sibylle:
Genau das bewundere ich auch immer.
Gerade kleine Unternehmen sind da oft besonders kreativ.
Ich war letzte Woche bei der IHK Stuttgart und habe mich mit Betrieben ausgetauscht.
Was viele berichten, ist, dass es inzwischen zahlreiche neue Formate gibt.
Zum Beispiel virtuelle Ausbildungsmessen oder Azubi-Speed-Datings online.
Wir hatten auch ein Webinar mit Angela Papenburg von der Günther Papenburg AG.
Die machen normalerweise unglaublich viel Berufsorientierung – von Kita-Baustellen über Schulprojekte bis hin zu Veranstaltungen für ältere Schülerinnen und Schüler.
Das alles fiel wegen Corona plötzlich weg.
Dann wurden sie gefragt, ob sie sich an einer virtuellen Ausbildungsmesse beteiligen möchten.
Und sie hatten damit überhaupt keine Erfahrung.
Wie wir alle damals.
Trotzdem haben sie gesagt: Wir machen das jetzt einfach.
Wir müssen nicht beim ersten Mal perfekt sein.
Also haben sie losgelegt.
Zunächst mussten sie herausfinden, was das kostet und wie viel Aufwand dahintersteckt.
Nach allem, was wir hören, ist man ab ungefähr 500 Euro dabei.
Teilweise bieten Kammern und Verbände solche Formate für ihre Mitglieder sogar kostenlos an.
Dann ging es vor allem darum, die Informationen zusammenzustellen, die man braucht, um sich gut zu präsentieren.
Und da wäre mein Tipp: Wirklich einmal die Perspektive der Jugendlichen einnehmen.
Was interessiert sie eigentlich?
Jens:
Also die klassische Zielgruppenanalyse.
Sibylle:
Ganz genau.
Kleinere Unternehmen tun sich damit manchmal etwas schwer.
Sie erzählen dann viel über ihre Produkte und Dienstleistungen.
Aber Jugendliche interessiert vor allem: Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus? Was mache ich in diesem Beruf? Wie fühlt sich Arbeiten bei euch an?
Sie suchen einen Beruf.
Nicht unbedingt ein bestimmtes Unternehmen.
Viele KMU sind als Arbeitgeber ja gar nicht so bekannt.
Jens:
Konntest du denn herausfinden, worauf Jugendliche heute besonders Wert legen?
Hat sich das im Vergleich zu früher verändert?
Früher war man vielleicht einfach froh, überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen.
Heute sieht das ja anders aus.
Sibylle:
Eigentlich ist das fast überraschend.
Und das hat nicht erst mit Corona begonnen.
Junge Menschen suchen vor allem Sicherheit.
Sie wünschen sich zum Beispiel eine Übernahmegarantie.
Jens:
Kann ich sogar verstehen.
Sibylle:
Genau.
Sie möchten wissen, warum sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden sollen und welche Perspektiven sie dort haben.
Sicherheit, Entwicklungsmöglichkeiten und ein gutes Arbeitsumfeld spielen dabei eine große Rolle.
Jens:
Ja, ganz genau. Heute mehr denn je.
Man weiß ja auch, dass Eltern einen enormen Einfluss auf die Ausbildungsentscheidung ihrer Kinder haben. Und die schauen natürlich ebenfalls darauf.
Wichtig ist außerdem die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Das ist jungen Menschen genauso wichtig wie ihren Eltern.
Dazu kommen interessante Aufgaben. Also wirklich ein Job, der zu den eigenen Stärken passt.
Und junge Menschen möchten gerne mit anderen Menschen zusammenarbeiten, die auf einer Wellenlänge mit ihnen sind.
Deshalb ist es immer eine gute Idee, wenn ein Betrieb bereits Auszubildende beschäftigt, Fotos von ihnen auf die Webseite zu stellen. So kann man sich direkt einen Eindruck verschaffen: Was sind das für Typen? Passe ich da überhaupt hinein?
Das schafft Verbindung und Nähe.
Sibylle:
Genau. Wir nennen das Identifikationsfiguren oder Botschafter.
In Nicht-Corona-Zeiten machen Unternehmen das ja oft über Schulkooperationen. Das empfehlen wir auch immer.
Dann nehmen sie ihre Auszubildenden mit in die Schulen und die berichten aus ihrem Arbeitsalltag.
Das hat meistens eine viel stärkere Wirkung, als wenn jemand wie ich vor der Klasse steht.
Ich bin authentisch, aber für die Jugendlichen eben doch schon ein bisschen uralt.
Jens:
Wir sind alle uralt.
Sibylle:
Ja, genau.
Und Frau Papenburg hat auch erzählt, dass bei virtuellen Ausbildungsmessen die Chatfunktion oft besser angenommen wird als die Kamera.
Man denkt immer, die technikaffine Jugend sei total entspannt mit Video.
Aber viele tun sich schwer damit, wenn die Kamera auf sie gerichtet ist.
Über den Chat fühlen sie sich wohler.
Deshalb kann es helfen, die Hürden niedrig zu halten und zunächst einfach den schriftlichen Austausch zu ermöglichen.
Jens:
Das kenne ich auch aus Webinaren.
Da nehmen viele gerne teil, aber sichtbar sein wollen sie dann trotzdem nicht unbedingt.
Sibylle:
Ja, oft sagen gerade Schülerinnen: „Ich bin heute nicht richtig geschminkt“ oder Ähnliches.
Wenn man dann doch mit Kamera arbeitet, sollte man auf einen ordentlichen Hintergrund achten.
Also nicht unbedingt den Wäscheständer im Bild haben.
Gerne das Unternehmenslogo zeigen oder Einblicke in die Arbeitsräume geben.
Und ganz wichtig: Nicht nur auf den Bildschirm schauen, sondern immer mal wieder direkt in die Kamera.
Nur so entsteht für das Gegenüber der Eindruck von Blickkontakt.
Jens:
Das schafft natürlich Verbindlichkeit.
Ich habe hier übrigens noch einen Satz von Holger Schwannecke vom Zentralverband des Deutschen Handwerks, den ich sehr schön finde.
Er sagt:
„Der Zug für eine Ausbildung im Handwerk ist noch nicht abgefahren. Die Türen der Betriebe stehen weiter offen. Wir im Handwerk geben niemanden verloren – keinen Jugendlichen und erst recht keine Generation Corona.“
Der Mann hat es auf den Punkt gebracht.
Sibylle:
Finde ich auch großartig.
Und das sollte wirklich allen klar sein.
Denn die Verunsicherung gibt es ja nicht nur auf Seiten der Betriebe.
Auch die jungen Menschen fragen sich: Lohnt es sich überhaupt noch, eine Ausbildung anzufangen?
Werde ich überhaupt gebraucht?
Selbst wenn ein Ausbildungsvertrag schon unterschrieben ist, entstehen in der Zeit bis zum ersten Arbeitstag oft viele Fragen.
Deshalb kann ich Unternehmen nur raten: Halten Sie den Kontakt zu den jungen Menschen.
Da entstehen schnell Sorgen wie: „Vielleicht braucht der Betrieb mich jetzt doch nicht mehr.“
Gerade der deutsche Mittelstand kann hier mit großem Selbstbewusstsein auftreten.
Und wichtig ist auch: Kommunizieren Sie überall, dass Sie ausbilden.
Für Sie mag das selbstverständlich sein, aber viele Jugendliche und Eltern glauben aktuell, es gäbe gar keine Ausbildungsplätze mehr.
Nutzen Sie deshalb alle Kanäle.
Und wenn Sie normalerweise Schulkooperationen haben, sprechen Sie auch die Lehrkräfte an und bitten Sie sie, weiterhin auf Ihre Ausbildungsangebote hinzuweisen.
Jens:
Normalerweise beginnt eine Ausbildung ja im August.
Jetzt haben wir schon Ende Oktober.
Trotzdem sagst du: Es lohnt sich noch, Stellen auszuschreiben und nach Bewerberinnen und Bewerbern zu suchen?
Sibylle:
Auf jeden Fall.
Es gibt viele Möglichkeiten, auch später noch einzusteigen.
Man kann zum Beispiel mit Berufsschulen sprechen und einen späteren Ausbildungsbeginn vereinbaren.
Außerdem erleben wir gerade, dass manche Auszubildende ihren Ausbildungsplatz verlieren, weil Betriebe insolvent gehen.
Deshalb gibt es viele Nachbesetzungen.
Wir sprechen in der Branche auch vom sogenannten „fünften Quartal“.
Das ist die Phase, in der nach dem eigentlichen Ausbildungsstart noch viele Stellen besetzt werden können.
Aktuell gibt es sowohl unbesetzte Ausbildungsplätze als auch viele unversorgte Bewerberinnen und Bewerber.
Der Zug ist also definitiv noch nicht abgefahren.
Jens:
Damit sind wir fast am Ende der ersten Folge von KOFA auf dem Sofa angekommen.
Aber eben nur fast.
Denn Sibylle und ich haben uns etwas überlegt.
Wir möchten Ihnen nicht nur Informationen liefern, sondern ganz konkrete Hilfestellungen für den Alltag geben.
Deshalb gibt es am Ende jeder Folge unsere Rubrik:
KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen.
Wir möchten Ihnen diesmal drei Tipps geben, wie Unternehmen in Zeiten der Pandemie Kontakt zu Auszubildenden aufbauen können.
Und jetzt kommt Sibylle.
Sibylle:
Tipp Nummer 1:
Trotz Social Distancing auf Nähe setzen.
Benennen Sie konkrete Ansprechpartner in Ihrem Unternehmen. Zeigen Sie diese mit Bild, Telefonnummer und E-Mail-Adresse.
Bieten Sie Gespräche an.
Geben Sie Einblicke in Ihren Betrieb, zum Beispiel mit kleinen Videos.
Machen Sie transparent, was Sie zu bieten haben.
Tipp Nummer 2:
Nutzen Sie die neuen Angebote.
Einfach mal machen, wie Frau Papenburg sagt.
Probieren Sie virtuelle Ausbildungsmessen aus.
Präsentieren Sie sich bei Azubi-Speed-Datings.
Die IHK Nord Westfalen hat dazu ein tolles Beispiel, das Sie auch bei KOFA nachlesen können.
Und Tipp Nummer 3:
Bleiben Sie aktiv und bleiben Sie dran.
Geben Sie dieses Ausbildungsjahr noch nicht verloren.
Informieren Sie breit über Ihre Ausbildungsangebote und nutzen Sie alle Kontakte, die Sie haben.
Bitten Sie auch Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, über offene Ausbildungsplätze zu berichten.
Jens:
KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen.
Ja, schön. Das hat mir schon mal gefallen heute.
Das war die erste Folge von KOFA auf dem Sofa – im neuen Look und frisch bezogen.
Schön, dass Sie eingeschaltet haben.
Tun Sie das bitte auch in zwei Wochen wieder.
Dann sprechen wir über kreative Besetzungswege. Also darüber, welche kreativen Ideen Unternehmen nutzen können, um die richtigen Bewerberinnen und Bewerber zu finden.
Sibylle und ich sagen Tschüss und bis zum nächsten Mal.
Und vergessen Sie nicht, den Podcast zu abonnieren. Das würde uns freuen.
Sibylle:
Tschüss auch von mir.
Jens, es hat richtig Spaß gemacht mit dir.
Jens:
Fachleute für Fachkräfte.
KOFA auf dem Sofa. Der Podcast.