
(Digitales) Vorstellungsgespräch mit internationalen Bewerberinnen und Bewerbern
Unterschiedliche Qualifikationen, Sprachniveaus und Erwartungen machen Vorstellungsgespräche mit ausländischen Fachkräften anspruchsvoller als gewohnt. Wer sich gut vorbereitet, erkennt Potenziale schneller, vermeidet Missverständnisse und präsentiert sich als attraktiver Arbeitgeber. Dieser Artikel zeigt, wie KMU digitale und persönliche Interviews mit internationalen Bewerbenden souverän meistern.
Das Wichtigste in Kürze
- Vorstellungsgespräche mit internationalen Bewerberinnen und Bewerbern erfordern mehr Zeit und eine andere inhaltliche Gestaltung (z. B. Leben und Arbeiten in Deutschland, migrationsrechtliche Aspekte, Spracherwerb).
- Lebensläufe und Qualifikationen unterscheiden sich weltweit. Konzentrieren Sie sich mehr auf die Berufserfahrung als auf formale Abschlüsse.
- Sprachliche Hürden können durch einfache Sprache oder Übersetzerinnen und Übersetzer entschärft werden.
- Präsentieren Sie sich als attraktiver Arbeitgeber, indem Sie Ihre Integrationsangebote und Unterstützungsmöglichkeiten transparent machen.
Vorbereitung: Die richtigen Rahmenbedingungen schaffen
Bewerbungsunterlagen richtig einordnen
Bewerbungsunterlagen unterscheiden sich weltweit stark: Lebensläufe folgen anderen Standards, Ausbildungs- und Berufsbezeichnungen sind nicht immer vergleichbar, und Nachweise liegen häufig in anderen Formaten vor. KMU sollten daher flexibel und offen sein und die tatsächliche Berufserfahrung der Bewerbenden stärker in den Blick nehmen als Formalia und den konkreten Abschluss.
Organisatorische Vorbereitung
Nicht alle Vorstellungsgespräche mit internationalen Bewerberinnen und Bewerbern finden digital statt. Digitale Interviews sind vorwiegend dann sinnvoll, wenn sich die Bewerberin oder der Bewerber noch im Ausland befindet. Befindet sich die Person bereits in Deutschland, kann das Gespräch auch in Präsenz stattfinden.
Digitale Vorstellungsgespräche mit internationalen Bewerberinnen und Bewerbern
Digitale Interviews sind oft der erste Berührungspunkt und sollten daher besonders gut vorbereitet sein:
- Technische Rahmenbedingungen prüfen: stabile Internetverbindung, Videokonferenz-Tool, Kamera, Mikrofon
- Zeitverschiebung berücksichtigen: Welcher Termin funktioniert für alle Beteiligten?
- Agenda vorab kommunizieren: Wer nimmt an dem Gespräch teil? Wie läuft das Gespräch ab?
- Kompetenzen bewerten: Fragen klar strukturieren und ggf. alternative Testformate für Kompetenznachweise einbauen (z. B. kurze Aufgaben online bearbeiten)
Vorstellungsgespräche mit internationalen Bewerberinnen und Bewerbern in Präsenz
Bei persönlichen Vorstellungsgesprächen gelten ähnliche Grundprinzipien. Bei der Planung sollten weitere Aspekte berücksichtigt werden, z. B.:
- Buchung und Vorbereitung eines passenden Raums
- Richtige Sitzordnung für eine angenehme Gesprächsatmosphäre
Welche weiteren Aspekte Sie bei der Vorbereitung und Durchführung von Bewerbungsgesprächen berücksichtigen sollten, erfahren Sie in unserem Artikel „Bewerbungsgespräche führen“.

Als wir zum ersten Mal eine Fachkraft aus dem Ausland im Bewerbungsverfahren hatten, mussten wir unsere gewohnten Abläufe überdenken. Das hieß dann ganz konkret, dass wir mit der Bewerberin durch die Stadt gefahren sind und gezeigt haben: Hier ist die Schule, hier sind die Ärzte, hier der Supermarkt. Und wir haben erklärt, in welchem Stadtteil man gut wohnen kann und wo die Infrastruktur, Bahn- und Busanbindung stimmen.
Sebastian GörkGeschäftsführer der meditec GmbH aus Bergisch Gladbach mit 9 BeschäftigtenBesonderheiten beim Vorstellungsgespräch mit internationalen Bewerbenden
In einem fremden Land in einer fremden Sprache zu arbeiten, ist herausfordernd. Achten Sie darauf, trotz unterschiedlichen Sprachniveaus auf Augenhöhe zu bleiben, und denken Sie daran: Geringere Sprachkenntnisse sagen nichts über die fachlichen Kompetenzen der Bewerbenden aus.
Sprachliche Herausforderungen
Viele internationale Bewerberinnen und Bewerber sprechen Deutsch bisher nicht auf muttersprachlichem Niveau. Mit guten Strategien lässt sich dies gut auffangen:
- Planen Sie mehr Zeit ein, da Antworten möglicherweise langsamer formuliert werden oder häufiger Verständnisfragen notwendig sind.
- Nutzen Sie einfache und klare Sprache, indem Sie kurze Sätze formulieren, Redewendungen sparsam verwenden und auf Ironie verzichten.
- Stellen Sie konkrete Fragen und vermeiden Sie abstrakte Formulierungen.
- Ermutigen Sie die Bewerbenden, Nachfragen zu stellen.
- Wechseln Sie bei Bedarf in eine gemeinsame Sprache, z. B. Englisch, wenn Sie merken, dass das Gespräch stockt. Ziehen Sie bei Bedarf Kolleginnen oder Kollegen mit entsprechenden Sprachkenntnissen hinzu.
Kompetenzen richtig einschätzen
Ausbildungssysteme, Berufsprofile und Tätigkeitsbereiche unterscheiden sich international teilweise deutlich. Um einen guten Eindruck von den Fähigkeiten und Erfahrungen der Bewerbenden zu erhalten, sollten Sie Folgendes beachten:
- Fragen Sie detailliert nach praktischen Erfahrungen: Welche Aufgaben wurden genau ausgeführt? Wie oft? In welchem Umfeld? Mit welchen Maschinen/Programmen/Hilfsmitteln?
- Fragen Sie nach konkreten Beispielen: „Beschreiben Sie eine Situation, in der …“
- Bereiten Sie Kompetenztests vor oder lassen Sie sich Arbeitsproben präsentieren.
- Besprechen Sie konkrete Entwicklungsperspektiven: Welche Fähigkeiten können zeitnah aufgebaut werden?
- Nutzen Sie im Interview einen vorbereiteten Bewertungsbogen mit klaren Kriterien, um Entscheidungen nachvollziehbar zu treffen und den Fokus auf die relevanten Kompetenzen zu legen.
- Ergänzen Sie fachliche Fragen durch kurze, alltagsbezogene Themen, auf die sich Bewerbende weniger gezielt vorbereiten können, um das Sprachniveau realistisch einzuschätzen.
- Beachten Sie, dass Brüche im Lebenslauf oder längere Phasen der Erwerbslosigkeit in vielen Ländern üblich sind, etwa aufgrund angespannter Arbeitsmarktlagen, und nicht zwangsläufig etwas über die fachlichen Kompetenzen oder die Motivation der Bewerbenden aussagen.
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Gesprächsleitfaden: Vorstellungsgespräche mit internationalen Bewerberinnen und Bewerbern
Dieser Leitfaden hilft Ihnen, Gespräche mit internationalen Bewerberinnen und Bewerbern strukturiert, wertschätzend und unter Berücksichtigung der Besonderheiten internationaler Rekrutierung zu führen.
Motive und Erwartungen besprechen
Damit eine Zusammenarbeit langfristig gelingt, sollten Unternehmen die Motive und Erwartungen der internationalen Bewerberinnen und Bewerber frühzeitig erfragen. Insbesondere, wenn Vorstellungen über Arbeitskultur, Karriereweg oder den Aufenthalt in Deutschland nicht der Realität entsprechen, können sich große Integrationsherausforderungen ergeben.
Wichtige Aspekte, die im Gespräch angesprochen werden sollten, sind:
- Motive für den Umzug nach Deutschland: Welche Gründe stehen im Vordergrund? Berufliche Entwicklung, neue Erfahrungen?
- Erwartungen an Job und Arbeitsumfeld: Welche Aufgaben wünscht sich die Bewerberin oder der Bewerber? Welche Entwicklungsmöglichkeiten sind wichtig? Beschreiben Sie detailliert das Tätigkeitsprofil der ausgeschriebenen Stelle, da dieses im Heimatland abweichen kann.
- Langfristige Perspektive: Plant die Person, dauerhaft in Deutschland zu bleiben? Wie sieht die private Situation aus? Wie ist die Situation der Familie?
- Unterstützungsbedarf: Welche Hilfen beim Ankommen wären hilfreich (z. B. Wohnen, Behördenwege, Sprachkurs)?
- Spracherwerb: Machen Sie deutlich, dass je nach Sprachkenntnissen, erwartet wird, dass Bewerbende ihre Deutschkenntnisse auch eigenständig weiter ausbauen, z. B. durch Radio, Filme und Zeitunglesen.
Ein offener Austausch hilft beiden Seiten, Missverständnisse zu vermeiden und realistische Erwartungen zu entwickeln.

Für ausländische Fachkräfte ist das Bewerbungsgespräch mehr als ein Kennenlernen – es ist oft die Grundlage für eine weitreichende Lebensentscheidung. Umso wichtiger ist es, im Gespräch Klarheit über Aufgaben, Erwartungen und die tatsächlichen Rahmenbedingungen des Lebens und Arbeitens in Deutschland zu schaffen und konkrete Unterstützungsangebote anzubieten.
Fabian SemsarhaKOFA-Experte für die Beschäftigung von ausländischen FachkräftenEmployer Branding: Welche Aspekte sollten KMU im Bewerbungsgespräch transportieren?
Ein Bewerbungsgespräch ist immer ein gegenseitiger Auswahlprozess. Bewerberinnen und Bewerber, die einen Umzug ins Ausland erwägen, tragen oft größere persönliche Risiken und müssen zusätzliche Hürden bewältigen: Sprachunterschiede, Visumsprozesse, Wohnungssuche oder die Orientierung in einem neuen Land. Machen Sie im Bewerbungsgespräch deutlich, dass Ihnen diese Herausforderungen bewusst sind und Sie bei der Bewältigung unterstützen, denn auch Sie bewerben sich als Arbeitgeber bei der Fachkraft. Folgende Aspekte können relevant sein:
- Praktische Unterstützung bei Behördengängen, Wohnungssuche, Mobilität oder Fragen des Alltags (Bankkonto, Versicherung, ärztliche Versorgung…)
- Möglichkeiten zum Heimaturlaub durch lange Urlaubsblöcke
- Strukturierte Einarbeitung, inklusive Fachsprachenförderung oder Lernmaterialien
- Mentoring-Programme, die die fachliche und soziale Integration erleichtern
- Klare Ansprechpersonen für fachliche, organisatorische und kulturelle Fragen
- Einbindung in das Team, etwa durch Patenschaft, regelmäßigen informellen Austausch und gemeinsame Aktivitäten
- Einbindung der Familie, durch Unterstützung beim Familiennachzug und der Orientierung im Bereich Schule und Kinderbetreuung
- Drücken Sie auch Ihre Wertschätzung dafür aus, dass der oder die Bewerbende den Schritt ins Ausland gehen möchte. Zeigen Sie ihm oder ihr, dass Sie wissen, wie herausfordernd das ist und dass Sie dankbar sind, dass er oder sie Ihr Unternehmen unterstützen möchte.
Rahmenbedingungen verständlich erklären
Da viele Regelungen und Arbeitsmodalitäten international nicht selbstverständlich sind, sollten KMU im Gespräch einige Punkte transparent erläutern:
- Arbeitszeiten, Vergütungssysteme (inkl. Brutto/Netto), Urlaubsanspruch
- Teamstrukturen, Kommunikationswege und Entscheidungsabläufe
- Mobilitätsangebote und Infrastruktur (ÖPNV, Fahrrad, Parkplatz)
- Zusatzleistungen oder Weiterbildungsoptionen
So ermöglichen Sie Bewerbenden, eine informierte Entscheidung zu treffen, und schaffen von Beginn an ein realistisches Bild des Arbeitsumfelds.
Weitere Schritte
- Weiteres Gespräch: Möchten Sie den Kandidaten oder die Kandidatin nach einem digitalen Gespräch persönlich vor Ort kennenlernen, klären Sie frühzeitig, ob hierfür ein Einreisevisum notwendig ist und wer die Kosten hierfür übernimmt.
- Einreise nach Deutschland: Besprechen Sie rechtzeitig die nächsten organisatorischen Schritte, etwa visumsrechtliche Fragen, wenn Sie ein Jobangebot machen möchten.
- Kontakt halten: Bleiben Sie nach einer Zusage eng in Kontakt und versorgen Sie die zukünftige Fachkraft bereits vor dem Arbeitsbeginn mit wichtigen Informationen, um den Einstieg zu erleichtern. Ein gelungenes Onboarding beginnt bereits vor dem ersten Tag.

Unsere KOFA-Experten zu diesem Thema
Fabian Semsarha
Fabian Semsarha ist Referent für Fachkräftesicherung mit den Schwerpunkten Fachkräftezuwanderung und -rekrutierung sowie Flexibilisierung von Arbeit. Er hat Sozial- und Bildungswissenschaften an den Universitäten Siegen, Köln und Lissabon studiert. Neben seiner Tätigkeit im KOFA arbeitet er am Institut der deutschen Wirtschaft zur Zuwanderung und Beschäftigung ausländischer Fachkräfte sowie zur Integration junger Menschen in die berufliche Ausbildung. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Analysen zur Beschäftigung ausländischer Fachkräfte und Geflüchteter.

Anika Jansen
Anika Jansen ist Senior Economist für Fachkräftesicherung im KOFA. Einer ihrer Schwerpunkte liegt auf der gezielten Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen – etwa Jugendlicher und junger Erwachsener, also Angehöriger der Generation Z, Frauen sowie internationaler Fachkräfte. Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, wie Unternehmen diese Gruppen erfolgreich gewinnen und langfristig binden können.
Neben ihrer Forschungstätigkeit hält Anika Jansen als Expertin für die Themen Rekrutierung und Personalarbeit regelmäßig Vorträge, verfasst Studien und entwickelt konkrete Handlungsempfehlungen für Betriebe und politische Entscheidungsträger.