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Transkript: Folge 35

KOFA auf dem Sofa: Bock auf 'nen Job? Gast: Gero Hesse

Jens: 
KOFA auf dem Sofa, der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer. Mittwoch, der 30. Juni. Herzlich willkommen bei KOFA auf dem Sofa. 

Sibylle: 
Hallo und schön, dass Sie da sind. 

Jens: 
Schleswig-Holstein hat sie schon, Hamburg ist mittendrin, Berlin, Brandenburg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Sie alle sind schon mitten in den Sommerferien. Das bedeutet aber nicht nur maximale Freizeit für alle Schülerinnen und Schüler. Die Abschlussjahrgänge haben jetzt auch ihre Zeugnisse in der Tasche, was vor allem für die Unternehmen eine wichtige Rolle spielen dürfte. Schließlich wollen die ja ihre Ausbildungsplätze besetzen. 

Unterm Strich sieht es allerdings so aus, dass in deutschen Unternehmen noch nie so viele Ausbildungsplätze unbesetzt waren wie in diesem Jahr. Woran liegt das? Was läuft da schief? 

Unser Gast heute hier bei KOFA auf dem Sofa ist Gero Hesse. Gero, hallo und herzlich willkommen. 

Gero: 
Hallo zusammen. Hi Sibylle, hi Jens. Ich freue mich total, dass ich heute euer Gast sein darf. 

Sibylle: 
Und wir freuen uns, dass du da bist. Wir könnten jetzt ganz viel über dich erzählen, Gero – wer du bist und was du tust. Wir haben uns gedacht: Warum eigentlich? Mach es doch einfach selbst. Hast du Lust, einen kleinen Elevator Pitch mit uns zu machen? 

Jens: 
Na klar. Die Idee dahinter ist ja die: Wir steigen jetzt mit Gero zusammen in einen Aufzug, die Türen schließen sich, und dann hat er eine Fahrstuhlfahrt lang Zeit, sich uns und Ihnen vorzustellen, zu sagen, was er tut und so weiter und so fort. Und da würde ich sagen: Los geht’s. 

Gero: 
Jetzt müsste ich nur noch wissen, wie viele Stockwerke das Gebäude hat, in dem wir fahren. Aber ich lege einfach mal los. 

Hi, herzlich willkommen. Ich bin Gero Hesse. Meine Mission ist eigentlich, Inspiration für eine bessere Arbeitswelt zu geben. Ich selbst begeistere mich leidenschaftlich für die Themen Arbeitgeberattraktivität, Personalmarketing, Recruiting und neue Arbeitswelt. Das ist das, womit ich mich beschäftige – beruflich als Geschäftsführer von Territory Embrace. 

Schon oben oder ist das nur das nächste Stockwerk? 

Jens: 
Nein, ich lasse noch kurz einen Fuß an der Tür. 

Gero: 
Ach so. So schnell ist das? Das ist ja gar nicht zu machen. 

Also: Geschäftsführer einer Agentur für Employer Branding, Personalmarketing und Recruiting. Gleichzeitig bin ich Blogger und Podcaster mit Saatkorn und auch auf diesen Themenfeldern unterwegs. 

Sibylle: 
Und da kann man gerne mal reinhören. Da hat Gero ganz tolle Gäste und liefert viele interessante Informationen. 

Gero, wir haben uns auch schon einmal persönlich kennengelernt. Du möchtest inspirieren und ich kann zu hundert Prozent sagen: Das tust du. 

Ich glaube, was aus dir eben auch spricht und was heute für unser Thema – nämlich: Wie spreche ich junge Zielgruppen an? – ganz spannend ist: Du bist selbst Papa. Du hast vier Kinder. Sprichst du denn die Sprache deiner jungen Zielgruppe zu Hause? 

Gero: 
Das will ich doch hoffen. 

Wenn man es ganz wörtlich nimmt: Ich selbst bin ja schon deutlich über 50. Vermutlich spreche ich nicht dieselbe Sprache wie meine Kinder – mit Sicherheit nicht. Aber ich glaube, im Kern ist das auch gar nicht so entscheidend. 

Viel wichtiger ist doch eigentlich, eine enge Verbindung miteinander zu haben. Also wirklich vertrauensvoll miteinander umzugehen, wertschätzend und auf Augenhöhe. Augenhöhe ist bei Eltern und Kindern natürlich so eine Sache, weil man durchaus auch mal erziehend eingreifen muss. Aber generell ist mir ein partnerschaftliches Miteinander sehr wichtig. Ich glaube, das kriegen meine Frau und ich auch ganz gut hin. 

Woran mache ich das fest? Ich nehme mal ein Beispiel: Unsere Kinder sind neun, zwölf, sechzehn und zwanzig Jahre alt und fahren alle vier aus freiem Willen mit uns drei Wochen in die Sommerferien. Sie kommen alle noch mit. Das finde ich cool. Und ich glaube, das zeigt, dass im Kern wohl alles ganz in Ordnung sein muss. 

Sibylle: 
Ja, ich glaube, das mit der Augenhöhe scheint ganz gut bei euch zu funktionieren. Sonst hätten die wahrscheinlich zwischendrin schon mal die Nase voll gehabt. 

Und ich gebe dir auch recht: Man muss nicht unbedingt das Vokabular beherrschen. Mein Junge ist zwölf Jahre alt und es geht immer nur: „Ey Digger“, „Ey Alter“, „Ey“, so mäßig, so weißt du, so. So läuft die Kommunikation ab. 

Und wenn du dich richtig schön blamieren möchtest – oder ihn blamieren möchtest –, dann machst du die Zimmertür auf, gehst rein, wenn die Freunde da sind, und sagst: „Hier, so mäßig, wie sieht es denn so mit dem Mittagessen aus, Digger?“ 

Gero: 
Aber das ist halt das. Das weiß man ja auch von sich selbst. Begriffe, die man früher genutzt hat ... 

Ein typischer Begriff, den ich als Zwölfjähriger benutzt habe, war „astschocke“. Kennt ihr das oder war das nur im Sauerland so? Ein Begriff für „total geil“, „mega cool“. Wir haben gesagt: „astrein“ oder „astschocke“. 

Was ich damit eigentlich sagen will: Natürlich verändert sich Sprache. Wir erleben das ja zurzeit auch in der ganzen Diskussion rund ums Gendern. 

Meine zwanzigjährige Tochter – für die ist das völlig klar und völlig wichtig, dass so kommuniziert wird. Ich mit meinen 51 Jahren habe am Anfang gedacht: Ja, kann man machen, muss das sein? 

Inzwischen bin ich aber selbst auf dem Trichter angekommen und denke: Wenn man wirklich wertschätzend, partnerschaftlich und auf Augenhöhe miteinander umgehen will, dann empfiehlt es sich vielleicht auch, sich manchmal sprachlich anzupassen. 

Aber ganz generell: Wenn wir darüber reden wollen, was Ausbildungsbetriebe für Schülerinnen und Schüler interessant macht, dann ist der Versuch, in Jugendsprache zu kommunizieren, genau das, was man eigentlich nicht machen sollte. Es sei denn, man redet im Unternehmen tatsächlich so. Dann ist es authentisch und dann ist das okay. 

Nur ist das in kaum einem Unternehmen der Fall. Insofern glaube ich, dass das überhaupt nicht die Erwartungshaltung junger Menschen ist. 

Jens: 
Trotzdem ist es ja so, dass man als Unternehmen seine Sprache und Tonalität natürlich auf die Zielgruppe anpassen sollte. Es macht schon einen Unterschied, ob ich erfahrene Fachkräfte für mein kleines oder mittleres Unternehmen gewinnen möchte oder ob ich sage: Okay, ich schaue mich nach möglichen Auszubildenden um, die gerade ihr Abschlusszeugnis bekommen haben. 

Wie kann man sich denn dieser Zielgruppe annähern? 

Gero: 
Erst einmal gebe ich dir pauschal recht. Allerdings gilt: Wenn daraus resultiert, dass man verzweifelt Jugendsprache in Stellenanzeigen bemüht und dem Irrglauben verfällt, deswegen würden einem die Bewerberinnen und Bewerber die Bude einrennen, dann kann ich direkt sagen: So wird es nicht sein. 

Schon gar nicht, wenn im Unternehmen dann immer noch gesiezt wird und vielleicht sogar eine streng autokratische Unternehmenskultur herrscht. 

Ich glaube, der gute Ratschlag ist eigentlich: Natürlich zielgruppenkonform kommunizieren, aber eher in dem Sinne, dass die Menschen verstehen, was man meint. 

Bei jungen Zielgruppen ist es oft so, dass Fachbegriffe nicht vorausgesetzt werden können. Es geht also eher ums Verständnis. Über welche Berufsbilder rede ich hier eigentlich? Ist den jungen Menschen überhaupt klar, worum es im Kern geht? 

Da geht es eher darum, in einfacher Sprache zu erklären, worum es geht – oder noch besser: mit neuen Formaten, vielleicht kleinen Erklärvideos, zu zeigen, worum es überhaupt geht. 

Das bedeutet aber nicht, dass man zwangsläufig in Jugendsprache verfallen muss. 

Ein weiteres Thema ist ja das Siezen und Duzen. Ich persönlich duze grundsätzlich, weil ich glaube, Autorität erlangt man über andere Wege als über diesen komischen Sie-Abstand. Aber es gibt viele Ausbildungsbetriebe, die ganz anders geführt werden. 

Da maße ich mir nicht an zu sagen: Ihr müsst lockerer werden. Man sollte so kommunizieren, wie man im Kern auch ist. Es nutzt nichts, locker in einer Stellenanzeige aufzutreten, wenn der gesamte Bewerbungsprozess anschließend von oben herab und wenig wertschätzend abläuft. 

Das erlebt man leider immer noch relativ häufig. Dann lieber passend kommunizieren und eine klare Haltung haben. Dann weiß auch jeder, woran er ist. 

Sibylle: 
Ich glaube trotzdem, dass sich viele Unternehmen damit echt schwertun. Also überhaupt Einblicke zu geben und sich eben nicht peinlich anzubiedern, indem sie mit einer vermeintlich witzigen Ansprache junge Menschen erreichen wollen. 

Was würdest du denn sagen: Mit welchen Inhalten kann ich junge Menschen dafür begeistern, bei mir anzufangen und nicht beim Nachbarbetrieb? 

Gero: 
Ich glaube, es ist wichtig, überhaupt erst einmal zu erklären, wer man ist, was man macht und warum man Dinge macht. 

Ich will jetzt nicht komplett auf dieser Purpose-Schiene unterwegs sein, aber doch ein Stück weit erklären: Warum gibt es das Unternehmen? Was machen wir hier grundsätzlich? 

Noch wichtiger ist aber, sich in die Position der Bewerberin oder des Bewerbers zu versetzen. Das hat übrigens gar nichts mit jungen oder alten Zielgruppen zu tun. 

Die meisten Entscheiderinnen und Entscheider, die heute Menschen einstellen oder Unternehmen führen, sind in beruflich völlig anderen Zeiten sozialisiert worden. Menschen meines Alters – sagen wir Mitte 40 aufwärts – sind in einem Arbeitsmarkt groß geworden, in dem Arbeitgeber die machtvolle Position hatten. Es gab viele Bewerberinnen und Bewerber und man konnte auswählen, wer am besten passte. 

Diese Zeiten nähern sich ihrem Ende oder liegen teilweise bereits hinter uns. Je nach Zielgruppe und Berufsbild hat sich der Markt komplett gewandelt – vom Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt. 

Das ist ein Paradigmenwechsel. 

Ich begegne vielen Entscheiderinnen und Entscheidern, die immer noch denken: „Ich musste mich damals auch durchkämpfen. Für mich war es auch nicht einfach. Die junge Generation muss jetzt auch mal ran.“ 

Du lachst, aber das höre ich leider relativ häufig. 

Sibylle: 
Das glaube ich dir sofort. Vor allem in eher traditionellen und familiär geführten Betrieben, in denen man vielleicht gar nicht so stark mitbekommt, was am Markt passiert, weil man sein eigenes kleines Universum hat. 

Gero: 
Darauf kommen wir später noch einmal. Das hat viele Stärken. 

Aber Kommunikation beginnt damit, dass der Gesprächspartner überhaupt das Gefühl hat, verstanden zu werden. Und ich glaube, genau daran hapert es oft. 

Viele verstehen nicht, dass sich der Markt verändert hat. Junge Menschen haben heute in der Regel mehrere Angebote und verschiedene Möglichkeiten, irgendwo anzufangen. 

Dazu kommt noch ein anderes Thema: Meiner Meinung nach haben wir in Deutschland über viele Jahre hinweg eine teilweise fehlgeleitete Bildungspolitik betrieben. Ausbildung wurde häufig als zweitbester Weg dargestellt, während als Ideal galt, dass die Kinder studieren sollen. 

Wenn eine Gesellschaft jahrelang genau das fördert, muss man sich nicht wundern, wenn Probleme entstehen. Die Zahl junger Menschen sinkt aufgrund der demografischen Entwicklung, gleichzeitig wächst der Anteil derjenigen, die zunächst gar nicht über eine Ausbildung nachdenken. 

Das ist schwierig. 

Und deshalb muss man als Arbeitgeber diese gesamte Gemengelage verstehen. Man sollte nicht nur aus sich selbst heraus denken, sondern sich in die Zielgruppe hineinversetzen. 

Wenn man selbst Kinder in diesem Alter hat, sollte man mit ihnen sprechen. Das Lustige ist: Über Fachkräftemangel, Demografie oder Digitalisierung kann man jeden Tag lesen. Viele Entscheider erkennen auch an, dass es diese Entwicklungen gibt – aber sie glauben, sie würden für den eigenen Betrieb nicht gelten. 

Dabei sind das gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Natürlich betreffen sie auch den eigenen Betrieb. 

Wenn ich dann frage: „Wie ist das denn bei Ihren Kindern? Ziehen die überhaupt eine Ausbildung in Betracht?“, entsteht oft eine ganz andere Diskussionsebene. 

Und ich glaube, genau daran hapert es häufig schon am Anfang. Noch bevor überhaupt ein Dialog entstehen kann, fehlt die gemeinsame Grundlage. 

Jens: 
Nun ist das etwas, das die Politik schon länger erkannt hat. Unter anderem gibt es ja den Sommer der Berufsausbildung, den die Partner der Allianz für Aus- und Weiterbildung ins Leben gerufen haben. 

Gerade unter Coronabedingungen wurde es noch schwieriger. Auf beiden Seiten gab es Verunsicherung. Junge Menschen wussten nicht, ob Betriebe überhaupt noch ausbilden. Unternehmen waren ebenfalls unsicher, wie die Zukunft aussehen würde. 

Angebot und Nachfrage sind zurückgegangen. 

Was kann man deiner Meinung nach ganz konkret tun? Sagen wir, ich bin ein kleiner Handwerksbetrieb. Instinktiv klebe ich mir vielleicht einen Aufkleber aufs Auto mit „Fachkräfte gesucht“ oder „Wir stellen ein“. 

Ist das etwas, das man überhaupt machen sollte? Oder was würdest du einem Unternehmen empfehlen, das noch einen Ausbildungsplatz frei hat und diesen gerne besetzen möchte? 

Gero: 
Also, erst einmal würde ich nicht sagen, dass der Aufkleber auf dem Auto schadet. Aber im Umkehrschluss zu denken: Der Aufkleber auf dem Auto rettet mich und wird die Stelle besetzen, das ist natürlich auch völlig Banane. 

Ich glaube, es ist erst einmal wichtig, sich wirklich, wie schon gesagt, in die Perspektive der Zielgruppe zu versetzen und zu versuchen zu verstehen: Wie denken diese jungen Menschen und wo beziehen die eigentlich ihre Informationen her? 

Da empfehle ich, sich einfach mal schlauzumachen. Es gibt verschiedene Studien und Reports zu dem Thema. Von uns gibt es beispielsweise den Azubi-Report 2021. Da haben wir über 2.700 Schülerinnen und Schüler befragt, rund um ihre Präferenzen, rund um Themen wie: Wo bezieht ihr eigentlich eure Informationen her? Und dergleichen mehr. 

Das ist in der Regel ja nicht die Autorückseite. Das können wir relativ klar sagen. Mit 67 Prozent sind das zunächst einmal Ausbildungsplattformen, wie beispielsweise Azubi oder Ausbildung.de oder AUBI-plus. Da gibt es mehrere. 

Das ist ja auch naheliegend, weil man in der Regel nicht sagt: Ich will bei Handwerksbetrieb Müller eine Ausbildung machen und da will ich unbedingt hin. Das passiert auch, aber in der Regel sagt man: Ich will Versicherungskaufmann werden. Wo kann ich das machen? Dann schaue ich erst einmal allgemein, wo vielleicht ein übergreifendes Angebot ist. 

Die erste Stelle sind die Ausbildungsplattformen. Die zweite Stelle sind dann die Websites von Unternehmen. Und das dritte Thema ist Google. Über 55 Prozent gehen erst einmal auf Google und suchen dort danach. 

Das heißt, ich kann jeden Handwerksbetrieb verstehen, der sagt: Oh Gott, oh Gott, jetzt muss ich mich darum auch noch kümmern. Brauche ich jetzt eine Website? Oder muss ich auf Google auffindbar sein? 

Meine brutale Antwort lautet: Ja. 

Und dieses Argument immer: „Wir Kleinen haben ja gar nicht die Möglichkeiten der Großunternehmen.“ Das gilt halt nur so begrenzt. Meine Aussage wäre: Wenn ihr einen Azubi wollt, müsst ihr leider zu ähnlichen Waffen greifen, weil ihr sonst verlieren werdet. Und zwar über die nächsten Jahre hinweg. 

Jens: 
Zumal es ja auch Quatsch ist, weil eine Website kann sich heute im Prinzip jeder für kleines Geld über so ein Baukastensystem bauen. Die Einstiegsbarriere ist mittlerweile relativ niedrig. 

Gero: 
Und auch bei Google: Wenn man sich da ein bisschen umtut, kann man entweder selbst eine Anzeige lancieren oder es gibt Dienstleister, Person Match fällt mir da ein, die so etwas anbieten. 

Das gibt es alles. Man muss sich halt kundig machen. Ich glaube, das ist wichtig: überhaupt erst einmal die Zielgruppe zu verstehen und dann auch zu überlegen: Wie baue ich inhaltlich eigentlich so eine Anzeige auf? 

Ich habe da immer ein Beispiel im Kopf: die Glaserei von Sven Sterz. Der hat vor zwei, drei Jahren mal so ein ziemlich cooles Facebook-Video veröffentlicht, das viral gegangen ist. Er ist Handwerksmeister, steht da, lässt eine Glasscheibe fallen und sagt dann: „So, jetzt habe ich eure Aufmerksamkeit. Ich habe zwei Ausbildungsplätze zu vergeben.“ 

Er erzählt dann so ein bisschen, was dort gemacht wird. Was ich an diesem Video so klasse finde, ist: Subtil zwischen den Zeilen wird deutlich, was das für ein Chef ist. Nämlich einer, der dich unterstützt, wenn du dich anstrengst, und der sehr, sehr streng ist, wenn du locker gehen lässt. 

Das sagt er natürlich nicht, aber es kommt durch seinen Habitus und die Art und Weise, wie er es erzählt, sehr stark zum Ausdruck. 

Was ich sagen will: Wenn man jetzt denkt, okay, ich drehe auch so ein Facebook-Video, das wird schon funktionieren, dann wahrscheinlich nicht. Aber es lohnt sich, sich das einmal anzuschauen und zu überlegen: Wie übertrage ich solche Themen auf meine Stellenanzeige? Wie kann ich jungen Menschen auch bei der Selbstselektion helfen? Ist das etwas für mich, ja oder nein? 

Sibylle: 
Wir haben jetzt schon gelernt: die Perspektive der Zielgruppe einnehmen, sich fragen, was so einen Jugendlichen interessiert oder vielleicht auch die Eltern des Jugendlichen, die ja auch eine große Auswirkung auf die Berufswahlentscheidung haben. 

Das Zweite war die Auffindbarkeit im Netz, also die Sichtbarkeit. 

Jetzt ist es ja so: Wenn ich als kleines Unternehmen unterwegs bin und vielleicht meine Kinder oder Auszubildende, die ich schon habe, frage, auf welchen Kanälen sie sich informieren, dann sagen die vielleicht TikTok, Instagram oder so. 

Heißt das für mich, dass ich es vergessen kann, meine Ausbildungsplätze zu besetzen, wenn ich nicht auch bei Instagram und TikTok sichtbar bin? Auch wenn ich vielleicht keinen blassen Schimmer habe, was das überhaupt ist, wie das funktioniert und so weiter? 

Diesen Druck spüren, glaube ich, viele Betriebe. Dass sie denken, sie müssen jetzt Social Media machen. 

Gero: 
Ja, das kann ich nachvollziehen. Und ich kann auch jeden nachvollziehen, der sagt: Das überfordert mich. 

Ich glaube allerdings auch hier: Das ist ein bisschen das Argument von eben. Wenn kleinere Betriebe sagen, sie können nicht den Weg beschreiten, den größere gehen, dann stimmt das finanziell zwar, aber inhaltlich nicht unbedingt. 

Bei Instagram etwas zu machen, ist keine Raketenwissenschaft. Bei TikTok ist es das Gleiche. Wenn ich an die Zielgruppe heranwill, dann muss ich einfach schauen, wo die Zielgruppe ist. 

Jetzt zu sagen, diese Kanäle spielen gar keine Rolle, kann ich leider nicht tun. Die spielen nämlich eine Rolle. Die Frage ist, wie intensiv man das betreibt. Also dass man in irgendeiner Form vielleicht versucht, seinen Weg zu gehen. 

Ich habe eben von Sven Sterz berichtet. Da war es Facebook. Das Beispiel ist auch schon ein paar Jahre alt. Heute wird keiner mehr versuchen, Schülerinnen und Schüler über Facebook anzusprechen. Das ist nicht mehr der richtige Kanal. Heute wäre es eben TikTok. 

Jens: 
Fachkräfte vielleicht. 

Gero: 
Ja, Fachkräfte vielleicht. 

Also ich halte es für nicht unwichtig, da ein bisschen hinzuschauen. Wenn man direkt sagt: „Damit habe ich nichts zu tun“, finde ich das schwierig. 

Soziale Netzwerke spielen bei uns in der Abfrage immer noch eine Rolle. 30 Prozent, das ist nicht unwichtig. Google ist mit 55 Prozent wichtiger. YouTube liegt bei 10 Prozent. Instagram und TikTok haben wir in der Studie noch nicht gesondert abgefragt. Aber ich glaube, wenn man sich die Userzahlen anschaut, würde ich zumindest nicht empfehlen, das komplett zu ignorieren. 

Jens: 
Du hast erzählt, dass du vier Kinder hast, Gero. Die Älteste ist 20 Jahre alt, da hat sich das Thema Studium oder Ausbildung wahrscheinlich längst erledigt. Die anderen sind ein bisschen jünger. 

Wenn du dich heutzutage mit deinen Kindern beim Abendessen zusammensetzt und es darum geht: Wie geht es jetzt weiter nach der Schule? Ist Ausbildung bei euch ein Thema? Oder ist es auch da dieses klassische Ding: Abitur ist in der Tasche, ich mache jetzt mein Studium und setze mich noch einmal vier, fünf, sechs, sieben Jahre in die Uni? 

Gero: 
Das ist natürlich eine super Frage. Da gebe ich auch gerne einen Blick in meine persönliche Meinung. 

Wie bin ich selbst groß geworden? Meine Eltern waren beide Lehrer und da war relativ klar: Der Junge geht studieren. Das habe ich damals aber nicht gemacht. Ich habe erst einmal eine Ausbildung gemacht. Zur Überraschung meines gesamten Freundeskreises und zur Überraschung und auch nicht gerade Begeisterung meiner Eltern. Die fanden das ein bisschen schräg. 

Ich habe das deshalb gemacht, weil ich absolut keine Ahnung hatte, was aus mir werden soll. Ich habe gedacht: Das mache ich erst einmal als Grundlage. Im Hinterkopf hatte ich: Dann gehst du noch studieren und wirst deinen Weg schon finden. 

Hat ja dann auch irgendwie geklappt. 

Warum sage ich das? Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es wichtig ist, seinen eigenen Weg zu finden. Mein Ratschlag an meine Kinder ist: Geh den Weg, den du wirklich gehen möchtest, und dabei unterstütze ich dich. 

Das gilt nicht nur für mich, sondern auch für meine Frau, die da ohnehin wahrscheinlich durch ihre Erziehung eine offenere Einstellung hatte als ich ursprünglich. 

Bei unserer Ältesten ist klar: Sie will studieren. Sie will Kommunikationsdesign machen, hat sich beworben und wird das auch tun. Sie hat jetzt zwei Studienplätze in Aussicht. 

Unser Sohn war auf der Gesamtschule, war auch auf einem ganz guten Weg und hat aber irgendwann gesagt: Ich will hier nicht weitermachen. Er ist so ein Bewegungstalent. Er ist dann auf eine Schule gewechselt, auf der er jetzt sein Fachabitur macht, verbunden mit der Ausbildung zum Gymnastiklehrer. 

Er kann dann hinterher in eine Physiotherapiepraxis gehen. Er hat dann gleichzeitig eine Ausbildung und die Zulassung für die Fachhochschule. Fachabi, so nennt man es. 

Das ist ein Weg, der nicht mit einem richtigen Abitur weitergeht, und ich finde es super. Er wird von mir, beziehungsweise von uns, vollkommen unterstützt, weil das das ist, was ihn glücklich macht. 

Ich glaube, dass das sowieso das Wichtigste im Leben ist: dass man versucht, seinen Weg zu finden, den dann geht und das macht. 

Wenn man dann auch noch einmal schaut, wie sich Berufsbilder entwickeln und welche Chancen man hat, wenn man eine Ausbildung macht, beispielsweise im Handwerk, dann würde ich heute nicht mehr sagen, dass der Weg über ein klassisches Studium in jedem Fall der bessere ist. 

Das muss man wirklich individuell entscheiden. Ich finde wichtig, dass Menschen das machen, um mal Frithjof Bergmann zu zitieren, was sie wirklich, wirklich machen wollen. 

Jens: 
KOFA to go: Wissen zum Mitnehmen. 

Gero Hesse ist unser Gast und weil er der Experte für Employer Branding ist, gibt es das KOFA to go heute von ihm. Drei Tipps, mit denen Sie die Ausbildung in Ihrem Unternehmen attraktiver machen. 

Hier kommt Gero mit Tipp Nummer eins. 

Gero: 
Der erste Tipp ist, sich in die Perspektive der Zielgruppe zu versetzen und wirklich zu verstehen, was junge Menschen heute treibt, bewegt, wo sie sich informieren und so weiter. 

Also nicht immer aus dem Unternehmen heraus denken, sondern aus der Zielgruppe heraus. 

Jens: 
Prima. Tipp Nummer zwei? 

Gero: 
Tipp Nummer zwei: sich kundig machen, am besten über Studien. Es gibt den Azubi-Report 2021, den wir sicherlich in den Shownotes verlinken können. Dort steht viel über junge Zielgruppen drin und es sind viele Tipps für Ausbildungsbetriebe enthalten. 

Jens: 
Fehlt noch einer. Hier kommt Geros Tipp Nummer drei. 

Gero: 
Der dritte Tipp wäre, sich insgesamt kundig zu machen und ein bisschen à jour zu bleiben: Wie entwickelt sich eigentlich der Arbeitsmarkt und welche Möglichkeiten gibt es für Arbeitgeberattraktivität überhaupt? 

Da gibt es eine Vielzahl von Blogs und Podcasts, die man hören kann. Völlig uneigennützig empfehle ich jetzt einfach mal meinen eigenen Blog und Podcast Saatkorn. 

Jens: 
Ja, hören Sie da gerne mal rein. 

KOFA to go: Wissen zum Mitnehmen. Gero Hesse war unser Gast heute hier bei KOFA auf dem Sofa. 

Gero, danke, dass du hier bei uns warst. Es hat Spaß gemacht mit dir. 

Gero: 
Hat mir auch wahnsinnig viel Spaß gemacht. Selten habe ich eine halbe Stunde persönlich so erlebt, die so schnell verflogen ist wie diese. Also danke für die tollen Fragen von euch. 

Sibylle: 
Danke auch für deine Impulse. Ich glaube, wir alle drei sind Eltern und ich konnte voll mitfühlen, als du gesagt hast: Meine Kinder sollen den Weg gehen, der sie glücklich macht, und wo auch immer der sie hinführt, ich unterstütze sie. 

Das finde ich wunderbar. 

Jens: 
Der Sommer hat geholfen, die Coronazahlen zu drücken. Und natürlich auch die Impfquote. Ganz überstanden haben wir die Krise zwar noch nicht, aber die Chancen stehen gut, dass es bald vorbei ist. 

Was haben Sie aus der Krise gelernt? Ganz bestimmt sehen Sie heute vieles anders als noch vor anderthalb Jahren. 

Annette Widmann-Mauz geht es genauso. Sie ist die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und in der letzten Folge war sie bei Sibylle und mir hier auf dem Sofa zu Besuch. 

Ihr Learning aus der Krise: 

Annette Widmann-Mauz: 
Corona hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir eine stabile Infrastruktur haben, auf die sich Menschen verlassen können. Egal, woher sie kommen, egal welchen Geschlechts und welchen Alters sie sind. 

Wenn sich etwas auch gezeigt hat, dann, dass wir vielleicht noch ein wenig schneller werden können, wenn es darum geht, Probleme anzupacken und zu lösen. Aber deshalb: Jede Krise ist eine Chance und ich will sie gerne nutzen. 

Jens: 
Ja, das war es erst einmal, zumindest für den Moment. KOFA auf dem Sofa geht jetzt nämlich in die Sommerpause. 

Sibylle, wo macht ihr denn Urlaub? 

Sibylle: 
Also, ich will auf jeden Fall mein Handtuch an den See schmeißen, mich aufs Fahrrad setzen, in die Natur raus, den Blick mal weiter schweifen lassen als hier im Homeoffice, immer bis zum Rechner und zurück. 

Jens: 
Bis zur nächsten Wand, wie es im Lockdown eine Zeit lang war. 

Wir fahren nach Österreich und wollen es mal mit Wasserski probieren. Ich bin sehr gespannt. Mein Sohn und ich. 

Also, wir wünschen Ihnen einen ganz tollen Sommer. Genießen Sie das wunderbare Wetter. Vergessen Sie bitte auch die Welt vor der Tür nicht, vor allem nicht vor der Bürotür. 

Wir hören uns dann Anfang September wieder. Die nächste Folge von KOFA auf dem Sofa gibt es am 8. September. Dann werden wir über die Chancen und Möglichkeiten sprechen, die Ihnen Bewertungsplattformen für Arbeitgeber bieten. 

Bis dahin alles Gute. Tschüss, bis bald. 

Sibylle: 
Machen Sie es gut. Schönen Sommer. 

Outro: 
Fachleute für Fachkräfte. KOFA auf dem Sofa, der Podcast.