
Transkript: Folge 32
KOFA auf dem Sofa: Vielfalt in Unternehmen – ein Erfolgsgarant? Gast: Anna-Lena Müller
Jens:
KOFA auf dem Sofa – der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer.
Folge Nummer 32 von KOFA auf dem Sofa. Sibylle und ich sagen Hallo und herzlich willkommen. Jetzt, wo Sie eingeschaltet haben, sind wir endlich komplett.
Sibylle:
Schön, dass Sie da sind.
Jens:
Heute sind wir zu dritt auf dem KOFA-Sofa. Zu Gast ist Anna-Lena Müller. Wer in den sozialen Medien unterwegs ist, kennt sie wahrscheinlich als „Fräulein Müller“.
Anna-Lena, schön, dass du da bist.
Anna-Lena:
Vielen Dank für die Einladung.
Jens:
Sag mal, fährst du eigentlich gern Fahrstuhl?
Anna-Lena:
Nein, gar nicht.
Jens:
Würdest du trotzdem eine Runde mit uns drehen? Wir würden nämlich gern einen Elevator Pitch mit dir machen.
Anna-Lena:
Normalerweise nehme ich das Treppenhaus. Aber mit euch fahre ich.
Jens:
Sehr gut. Also: Die Türen schließen sich und du hast jetzt 30 Sekunden Zeit, um dich vorzustellen. Wer bist du, was machst du und wofür stehst du?
Los geht’s.
Anna-Lena:
Ich bin Anna-Lena, 34 Jahre alt und arbeite in der Kommunikation. Eines meiner absoluten Herzensthemen ist Vielfalt.
Jens:
Das war’s schon? Wir fahren noch.
Wie ist denn das Wetter bei dir heute?
Anna-Lena:
Entschuldigung. Ich bin dafür bekannt, eher kurz und prägnant zu antworten. Deshalb habe ich die 30 Sekunden wahrscheinlich gar nicht vollständig genutzt.
Jens:
Wir sind trotzdem oben angekommen und freuen uns sehr, dass Anna-Lena Müller heute bei uns auf dem KOFA-Sofa sitzt.
Wer sie noch nicht kennt: Sie arbeitet seit Kurzem bei Siemens, war zuvor unter anderem bei Volkswagen und Microsoft tätig. Ein großes Thema in ihrem Leben ist Diversität – das hast du eben schon angesprochen.
Erzähl doch einmal: Was bedeutet Diversität für dich persönlich und welche Rolle spielt sie in deinem Leben?
Anna-Lena:
Diversität bedeutet für mich Vielfalt in ganz unterschiedlichen Dimensionen.
Dazu gehören beispielsweise soziale Herkunft, kulturelle Herkunft, Weltanschauung, geschlechtliche Identität, persönliche Erfahrungen und viele weitere Merkmale.
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle glücklicher sind, wenn wir Vielfalt leben und Inklusion ermöglichen.
Sibylle:
Für Unternehmen – gerade auch kleine und mittlere Unternehmen – ist Vielfalt ebenfalls ein wichtiges Thema.
Wo siehst du die Chancen für Unternehmen, wenn sie inklusiv und vielfältig aufgestellt sind?
Anna-Lena:
Ich bin überzeugt, dass unterschiedliche Perspektiven, Hintergründe und Erfahrungen jeden Menschen persönlich und beruflich bereichern können.
Genau darin liegt für Unternehmen eine enorme Chance.
Außerdem gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, dass Innovationskraft und wirtschaftlicher Erfolg eng mit Vielfalt in der Belegschaft zusammenhängen.
Jens:
Du hast selbst in eher männerdominierten Branchen gearbeitet – zunächst in der Automobilindustrie und heute in einem Technologiekonzern.
Hast du dort besondere Erfahrungen als Frau gemacht?
Anna-Lena:
Auf jeden Fall.
Ich lerne jeden Tag etwas Neues über Vielfalt. Natürlich gab es Situationen, in denen ich als Frau besonders gefordert war.
Diese Erfahrungen haben mich aber auch gestärkt. Sie motivieren mich zusätzlich, anderen Menschen ein Vorbild zu sein und zu zeigen, dass auch Branchen, die heute noch als männlich geprägt wahrgenommen werden, Chancen für Frauen und Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen bieten.
Jens:
Wer „Fräulein Müller“ kennt, weiß, dass dir viele Menschen in den sozialen Medien folgen und dass du deine Reichweite auch nutzt, um auf gesellschaftliche Themen aufmerksam zu machen.
Du warst beispielsweise bei den Digital Female Leader Awards in der Kategorie Diversity nominiert.
Was hat diese Nominierung für dich bedeutet?
Anna-Lena:
Ich habe mich sehr darüber gefreut – vor allem deshalb, weil ich mich nicht selbst nominiert habe, sondern jemand anderes.
Das bedeutet für mich, dass mein Engagement wahrgenommen wurde.
Noch wichtiger als mein eigenes Gesicht in diesem Zusammenhang ist mir allerdings, anderen Menschen eine Plattform zu geben. Menschen, die vielleicht weniger sichtbar sind oder noch keine Stimme haben.
Wenn ich meine Reichweite dafür nutzen kann, ihnen Gehör zu verschaffen, dann ist das für mich besonders wertvoll.
Sibylle:
Gibt es bestimmte Dimensionen von Vielfalt, die dir besonders am Herzen liegen?
Die Charta der Vielfalt zeigt beispielsweise, dass 95 Prozent der Unternehmen Frauen als wichtigste Zielgruppe ihrer Diversity-Aktivitäten nennen.
Ist das auch dein Fokus?
Anna-Lena:
Diversität ist viel mehr als Geschlechtergerechtigkeit.
Deshalb finde ich es ehrlich gesagt etwas schade, wenn sich die Aufmerksamkeit ausschließlich auf Frauen richtet.
Vielfalt umfasst viele weitere Dimensionen.
Ein Thema, das mir besonders wichtig ist, ist die soziale Herkunft. Die Charta der Vielfalt hat diesen Aspekt erst vor Kurzem ausdrücklich aufgenommen.
Noch immer hängt der Bildungsweg vieler Menschen stark vom Elternhaus ab. Ich selbst bin die Erste in meiner Familie, die studiert hat. Deshalb liegt mir dieses Thema besonders am Herzen.
Jens:
Du hast bei großen Konzernen wie Siemens, Volkswagen und Microsoft gearbeitet.
Haben große Unternehmen beim Thema Diversität Vorteile gegenüber kleinen und mittleren Unternehmen?
Anna-Lena:
Nein, das glaube ich nicht.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Unternehmen jeder Größe die Möglichkeit haben, Vielfalt aktiv zu gestalten.
Vielleicht haben kleinere Unternehmen sogar Vorteile, weil Veränderungen dort oft schneller umgesetzt werden können und der Austausch direkter stattfindet.
Sibylle:
Ich habe dazu ein interessantes Zitat aus der Studie „Blackbox Mittelstand“ gelesen.
Ein Geschäftsführer sagte dort sinngemäß: „Wenn ich mich vor meine Mitarbeitenden stellen und sagen würde: Ab heute machen wir Diversity, dann würden mich alle fragend anschauen.“
Meine These ist, dass der Begriff selbst in kleinen und mittleren Unternehmen oft gar nicht so geläufig ist, Vielfalt aber trotzdem selbstverständlich gelebt wird.
Wie siehst du das?
Anna-Lena:
Ich glaube, da ist viel Wahres dran.
Wenn man sagt: „Ab heute machen wir Diversity“, hilft das wahrscheinlich niemandem weiter.
Wenn man aber sagt: „Wir sind vielfältig, offen und bunt“, dann können sich die Menschen direkt etwas darunter vorstellen.
Jeder kann sich umschauen und feststellen, dass wir alle unterschiedlich sind.
Es geht darum, dafür Bewusstsein zu schaffen, Berührungsängste abzubauen und Menschen auf diesem Weg mitzunehmen.
Diversität ist kein Zustand, den man von heute auf morgen erreicht. Es ist ein gemeinsamer Entwicklungsprozess.
Jens:
Du sprichst oft davon, Menschen sichtbar zu machen und ihnen eine Stimme zu geben.
Ist das auch eine Aufgabe von Führungskräften? Und was können Unternehmen konkret tun, um die Vielfalt ihrer Belegschaft besser zu nutzen?
Anna-Lena:
Das ist nicht nur Aufgabe von Führungskräften, sondern von allen Mitarbeitenden.
Wir alle haben sogenannte „Unconscious Biases“, also unbewusste Denkmuster und Vorurteile, die unser Handeln beeinflussen.
Der erste Schritt besteht darin, sich dieser Mechanismen bewusst zu werden und aktiv daran zu arbeiten.
Nur so können wir voneinander lernen und Vielfalt wirklich nutzen.
Sibylle:
In derselben Studie stimmen übrigens 100 Prozent der befragten mittelständischen Unternehmen der Aussage zu: „Wir müssen innovativ sein und dafür brauchen wir künftig vielfältigere Teams.“
Ich finde außerdem, dass nicht nur unterschiedliche Lebensläufe, sondern auch unterschiedliche Arbeitsstile Teams bereichern.
Wenn man Stellenanzeigen liest, hat man oft das Gefühl, alle suchen ausschließlich nach dem perfekten High Performer.
Da könnte man doch auch anders denken, oder?
Anna-Lena:
Absolut.
Ich glaube, viele Stellenausschreibungen könnten ehrlicher und verständlicher formuliert werden.
Oft sind sie sehr kompliziert geschrieben. Manche Bewerberinnen und Bewerber können dann gar nicht erkennen, worum es eigentlich geht.
Wenn Unternehmen klarer und menschlicher kommunizieren würden, könnten sie deutlich mehr Menschen ansprechen.
Jens:
In deiner aktuellen Rolle arbeitest du unter anderem mit dem FC Bayern zusammen.
Dort treffen Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und kultureller Hintergründe aufeinander und arbeiten erfolgreich zusammen.
Welche Rolle spielen kulturelle Unterschiede für dich persönlich? Bereichern sie deine Arbeit? Und wie geht Siemens mit kultureller Vielfalt um?
Anna-Lena:
Ich habe das Glück, in einem internationalen Team zu arbeiten – mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit ganz verschiedenen Erfahrungen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Bei Siemens arbeite ich außerdem zum ersten Mal in einem Unternehmen, in dem Englisch die Unternehmenssprache ist. Dadurch gibt es keine sprachlichen Barrieren. Wir kommunizieren alle auf Englisch, unabhängig von unserer Muttersprache.
Seit inzwischen knapp vier Monaten lerne ich dort jeden Tag dazu und entdecke immer neue Facetten von Vielfalt.
Vor Kurzem hatten wir in unserer Kommunikationsabteilung ein „Ask Me Anything“ zum Thema Inklusion und Vielfalt. Dabei wurde ein Aspekt angesprochen, den ich bislang gar nicht so bewusst wahrgenommen hatte: Altersdiversität.
Wir sprechen oft über junge High Potentials. Gleichzeitig bringen erfahrene Kolleginnen und Kollegen einen enorm wertvollen Erfahrungsschatz mit.
Und selbst in dieser Session habe ich wieder etwas gelernt. Obwohl ich mich selbst als offen bezeichnen würde, wurde mir bewusst, dass ich jeden Tag dazulernen kann.
Unser Team besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen. Wenn wir in einem Videocall zunächst nur deutsche Kolleginnen und Kollegen sind, sprechen wir häufig Deutsch. Kommen später internationale Kolleginnen oder Kollegen dazu, beenden wir oft noch schnell unsere deutschen Sätze.
Damit schließen wir andere Menschen jedoch ungewollt aus.
Das war mir vorher nicht in dieser Form bewusst. Und genau das meine ich: Wir haben jeden Tag die Möglichkeit, dazuzulernen.
Deshalb sprechen wir inzwischen häufig von Anfang an Englisch – selbst dann, wenn zunächst nur deutschsprachige Kolleginnen und Kollegen im Gespräch sind. So kann jede Person sofort teilnehmen, sobald sie dazukommt.
Jens:
Glaubst du, dass Diversität immer ein Prozess bleiben wird? Oder gibt es irgendwann den Punkt, an dem man sagen kann: Jetzt haben wir es geschafft?
Anna-Lena:
Ich glaube, dass Vielfalt immer ein Prozess bleiben wird.
Gleichzeitig hoffe und glaube ich, dass Inklusion – also das eigentliche Ziel von Vielfalt – erreichbar ist.
Vielfaltsdimensionen verändern sich ständig. Gesellschaften verändern sich, Lebensrealitäten verändern sich und darauf müssen wir reagieren können.
Deshalb wird es immer wichtig bleiben, aufmerksam zu sein und sich weiterzuentwickeln.
Sibylle:
Jetzt stell dir vor, ich wäre eine gute Fee und du hättest einen Wunsch frei.
Was wünscht sich Fräulein Müller für die Zukunft in Sachen Diversität und Inklusion?
Anna-Lena:
Dass jede und jeder den Wert von Vielfalt erkennt, versteht und lebt.
KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen
Jens:
Diverse Unternehmen sind erfolgreicher. Und Erfolg steht Ihnen gut – Vielfalt übrigens auch.
Deshalb geben wir Ihnen jetzt drei konkrete Tipps mit auf den Weg, wie auch Ihr Unternehmen vielfältiger werden kann.
Sibylle, dein erster Tipp?
Sibylle:
Setzen Sie auf Vielfalt.
Bunte und vielfältige Teams sind erfolgreicher. Profitieren Sie von unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Ideen.
Jens:
Unser zweiter Tipp:
Sibylle:
Sprechen Sie Ihre Zielgruppen gezielt an.
Sie möchten mehr Bewerbungen von Menschen mit Migrationsgeschichte, von älteren Frauen oder von Menschen mit Behinderung erhalten?
Dann achten Sie bereits in Ihren Stellenanzeigen darauf, alle Menschen anzusprechen und niemanden auszuschließen.
Zeigen Sie außerdem Vorbilder aus Ihrer vielfältigen Belegschaft. So können sich potenzielle Bewerberinnen und Bewerber leichter mit Ihrem Unternehmen identifizieren.
Jens:
Und hier kommt Tipp Nummer drei:
Sibylle:
Fokussieren Sie sich auf Gemeinsamkeiten.
Für ein harmonisches Team sollten Sie nicht nur Unterschiede betrachten, sondern auch die verbindenden Elemente stärken.
Fördern Sie diese beispielsweise durch Teambuilding-Maßnahmen, gemeinsame Ausflüge oder – in Zeiten von Corona – durch virtuelle Kaffeepausen oder gemeinsame Kochabende.
KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen
Jens:
Wir bedanken uns noch einmal ganz herzlich bei Anna-Lena Müller.
Du bist eine hervorragende Mitbesetzerin unseres Sofas gewesen. Vielen Dank, dass du heute hier warst.
Anna-Lena:
Danke euch.
Jens:
In der letzten Folge war übrigens Anna-Lenas Siemens-Kollege Thomas Leubner bei uns zu Gast.
Wir haben ihn gefragt, was er persönlich aus der Corona-Zeit für seine Arbeit und sein Unternehmen gelernt hat.
Thomas:
Mein Learning aus der Krise:
Die Corona-Pandemie hat beschleunigt, was wir in der Aus- und Weiterbildung bereits in den vergangenen Jahren begonnen hatten.
Wir erleben einen klaren Wandel hin zu stärker selbstbestimmtem Lernen, zu individuellem Lerntempo und zu digitalen Lernplattformen.
Unser Learning ist deshalb: In Krisen wie Corona stecken manchmal große Chancen, positive Entwicklungen schneller voranzubringen.
Sibylle:
Schön, dass Sie auch heute wieder dabei waren.
Die nächste Folge von KOFA auf dem Sofa erscheint am 2. Juni. Dann sprechen wir darüber, wie Unternehmen auch Alleinerziehenden eine Ausbildung ermöglichen können.
Ich freue mich darauf – und auf Sie.
Bis dann.
Jens:
Ich freue mich auch.
Tschüss.
Beide:
Fachleute für Fachkräfte.
KOFA auf dem Sofa – der Podcast.