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Transkript: Folge 28

KOFA auf dem Sofa: Wie offen sind Unternehmen für Neues?

Jens: 
KOFA auf dem Sofa, der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer. 

Herzlich willkommen hier bei KOFA auf dem Sofa. Heute wird es um Innovation gehen, immer auch verbunden mit Neugier. Wir sprechen darüber, warum auch kleine und mittlere Unternehmen offen sein sollten, warum sie mutig sein sollten und noch ganz vieles mehr. 

Heute sind wir zu dritt. Sibylle ist natürlich auch wieder hier bei mir. Hallo. 

Sibylle: 
Hallo Jens. Ich freue mich total auf unseren Gast heute bei uns auf dem Sofa. 

Jens: 
Genau. Wir haben einen ganzen Verein, der gar nicht besser besetzt sein könnte für genau diese Folge. Er heißt Thomas Jarzombek. 

Hallo, schön, dass Sie da sind. 

Thomas: 
Hallo. 

Jens: 
Warum gerade Sie der richtige Mann für dieses Thema Innovationen sind, das würden wir am liebsten von Ihnen selbst hören. 

Treue KOFA-auf-dem-Sofa-Hörerinnen und -Hörer wissen aus der Folge mit Tijen Onaran schon, was ein Elevator Pitch ist. Genau das würden wir ganz gerne auch mit Ihnen machen. 

Haben Sie Lust, eine Runde mit uns Fahrstuhl zu fahren? 

Thomas: 
Ich laufe zwar lieber Treppen, aber mit Ihnen fahre ich gerne Fahrstuhl. 

Jens: 
Okay, gut. Dann passen Sie auf: Wir steigen jetzt in den Fahrstuhl ein, die Türen schließen und dann geht es los. 

Thomas: 
Also, die Frage, warum ich der Richtige bin, haben offensichtlich Sie entschieden. Das sollte man ja nie von sich selbst sagen. 

Aber über mich selbst kann ich sagen: Ich bin Unternehmensgründer und Politiker geworden, vor etwas mehr als zehn Jahren. Ich bin Enthusiast für Innovation, vor allem für disruptive Innovation. 

Mein Herz schlägt für Start-ups und ich wünsche mir, dass Deutschland hier global sehr deutlich aufholt. Daran arbeite ich seit anderthalb Jahren als Beauftragter für Start-ups und Digitalwirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium. 

Jens: 
Und da ist die Fahrstuhltür wieder aufgegangen. Es hat zeitlich genau gepasst. Wunderbar. 

Digitalisierung, wenn wir Deutschland im internationalen Vergleich betrachten, muss man doch feststellen, dass wir in vielen Punkten im Moment noch längst nicht dort sind, wo wir vielleicht sein könnten. 

Woran liegt das? 

Thomas: 
Das liegt, glaube ich, daran, dass die Deutschen ein Volk sind, das Perfektion liebt. 

Das sehen wir in vielen Bereichen. Das hat sehr positive Aspekte. Deshalb sind wir, glaube ich, eine sehr gute Ingenieursnation. 

Mir sagte einmal jemand: Wenn der Ferrari aus der Fabrik rollt, stehen ergriffene Ingenieure daneben und sagen: „Er ist so wunderschön und dieser Sound.“ Während in Sindelfingen bei der neuen E-Klasse dann ein Ingenieur sagt: „Aber links ist das Spaltmaß doch noch zwei Nanometer zu breit.“ 

Das ist, glaube ich, etwas, was uns als Ingenieursnation auszeichnet. Aber wenn dieser Perfektionismus auf die deutsche Bürokratie trifft, dann wird er eben zum Klotz am Bein. 

Ich glaube, das erleben wir gerade in dieser Coronazeit noch sehr viel deutlicher als schon vorher. 

So eine gewisse Hands-on-Mentalität, die Neigung, Dinge auch einmal zu machen, wenn sie noch nicht ganz fertig sind, das geht uns ein Stück weit ab. 

Das braucht man aber, glaube ich, um erfolgreich in der Digitalisierung zu sein. 

Ich habe aber auch den Eindruck, dass wir durch Corona die Chance haben, dass sich hier ein Stück weit ein Sinneswandel vollzieht und wir doch einmal hemdsärmeliger zu Werke gehen können, als das vielleicht in der Vergangenheit der Fall war. 

Sibylle: 
Ich habe da direkt eine Frage dazu. Im Grunde sind die Eigenschaften, die wir während Corona gelernt haben – vielleicht auch noch stärker Flexibilität, Initiative und Unternehmergeist – ja durchaus da. 

Die Frage, die ich mir stelle: Gehen wir jetzt wirklich auch durch Corona langfristige Innovationsprojekte an und machen eben auch das Disruptive, was Sie erwähnen? Oder gibt es nicht vielleicht ein gewisses Beharrungsvermögen, wieder zurückzuwollen zu dem, was vorher da war? 

Machen Sie da schon Erfahrungen? 

Thomas: 
Das Beharrungsvermögen gibt es mit Sicherheit. 

Wenn wir in diesen Tagen auf die Impfstrategie schauen, dann ist das natürlich wieder typisch deutsch und total perfektionistisch. Wir machen eine Impfkommission, eine Ethikkommission, Regelwerke, Risikogruppen, Atteste und Nachweise. 

Ich fürchte, dieses Virus ist noch nicht ausgerottet und dagegen gibt es auch keinen ganz einfachen Impfstoff. 

Auf der anderen Seite machen wir allerdings sehr große Ausgaben rund um Corona. Da komme ich zum positiven Punkt. 

Neben den Konjunkturprogrammen, mit denen wir etwa durch Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld helfen, haben wir auch sehr große Technologieprogramme auf den Weg gebracht. 

Wir investieren zum Beispiel viereinhalb Milliarden Euro in Halbleiter, zwei Milliarden Euro in Quantencomputer, sieben Milliarden Euro in eine Wasserstoffstrategie und in viele weitere Bereiche. Davon glaube ich, dass sie mittelfristig extrem auf das Thema Deutschland als Innovationsstandort einzahlen. 

Jens: 
Jetzt haben wir aber gehört, dass viele Unternehmen erst einmal vorsichtig sind. 

Was könnte denn eine mittelfristige Folge davon sein, wenn sich gerade kleine und mittlere Unternehmen sagen: „Das mit der Digitalisierung ist mir jetzt alles ein bisschen viel. Früher waren wir nicht so digital und online. Warum sollen wir es denn jetzt plötzlich werden? Das ging doch die letzten Jahre auch ohne.“ 

Thomas: 
Ich habe in meinem Berufsleben mit vielen mittelständischen Unternehmen zu tun gehabt und IT-Lösungen verkauft und implementiert. 

Insofern kenne ich die Mentalität, gerade bei kleineren Unternehmen, wo manchmal Geschäftsführer sagen: „Ich habe noch fünf Jahre. Das ging bisher ohne und was soll es?“ 

Das Gute in der Marktwirtschaft ist ja am Ende, dass Unternehmen auch verschwinden können, wenn sie nicht mehr effizient sind, wenn der Zug sozusagen abgefahren ist. Damit geben sie ihre Ressourcen wieder frei für neue, die kommen. 

Ich glaube ordnungspolitisch sehr daran, dass es am Ende die Verantwortung der Unternehmen selbst ist. Da sind wir stark. Der Mittelstand ist deshalb stark, weil dort viele sehr gute Leute am Ende Entscheidungen getroffen haben. 

Aber diejenigen, die den Zug der Digitalisierung verpassen, müssen irgendwann hinaussteigen. Dafür kommen neue. 

Deshalb investieren wir sehr viel in Start-ups. Bei den Dingen, die ich vorhin erwähnt habe, habe ich noch nicht erwähnt, dass wir mit 30 Milliarden Euro einen Zukunftsfonds auflegen, um neue Unternehmen aufzubauen, die dann vielleicht mit den Mitarbeitenden der alten Unternehmen tatsächlich an die Spitze der Digitalisierung kommen. 

Wir haben im Übrigen auch eine ganze Reihe von Angeboten für Mittelständler, die sich digitalisieren wollen und über ihre digitale Strategie nachdenken. 

Ihnen bieten wir die Mittelstand-Kompetenzzentren an. Davon gibt es 26 in ganz Deutschland. Außerdem haben wir das Programm „Digital Jetzt“. 

Für die Willigen und diejenigen, die verstanden haben, dass es wichtig ist, haben wir viele Angebote, um sie dabei zu unterstützen. 

Jens: 
Wenn wir uns einmal die DIHK-Unternehmensbefragung anschauen, da ging es ja auch um die Frage der Digitalisierung und im Prinzip um Schulnoten, die sich die Unternehmen selbst geben würden. 

Die bewerten sich im Schnitt mit der Note 2,9. Ich würde sagen: Da ist noch ein bisschen Luft nach oben, bis daraus ein Einser-Kandidat wird. 

Thomas: 
Aber die Selbsterkenntnis ist doch schon einmal ganz gut. 

Ich finde, das sind gute Mechanismen, dass man sich im Unternehmen anfängt zu überlegen: Wie bewerten wir uns eigentlich selbst? 

Natürlich sind die IHKn als Teil der Selbstorganisation der Wirtschaft schon einmal gute Anlaufstellen, auch um mitzubekommen: Was kann man besser machen? Wie kann man die Mitarbeitenden qualifizieren? 

Ich komme noch einmal auf unsere Programme zurück. Mit „Digital Jetzt“ haben wir gerade ein Programm, mit dem wir Unternehmen eine Erstberatung finanzieren. 

Genau für diejenigen, die jetzt feststellen: „Oh, ich gebe mir selbst nur eine Drei. Wie kann ich dann auf eine Zwei oder Eins kommen?“ 

Denen schenken wir sozusagen eine Beratung im Wert von mehreren Tausend Euro, mit der sie eine digitale Strategie bauen können. Auch eine eigene Stärken-Schwächen-Analyse kann daraus entstehen und ein Plan, wie man in der Digitalisierung von der Drei auf die Eins kommt. 

Sibylle: 
Wow, darüber werden wir beim KOFA sicherlich auch noch einmal weiter informieren. 

Jetzt ist es ja so: Wenn wir darauf schauen – und Sie haben ja auch als Unternehmer die Erfahrung gemacht –, braucht es manchmal ganz schön viel Überzeugungsarbeit, um erst einmal basale Schritte zu gehen. 

Dann frage ich mich: Es gibt ja noch ein Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt, nämlich künstliche Intelligenz. 

Wie kann es gelingen, auch Mittelständler dazu zu bringen, sich diesem Thema zu öffnen, das für KMU zunächst sehr weit weg vom Unternehmensalltag erscheinen kann? 

Haben Sie dazu Ideen? 

Thomas: 
Ich bin sozusagen Technologiefreak. Ich fokussiere mich nicht nur auf ein Thema wie AI, Blockchain oder was auch immer. Aber AI ist auf jeden Fall eine sehr zentrale Sache. Die Bundesregierung hat ja auch eine AI-Strategie erarbeitet. 

Ich glaube, dass sich für Mittelständler konkret die Frage stellen wird: Gibt es fertige Produkte, die ich einkaufen kann und mit denen ich arbeiten kann? Gibt es für mich konkrete Anwendungsfälle? 

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein mittelständisches Unternehmen eigene AI-Entwicklerinnen und -Entwickler einstellt und eigene Routinen entwickelt, ist eher gering. Das wird es sicherlich auch geben. Aber der Kern der Sache wird sein: Nutze ich beispielsweise Amazon Web Services und darauf aufbauende Cloud-Anwendungen, in denen AI eingebaut ist? 

Dem stellen wir mit Gaia-X jetzt als europäische Initiative einen Rahmen gegenüber, mit dem wir die europäischen Cloud-Anbieter, die kurz davor sind, hier vom Markt zu verschwinden, wieder zusammenbringen wollen. 

Wir wollen hier einen Rahmen technischer Standards verabschieden. Nicht eine Firma daraus machen, sondern einen Rahmen schaffen, in dem sich Anbieter miteinander vernetzen können. 

Dabei sollen auch Maschinendaten aus dem gesamten IoT-Bereich einbezogen werden, sodass ein echter Mehrwert entsteht. Darauf kann dann auch eine Entwicklergemeinde aufbauen, die mit künstlicher Intelligenz Anwendungen für den Mittelstand bereitstellt – schlüsselfertig sozusagen zur Benutzung. 

Jens: 
Das ist jetzt ja alles erst einmal sehr abstrakt, zumindest für den Mittelständler. 

Gibt es praktische Ideen oder Beispiele, wo der Mittelstand heute schon von künstlicher Intelligenz profitieren kann? 

Thomas: 
Ich glaube, dass in vielen Dingen künstliche Intelligenz enthalten ist, wo es überhaupt noch gar nicht draufsteht. 

Jede IT- und Digitallösung, die Sie in den nächsten Jahren einsetzen werden, wird KI-Komponenten enthalten. 

Dann ist die Frage: Wo kommen diese her und wie kann ich sie am Ende für mich wirklich nutzbar machen? 

Ich sehe sehr viele Initiativen auch aus der Industrie, um solche Lösungen an mittelständische Unternehmen zu vertreiben. 

Wichtig ist, dass wir am Ende nicht auf einem Feld landen, auf dem es nur noch amerikanische Angebote von Google, Microsoft, Amazon und wem auch immer gibt, sondern dass wir hier auch eine eigenständige Industrie haben. 

Sibylle: 
Ich halte das für einen total zentralen Punkt, was Sie sagen: dass eben nicht jeder Mittelständler das für sich selbst allein entwickeln können muss. 

Zumal wir ja auch bei den IT-Berufen große Fachkräftelücken haben. Das KOFA hat zuletzt errechnet, dass da 22.000 Erwerbstätige in Deutschland fehlen. Andere Schätzungen sind sogar noch deutlich höher. 

Das heißt, ein bisschen kann man ja auch sagen: Vielleicht haben wir in der Vergangenheit zu wenig Leute ausgebildet, die das jetzt umsetzen können. 

Verena Pausder ist ja in ihrem Buch „Das neue Land“ auch der Überzeugung, dass wir früh ansetzen müssen, um Deutschland wieder innovationsfähig zu machen. Also nicht nur Mittelfeld zu spielen, sondern auch die Tore zu schießen. 

Wie sehen Sie das ganze Thema, digitale Bildung stärker in Deutschland zu implementieren? Wo stehen wir da? 

Thomas: 
Um noch einmal auf den Mittelstand zurückzukommen: Eine typische KI-Lösung kann zum Beispiel darin bestehen, dass sich Geräte selbst monitoren. 

Predictive Maintenance. Also durch akustische und andere Sensoren herauszufinden, ob irgendwann der Fahrstuhl, in dem wir vorhin gepitcht haben, vielleicht ein Problem bekommt. 

Ich glaube, dafür brauchen Sie keine speziellen Fachkräfte in Ihrem eigenen Unternehmen. Sie brauchen am Ende Dienstleister, die Ihnen helfen, solche Produkte anbieten und sie im Zweifel in Ihren Fahrstuhl einbauen. 

Da ist dieses Fachkräftethema in der Tat eines, das wir haben. Es ist aber kein KI-spezifisches und auch kein softwarespezifisches Problem. 

Ich höre sogar aus der Bauindustrie, dass es dort Fachkräftemangel gibt. Das ist etwas, was wir insgesamt in einer schrumpfenden Bevölkerung ganz offensichtlich sehen. 

Wir werden auch nicht alle, die jetzt in KI oder Digitalisierung arbeiten sollen, aus der Schule nehmen, erst einmal an eine Universität stecken und dann sind sie am Ende Diplom-KI-Ingenieur. 

Ich glaube, wir werden hier sehr viele Menschen sehen, die sich selbst fortbilden, die die Seiten wechseln, die als Quereinsteiger in solche Bereiche gehen. 

Das ist in der IT ohnehin ziemlich verbreitet, bei der Softwareentwicklung ebenfalls. Dafür brauchen wir mehr digitale Bildungsangebote. 

Das Hasso-Plattner-Institut macht zum Beispiel sehr gute MOOCs, also Massive Open Online Courses, mit Nanozertifikaten. 

Das sind Dinge, die ich für sehr zukunftsfähig halte. Menschen können sich aus bestehenden Berufen heraus weiterqualifizieren, das auch ein Stück weit nachweisen und in kleinen Häppchen lernen, ohne sich gleich auf eine vierjährige Ausbildung einlassen zu müssen. 

Mit vielen kleinen Zertifikaten kann man am Ende nachweisen, dass man bestimmte Dinge kann, und dann auch in so einen Markt einsteigen. 

Jens: 
Es gibt Zahlen aus dem Jahr 2019, nach denen 43 Prozent der Stellen, in denen es explizit um KI ging, nicht besetzt werden konnten. 

Vielleicht in dem Zusammenhang auch noch einmal ein kurzer Verweis auf Folge Nummer 20 von KOFA auf dem Sofa. Da haben wir Tipps gegeben, wie man als KMU seinen Recruiting-Baukasten breiter aufstellen und neue Möglichkeiten nutzen kann. 

Ich fand ganz interessant, dass Sie im letzten November in Düsseldorf wohl den ersten digitalen Supermarkt in Deutschland eröffnet haben. 

Wie muss man sich das vorstellen? Also: Kein Personal mehr da und nur Rechner, Obst und Gemüse und was es sonst noch an der Kühlung gibt? Oder wie läuft das? 

Thomas: 
Ich muss auch sagen, ich fand es ziemlich spannend. 

Die rollen diese Supermärkte offensichtlich quer über Deutschland aus. Es sind tatsächlich Gründer mit einem europäischen Hintergrund, was ich per se erst einmal sympathisch finde und was auch zeigt, dass Europa als Innovationsstandort nach wie vor nicht abgehängt ist. 

Die haben am Ende ein Robotersystem, das bestimmte Waren gekühlt und andere nicht gekühlt lagert. Wenn Sie dort hinkommen, können Sie sich mit einer App aussuchen, was Sie brauchen. Dann stellt Ihnen die Maschine eine Tüte zusammen und diese können Sie aus einem Fach herausnehmen. 

Das ist die Grundidee. 

Es findet sich wirklich keine Person mehr darin. Das ist im Augenblick tatsächlich auch Corona-geeignet. 

Die Maschine lernt auch. So wurde es mir beschrieben: An jedem Standort werden andere Dinge nachgefragt. Die Maschine lernt, welche Dinge wie oft nachgefragt werden, und sortiert in der Nacht oder in Zeiten, in denen nichts los ist, selbstständig das eigene Lager so um, dass die häufig nachgefragten Dinge weiter vorne stehen und schneller ausgeliefert werden können. 

Ich finde das ein ziemlich gutes Beispiel für Robotik, für KI, aber auch für Digitalisierung, weil das Ganze appgesteuert läuft. 

Sibylle: 
Ich finde es aus anderer Hinsicht noch ein interessantes Beispiel. Denn, wie Sie sagten: Das waren drei männliche Gründer, die das gemacht haben. Bei uns zu Hause ist Einkaufen eher Frauensache. 

Trotzdem ist es ja ein bisschen typisch: Wir Frauen machen es manchmal, aber gründen tun eher die Männer. 

Nur 16 Prozent der Gründerinnen und Gründer sind weiblich, sagt der Female Founders Monitor 2020. Auch Sie haben diese Zahl auf LinkedIn geteilt und gefragt: Woran liegt das? 

Haben Sie Erklärungen bekommen? 

Thomas: 
Oh ja. 

Erst einmal: In meinem eigenen Haushalt ist das Einkaufen zwar nicht hart quotiert, aber ich hoffe und glaube, dass es einigermaßen ausbalanciert ist. 

Beim Thema weibliche Gründungen legen Sie den Finger in die richtige Wunde. Da ist natürlich ein riesiges Potenzial. 

Wir haben viel zu wenige Gründer in Deutschland und wir haben noch viel zu wenige Gründerinnen. Da ist einfach ein ungehobenes Potenzial. 

Ich glaube, dass Innovation am Ende nur durch Start-ups wirklich kommt, weil es in großen Unternehmen in der Regel schwierig ist, Disruption wirklich durchzusetzen. 

Selbst bei Google und Facebook wurden WhatsApp, YouTube und Instagram dazugekauft und nicht im eigenen Konzern erfunden. 

Deshalb brauchen wir Start-ups, Gründer und Gründerinnen. 

Meine persönliche Erkenntnis ist außerdem, dass gemischte Teams deutlich besser funktionieren und man durch unterschiedliche Blickweisen bereichert wird. 

Wir haben einen Beirat Junge Digitale Wirtschaft im Wirtschaftsministerium. Dieser Beirat hat übrigens eine Frau mehr als Männer. Das war mir persönlich sehr wichtig. 

Dieser mehrheitlich weibliche Beirat hat sich dieses Thema auch vorgenommen und dazu einen ganz spannenden Bericht vorgelegt, den man herunterladen kann. 

Wir arbeiten hier im Haus gerade an einer Strategie, wie wir es für Gründerinnen attraktiver machen können. 

Das hat ganz viele Modelle. 

Es beginnt bei Rollenbildern in der Schule. Eine Idee ist zum Beispiel, Gründerwettbewerbe zu machen, bei denen nur gemischte Teams mitmachen können. So wird schon in Kindesbeinen gelernt, wie Gründen funktioniert und dass Gründen idealerweise ein Sport ist, den Jungs und Mädchen gemeinsam machen. 

Das geht weiter über Kinderbetreuungsangebote. Das ist ein ganz großes Thema. Die typische Nine-to-five-Logik einer Kita funktioniert für Gründerinnen und Gründer mit Kindern eben nicht. 

Am Ende mündet es in der Frage, wie weibliche Gründungen besser an Wagniskapital beteiligt werden können. 

Gibt es da einen Similarity Bias? Viele sagen: Ja, den gibt es. 

Und wie kann man weibliche Investmentmanagerinnen nach vorne stellen und bessere Chancen für weibliche Teams schaffen? 

Jens: 
Aber sehe ich das denn richtig, dass durch die Corona-Pandemie möglicherweise die Chancen für mehr Frauen in Start-ups so gut stehen wie noch nie? Denn wir denken im Moment ja ganz vieles neu. 

Thomas: 
Insgesamt glaube ich, dass die Chancen gut sind, etwas Neues zu machen. 

In einer Krise sehe ich immer viele Gründungen. Das sind, so wird es mir jedenfalls berichtet, historisch auch diejenigen, die die besten Chancen haben. 

Wer in der Krise gründet und da durchkommt, hat sozusagen schon das entsprechende Rüstzeug und Durchhaltefähigkeit bewiesen. Dann kann der Rest auch nicht mehr schocken. 

Insofern glaube ich, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist zu gründen. 

Ich finde es immer toll, wenn man auf Gründerinnen und Gründer trifft, die genau jetzt in der Krise etwas Neues starten. 

Jede Krise birgt auch eine Menge Chancen. Gerade beim Thema Digitalisierung sind jetzt viele offener, als sie es vielleicht noch vor anderthalb Jahren gewesen wären. 

Sibylle: 
Ich bin total angetan und habe schon direkt Lust. Meine Tochter ist gestern sechs geworden. Wenn bis dahin alles bereitet ist und wir jetzt die Ärmel hochkrempeln und das auch umsetzen, dann bin ich sofort mit dabei. Also, es klingt für mich sehr gut. 

Thomas: 
Mein Sohn ist auch sechs. Da kann man, glaube ich, schon toll beginnen. 

Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt hier Schleichwerbung mache, aber Lego ist etwas, das man in vielen Kinderzimmern findet. Da gibt es auch für Sechsjährige bereits programmierbare Roboter, die sicherlich schon einmal gut auf das Thema Softwareentwicklung vorbereiten. 

Das geht weiter über Drohnenwettbewerbe für Teenager. Ich war tatsächlich schon dabei. Für Sechsjährige ist das vielleicht noch ein bisschen früh. Dort ging es darum, Drohnen zu programmieren. 

Es gibt auch Modelle, die speziell für den Schuleinsatz gedacht sind. Da kann man Waypoints programmieren und Ähnliches. 

Ich glaube, man kann Kinder schon sehr gut spielerisch an diese Themen heranführen. 

Die vorhin schon erwähnte Verena Pausder hat ja gemeinsam mit HABA die Digitalwerkstätten gegründet. Ich habe mir das selbst einmal angeschaut. Dort fängt man schon mit Kindern im Alter von sechs oder sieben Jahren an, sie von Konsumenten zu Produzenten digitaler Inhalte zu machen. 

Also dazu zu bringen, nicht nur digitale Inhalte zu konsumieren, sondern auch selbst welche zu erstellen. 

Da kann ich nur jeden ermutigen, das mit den Kindern zu machen. Das ist mit Sicherheit der richtige Weg. 

Sibylle: 
Lassen Sie uns vielleicht noch einmal einen kleinen Blick in die Zukunft werfen. Das ist ja immer spannend, Prognosen zu hören, was in ein paar Jahren sein wird. 

Voraussichtlich im Februar haben Sie neben vielen anderen bekannten Köpfen wie Fabian Kienbaum oder Frank Thelen einen Beitrag zum Buch Zukunftsrepublik – 80 Vorausdenker springen in das Jahr 2030 beigesteuert. 

Ihre Aussage war: „Strukturelle Zwänge innerhalb von Organisationen und Systemen erschweren den schnellen Wandel.“ 

Heißt das, Bürokratie ist und bleibt das Problem? 

Thomas: 
Nein, das ist weniger auf Bürokratie bezogen. 

Es geht tatsächlich eher um die Frage: Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten bei Volkswagen und wollen Elektromotoren promoten – in dem Jahr, in dem Sie die meisten Dieselmotoren in der Geschichte des Unternehmens verkaufen. 

Dann sehen Sie sich möglicherweise einer Mehrheit von Kolleginnen und Kollegen gegenüber, die sagen: „Was soll denn das mit diesem Elektrozeug? Damit verdienen wir doch kein Geld. Die Batterien kommen aus China. Wir haben noch nie so viele Dieselmotoren verkauft wie jetzt. Wir sind doch super erfolgreich.“ 

Das ist natürlich das Problem von Innovation. Man muss sich fragen: Wie wird der Markt in fünf oder zehn Jahren aussehen? Und bin ich bereit, mein eigenes Geschäftsmodell zu zerstören, um vor der Welle zu sein und das nächste Geschäftsmodell aufzubauen? 

Natürlich ist das immer mit Risiko verbunden. Heute weiß schließlich niemand sicher, ob sich Elektromobilität in der Breite vollständig durchsetzen wird. 

Volkswagen hat diese Frage erstaunlich klar für sich beantwortet und gesagt: „Wir machen das und setzen alles auf Elektro.“ 

Man liest ja in der Presse, dass das auch intern harte Auseinandersetzungen ausgelöst hat, weil es dort viele Skeptiker gab. 

Ich finde, das ist ein sehr mutiger und positiver Schritt. 

In vielen anderen Unternehmen ist das anders. Bei Continental konnte man gerade lesen, dass man das Thema Software in der Vergangenheit offenbar nicht so stark priorisiert hat, wie es vielleicht notwendig gewesen wäre. 

Wenn man das erkennt, ist es eigentlich schon zu spät. 

Und genau deshalb braucht es Start-ups. Die haben kein bestehendes Geschäftsmodell, das infrage gestellt wird. Sie gehen einfach los und bauen neue Welten auf. Sie fordern die Platzhirsche heraus. 

Ich glaube übrigens, dass das auch für die Platzhirsche gut ist. Wenn sie herausgefordert werden, bewegen sie sich. Und das tut not. 

Jens: 
Das heißt, man braucht solche Elon Musks, die einfach mutig sind und nach vorne marschieren. Die Start-ups sind zwar längst keine Start-ups mehr, aber sie stoßen Entwicklungen an und die Etablierten springen später auf den Zug auf. 

So ist es doch letztendlich, oder? 

Thomas: 
Ja, oder sie verschwinden auch. 

Beim Thema Elon Musk erleben wir das in Europa gerade sehr deutlich. Ich bin ja auch Luft- und Raumfahrtkoordinator – das haben wir am Anfang gar nicht erwähnt. 

Eines meiner wichtigsten Themen ist der Aufbau deutscher Start-ups im Raumfahrtbereich. Wir haben aktuell drei Firmengründungen, die Raketen bauen. 

Das erste menschengemachte Objekt der Geschichte, das den Weltraum erreichte, kam übrigens aus Deutschland – 1944. Das Problem war allerdings, dass es mit Zwangsarbeit hergestellt wurde und mit Sprengköpfen bestückt war. Das war ein sehr dunkles Kapitel unserer Geschichte. 

Danach verschwand diese Technologie im Prinzip aus Deutschland. Viele Ingenieure gingen in die USA und bauten später die Mondraketen. 

Seit 1944 sind wir nun erstmals wieder in der Lage, selbst mit großen Raketen Dinge in den Weltraum zu transportieren. 

Und jetzt haben wir drei Start-ups, die genau das tun. 

Sie treten gegen die etablierte Ariane-Rakete an, die sehr stark von staatlicher Finanzierung lebt und hohe Subventionen erhält. 

Diese drei Start-ups sagen nun: „Wir brauchen keine Subventionen. Gebt uns ein paar Aufträge. Den Rest finanzieren wir über Wagniskapital und machen alles anders.“ 

Darüber tobt ein enormer politischer Streit. Der etablierte Platzhirsch möchte seine Subventionen natürlich nicht aufgeben und sich dem Wettbewerb stellen. 

Mein Job besteht darin, für fairen Wettbewerb zu sorgen und die jungen Pflänzchen zu schützen, damit sie ohne politische Benachteiligung ihr Ding machen können. 

Vielleicht kommt der nächste Elon Musk tatsächlich aus Bayern oder Baden-Württemberg. 

Ich kann nur empfehlen, sich diese Gründungen anzuschauen. Das sind unglaublich spannende Unternehmen mit faszinierenden Gründerpersönlichkeiten. 

Sibylle: 
Sie haben gerade sehr ausführlich erklärt, was die Bundesregierung tut, um Innovation anzukurbeln. 

Drehen wir den Spieß einmal um: Was wünschen Sie sich von den KMU? Was sollte auf ihrer Seite passieren? 

Was ist Ihr Appell an kleine und mittlere Unternehmen, damit es mit Digitalisierung und Innovation in Deutschland weiter vorangeht? 

Thomas: 
Ich wünsche mir insgesamt Offenheit in der gesamten Gesellschaft. Das ist überhaupt kein KMU-spezifisches Thema. 

Ich habe im Laufe der Jahre beruflich viele KMU kennengelernt, die ausgesprochen aufgeschlossen waren, Innovation schnell adaptiert haben und sich an die Spitze der Entwicklung gesetzt haben. 

Ich glaube, viele KMU sind deutlich innovativer, als man ihnen von außen häufig zutraut. 

Davor habe ich großen Respekt. Vor allen, die den Mut haben, ein Unternehmen zu gründen, zu führen und weiterzuentwickeln. 

Am Ende ist genau das unser Erfolgsmodell: Viele Unternehmen stehen in einem harten Wettbewerb miteinander und müssen sich jeden Tag neu beweisen. Sie müssen ständig Neues entwickeln, um erfolgreich zu bleiben. 

Deshalb sind KMU so innovativ. 

Die Gefahr, die ich allerdings sehe, ist die zunehmende Plattformökonomie. Wenn eine „Winner takes it all“-Logik entsteht, stellt sich die Frage: Bleibt dann überhaupt noch Platz für kleine und mittlere Unternehmen? 

Deshalb setzen wir auch auf Themen wie Blockchain. Blockchain führt zu dezentralen Systemen und eröffnet damit Chancen für kleinere Unternehmen. 

Auch Open Data ist ein Thema, für das ich mich sehr eingesetzt habe. In der letzten Bundestagsperiode war ich einer der Haupttreiber des Open-Data-Gesetzes. 

Mit offenen Daten können neue Innovationen entstehen. 

Der Staat muss für seine Leistungen offene Schnittstellen anbieten, damit auch KMU in Konkurrenz zu manchmal trägen staatlichen Angeboten treten können. 

Wenn Sie heute einen Anwohnerparkausweis beantragen und sich durch die Portale mancher Städte kämpfen müssen, dann könnte eine App eines privaten Anbieters vielleicht eine interessante Alternative sein. 

Das muss möglich sein. Dafür setze ich mich ein. 

Jens: 
Also: Chancen erkennen, neugierig sein, Innovation vorantreiben und selbst aktiv werden. Das gehört einfach dazu. 

Herr Jarzombek, vielen Dank, dass Sie heute unser Gast waren. 

Thomas: 
Ich danke Ihnen. 

Jens: 
Kein Thema hat uns im letzten Jahr so sehr beschäftigt wie Corona. Und das wird wohl leider auch noch eine ganze Zeit lang so bleiben. 

Die Pandemie hat auch in vielen KMU für ein Umdenken gesorgt. Vieles wird heute – insbesondere im Führungsbereich – anders gemacht oder gesehen als noch vor einem Jahr. 

Die Learnings sind natürlich individuell. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen gemacht. Trotzdem können wir alle daraus lernen. 

Einspieler: 
Mein Learning aus der Krise. 

Hallo, mein Name ist Michaela Baldan und ich bin Abteilungsleiterin Personal bei Schüßler-Plan. 

Mein persönliches Learning aus Corona ist: Die Führungskraft ist das soziale Bindeglied. 

Mit Stand-up-Formaten, Vertrauen, Empathie und bewusst eingeplanter Zeit für privaten Austausch funktioniert virtuelle Führung sehr gut. 

Ich bin mir sicher: Das sind die Kompetenzen der Zukunft. 

Jens: 
Und was haben Sie aus der Krise gelernt? Schreiben Sie uns gerne. 

KOFA finden Sie zum Beispiel bei Twitter und natürlich auch auf LinkedIn. 

In der nächsten Folge, die am 7. April erscheint, sprechen wir über die dienstälteren Semester im deutschen Arbeitsmarkt und die Frage: Welche Bedeutung haben Senior Experts dort? 

Freuen Sie sich darauf. Wir tun es auch. 

Und wir sagen Tschüss bis zum nächsten Mal. 

Sibylle: 
Tschüss, auf Wiederhören. 

Outro: 
Fachleute für Fachkräfte. KOFA auf dem Sofa, der Podcast.