
Studienabbrecher einstellen: So sprechen KMU die Zielgruppe an
Ein Studium kann aus unterschiedlichsten Gründen vorzeitig beendet werden. Ein Studienabbruch sagt jedoch wenig über die Fähigkeiten, die Leistungsbereitschaft oder die beruflichen Perspektiven einer Person aus. Im Gegenteil – häufig haben Studienabbrecherinnen und -abbrecher bereits vielfältige Fähigkeiten und Qualifikationen erworben und gelernt, selbstständig zu arbeiten. Bei der Suche nach passenden Fachkräften sind sie daher eine interessante Zielgruppe für KMU.
Das Wichtigste in Kürze
- Potenziale erkennen: Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher bringen meist bereits erworbene Kenntnisse, Erfahrungen und eine gewisse Selbstständigkeit mit und sind daher eine interessante Zielgruppe für die Fachkräftesicherung.
- Die Zielgruppe gezielt ansprechen: Machen Sie bereits in Stellenanzeigen deutlich, dass Sie auch Bewerberinnen und Bewerber ohne Hochschulabschluss willkommen heißen. Nutzen Sie passende Rekrutierungswege wie etwa Jobbörsen, Hochschulangebote, Ihre Karriereseite sowie Social-Media-Kanäle.
- Perspektiven bieten: Ein wertschätzendes Bewerbungsgespräch, Orientierung bei der Berufswahl, ein strukturiertes Onboarding und konkrete Entwicklungsmöglichkeiten erleichtern den beruflichen Neustart.
Welche Vorteile bietet die Rekrutierung von Studienabbrechern? 4 Gründe
Sicherung zukünftiger Fachkräfte
Sie erweitern Ihren Suchradius und erhöhen die Chance, die für Ihr Unternehmen passenden Bewerberinnen und Bewerber zu finden.
Motivation und Arbeitsbereitschaft
Indem Sie Personen mit abgebrochenem Studium Ihr Vertrauen schenken, schaffen Sie die Grundlage für eine motivierte und engagierte Zusammenarbeit.
Kurzfristig einsetzbar
Ehemalige Studierende sind häufig direkt verfügbar. Dies ist besonders interessant, wenn Sie freie Stellen schnell neu besetzen wollen.
Mögliche Verkürzung der Ausbildungsdauer
Durch die Vorbildung aus dem Studium fällt es ehemaligen Studierenden leicht, sich in neue Sachverhalte einzuarbeiten. Der hohe Grad an Selbstständigkeit und die bereits erlernten Fähigkeiten führen häufig zu einer Verkürzung der (dualen) Ausbildungsdauer. Das senkt Ihre Ausbildungskosten.
Studienabbrecher ansprechen: So gelingt die Rekrutierung in 3 Schritten
Schritt 1: Die Zielgruppe „Studienabbrecher“ direkt in der Stellenausschreibung ansprechen
Bereits bei der Formulierung der Stellenausschreibung sollte erkennbar sein, dass (auch) Bewerberinnen und Bewerber ohne Hochschulabschluss gesucht werden. Dies könnte folgendermaßen aussehen:
- Studienabbrecher (m/w/d) gesucht – Wir schaffen Perspektiven!
- Ausbildung für Studienabbrecher (m/w/d) – Wir bilden aus!
Alternativ können Sie auch angeben, dass man in Ihrem Unternehmen an Bewerberinnen und Bewerbern mit „Umwegen im Lebenslauf“ interessiert ist. Auch dies ermutigt Personen mit abgebrochenem Studium, sich bei Ihrem Unternehmen zu bewerben.
Schritt 2: Den richtigen Rekrutierungsweg wählen
Um Studienabbrecherinnen und -abbrecher mit Ihrem Stellenangebot zu erreichen, sollten Sie Rekrutierungskanäle nutzen, die besonders häufig von Studienabbrechern nachgefragt werden. Hierzu zählen:
- Career-Center an Hochschulen: Viele Hochschulen richten sich mit ihrem Veranstaltungs- und Beratungsangebot an Studierende, die an ihrem Studium zweifeln. Gemeinsam mit weiteren lokalen Initiativen werden mit den (ehemaligen) Studierenden neue Zukunftsoptionen diskutiert und Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern hergestellt.
- Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit: Die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit bietet sowohl Studien- als auch Berufsberatung an und ist somit ein häufig genutzter Anlaufpunkt für Studienabbrecherinnen und -abbrecher.
- Informationstafeln der Hochschule: Warum nicht auch analog? (Informations-)Tafeln sind nach wie vor an Hochschulen verbreitet. Neben Veranstaltungshinweisen und Wohnungsanzeigen sind dort häufig auch Stellenangebote zu finden. Die Vielzahl an unterschiedlichen Angeboten macht einen Blick auf die schwarzen Bretter für Studierende interessant. Nutzen Sie die Alternative, um auf Ihre offenen Stellen aufmerksam zu machen.
- Job- und Karriereportale: Es gibt eine Vielzahl an online Stellenbörsen, die zur Suche des passenden Jobs herangezogen werden. Zudem haben sich bereits einige Karriereportale auf Studienabbrecherinnen und -abbrecher spezialisiert.
- Eigener Online-Auftritt: Veröffentlichen Sie Ihre Ausbildungs- und Stellenangebote auf Ihrer Unternehmens- oder Karrierewebseite. Stellen Sie dort Ihr Unternehmen und die Einstiegsmöglichkeiten übersichtlich vor, um Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher anzusprechen und von sich zu überzeugen. Nutzen Sie zudem Social-Media-Recruiting, um auf Ihr Unternehmen und Ihre offenen Stellen aufmerksam zu machen und eine breitere Zielgruppe zu erreichen.
Schritt 3: Studienabbrecher überzeugen: Wertschätzung im Bewerbungsgespräch und beim Einstieg
Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher sollten als Bewerbende mit individuellen Kenntnissen, Erfahrungen und beruflichen Zielen wahrgenommen werden. Arbeitgeber können ihnen den Einstieg durch folgende Maßnahmen erleichtern:
- Offenheit im Bewerbungsgespräch: Signalisieren Sie bereits im Bewerbungsgespräch Offenheit und Wertschätzung.Fragen Sie nach Kenntnissen, die im Studium erworben wurden, nach Gründen für die Neuorientierung und nach den beruflichen Zielen. Besprechen Sie transparent, welche Einstiegsmöglichkeiten, Entwicklungsmöglichkeiten und gegebenenfalls Anrechnungsmöglichkeiten bestehen.
- Orientierung geben: Manche Studienabbrecherinnen und -abbrecher müssen nach dem Abbruch ihres Studiums zunächst herausfinden, welcher berufliche Weg zu ihnen passt. Orientierungspraktika können dabei helfen, neue passende Ausbildungsoptionen und Tätigkeiten kennenzulernen.
- Einen gut strukturierten Einstieg bieten: Ein klarer Einarbeitungsplan, eine feste Ansprechperson und regelmäßiges Feedback erleichtern neuen Mitarbeitenden das Ankommen. Ein gut strukturiertes Onboarding erhöht Motivation und Produktivität von Mitarbeitenden.
- Entwicklung ermöglichen: Zeigen Sie frühzeitig auf, welche Weiterbildungen, zusätzlichen Verantwortungsbereiche und beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten das Unternehmen bietet. Karriere- und Laufbahngespräche zeigen zudem neue Entwicklungsmöglichkeiten auf. Auch Job Enrichment, zum Beispiel durch das Übernehmen anspruchsvollerer Aufgaben, mehr Eigenverantwortung oder die Mitarbeit an neuen Projekten, kann neue Entwicklungsperspektiven bieten.
- Passende Einstiegsmöglichkeiten anbieten: Je nach Vorkenntnissen und beruflichen Zielen kommen unterschiedliche Ausbildungsmodelle infrage. Durch ein duales Studium oder eine (verkürzte) duale Ausbildung erhalten ehemalige Studierende die Chance, sich beruflich neu aufzustellen und bereits vorhandene Fähigkeiten zu vertiefen.
Fazit: Studienabbrecher einstellen und erfolgreich integrieren
Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher sind eine interessante Zielgruppe für KMU bei der Fachkräftesicherung. Sie bringen oft bereits erworbene Kenntnisse und Selbstständigkeit mit. Eine direkte Ansprache in Stellenanzeigen, passende Rekrutierungswege sowie ein wertschätzendes Bewerbungsgespräch und ein gut strukturiertes Onboarding helfen dabei, diese Zielgruppe zu erreichen. Transparente Einstiegsmöglichkeiten und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung schaffen gute Voraussetzungen für einen erfolgreichen beruflichen Neustart und eine langfristige Zusammenarbeit.

Über den KOFA-Experten
Philip Herzer
Philip Herzer ist Referent/Economist im KOFA. Als Arbeitspsychologe hat er in Analysen und Studien stets den Menschen als komplexes Individuum im Blick. Vor seiner aktuellen Tätigkeit arbeitete er als Sozialforscher am Bundesinstitut für Berufsbildung (bibb), als Netzwerkmanager in der MINT Bildung und als Ingenieur im Bereich Bildverarbeitung. Diese vielfältigen Perspektiven prägen seine Sicht auf de Arbeitswelt und die Haltung, dass man die meisten Phänomene verstehen kann, wenn man sich unvoreingenommen und geduldig mit ihnen auseinandersetzt.
Seine Schwerpunktthemen umfassen die berufliche Orientierung junger Menschen, Employer Branding, Kommunikation und regionale Arbeitsmarktanalysen.