Inklusion statt Sonderstatus

Bei Früh gelingt die Integration von Behinderten mit Kreativität und Miteinander

Bei Menschen mit Behinderung fragt man bei der Brauerei Früh wie bei allen anderen Bewerberinnen und Bewerbern: Passt das? Durch gelebte Inklusion gewinnt Früh Personal mit speziellen Fähigkeiten und bindet es ans Unternehmen.

Branche: Brauereiwirtschaft, Gastronomie, Hotellerie und Getränkelogistik | Standort: Köln | Beschäftigte: >400

Stand: 2018

Wer die Personalabteilung der Cölner Hofbräu P. Josef Früh zum ersten Mal besucht, braucht Hilfe von einem Ortskundigen. Heute übernimmt diese Aufgabe ein junger Mann im Anzug. Schnell und mit kerzengerader Haltung führt er ein gefühltes Dutzend Treppen hinauf, um Ecken und durch Türen in das Büro von Guido Fussel. Konstantin Pieper hat das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus. Als er den Weg ins Büro des Personalleiters vor einigen Jahren zum ersten Mal gemacht hat, kam er ähnlich geradlinig ans Ziel. Damals absolvierte er nach seinem Bachelor in Geschichte eine überbetriebliche Ausbildung zum Bürokaufmann bei Salo West, einem Arbeitsmarktdienstleister für berufliche Rehabilitation und Integration Behinderter.

In der Brauhausküche sind die Beiköche für ihren Chef Siegfried Schenker (hinten) eine große Hilfe.

Kai Fornasier ist froh, dass Früh mit seiner Lernschwäche offen umgeht, sein Arbeitgeber schätzt seinen großen Einsatz.

Der Fachkräftemangel ist vor allem im gastronomischen Bereich groß. Durch Inklusion gewinnt Früh langfristig Personal.

Rollenspiele helfen in den Berufsalltag

Sein Ausbilder schlug vor, dass er seine Praxisphase beim Kölner Brauhaus macht. „Ich habe mich hier beworben und wurde eingeladen. Eigentlich sollte ich mit Begleitung zum Vorstellungsgespräch kommen, aber Herr Fussel hat das abgelehnt. Also bin ich alleine gekommen – und habe offenbar einen halbwegs ordentlichen Eindruck hinterlassen“, sagt Pieper. Der 30-Jährige spricht mit deutlicher und fester Stimme. Als er ganz neu im Unternehmen war, sagt sein Vorgesetzter Fussel, habe man ihn vom Erdgeschoss über alle Etagen bis oben im Personalbüro gehört. Extrem lautes und monotones Sprechen kann eines der Symptome des Asperger-Syndroms sein.

„Nur wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wussten von seiner Behinderung. Manche haben gesagt ,Wen habt ihr denn da beschäftigt?‘, weil er wirklich sehr laut gesprochen hat.“ Als sie von seiner Behinderung erfuhren, wurde aus Befremden schnell Engagement. „Wir haben uns Rollenspiele ausgedacht, um bestimmte Situationen zu lernen. Zum Beispiel haben wir mit ihm trainiert, Besucher unten im Foyer abzuholen, ohne dass wir ihn hier oben hören können.“ Auch Pieper selbst ist kreativ geworden. Gesichtsausdrücke lesen, mit der eigenen Mimik kommunizieren musste er aufgrund seiner Erkrankung erst lernen: „Ich habe zuhause Gestik und Mimik anhand von amerikanischen Fernseh-Sitcoms trainiert, wo immer diese Lachkonserven eingesetzt werden. Zusätzlich zu Ausbildung und Schule war das harte Arbeit.“ Sie hat sich gelohnt. „Als ich für die zweite und dritte Praxisphase zurückkam, wurde ich schon gefragt, wo ich so lange gewesen bin“, sagt Pieper und zieht die Augenbrauen hoch.

Sonderwege behindern Integration

Heute ist er ausgelernter Bürokaufmann in der Personalabteilung und kümmert sich unter anderem um die Zeiterfassung. Er ist im Kollegenkreis beliebt – und nicht nur das: Seine Fähigkeiten werden bei Früh gebraucht – ohne Begleitung und ohne Sonderstatus, ohne das, was behinderten Menschen ein Leben mitten in der Gesellschaft oft künstlich erschwert, wie Fussel und Pieper übereinstimmend sagen. Pieper bespricht sich mit Kolleginnen und Kollegen, leitet Anfragen von außen weiter, holt Besucher ab – und übernimmt in manchen Situationen auch Aufgaben, in denen viele Kollegen überfordert sind. „Wir machen hier auch statistische Auswertungen. Wo wir dann nach einer Weile schon Ermüdungserscheinungen haben, sagt Herr Pieper auch nach Stunden noch: ,Hier fehlt ein Punkt‘ oder ‚Da steht eine falsche Zahl‘“, sagt Fussel.

Ein paar Winkel und Treppen tiefer steht Kai Fornasier an der Edelstahlplatte und bereitet die Röstzwiebeln und Saucen für die Mittagsgäste im Brauhaus vor. In einer Ecke der Brauhausküche stehen große, rote Plastikkisten mit üppigen Petersiliensträußen. Sie verströmen einen würzigen Duft, als eine Kollegin sie hackt. Auch Fornasier hantiert als Fachpraktiker Küche oder Beikoch, wie der Beruf für Menschen mit Behinderung früher hieß, mit Lebensmittelmengen in Großküchendimensionen. Vor allem zu Beginn der Ausbildung war es nicht leicht für ihn, die richtige Menge zu bestimmen: „Ich habe Probleme, die Rezepte umzuwandeln“, erklärt der 23-Jährige. Wenn er ein Rezept für zehn Personen hat, braucht er seine Zeit, es auf 100 Personen umzurechnen. Dyskalkulie nennt das die Fachwelt.

Mit Lernwillen zum Ausbildungsplatz

Für Fornasier wurde sie eigentlich erst so richtig zur Behinderung, als er eine Ausbildung suchte. „Das war schwer. Ich habe wegen meiner Lernschwäche nur Absagen bekommen. Erst von Früh wurde ich zu einem Gespräch eingeladen.“ Der junge Mann machte einen so guten Eindruck, dass man ihn zu einem dreiwöchigen Praktikum im Hof 18, dem Cross-Over-Restaurant des Unternehmens, einlud. „Danach haben sie mir gesagt ,Weißt Du was, bring mal ein gutes Schulabschlusszeugnis mit, und dann nehmen wir Dich‘. Ich habe mich wirklich auf den Hosenboden gesetzt. Und es hat geklappt.“

„Kommt mal mit in die Vorproduktion“, ruft Siegfried Schenker Fornasier und zwei weiteren Beiköchen zu. Er ist froh, in ihnen eine gute Unterstützung für die Großküche zu haben. „Sie brauchen wegen ihrer Lernschwäche oder auch dem Asperger-Syndrom bei neuen Aufgaben etwas mehr Zeit und Anleitung. Die Kolleginnen und Kollegen hier gehen aber gerne auf sie ein. Selbst unser Chef in der Vorproduktion nimmt ganz intuitiv Rücksicht. Dafür möchten unsere Beiköche ihre Aufgaben dann auch wirklich zu 100 Prozent bewerkstelligen.“ Wenn es dann mal einen neuen Koch gibt, der seine Aufgaben nicht so motiviert angeht, könne er die Jungs sehr gut ergänzend einsetzen.

„Ein Fachkräfteproblem haben wir vor allem im gastronomischen Bereich. Nach der Kochausbildung gehört es zum guten Ton, immer wieder in neuen gastronomischen Betrieben zu arbeiten“, sagt Personalleiter Fussel. Konstanz in die Beschäftigungsverhältnisse zu bringen ist ihm deshalb ein großes Anliegen. Mit der Beschäftigung von Pieper, Fornasier und den anderen kann Früh das verwirklichen. „Die Mitarbeiter kennen ihre Vermittlungshemmnisse und streben eine dauerhafte Vollbeschäftigung an. Und sie sind riesig motiviert.“

Arbeitgeber sollten sich auf Behinderungen einstellen

Anderen Unternehmen empfiehlt Fussel, Vorbehalte beiseite zu schieben und sich auf Menschen mit Handicap einzustellen. „Sehr häufig kommt es erst im Laufe des Berufslebens zu einer Schwerbehinderung. Unternehmen müssen in der Lage sein, diese Menschen auf anderen passenden Arbeitsplätze einzusetzen und so das Wissen im Betrieb zu sichern.“ Bei Bewerbungen von Menschen mit Behinderung sollten Arbeitgeber sich „nicht von dem abschrecken lassen, was man alles beachten sollte“ – auch, wenn er sich von der Politik eine zentrale Anlaufstelle wünschen würde, die die Arbeitgeber durch die vielfältigen Fördermöglichkeiten der unterschiedlichen Träger lotst. „Aber wenn man sich ein bisschen bemüht, dann klappt es auch.“ Die Unterstützung durch den Landschaftsverband Rheinland beispielsweise laufe inzwischen reibungslos. „Wichtig ist nur, dass Arbeitgeber den Antrag auf Förderung stellt, bevor der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin im Unternehmen startet.“

Unternehmenssteckbrief

Fachkräftesituation: Die Cölner Hofbräu P. Josef Früh KG beschäftigt vor allem im Küchenbereich seit Jahren Schwerbehinderte in der Ausbildung und Festanstellung. Für das Unternehmen sind sie eine wichtige Konstante, denn im Gastronomiebereich sind Fachkräfte für eine dauerhafte Beschäftigung schwer zu gewinnen. Das Unternehmen erhält für die Inklusion Zuschüsse vom Landschaftsverband Rheinland.

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