Skip to content
Wenn Sie hier klicken, kommen sie zur StarteiteHome Icon
Home
KOFA Logo als Hintergrundbild

Transkript: Folge 64

KOFA auf dem Sofa: Fachkräftemangel: Mythos oder Realität?

Jens: 
KOFA auf dem Sofa – der Podcast. Mit Sybille Stippler und Jens Breuer. 
Der 8. März. Schön, dass Sie dabei sind. Auf diese Folge freue ich mich besonders. Heute wird nämlich aufgeräumt – hier bei KOFA auf dem Sofa. Es wird aufgeräumt und eingeordnet. Denn wenn es um den Fachkräftemangel geht, dann haben manche ja ganz einfache Lösungen parat. Lösungen, die fast zu einfach sind, um wahr zu sein. Und damit wollen wir uns heute ein bisschen auseinandersetzen. 

Sybille: 
Hallo Jens, genau. Ich freue mich auch darauf, hier mal ein paar Mythen anzusprechen und zu schauen: Was ist da eigentlich dran und was vielleicht auch nicht? Und unseren Hörerinnen und Hörern ein bisschen Orientierung zu geben. 
Gibt es denn nun eigentlich einen Fachkräftemangel – oder ist das nur eine Erfindung? 

Jens: 
Vielleicht mal vorweg ein paar grundlegende Zahlen. Du weißt ja, wie die Realitäten aussehen. Wo fehlt es denn in Deutschland eigentlich? Also woran und wo speziell? 

Sybille: 
Ganz speziell fehlt es – und das haben viele schon gehört – im Bereich der Pflege, also bei Altenpflegerinnen und Altenpflegern. In der IT. Und in Handwerksberufen. Ganz massiv. Das merkt jeder, der ein Dach decken lassen möchte oder eine kaputte Heizung reparieren lassen will. 
Das sind Bereiche, in denen deutschlandweit Menschen fehlen, die das können. 
Aber wenn man sich die Arbeitslosenzahlen aus dem Januar anschaut – und die sind ja noch relativ frisch –, dann sieht man: Oha, es geht wieder nach oben. Es gibt mehr Arbeitslose. Und obwohl mehr Menschen arbeitslos sind, finden Unternehmen keine Mitarbeitenden für offene Stellen. 
Immerhin gibt es fast 1.000.000 qualifizierte Arbeitslose für 1,2 Millionen offene Stellen. Da müsste es doch möglich sein, ein paar Leute zusammenzubringen. 

Jens: 
Ja, das ist total nachvollziehbar, dass man das denkt: Es gibt offene Stellen, es gibt arbeitssuchende Fachkräfte – warum passt das nicht zusammen? 
Dieses Nicht-Zusammenpassen nennt man „Mismatch“. Und das hat mit den konkreten Qualifikationen der Arbeitslosen zu tun – und mit der Region, in der sie wohnen. 

Das sieht zum Beispiel Holger Schäfer genauso. Er ist Arbeitsmarktexperte für Beschäftigung und Arbeitslosigkeit am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Und er sagt: 

Es gibt einen regionalen Mismatch. Das heißt: Die Arbeitslosen wohnen nicht dort, wo die offenen Stellen sind. 
Und es gibt einen qualifikatorischen Mismatch. Das heißt: Die Arbeitslosen können nicht das, was man auf den offenen Stellen können muss. 
Die meisten Arbeitslosen drängen in einfache Berufe, also Berufe ohne abgeschlossene Ausbildung. Die meisten offenen Stellen sind aber Fachkraftstellen – also Stellen, für die mindestens eine Berufsausbildung nötig ist, wenn nicht sogar eine akademische Bildung. 

Sybille: 
Ich glaube, ein großes Problem ist auch, dass da häufig zwei Dinge miteinander vermischt werden, die nicht unbedingt zusammengehören. Ein Fachkräftemangel ist nicht das Gleiche wie ein Arbeitskräftemangel. 
Jemand, der mal gelernt hat, ein Fahrrad zu reparieren, den Dynamo anzuschließen und einen Reifen zu wechseln, wird nicht automatisch Luft- und Raumfahrttechniker. 
Deshalb kann man nicht sagen: „Jeder Arbeitslose kann jeden Job machen.“ Dafür haben wir das Berufsbildungssystem. Und das ist total wertvoll, weil es garantiert, dass Leute Dinge tun, von denen sie wirklich Ahnung haben. 
Zum Beispiel: Mit Starkstrom arbeiten darf ja auch nicht jeder. 

Jens: 
Genau. Anders sieht es bei manchen anderen Fachkräften aus. Wenn man sich die Büro- und Sekretariatsfachkräfte anschaut – da haben wir einen großen Arbeitslosenüberhang. Das sind Leute mit Berufsausbildung. Rund 37.000 Arbeitssuchende in Deutschland. 
Die können natürlich nicht einfach als IT-Fachkräfte oder in der Pflege anfangen. 
Da setzt dann die Bundesagentur für Arbeit an – bei der Frage: Was können wir mit Umqualifizierung machen? Oder: Wie können Arbeitgeber jemanden anlernen? 

Lass uns mal über eine andere Gruppe sprechen – Menschen, die schon länger auf Arbeitssuche sind. Langzeitarbeitslose. Davon haben wir in Deutschland ja auch eine ganze Reihe. Die kann man nicht einfach „irgendwas machen lassen“. Auf jeden Fall ist aber da ein echtes Potenzial. 

Sybille: 
Genau. Aber es ist kein Potenzial, das man kurzfristig heben kann. Viele sind älter – was ein Vermittlungshemmnis ist. Das würden alle bestätigen, die im Jobcenter arbeiten. Viele waren lange nicht mehr im Arbeitsmarkt. Die müssen erst wieder Struktur finden. 
Und ihre Qualifikationen müssen erneuert werden. Unsere eigenen Qualifikationen – selbst deine und meine, Jens – veralten ja auch, wenn wir nicht dranbleiben. 
Das ist eine längerfristige Aufgabe. 
Aber in der Gruppe der Langzeitarbeitslosen steckt großes Potenzial. Und das sieht auch Johannes Klapper so, von der Bundesagentur für Arbeit in Köln: 

Langzeitarbeitslose finden leider viel zu wenig Berücksichtigung bei Einstellungen. 
Es gibt große Ressentiments. 
Und das ist schade. 
Wenn man überlegt, dass in der Corona-Zeit viele Firmen über ein Jahr lang gar nicht eingestellt haben, gab es kaum Chancen – egal wie qualifiziert man war. 
Von daher steckt hier noch eine Menge Potenzial. 
Wir können mit finanziellen Förderungen und Qualifizierungen viel machen – sowohl arbeitgeber- als auch arbeitnehmerseitig. 

Jens: 
Jetzt passiert es aber oft, dass sich Menschen auf offene Stellen bewerben und trotzdem zu ihrer eigenen Verwunderung eine Absage bekommen. Obwohl Fachkräfte so dringend gesucht werden. Wie kann das sein? 

Sybille: 
Das hören wir im KOFA tatsächlich oft. Da kommen E-Mails: „Hier ist mein Lebenslauf. Das kann doch nicht sein. Ich bin hochqualifizierter Ingenieur, top ausgebildet, super Referenzen – und finde keinen Arbeitsplatz.“ 
Natürlich kann ich das aus meinem Kölner Büro nicht im Einzelfall beurteilen. 
Aber dieser Mismatch, den Holger Schäfer beschrieben hat, kann der Grund sein. 

Vielleicht habe ich eine Qualifikation, die in meiner Region sehr häufig vorkommt – aber dort gibt es wenig Arbeitgeber, die genau das suchen. 
Oder ich bräuchte ein Quäntchen mehr. Beispiel: medizinisch-technische Fachangestellte, die eigentlich nur noch den Röntgenschein gebraucht hätten, um eine Stelle zu bekommen. Den aber nicht hatten. Die Arbeitgeber haben dann Checklisten – und wenn man das Feld nicht abhakt, gibt es eine Absage. 

Ich hoffe, dass sich da etwas tut. 
Seit die Babyboomer in Rente gehen, merken Arbeitgeber: Wir kommen mit unseren alten Strategien nicht mehr klar. Also müssen wir uns öffnen – für neue Gruppen. Und das passiert gerade. 

Jens: 
Das ist ja das große Problem. Die geburtenstarken Jahrgänge – die Babyboomer – gehen nach und nach in Rente. Und es kommen zu wenige nach. 
Wir haben also einen Fachkräftemangel – und wir werden einen sehr großen Fachkräftemangel bekommen. So sieht es aus. 

Sybille: 
Genau, und das ist eben auch ein Punkt. Das sagen viele Ökonomen, die sich aktuell äußern. Die sagen: „Wir haben ja noch keinen Fachkräftemangel“, weil sie davon ausgehen, dass Leute, die Mechatronikerin gelernt haben, auch Ingenieurin sein könnten und diese ersetzen könnten. 
Wenn sie aber in die Zukunft blicken, sagen sie auch: Der Fachkräftemangel wird kommen. Das kann man wirklich einfach ausrechnen. Wenn man sieht, dass in den nächsten Jahren bis zu sieben Millionen Babyboomer in den Ruhestand gehen werden – und wie wenige nachkommen. 
Das können wir nicht einmal mit deutlich höherer Zuwanderung auffangen, als wir sie jetzt haben. So lange ist es nicht mehr hin, bis die Babyboomer komplett in Rente gegangen sein werden. Und auch das hat Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer für uns eingeschätzt: 

„Das ist ein Prozess, der im Jahr 2030 – also schon relativ zeitig – seinen Höhepunkt erreichen wird. Da wird sich das Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen noch einmal anders, ungünstiger gestalten, sodass wahrscheinlich auch die Arbeitslosen von der Menge her gar nicht in der Lage sein werden, den Fachkräftebedarf zukünftig zu decken.“ 

Jens: 
Das war nur ein Argument, das gern kommt. Ein anderes lautet: „Fachkräftemangel hin oder her, man muss die Leute einfach ordentlich bezahlen. Dann löst sich das Problem von alleine, weil die Berufe attraktiver werden.“ 
Wie sieht es damit aus? Weg mit dem Geiz, die Auftragsbücher sind doch voll, die Nachfrage ist da – da muss doch was gehen. 

Sybille: 
Ja, das ist ein Argument, das wir sehr oft hören. Aber: Wenn gar nicht genug Leute da sind – wem willst du denn das höhere Gehalt geben? 
Der andere Punkt: Wir sehen, dass oft schon über Tarif bezahlt wird. Und gerade in den Berufen, in denen Mangel besteht, sind die Löhne bereits gestiegen. Nehmen wir mal die M+E-Branche. 
Trotzdem drängen nicht mehr junge Menschen in Ingenieurberufe. Das scheint also nicht die zentrale Stellschraube zu sein. 
Über viele Mangelberufe hinweg wird sehr gut bezahlt. Geld allein erklärt also nicht, warum Menschen bestimmte Berufe nicht wählen. 

Und wenn man das Lohnargument gesamtwirtschaftlich betrachtet: Ein Unternehmen kann sich vielleicht abheben – „Sybille GmbH“ zahlt am meisten in Köln –, aber gesamtwirtschaftlich schieben wir damit nur Personal hin und her. 
Das wäre eine einfache Lösung, aber es löst die Probleme nicht. 

Jens: 
Alles nicht so einfach, wie es klingt. Und auch eher düstere Aussichten, wenn man es negativ sehen möchte. 
Was kann man also tun, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken? Schaffen wir das? 

Sybille: 
Man sollte nicht schwarzsehen, sondern auch mal schauen, was schon passiert. Ein toller Ansatz sind regionale Weiterbildungsverbünde. 
Da wird geschaut: In welchen Regionen werden Arbeitskräfte freigesetzt, zum Beispiel durch Strukturwandel wie weniger Kohleabbau? Welche Unternehmen brauchen dort Fachkräfte? Und dann qualifiziert man entsprechend. 

Stichwort Qualifizierung. 
Zweitens: Ältere länger im Betrieb halten – gesund und motiviert. Und mit ihnen sprechen: Was braucht ihr, um bei uns zu bleiben? 
Drittens: Auf internationale Fachkräfte setzen – und sie gut integrieren, damit sie bleiben. 
Und viertens: Frauen motivieren, ihr Stundenvolumen auszuweiten. Das kann einen großen Beitrag leisten. 

Jens: 
Viele Möglichkeiten also, um Hebel zu setzen und Dinge in Bewegung zu bringen. Die qualifizierten Fachkräfte sind ein besonders großes Thema. Du hast ja schon gesagt: Es gibt einen Unterschied zwischen Arbeitskräftebedarf und Fachkräftebedarf. 

Damit beschäftigt sich auch unsere Kollegin Lydia Mahlén, Expertin für Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft und beim KOFA. Und sie sagt, was man ihrer Meinung nach in diesem Bereich tun kann: 

Lydia Mahlén (O-Ton): 

„Die wichtigste Stellschraube gegen den Fachkräftemangel ist Qualifizierung. Köpfe gibt es in Deutschland genug. 
Es beginnt damit, dass wir uns nicht mehr leisten können, Jugendliche ohne Abschluss aus der Schule gehen zu lassen. 
Und es geht weiter mit der Qualifizierung von An- und Ungelernten, die Schritt für Schritt zu Fachkräften ausgebildet werden müssen. 
Die duale Ausbildung ist und bleibt ein zentraler Pfeiler der Fachkräftesicherung und sollte gestärkt werden. 
Personen mit Qualifikationen, die heute nicht oder nicht mehr benötigt werden, müssen so umgeschult werden, dass sie zukünftig andere Tätigkeiten ausüben können. 
Bei hochqualifizierten Tätigkeiten werden wir aber auch qualifizierte Zuwanderung brauchen, denn wir schaffen es nicht schnell genug, ausreichend Fachkräfte selbst auszubilden.“ 

Jens: 
Da seid ihr euch also einig – Lydia Mahlén und du. 

Sybille: 
Ja, absolut. Und das Stichwort Qualifizierung ist heute ja x-mal gefallen. Das ist eine Mammutaufgabe. Wir müssen schauen: Welche Kompetenzen brauchen wir künftig? 
Wir müssen ja nicht nur die Arbeit erledigen, die jetzt ansteht, sondern auch die Transformation bewältigen – Digitalisierung und Energiewende. 
Dafür brauchen wir Menschen, die das Richtige gelernt haben. 

Übrigens: Wir möchten Sie gern einladen, uns bei YouTube zu besuchen – im KOFA-Channel. Dort finden Sie Praxisbeispiele, Mitschnitte von Webinaren, Tutorials, also auch etwas zum Dazulernen. Einfach mal „KOFA“ bei YouTube eingeben und los geht’s. 

Jens: 
Das Fachkräfteproblem lässt sich nicht von heute auf morgen lösen, aber Sie können einiges bewegen, wenn Sie es richtig anstellen. 
Jetzt bekommen Sie von uns wieder etwas „to go“ – das Wichtigste zum Mitnehmen: 

Sybille: 
Qualifizierung ist der Schlüssel. Machen Sie die duale Ausbildung attraktiver und vermitteln Sie Jugendlichen und Eltern, welche Karrierechancen darin stecken. 
Vergessen Sie die Beschäftigten nicht: Halten Sie sie durch Weiterbildung à jour und bauen Sie ihre Kompetenzen aus. 
Machen Sie Ihre Arbeit zukunftsfest: Seien Sie inklusiv, familienfreundlich und achten Sie auf die Gesundheit Ihrer Mitarbeitenden. 
Das Ziel sollte sein, ältere Beschäftigte so lange wie möglich im Unternehmen zu halten – mit flexiblen Arbeitszeiten und passenden Lösungen. 

Jens: 
Und erschließen Sie weitere Potenziale: 
Interessieren Sie sich wirklich für die Bedürfnisse älterer Beschäftigter. 
Schaffen Sie Rahmenbedingungen, damit Frauen mehr Stunden arbeiten können. 
Und integrieren Sie internationale Beschäftigte nachhaltig, damit sie gern im Betrieb bleiben und dauerhaft dazu beitragen, dem Fachkräftemangel zu begegnen. 
KOFA-To-Go – zum Mitnehmen. 

Sybille: 
Schön. Nächstes Mal geht es um den Wursttiegel – dahin, wo der Fachkräftemangel besonders tobt: ins deutsche Metzgerhandwerk. 
Und für unseren Gast, den wir dann haben – Dorothea Dosenbach von der Metzgerei Dosenbach – kommt die Hilfe aus Indien. Was genau dahintersteckt, besprechen wir mit ihr in zwei Wochen. 
Die nächste Folge gibt es dann. Und bis dahin: Falls noch nicht passiert – einfach mal diesen Podcast abonnieren, damit wir besser in Kontakt bleiben und Sie uns schneller wiederfinden. 

Jens: 
Wir freuen uns, wenn Sie dranbleiben – und wenn Sie beim nächsten Mal wieder dabei sind. 
Tschüss, bis übernächste Woche. 

Sybille: 
Fachkräfte – Sofa – wir hatten’s. Tschüss!