
Transkript: Folge 63
KOFA auf dem Sofa: Weiterbildung im Handwerk – von wegen eingestaubt! (zu Gast: Michael Christmann, Stuck Belz)
Jens:
KOFA auf dem Sofa – der Podcast. Mit Sybille Stippler und Jens Breuer.
Willkommen zur heutigen Folge von KOFA auf dem Sofa.
Michael:
Mein Name ist Michael Christmann und heute berichte ich aus meinem Betrieb „Stupfels“ über Weiterbildung und Handwerk. „Stupfels“ ist ein klassisches Handwerksunternehmen mit 25 Mitarbeitern, von denen ein Viertel Freunde sind, und mit fünf Azubis in den Bereichen Stuckateur und Maler. Im letzten Sommer konnte ein Auszubildender als bester Jung-Stuckateur seine Ausbildung abschließen.
Jens:
Folge 63 von KOFA auf dem Sofa – diesmal mit Michael Christmann. Michael, ganz herzlich willkommen, schön, dass du da bist.
Michael:
Ja, ich freue mich, dabei sein zu dürfen.
Sybille:
Hallo Michael, herzlich willkommen auch von mir.
25 Mitarbeitende in Stuttgart, aus Bonn – hast du eben gesagt – und wie die meisten anderen Gewerke auch, seid ihr in einem Bereich unterwegs, in dem Fachkräfte knapp sind.
Mit einem Unterschied allerdings: Dein Betrieb hat nicht nur gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefunden, sondern schafft es auch, die Leute im Unternehmen zu halten.
Was ist bei euch der Beginn, was macht ihr anders als andere?
Michael:
Also zum Anfang muss man sich, glaube ich, Gedanken machen, ob es heute wirklich noch reicht, einen vernünftigen Lohn zu bezahlen. Ich sage mal, das ist die Mindestanforderung, die jeder erwartet, wenn er irgendwo anfängt. Und irgendwann ist mir klar geworden, dass das allein wirklich nicht reicht.
Was war naheliegender, als das Thema Fortbildungen anzugehen? Denn da habe ich auch einen Mehrwert für das Unternehmen und etwas, worüber die Mitarbeitenden sich in der Regel freuen.
Jens:
Also du sagst ganz klar: Der Schlüssel zur Fachkräftebindung bei euch ist die Weiterbildung.
Das ist ja im Kontrast zu vielen Unternehmen, die denken: „Wenn ich so viel investiere und meine Leute immer besser werden, dann bewerben die sich weg.“
Hast du diese Erfahrung schon gemacht?
Michael:
Nee, das kann ich nicht bestätigen. Ich glaube, man muss die Perspektive wechseln. Wenn die Mitarbeitenden wissen, dass sie in einer permanenten Weiterbildung sind – und es auch gewünscht ist, dass es nicht bei einer einzelnen Fortbildung bleibt – dann ist der Anreiz, in ein anderes Unternehmen zu wechseln, geringer.
Denn dort ist ja nicht sicher, ob sie überhaupt noch eine Fortbildung bekommen.
Sybille:
Jetzt hast du gesagt: Irgendwann ist dir klar geworden, dass Geld allein nicht reicht. Was habt ihr denn vorher gemacht – und was macht ihr heute anders?
Michael:
Der Einstieg ins Thema Fortbildung kam über eine Vorgabe der Baugewerksinnung, um die ich nicht herumkam. Wir mussten Ersthelfer haben.
Und über den Ersthelfer, den wir dann auf alle Mitarbeitenden übertragen haben – wir haben niemand Externen geholt –, ist klar geworden: Das macht Spaß in der Runde, und etwas, das sonst lästig erscheint, wurde ganz einfach und war sogar mit Freude verbunden.
Und darüber haben wir gedacht: Können wir das Thema Fortbildungen nicht gezielter angehen?
Jens:
Ist denn die Weiterbildung etwas, was die Mitarbeitenden aktiv einfordern? Oder ist das etwas, wo du als Chef sagst: „Wir müssen das jetzt machen, wir müssen Wissen voranbringen“?
Von wem ging die Initiative aus?
Michael:
Das ist unbedingt eine Unternehmeraufgabe. Natürlich kann es sein, dass man Glück hat und ein oder zwei Mitarbeitende von sich aus gern eine Fortbildung machen wollen.
Ob das aber genau das ist, was das Unternehmen braucht, ist Glückssache.
Wir haben das umgedreht und systematisch gesagt: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter hat drei Fortbildungen, die zu besuchen sind. Ob das jedes Jahr gelingt oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.
Aber die Grundeinstellung – von vornherein darüber nachzudenken, welche Fortbildung zu wem passt – ist eine andere, als zufällig zu hoffen, dass jemand Lust hat.
Sybille:
Wie organisiert ihr das? Sprecht ihr in Mitarbeitergesprächen über mögliche Fortbildungen? Kommen Mitarbeitende mit Ideen?
Und sind sie wirklich völlig frei – könnte jemand sagen: „Ich will ein Kommunikationstraining machen“?
Oder sind es eher fachliche Weiterbildungen?
Michael:
Komplett unterschiedlich. Das hängt vom Unternehmensbereich ab. Kommunikation ist in allen Bereichen wichtig.
Das fängt ja schon damit an, dass Auszubildende manchmal nicht wissen, wie sie sich beim Kunden ausdrücken sollen.
Wir haben hier mal einen Mini-Workshop gemacht: Was passiert, wenn der Kunde eine unangenehme Frage stellt, die nicht beantwortet werden kann?
Sybille:
Ja.
Michael:
Da ist es hilfreich, die Mannschaft zu schulen und zu sagen:
„Habt keine Angst vor einer solchen Frage. Wir helfen euch, sie umzuleiten.“
Zum Beispiel: „Es tut mir leid, wir können diese Frage gerade nicht beantworten. Wir geben sie ins Büro weiter und jemand meldet sich.“
Inhaltlich nicht beantwortet – aber dem Kunden trotzdem eine Antwort gegeben.
Jens:
Und da bist du wirklich offen? Wenn eine Auszubildende sagt: „Ich brauche da eine Fortbildung“ – egal ob fachlich oder überfachlich –, sagst du: „Okay“?
Und wie findet ihr den passenden Anbieter?
Michael:
Zunächst muss die Frage gestellt werden – und die Fortbildung muss im weiteren Sinne zum Unternehmen passen.
Also Videospiel-Fortbildung würde ich ablehnen.
Wenn es aber irgendwie dem Unternehmen nutzt, hake ich nach: Warum genau diese Fortbildung? Was versprichst du dir davon?
Und dann schauen wir, wo wir das bekommen. Wenn wir es intern nicht lösen können, gibt es viele Wege: Handwerkskammern, Kreishandwerkerschaften, IHK, die Städte bieten viel an. Da findet man meistens etwas.
Michael:
Also wenn man sich auf dieses Thema einlässt, dann muss man immer Überzeugungsarbeit leisten. Ich glaube, man sollte da nicht blind reingehen und sagen: „Ich schaffe jetzt für alle Mitarbeitenden eine Software und ein Handy an und dann wird das schon irgendwie funktionieren.“
Das ist viel Arbeit. Man darf da keine Angst vorhaben.
Der allerwichtigste Punkt ist, nicht zu glauben, dass man alles auf einmal tun muss. Nach mehr als sechs Jahren kann ich sagen: Man macht einen Schritt nach dem anderen.
Als wir irgendwann klein waren, haben wir nach dem Krabbeln ja auch nicht direkt einen Marathon gelaufen. Wir sind erst kleine Schritte gegangen, dann größere Strecken. Und so ist das hier auch: ein Ding nach dem anderen.
Ich muss auch ehrlich sagen: In den sechs Jahren waren auch Dinge dabei, die wir heute nicht mehr nutzen. Auch diese Erfahrung muss man machen.
Zurück zum Thema Wissenssicherung:
Dadurch, dass jetzt alle über ein Gerät Zugriff auf das gleiche System haben, ist es natürlich einfach, dort Wissen zu platzieren. Zum Beispiel Werkstattarbeiten, die wir nicht so häufig machen. Da halten wir manchmal in einem kleinen Filmchen fest, wie wir etwas gemacht haben. Das sind oft nur kleine Handgriffe.
Wenn man die aber noch nie gemacht hat oder ewig nicht mehr gemacht hat, kann man kurz reingucken. Dann hat man ein kleines Erklärvideo, das abgespeichert ist und über eine Verschlagwortung zu finden ist.
Sybille:
Mal ganz konkret: Wie macht ihr das? Gehst du selbst durch die Werkstatt und sagst: „Ich filme dich jetzt dabei“?
Oder machen das die Kolleginnen und Kollegen von sich aus?
Oder sagt der Jüngere: „Ich bin der Videograf, du machst das vor, erfahrener Kollege“?
Wie funktioniert das?
Michael:
In der Regel funktioniert es so, wie du es zuletzt genannt hast.
Es ist meistens ein Mitarbeiter mit viel Erfahrung oder ein Meister, der es schon häufiger gemacht hat. Und ein jüngerer Kollege – das muss kein Azubi sein, kann auch ein junger Geselle sein – der filmt das.
Wir halten das kurz fest. Das sind häufig nur ein paar Handgriffe.
Das klingt jetzt alles spektakulär, aber wir reden nicht über Filme, die eine halbe Stunde gehen und bis ins Letzte geschnitten sind.
Gar nicht.
Das sind Sachen, die gehen zwei Minuten maximal, und dann hat man die wirklich wichtigen Informationen.
Ich glaube, es ist wichtig, gerade bei diesen Dingen auf den Punkt zu kommen.
Ganz ehrlich: Wer guckt sich das am Ende komplett an? Ich will so schnell wie möglich zu meiner Information kommen.
Wenn ich dann anderthalb Stunden hin- und herspulen muss, bis ich an der richtigen Stelle bin – dann habe ich doch vorher schon weitergearbeitet.
Damit ist keinem geholfen.
Sybille:
Und wie läuft das mit älteren Mitarbeitenden? Da sagt man ja immer: „Digitalisierung, Smartphone, das ist nichts für die.“
Wie funktioniert das bei euch?
Michael:
Ja, das war spannend.
Es war spannend, sie mitzunehmen und mitzuhalten.
Es gibt auch heute noch welche, die sich damit schwer tun.
Aber dadurch, dass selten jemand komplett allein arbeitet, ist eigentlich immer ein jüngerer Kollege dabei. Die greifen sich gegenseitig unter die Arme.
Es gibt tatsächlich Mitarbeitende, die auch privat kein Smartphone benutzen. Es werden weniger – aber es gibt sie.
Sybille:
Jetzt sagt man ja immer: Das Stuckateurhandwerk ist eine staubige Sache – was in Teilen stimmen mag – aber grundsätzlich gilt das für euren Betrieb nicht.
Ihr seid mehrfach ausgezeichnet worden: innovativster Stuckateur Deutschlands, Top-Ausbildungsbetrieb, Innovationspreis der Handwerkskammer Bonn.
Fühlt sich das für dich außergewöhnlich an?
Ist das etwas Besonderes?
Oder sagst du: „Wir machen einfach unseren Job – warum stehen wir plötzlich im Rampenlicht?“
Michael:
Ich will das bestätigen, wie du es beschrieben hast.
Für uns fühlt es sich tatsächlich gar nicht so an.
Wir freuen uns natürlich über jede Auszeichnung und sind stolz darauf.
Aber der Antrieb war nicht, auf Auszeichnungen hinzuarbeiten.
Die sind das Ergebnis unseres Handelns.
Jemand von außen – aus ganz unterschiedlichen Gremien – hat ein Auge darauf geworfen, wie wir arbeiten. Und dann haben sie entschieden, dass das auszeichnungswürdig ist.
Was man nicht unterschätzen sollte, ist, was das auslöst.
Nach der ersten Auszeichnung war ich ziemlich baff. Und ich habe mich danach noch einmal ganz anders damit beschäftigt: Warum haben wir die Auszeichnung bekommen?
Und: Was kann ich tun, damit wir vielleicht noch eine Auszeichnung bekommen?
Oder: Welche Punkte waren ausschlaggebend – und an welchen Schrauben im Unternehmen kann ich drehen?
Die Auszeichnung hatte am Ende den umgekehrten Effekt: Sie hat ausgelöst, dass ich mich mit vielen Dingen intensiver beschäftigt habe.
Sybille:
Ja, und unter anderem ist auch das KOFA auf euch aufmerksam geworden. Wir sind direkt mit dem Kamerateam vorbeigekommen und haben Praxisbeispiel-Videos gedreht – die kann man sich auch auf kofa.de anschauen.
Ich finde, die sind super schön geworden und zeigen ganz deutlich, was es bringt, in Ausbildung und Weiterbildung zu investieren.
Ein Frauenanteil von 25 Prozent im Handwerk und alle Ausbildungsplätze besetzt – das ist ein riesiger Erfolg in Zeiten des Fachkräftemangels.
Michael:
Das hat uns auf jeden Fall geholfen, anders zu sein als andere.
Gerade beim Thema Frauen im Handwerk kann ich nur animieren, da die Augen offen zu halten.
Es ist eine Bereicherung fürs Team und in der Wahrnehmung der Kunden.
Es gibt eine Kundengruppe, die ganz klar sagt: „Wir wollen die Frauen im Haus haben.“
Sybille:
Ich habe noch eine Frage:
In unserer Weiterbildungserhebung fragen wir alle zwei Jahre auch ab, woran es hakt.
Viele Unternehmen sagen: „Wir können uns das nicht leisten – unsere Leute von der Arbeit freizustellen.“
Ihr stellt jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter drei Tage pro Jahr frei für Weiterbildung.
Im Schnitt liegen deutsche Unternehmen bei zwei Tagen.
Wie organisiert ihr das?
Michael:
Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken gemacht.
Wenn ich es zu meiner Unternehmenskultur mache – dass ich sage: „Ich möchte, dass jeder Mitarbeitende drei Fortbildungstage besuchen kann“ – dann tue ich gut daran, Fortbildungen früh zu planen.
Wir versuchen, möglichst früh passende Fortbildungen oder Gruppenfortbildungen zu finden, die wir mit viel Vorlauf einplanen können.
Bei uns sieht es nicht anders aus: Wir haben auch volle Auftragsbücher.
Trotzdem ist es unglaublich wichtig, das zu tun.
Wir haben daneben Fortbildungen, die etwas sichern:
Zum Beispiel ein Modellierkurs. Ich weiß nicht, wie lange diese Kurse noch angeboten werden – die, die das beherrschen, sterben einfach aus.
Also muss ich dieses Wissen weitergeben.
Das hat mehrere Effekte: Unsere Auszubildenden waren unglaublich dankbar, einen Modellierkurs schon während der Ausbildung machen zu dürfen.
Sowas gibt es in keinem anderen Betrieb.
Damit kann ich mich deutlich absetzen.
Und das nutzen wir auch für die Kommunikation nach außen – für Kunden und für potenzielle neue Mitarbeitende. Da muss man immer in alle Richtungen denken.
Sybille:
Wow, das finde ich toll. Das würde mich auch anziehen.
Tradition erhalten, altes Wissen bewahren – das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal.
Bevor wir gleich zu deinen drei Tipps kommen, kurz in eigener Sache:
Bei KOFA gibt es den Newsletter „KOFA To Go“ – alle 7 Monate mit praktischen Tipps, Checklisten, Best Practices wie euch – völlig kostenlos. Einfach auf kofa.de abonnieren.
Sybille:
So, nun: Wie lassen sich Weiterbildungsmaßnahmen in den Berufsalltag integrieren?
Hier kommen drei Tipps von Michael Christmann – damit es auch bei Ihnen klappt:
Michael:
Erstens: Wichtig ist, im Blick zu behalten, dass Mitarbeitende die Chance haben, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Man kann sie dabei unterstützen – beim Selbstbewusstsein, bei Strukturen, bei Organisation.
Zweitens: Bieten Sie mehr als andere Betriebe. Keine Fortbildungen anzubieten, ist keine Alternative. Suchen Sie die passenden Fortbildungen, die auch im unternehmerischen Kontext stehen.
Drittens: Sehen Sie Fortbildungen als Belohnung. Lohn allein reicht heute nicht mehr. Mehrwert statt Lohnerhöhung ist hier vielleicht die Devise.
Jens:
Zum Mitnehmen. Michael Christmann, ein Stück weit unser Gast heute hier bei KOFA auf dem Sofa.
Michael, schön, dass du da warst.
Michael:
Ja, vielen Dank für das Gespräch.
Sybille:
Ich habe ganz viel mitgenommen und finde, du hast viele Punkte gemacht: Frauenanteil erhöhen, Alt-Jung-Tandems, Weiterbildung integrieren – ganz toll.
Hoffentlich haben Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, auch viel für sich mitgenommen.
Lassen Sie uns kurz auf die nächste Folge schauen:
Am 8. März gibt es das nächste KOFA auf dem Sofa.
Da beschäftigen wir uns mit einer provokanten Frage:
Warum besetzen wir offene Stellen nicht einfach mit Arbeitssuchenden?
Kann das funktionieren?
Oder anders gesagt: Den Fachkräftemangel gibt es doch gar nicht…?
Wir schauen uns konkrete Zahlen an – und freuen uns, wenn Sie dabei sind.
Schon mal vormerken: 8.3., genau hier an dieser Stelle.
Sybille und ich sind dann wieder da.
Bis dahin wünschen wir Ihnen eine schöne Zeit.
Machen Sie es gut. Tschüss.
Jens:
Alles gut so, Leute.
Fachkräfte – auf dem Sofa. Wir hatten’s.