
Transkript: Folge 59
KOFA auf dem Sofa: Future Skills: Zukunftsfähig arbeiten (Gast: Prof. Anabel Ternès)
Jens:
KOFA auf dem Sofa, der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer. Mensch, schön, dass Sie wieder bei uns sind. Hier ist KOFA auf dem Sofa am 23. November. In ungefähr vier Wochen ist Weihnachten, aber so weit ist es natürlich noch nicht, ne, Sibylle?
Sibylle:
Hach ja, irgendwie lädt das ja schon dazu ein, aufs Jahr zurückzublicken. Aber wir machen heute genau das Gegenteil. Wir schauen in die Zukunft. Und ja, wenn ich so an die Zukunft denke, Jens, was glaubst denn du, welche Fähigkeiten brauchst du denn für die Welt von morgen?
Jens:
Beruflich meinst du jetzt?
Sibylle:
Ja.
Jens:
Also ich glaube, dass wir alle von Digitalisierung sprechen und dass Digitalisierung immer wichtiger wird. So ein technologisches Grundverständnis wird, glaube ich, einfach ein Muss sein. Ohne das wird es wahrscheinlich nicht mehr gehen. Ansonsten ist es natürlich auch so, dass sich Technik immer schneller entwickelt. Das heißt, man muss da am Ball bleiben und schauen, dass man Schritt halten kann. Und ansonsten, tja, also wahrscheinlich auch weiterhin solche Klassiker, könnte man fast sagen, wie Teamfähigkeit, vielleicht sogar noch mehr als früher. Lösungsorientierung wäre vielleicht wichtig. Oder eben auch, was ich persönlich ganz, ganz wichtig finde, sich für Dinge, für Projekte und für Kunden zu begeistern. Also das Ganze auch wirklich zu leben, was man da tut. Nicht nur irgendwas zurechtfeilen, schreinern oder malen, sondern eben auch zu sagen: Boah, ich habe hier ein richtig cooles Projekt und ich habe Lust, das umzusetzen.
Sibylle:
Ich kann mir vorstellen, dass das, was du beschreibst, auch morgen noch wirklich Gültigkeit haben kann. Wie du schon sagst, die Welt ändert sich schneller denn je. Man kennt das ja: Die Wirtschaft hat sich schon immer verändert und auch das, was Menschen können mussten. Wenn man mal 250 Jahre zurückdenkt, da ging es los, dass Textilprodukte erstmals im industriellen Maßstab hergestellt werden konnten. Dann kam die zweite Welle, die Dampfmaschine wurde erfunden, ein enormer Produktivitätsschub. Und dann kamen weitere Wellen. Jetzt sind wir gerade am Übergang von der fünften zur sechsten Welle der industriellen Revolution sozusagen. Hier kommen künstliche Intelligenz, Robotik und Nachhaltigkeit ganz stark ins Spiel. Da kann man sich schon fragen: Wir merken das ja schon ein bisschen im Arbeitsalltag, aber wie stellen wir uns denn am besten darauf ein?
Jens:
Ja, das ist die große Frage, die wir in dieser Folge klären wollen. Wenn Sie die ersten Wellen der Innovation in den letzten 250 Jahren verpasst haben, dann ist jetzt die Gelegenheit, die aktuelle mitzuschwimmen. Wir freuen uns darüber, dass wir heute einen ganz besonderen Gast hier bei uns bei KOFA auf dem Sofa haben. Unser Gast ist Frau Professor Dr. Annabella Tennes. Herzlich willkommen.
Annabella:
Hallo, ich freue mich sehr, dabei zu sein.
Jens:
Zukunftsforscherin muss man dazu sagen. Also die Frau, die wirklich in die Zukunft blicken kann. Frau Tennes, wir würden es ganz gerne so machen, wie wir das auch in den letzten Folgen bewährt haben, dass wir mit jedem Gast eine Runde Fahrstuhl fahren, also einen kleinen Elevator Pitch machen. Ungefähr 30 Sekunden, in denen wir Sie bitten würden, sich einmal kurz vorzustellen, damit man ein bisschen besser weiß, was Sie eigentlich so tun den ganzen Tag. Es geht los.
Annabella:
Ich bin Unternehmerin, geschäftsführende Direktorin des Berliner SRH Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement, serielle Gründerin, vor allem im Nachhaltigkeitsbereich, Autorin und Keynote Speakerin. Mit Leidenschaft gründe ich seit etwa zehn Jahren in verschiedenen Branchen. Aktuell bin ich im Bereich Bildung und Gesundheit investiert und dort auch ganz aktiv engagiert. Meine NGO ist Get Your Wings. Das ist ein Lernraum für Zukunftsgestalterinnen, mit dem wir jungen Menschen helfen, nachhaltig digital kompetent zu werden.
Sibylle:
Wahnsinn, das war ja eine Punktlandung. Ich glaube, Sie sind die Erste, die das geschafft hat.
Annabella:
Ich hätte noch sehr viel mehr weitererzählen können. Ich glaube, ich hätte vier Elevator Pitches gebraucht, aber ich habe gerade noch so die Kurve bekommen und bin ganz stolz.
Jens:
Alles perfekt, alles gut gelaufen. Vielleicht können wir trotzdem noch einmal einen kleinen Schritt zurückgehen. Ich habe ja gesagt, Sie sind Zukunftsforscherin. Was muss man sich denn unter dem Job einer Zukunftsforscherin vorstellen? Ist das Glaskugel, ist das Kaffeesatzlesen, ist das Zeitreisen? Was machen Sie den ganzen Tag?
Annabella:
Ja, die Leute stellen sich da am liebsten vor, dass ich eine Dystopie erzähle, also wie schrecklich alles wird. Natürlich kann ich das tun und Angst verbreiten, aber das mag ich gar nicht und so sehe ich meinen Job auch nicht. Mein Job ist es, darzustellen, mit welchen Möglichkeiten wir etwas erreichen können, und zwar bevorzugt im guten Bereich. Das heißt: Was kann ich zum Beispiel tun, um die 1,5 Grad Klimaerwärmung nicht zu reißen, sondern dort zu bleiben? Was kann ich tun, um eine lebenswerte Welt für uns alle zu schaffen? Was sind vielleicht Ziele, die wir modifizieren dürfen? Und was gibt es fern von höher, schneller, weiter für uns, um unser Leben noch lebenswerter zu gestalten?
Für mich ist Zukunftsforschung auf der einen Seite das, was Unternehmen gerade im Technologiebereich entwickeln, auf der anderen Seite aber auch das, was wir als Menschen damit machen. Wichtig finde ich, dass das in einem Verhältnis bleibt. Nur anzugucken, was alles geht, finde ich gefährlich. Das ist so ein bisschen wie ein Spieltrieb, der immer nur schaut: Was geht denn eigentlich noch? Fern von der Frage, was gut für uns ist.
Sibylle:
Sie sagten eben auch, dass Sie viel mit jungen Menschen arbeiten und sie fit machen wollen für die Welt von morgen. Was können wir denen denn mitgeben? Also welche Kompetenzen brauchen junge Menschen oder auch Ältere, die ja ebenfalls noch mit beiden Beinen im Arbeitsleben stehen und vielleicht auch noch ganz viel verändern und vorhaben? Was können die konkret tun oder worum sollten sie sich in ihrer persönlichen Weiterentwicklung kümmern?
Annabella:
An erster Stelle finde ich es total wichtig, dass man interessiert bleibt, informiert bleibt und im dritten Schritt engagiert bleibt. Ich finde es superwichtig und klasse, dass so viele Jugendliche verstehen, dass sie sich engagieren sollten für eine lebenswerte Welt von morgen. Ich finde es aber genauso wichtig, dass genau all diese Menschen verstehen, dass sie sich vorher gut informieren sollten.
Ich finde es auch wichtig, dass man Zusammenhänge versteht, jetzt beispielsweise im Bereich Klimapolitik oder insgesamt Umweltpolitik. Dass man sich dabei zusammentut, sich bespricht und auch global Lösungen findet, die nicht nur regional oder national bleiben. Denn das Thema, das wir haben, ist ein globales Thema und es muss auch global gelöst werden. Unabhängig davon brauchen wir natürlich regional, national oder auch in kleinen internationalen Einheiten Lösungen, denn es muss vorangehen. Es reicht nicht, darüber zu reden, es muss etwas passieren. Das bedeutet, dass jede und jeder Einzelne auch das eigene Leben umstellen sollte und sich Gedanken machen sollte, wo man verzichten kann und wo der Verzicht eigentlich gar kein Verzicht ist, sondern eher ein Luxus, den man sich gönnt, um etwas für eine lebenswerte Welt zu tun.
Sibylle:
Frau Tennes, Sie sagten gerade interessiert, informiert und engagiert bleiben. Das wären für mich schon die Grundlagen für lebenslanges Lernen. Also dass man sich die Neugier bewahrt und sich Dingen widmet, die man bisher vielleicht noch gar nicht kannte.
Annabella:
Absolut.
Sibylle:
Ich glaube auch, dass Angst ein ganz schlechter Begleiter ist. Angst bedeutet Unsicherheit und auch dieses Gefühl, ich kann nichts tun. Genau das Gegenteil brauchen wir. Wir brauchen Menschen, die Augen und Ohren offen halten, die interessiert sind an dem, was passiert, die sich einlesen, diskutieren, überlegen und sich dann eben auch engagieren.
Jens:
Und trotzdem fällt es manchen Menschen ganz schön schwer, oder? Also so dieses Loslassen von dem, was man glaubt, schon zu wissen. Man bewegt sich ja oft auch in Blasen, in denen man eher nach Wissen sucht, das das bestätigt, was man ohnehin schon denkt. Haben Sie einen Tipp, wie es gelingen kann, wenn man schon relativ festgefahren ist, sich doch noch einmal zu öffnen für die Welt von morgen, für Veränderungen, bei denen ja eigentlich jeder Einzelne zählt?
Annabella:
Ja, es gibt ja Leute, die sagen: Kannst du nicht mal auf das und das verzichten, stell dich nicht so an. Und ich muss sagen, ich verstehe Menschen, denen das schwerfällt. Ich glaube, es ist wichtig, dieses Umparken im Kopf hinzubekommen. Also für sich selbst die Parameter zu verändern. Dass man für sich feststellt, dass dieses kalte Duschen am Morgen ja doch extrem cool sein kann, weil man sich danach so frisch fühlt und gleichzeitig auch noch etwas für den Energieverbrauch tut.
Sibylle:
Also ich bin mittlerweile beim kürzer Duschen angekommen, beim kalt Duschen bin ich noch nicht gelandet.
Annabella:
Also wenn Sie möchten, kann ich ein paar Tipps dazu geben. Ich dusche nämlich wirklich kalt, seit ich Kind bin. Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, für die eigene Gesundheit einige Dinge zu tun, die erst mal wie Verzicht wirken, sich dann aber als echter Luxus herausstellen. Als total gute Tools, mit denen man sich viel besser fühlt. Das kommt aber erst danach. Probieren Sie es mal. Ich finde es super.
Jens:
Sich diesem Thema, also wie werde ich flexibler im Kopf, erst mal über die private Ebene zu nähern, ist vielleicht auch ein guter Weg. Gesundheit ist ja etwas, bei dem wir Menschen am ehesten noch mal bereit sind, etwas anders zu machen, wenn wir merken, so geht es nicht weiter.
Sibylle:
Oder wenn es uns jemand sagt.
Annabella:
Das ist natürlich auch ein Punkt. Aber wenn uns jemand etwas sagt, dann ist es am besten, wenn die Person uns mitnimmt. Also wenn sie fragt: Wie geht es dir denn eigentlich? Wie findest du das denn selbst? Warum tust du das denn? Und guck mal, wie wäre es denn, was hältst du von dem Vorschlag? Wenn es sich dann nach meinem eigenen Gedanken anfühlt, dann finde ich es nämlich richtig gut. Wenn ich dagegen das Gefühl habe, jemand schreibt mir vor, so muss es gehen, dann ist die Gefahr groß, dass ich dem anderen die Schuld gebe, wenn es nicht klappt. Und dann gebe ich auch die Verantwortung ab. Das ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Ich bin sehr viel nachhaltiger dabei und viel stärker dahinterher, wenn ich das Gefühl habe, ich selbst habe es entdeckt und umgesetzt und kann stolz darauf sein.
Jens:
Lassen Sie uns doch vielleicht mal von der persönlichen Ebene auf die betriebliche kommen. Unsere Hörerinnen und Hörer sind ja viele kleine und mittlere Unternehmen. Neben Ihrer Professur sind Sie auch stellvertretende Vorsitzende im Bitkom-Arbeitskreis Arbeit 4.0 und Sie haben ein Buch geschrieben, „Future Skills“. Darüber wollen wir natürlich auch sprechen. Welche Kompetenzen, welche Fähigkeiten werden Unternehmen in Zukunft benötigen, um bestehen zu können?
Annabella:
Es verbergen sich darunter ganz verschiedene Kompetenzen. Auf der einen Seite haben wir lange Zeit geglaubt, dass wir Wissen gar nicht mehr brauchen, weil uns das die Maschinen abnehmen. Aber wir sehen natürlich auf der anderen Seite, dass es doch Vernetzung braucht, also das, was im kindlichen Gehirn diese Synapsenbildung ausmacht, um Zusammenhänge zu verstehen. Das heißt also an erster Stelle: Wissen. Es reicht nicht, wenn ich achtsam und respektvoll bestimmte Dinge tun kann. Es ist auch wichtig, dass ich ein Grundwissen habe, das ich adaptieren, ergänzen und auf das ich aufbauen kann.
Dann ist es unglaublich wichtig, dass ich nachhaltige Kompetenzen habe. Dafür ist das Wissen notwendig, um überhaupt zu verstehen, was Nachhaltigkeit ist. Nachhaltigkeit heißt erst mal langfristiges Denken. Es heißt auch, dass ich Dinge nicht nur für eine Sofort- und Schnellwirkung aufbaue, sondern immer schaue: Wie kann ich ressourcenorientiert und ressourcenschonend handeln? Oder so, dass ich Ressourcen wieder aufbaue oder zurückhole? Wie kann ich es so erreichen, dass ich langfristig erfolgreicher bin, als wenn ich nur ein kurzfristiges Feuerwerk abbrenne?
Dann natürlich auch unglaublich wichtig: persönliche Kompetenzen. Also auf der einen Seite Flexibilität, der Umgang mit neuen Umständen und das schnelle Einstellen darauf. Auf der anderen Seite aber auch Resilienz, also dieses in sich Ruhen. Früher nannte man einen Teil davon auch Intuition, also dieses Wissen darüber, was einem guttut. In sich hineinzuspüren. Das kann zum Beispiel beim Recruiting sehr hilfreich sein, wenn der Bauch gegen eine Kandidatin oder einen Kandidaten spricht, obwohl das analytische Tool ganz klar sagt, passt eigentlich alles.
Dazu kommt, wieder zu sich selbst zurückzufinden und Leadership nicht als etwas zu verstehen, das man anderen antut, sondern zuerst als etwas, das für einen selbst gilt. Weil man sich immer mehr auch als Coach, Gastgeberin oder Gastgeber oder als jemand versteht, der selbst Lernender ist, in einem agilen Setting. Dafür ist es notwendig zu begreifen, dass man seine Aufgaben nicht egozentriert ausübt, wie wir das oft aus Schule, Noten und Leistungsdruck gelernt haben, sondern kollaborativ. Also als Teil einer Gruppe und eines Gesamtsystems. Das heißt: Was nutzt dem System insgesamt? Und wie können eigene Ideen dazu beitragen, ein Ergebnis zu schaffen, das viele mittragen?
Sibylle:
Stellen wir uns mal vor, ich wäre jetzt eine mittelständische Unternehmerin und hätte eine ganz vielfältige Belegschaft. Ich höre jetzt diesen Podcast und höre von diesen verschiedenen Kompetenzbereichen, also Wissen, persönliche Kompetenzen und Adaptionsfähigkeit. Was würden Sie mir denn raten? Soll ich jetzt einfach mal eine Resilienzschulung machen und alle verpflichten, da mitzumachen, mich selbst natürlich eingeschlossen? Oder wie gelingt mir das, herauszufinden, was meine Leute jetzt brauchen, vielleicht auch in meiner Branche?
Annabella:
Das einfachste Rezept, das viele interessanterweise gar nicht sehen, ist: die Mitarbeitenden fragen. Man denkt ja häufig, die haben keine Ahnung, aber Mitarbeitende haben oft eine sehr genaue Ahnung davon, was sie brauchen, was ihnen guttut und was sie gerne hätten. Und vor allem werden sie gern gefragt. Und zwar nicht erst dann, wenn alles schon entschieden ist, sondern schon in der Konzeptionsphase.
Das heißt, es macht total Sinn, eine Umfrage zu machen. Es macht Sinn, Statusgruppen zu bilden, die bereichsübergreifend von der Produktion bis zur Geschäftsleitung Menschen in kleinen Gruppen zusammenbringen und Dinge diskutieren. Wichtig ist aber, dass diese Gruppen auch Gehör finden und ihre Vorschläge nicht einfach verpuffen. Denn was Mitarbeitende meistens gar nicht gut finden, ist, wenn sie gefragt werden und das Ganze dann nur pro forma passiert. Also im Grunde eine Art Greenwashing ist.
Wichtig ist also, Mitarbeitende ernst zu nehmen. Sie von Beginn an einzubeziehen, nicht zu überfordern, aber ihnen die Chance und Möglichkeit zu geben, mitzusprechen und nicht hinterher zu sagen: Ja, jetzt kommst du damit, aber hättest du mich mal gefragt. Häufig ist schon die Geste entscheidend, dass man sagt: Ich hätte dich gern dabei, möchtest du? Okay, du hattest die Chance, ich verstehe, wenn du nicht kannst oder möchtest. Aber dieses Einladen allein ist extrem wichtig. Ebenso wie die Begegnung auf Augenhöhe. Unabhängig davon, dass jeder einen anderen Horizont, andere Erfahrungen und anderes Know-how mitbringt.
Jens:
Was ja auch gut und richtig sein kann.
Annabella:
Absolut. Denn es ist wichtig, dass man sich wie ein Fußballteam versteht, wie ein Orchester oder eben synergetisch. Jeder ist wichtig da, wo er ist, und hat auf dem Platz, den er gerade einnimmt, eine absolute Bedeutung.
Sibylle:
Ich finde das total wunderbar, weil das so konkrete Tipps sind, die, glaube ich, auch für Unternehmen wirklich handhabbar sind, wenn sie sich denn die Zeit nehmen, da zu investieren. Ich glaube, ein erster Schritt ist oft, dass man sich als Chefin oder Chef hinsetzt und mal Kompetenzen der Zukunft oder Future Skills googelt. Dann landet man ja oft bei diversen Studien. Um mal zwei Beispiele zu nennen: Der Stifterverband hat eine Onlinebefragung gemacht und kam auf 21 Kompetenzen für eine Welt im Wandel. Und Südwestmetall hat die Universitäten Ulm und Regensburg beauftragt, über eine Million Stellenanzeigen auszuwerten. Auch dort kam ein ganzes Set von Kompetenzen heraus, die man ausbilden müsste. Was halten Sie denn von solchen Studien und solchen Listen von Kompetenzen, die man haben sollte?
Annabella:
Die sind sicherlich sinnvoll, um sie mit dabei zu haben. Allerdings ist darüber hinaus total wichtig, dass ein Unternehmen für sich weiß, auch abhängig von der Unternehmenskultur und den jeweiligen Arbeitsbereichen, was und wen es eigentlich braucht. Interessanterweise sind in Stellenausschreibungen oft Kompetenzen genannt, die gar nicht so wichtig sind. Und andere, die parallel genannt werden, dominieren dann alles.
Ich gebe mal ein Beispiel: Ich suche jemanden auf Bereichsleiterebene. Dann schreibe ich: Für uns ist wichtig, dass jemand flexibel, wertschätzend und ein totaler Teamplayer ist. Ich schreibe vielleicht auch, kommunikativ sei wichtig und redegewandt sollte die Person sein. Und irgendwo steht dann noch: Kenntnisse aus der Branche sind willkommen. Dann würde jemand, der das liest, objektiv denken: Willkommen heißt, das brauche ich nicht zwingend, wäre aber schön, wenn ich es habe. Die Person bewirbt sich und erfährt dann: Sie sind ein Redetalent, Sie haben tolle Teams geführt und im Projektmanagement super Sachen gemacht. Aber wissen Sie was, Sie sind branchenfremd.
Dann sagt die Person: Aber da steht doch willkommen. Und letztlich ist das dann das entscheidende Argument, jemanden zu nehmen oder nicht zu nehmen. Häufig sogar entscheidender als andere Dinge wie eine bestimmte Ausbildung, ein Abschluss oder andere weiche Faktoren. Weil sich Arbeitgeber dann denken: Das eine oder andere kann die Person ja noch lernen, da geben wir eine Weiterbildung, dann kann sie auch noch Präsentieren oder Auftreten lernen. Und dabei wird oft vergessen, dass diese weichen Faktoren eben gar nicht so unwichtig sind.
Jens:
Kann man denn eigentlich pauschal sagen, wie lange es dauert, Mitarbeitende oder zukünftige Mitarbeitende auf so ein Level zu bringen? Das ist ja gerade für kleine und mittlere Unternehmen eine große Frage. Das bedeutet immer Manpower, Zeit und am Ende vielleicht auch Kosten.
Annabella:
Absolut. Es ist natürlich eine Abwägungssache. Wenn ich, wie eben gesagt, jemanden als Bereichsleiter haben möchte, bei dem es total nützlich ist, dass er in der Branche schon einen Footprint hat, also die Leute kennt und dort ein und aus geht, dann ist das natürlich schon eine Zeitersparnis. Wenn jemand diese Kontakte hat, aber total verklemmt ist, introvertiert ist und den Mund nicht aufkriegt, dann hilft ihm das aber auch nicht viel. Und wenn das jemand ist, der eigentlich gar nicht so gern auf Menschen zugeht, dann hilft ein Rhetorik- oder Auftretentraining vielleicht ein bisschen, aber aus einem Menschen, der lieber im Archiv arbeitet, wird dann wahrscheinlich trotzdem kein Verkaufsass mit Leidenschaft, das vorne steht und Produkte begeistert vermittelt.
In dieser Frage muss man wirklich abwägen und schauen: Was habe ich da eigentlich für einen Typen vor mir? Wenn ich diese beiden Extreme hätte, würde ich wahrscheinlich eher zum Verkaufstalent tendieren. Denn jemand mit einer gewinnenden Art kann schnell irgendwo reinkommen. Und jemand, der schon Footprint hat, da weiß ich ja auch gar nicht genau, was für einen Footprint das ist. Vielleicht hat die Person in der vorherigen Rolle verbrannte Erde hinterlassen oder das Unternehmen, bei dem sie war, hat keinen guten Ruf. Das sind alles Dinge, die bei jemandem, der neu einsteigt, gar nicht als mögliche Pain Points da sind.
Sibylle:
Was mir total auffällt und auch positiv auffällt, ist, dass wir, wenn wir über Kompetenzen der Zukunft sprechen, sehr viel über menschliche Themen reden. Es geht gar nicht so sehr darum, dass alle mal in ein Bootcamp für Softwareentwicklung oder Coding oder Data Analytics müssten. Das vielleicht auch, zumindest für einen bestimmten Teil der Beschäftigten. Aber es geht eben auch um persönliche Kompetenzen, um Resilienz und um vernetztes Denken. Das nehme ich auf jeden Fall mit aus unserem Gespräch heute.
Annabella:
Wenn ich das noch ergänzen darf: Ich würde sagen, dass das definitiv auch für Coder und Programmierende unglaublich wichtig ist. Denn ich brauche ja auch beim Programmieren irgendwelche Werte, auf deren Basis ich Entscheidungen treffe. Dafür halte ich es für unerlässlich, dass man schon mal etwas gehört hat von Achtsamkeit, Resilienz, Diversity und Chancengleichheit.
Sie haben wahrscheinlich auch dieses Experiment mitbekommen, bei dem Programmierende einfach mal drauflos programmiert haben, eine App, die Gesichter bewertet. Und dann kam heraus, dass da ganz klares Bashing drinsteckte, weil sich die Entwickler im Grunde selbst als den tollsten Typ programmiert hatten und alle anderen, die anders aussahen, also nach Hautfarbe, Gender, Alter und so weiter, schlechter abschnitten. Und da muss man sagen: Das kann einfach so passieren. Man ist dann so drin und programmiert drauflos. Insofern ist eine Sensibilität in diesem Beruf genauso wichtig wie etwa in der Ausbildung zum Arztberuf. Dort geht es ja auch nicht nur darum, wie eine Maschine zu gucken und zu sagen: Erkältung, ist jetzt schon das fünfte Mal. Sondern vielleicht auch mal zu schauen: Wie kommt denn das? Die Person hat vielleicht gerade ganz andere Herausforderungen zu bewältigen. Vielleicht spreche ich mal kurz das Immunsystem oder die Belastung an und empfehle, sich etwas Gutes zu tun. Das klingt jetzt profan, meint aber nur: Diese sogenannten Soft Skills sind oft die entscheidenden.
Jens:
KOFA to go, Wissen zum Mitnehmen.
Die Arbeitswelt von morgen wird anders aussehen als die von heute. Und um dort bestehen zu können, werden einige neue Kompetenzen nötig sein. Als Unternehmerin oder Unternehmer sind Sie gut beraten, sich schon jetzt darum zu kümmern und Ihre Mitarbeitenden dabei zu unterstützen, diese Skills aufzubauen und tatsächlich in den betrieblichen Alltag zu integrieren. Worauf es dabei ankommt, hören Sie jetzt noch einmal kurz und kompakt von unserem Gast. Nämlich drei Tipps von Annabella Tennes, wie Sie Ihr Unternehmen fit für die Zukunft machen. Ihr erster Tipp bitte.
Annabella:
Mein erster Tipp ist Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit nachhaltig verstehen und nachhaltig implementieren, und zwar mit allen drei Säulen plus den Prozessen und der Organisation, damit es auch die Chance hat, das Unternehmen wirklich erfolgreich zu machen.
Jens:
Dann zweiter Tipp. Darf ich schon loslegen?
Sibylle:
Unbedingt.
Annabella:
Maßnahmen, und zwar wirklich ganzheitliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Absolut wichtig. Denn es wird immer wichtiger, dass man Menschen die Möglichkeit gibt, ihre privaten Herausforderungen so zu bewältigen, dass sie trotzdem engagiert, begeistert und motiviert bei der Arbeit sind. Und das bedeutet nicht nur Kind, Schwangerschaft und alles, was damit zu tun hat. Es kann auch um Angehörige mit besonderen Herausforderungen gehen, also pflegebedürftige Angehörige oder auch die eigene Erkrankung, die einen vielleicht mal länger mitnimmt.
Und an dritter Stelle halte ich es für absolut wichtig, zu sehen, dass Mitarbeitende nicht einfach nur Mitarbeitende sind, sondern viel mehr. Sie sind vielleicht Lernpatinnen oder Lernpaten, Mentorinnen oder Mentoren oder diejenigen, die als Botschafterinnen und Botschafter fungieren, wenn es um bestimmte Nachhaltigkeitsthemen geht. Oder als Influencer, wenn es um neue Tools geht, die jemand engagiert, motiviert und wissend weiterträgt.
Jens:
Sie sind unser erster Gast, der sich hier selbst durchmoderiert hat. Ich finde das toll.
KOFA to go, Wissen zum Mitnehmen.
Das war Annabella Tennes auf dem KOFA-Sofa. Ganz herzlichen Dank, dass Sie heute hier bei uns waren, unser Gast waren und so viele spannende Sachen zu den Future Skills erzählt haben.
Sibylle:
Tja, und wenn wir mal in die nähere Zukunft schauen, dann werden Sie sehen: So weit ist es gar nicht mehr bis Weihnachten. Wir bewegen uns also in großen Schritten Richtung Jahresende. Aber eine Folge, eine Folge haben wir noch. Und was für eine.
Jens:
Und da machen wir es uns so richtig gemütlich mit einer wahnsinnig tollen Kollegin von mir. Uns besucht nämlich Regina Flake, mit der ich schon ganz lange total gerne zusammenarbeite. Wir schütteln die Sofakissen extra kräftig auf für sie.
Sibylle:
Das letzte Mal werden wir uns in diesem Jahr am 7. Dezember hören. Bitte schon mal vormerken. Und wir wünschen Ihnen deswegen jetzt schon mal einen ganz besonders schönen ersten Advent und nicht ganz so viel Stress auf Ihrem Endspurt bis zum Jahresende. In zwei Wochen sind Jens und ich dann wieder bei Ihnen.
Jens:
Machen Sie es gut, bis dann.
Beide:
Fachleute für Fachkräfte. KOFA auf dem Sofa, der Podcast.