
Transkript: Folge 57
KOFA auf dem Sofa: Working Dad: Warum Vereinbarkeit kein Frauenthema ist - Gast: Roman Gaida
Jens:
KOFA auf dem Sofa, der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer. Einen guten Morgen allerseits. Hier ist KOFA auf dem Sofa am 26. Oktober. Das Wetter ist herrlich, der Herbst ist da. Bei mir ist letzten Mittwoch leider noch Corona dazugekommen, aber mittlerweile ist alles wieder gut und es muss sich niemand Sorgen machen, dass hier einer von uns krank vom Sofa kippt. Sibylle ist auch dabei und du genießt den Herbst hoffentlich sehr.
Sibylle:
Ja, und wie. Ich liebe das, dieses goldene Laub und draußen spazieren zu gehen. Dabei höre ich auch immer wieder Podcasts und manchmal stöbere ich auch noch mal in unseren alten Folgen. Wir haben ja echt schon 56 Stück. 56 Folgen. Und wir haben schon über so vieles gesprochen, was den Mittelstand und seine Führungskräfte umtreibt. Die letzte Folge vor den Herbstferien fand ich super, das muss ich jetzt mal wirklich selbst sagen. Allein schon der Titel: Jobs, die keiner machen will. Also Berufe, die viele nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden.
Jens:
Ja, und du hattest am Ende der Folge auch noch so einen gewaltigen Cliffhanger eingebaut, nämlich zu unserem heutigen Gast.
Sibylle:
Ja, ich habe versprochen, es wird ein Mann wie ich werden. Ein Mann wie ich wird zu uns stoßen, ein arbeitender Vater oder, wie man auf Neudeutsch sagt, ein Working Dad. Und so ist es auch gekommen. Heute hier und jetzt bei uns auf dem KOFA-Sofa an diesem 26. Oktober: Topmanager und Working Dad Roman Gaider. Hallo Roman.
Roman:
Hi ihr zwei, vielen Dank für die Einladung.
Jens:
Ganz herzlich willkommen auch von mir, lieber Roman. Schön, dass du da bist.
Sibylle:
Ganz kurz, wie alt sind deine Kinder jetzt?
Roman:
Die werden nächsten Monat fünf.
Sibylle:
Und das sind Zwillinge, ne?
Roman:
Ganz genau.
Jens:
Oh, da hast du viel zu tun. Ich wollte nur eben fragen, weil wir jetzt zusammen einen Elevator Pitch machen. Wir fahren eine Runde Fahrstuhl zusammen. In dieser Fahrt kannst du dich vorstellen. Ich wollte nur wissen, ob noch ein Kinderwagen mit rein muss oder nicht, damit wir ein bisschen Platz machen hier drin. Der Fahrstuhl fährt los, die Tür schließt sich und dann kannst du dich vorstellen. Leg los.
Roman:
Ach, wir fahren schon? Hat jemand gedrückt? Ich habe es gar nicht mitbekommen. Angekündigt habt ihr mich ja schon. Roman Gaider. Ich habe auch schon ganz viele Jobs in meinem Leben gemacht, die keiner machen will. Dazu kann ich später noch was sagen, das ist ziemlich spannend. Ich bin mittlerweile 40 Jahre alt, Bereichsleiter bei Mitsubishi Electric in Europa für einen Geschäftsbereich, bin Vater von Zwillingen und habe die letzten eineinhalb Jahre damit verbracht, ein Buch über die Vereinbarkeit von Vaterschaft und Karriere zu schreiben.
Jens:
So, jetzt wissen wir, mit wem wir es zu tun haben. Roman, du bist nicht nur als Businessman und als Papa bei uns, sondern auch, weil du gerade dieses Buch veröffentlicht hast, an dem du die letzten zwei Jahre gearbeitet hast. Du hast dich genau mit diesem Thema beschäftigt, mit der Vereinbarkeit von Vaterrolle und Karriere. War das jetzt für dich thematisch einfach mal dran? Wie kam das?
Roman:
Hauptsächlich war das dem geschuldet, dass, je weiter meine Karriere fortgeschritten ist, umso lauter die Stimmen wurden, dass das mit Familie und Vereinbarkeit so nicht geht. Und dass vielleicht dann die Frau keine Karriere haben kann, wenn man selbst auf der Karriereüberholspur ist und weiterkommt. Das wollte ich so einfach nicht akzeptieren. Deswegen habe ich mich mit dem Thema länger auseinandergesetzt.
Und wie gesagt, die Jobs, die keiner machen will, habe ich früher gemacht, weil ich ganz viele Jahre in Schichtarbeit gearbeitet habe. Da hat auch jeder zu mir gesagt, das funktioniert nicht, aus der Schichtarbeit heraus zu studieren und irgendetwas zu erreichen. Das geht nur mit Vitamin B und so weiter. Und das habe ich damals auch nicht akzeptieren wollen. Und genauso war es jetzt mit dem Vatersein und mit der Karriere.
Als dann der Campus Verlag gefragt hat, ob ich dazu ein Buch schreiben will, wollte ich gleich mal den Gegenbeweis antreten, dass es eben doch funktioniert. Aber dass das einfach viel mit der eigenen Einstellung zu tun hat. Daraus ist dann das Buch entstanden, quasi aus der Not heraus, dass mir jeder erzählt hat, dass mit der steigenden Karriere die Vereinbarkeit beendet ist. Und das wollte ich so nicht akzeptieren und stehen lassen.
Jens:
Nun gibt es ja viele Väter, die arbeiten, sogar die allermeisten, und die meisten auch in Vollzeit. Wie definierst du denn deine Vaterrolle und deine Karriere? Also was bedeutet das genau für dich? Und was könnte daran schwer zu vereinbaren sein, wenn man es nicht gut macht?
Roman:
Ich weiß nicht, dieses gut machen ist so eine Sache. Das habe ich ja auch versucht, ein bisschen rauszulassen. Denn es gibt kein gut und kein schlecht. Ich glaube, es gibt nur eine eigene Art und Weise, wie man es leben möchte.
Wenn man ein aktiver Vater sein möchte, also ein Vater, der auch mal unter der Woche für seine Kinder da ist, der eine Beziehung auf Augenhöhe führt mit seiner Partnerin oder seinem Partner, dann kommt es zwangsläufig dazu, dass man sich Gedanken machen muss: Wann möchte ich da sein? Wann kann ich weg sein? Wie stimme ich mich zu Hause in der Familie ab?
Bei mir war es einfach wichtig, dass ich eine erfüllte Karriere haben wollte. Für mich ist Erfolg die Definition davon, dass ich selbstwirksam im Job bin, mit meinem Team etwas erreichen kann und das auch ein bisschen in der Hand habe, das mitgestalten zu können. Das ist für mich Erfolg. Und gleichzeitig wollte ich für meine Kinder ein nahbarer Vater sein, der nicht nur am Wochenende da ist.
Das war für mich die Definition von Erfolg. Und ich glaube, das ist sehr individuell. Da muss jeder seinen eigenen Weg finden und für sich definieren. Deshalb ist im Buch auch viel Selbstfindung für die Väter drin, die sich bisher vielleicht nur damit beschäftigt haben, dass sie eben das Geld nach Hause bringen. Diese Einstellung wollte ich mal ein bisschen challengen.
Jens:
Es ist ganz witzig, dass du das jetzt sagst, weil meine nächste Frage gewesen wäre, ob sich durch die Kinder deine Einstellung zu Job und Familie verändert hat. Oder sagen wir mal konkreter: Hat sich der Karrierebegriff für dich verändert, seitdem die Kinder da sind?
Roman:
Ich weiß nicht, verändert vielleicht nicht so sehr, aber verschoben auf jeden Fall. Ich habe ja keine geplante Karriere gemacht, sondern eher eine historisch gewachsene, über zweiten Bildungsweg, Ausbildung, Weiterbildung und Studium. Dadurch hat sich mein Bild von Karriere sowieso immer wieder neu geformt.
Deswegen ist es schwierig zu sagen, ob sich das jetzt durch die Kinder verändert hat. Ich wusste immer: Wenn ich mal Vater werde, ist mir das genauso wichtig wie beruflicher Erfolg, wenn nicht sogar noch wichtiger.
Sibylle:
In deinem Buch schreibst du, dass vielen Unternehmen und Führungskräften nicht klar ist, dass eine engagierte Vaterschaft Führungsqualitäten explizit stärkt. Kannst du das ein bisschen greifbar machen? Was würdest du sagen, hast du heute anders drauf als noch vor fünf Jahren?
Roman:
Ich glaube, hauptsächlich der Umgang mit Zeit. Mit der eigenen Zeit und mit der Zeit von anderen Menschen. Wenn man keine Kinder hat, hat der Tag zwar auch nur 24 Stunden, aber die kann man relativ individuell gestalten. Vielleicht delegiert man dann auch Aufgaben ins Team oder beschäftigt Menschen mit Dingen, die vielleicht gar nicht unbedingt sein müssten.
Das heißt, man wird ein bisschen effizienter in der Auswahl seiner Projekte. Man sagt sich: Man kann nicht mehr alles machen. Als Vater sowieso schon nicht, aber die Teams, die Väter, die Mütter, die Eltern insgesamt in den Teams eben auch nicht. Das heißt, man geht mit seiner Zeit und mit der Zeit von anderen, vielleicht auch im Endeffekt von Kunden und Geschäftspartnerinnen, viel wertschätzender um. Ich glaube, das ist ein Hauptpunkt, der sich bei mir geändert hat. Und ich sehe das auch bei anderen, vor allem bei Eltern.
Jens:
Kannst du uns mal einen kleinen Einblick in deinen Alltag geben? Also wie sieht die Organisation ganz konkret aus? Ist das irgendwie fünfzig Prozent Job und fünfzig Prozent Familie oder wird das täglich neu gemacht? Oder gibt es klare Absprachen, nach dem Motto: Die fast Fünfjährigen bleiben jetzt mal draußen, der Papa arbeitet und ist in einer Stunde wieder für euch da. Wie funktioniert das?
Roman:
Wahrscheinlich so wie bei anderen Familien auch: Trial and Error. Wir versuchen, samstags oder sonntags mit meiner Frau Laura zusammenzusitzen und die nächsten ein, zwei oder drei Wochen ein bisschen zu planen. Wer hat Termine, wo muss ich mal weg? Ich habe ja auch Geschäftsreisen. Und sie muss auch mal über Nacht weg. Das heißt, wir gucken schon mal, dass die Termine nicht übereinanderliegen.
Dann schauen wir auch auf solche Sachen wie die U-Untersuchungen. Wir haben jetzt wieder U9 oder U10, ich glaube, U10 ist jetzt dran.
Jens:
Da war ja was. Die ersten Jahre, das stimmt allerdings, da erinnere ich mich auch noch gut.
Roman:
Ja, da muss man alles reinpacken. Und wir wollen meistens auch zusammen zu diesen Untersuchungen gehen, damit jeder Bescheid weiß über den Gesundheits- und Entwicklungsstand der Kinder und man sich gegenseitig unterstützen kann.
Das Einzige, was wir ziemlich klar trennen, ist: Ich mache alles ab der Küche. Ich gehe einkaufen, ich koche, ich räume den Tisch ab, ich räume die Spülmaschine ein und aus. Das ist alles mein Ding. Laura macht zum Beispiel eher den Teil mit der Wäsche. Und das, was wir beide nicht schaffen, wird in unserer glücklichen Situation durch eine Haushaltshilfe abgefedert, die einmal die Woche kommt. Früher konnten wir uns das nicht leisten, jetzt mittlerweile schon.
Und ansonsten ist es so, dass ich morgens, so oft wie möglich, die Kinder bringe, wenn ich nicht auf Geschäftsreise bin. Ich fange ungefähr zwischen halb neun und neun an zu arbeiten. Und ich hole die Kinder mindestens ein- bis zweimal die Woche vom Kindergarten ab. Laura macht samstags morgens noch einen MBSR-Kurs mit Teilnehmerinnen, weil sie ja eine Ausbildung zur Meditationstrainerin gemacht hat und Wirtschaftspsychologin ist. Dafür hat sie dann unter der Woche ein, zwei Nachmittage mehr mit den Kindern. Und ich übernehme dann am Wochenende.
Im Ergebnis haut es meistens ungefähr so hin, dass wir nach einem Monat oder einem halben Jahr sagen können, dass hoffentlich alles immer so ungefähr fünfzig-fünfzig ist. Hoffentlich in dem Sinne, dass beide sagen können, sie haben beruflich alles erreicht, was sie erreichen wollten, und privat auch genug Zeit für sich gehabt. Wir versuchen also nicht, das auf einen Tag genau auszurechnen, aber in der Woche oder im Monat soll es auf jeden Fall ausgeglichen sein.
Sibylle:
So ein bisschen wie Vertrauensarbeitszeit im Unternehmen. Da guckt man ja auch nicht jeden Tag, sondern eher im längeren Mittel. Du, was mich interessiert: Nach dem Allensbach-Institut, die ja große Teile der Bevölkerung befragen, haben 2021 45 Prozent der Eltern gesagt, dass sie sich eine partnerschaftliche Aufteilung wünschen, so wie du und Laura das hinbekommen. Aber nur 17 Prozent der Eltern übernehmen dann tatsächlich ungefähr in gleichen Teilen die Arbeit im Haushalt.
Und wenn ich mich mal umgucke, ich wohne hier in Köln-Sülz, akademisch geprägt, viele Familien, da sind es extrem wenige, bei denen der Vater nicht Vollzeit arbeitet und die Frau nicht doch eher Teilzeit macht. Wie ist das in deinem Umfeld? Hat sich da vielleicht schon etwas bewegt, seit die dich so als Vorbild haben?
Roman:
Ich hoffe nicht, dass meine Freunde mich als Vorbild haben, das auf gar keinen Fall. Aber ich kenne auch viele Beziehungen, in denen das anders aufgeteilt ist. Ein gut befreundetes Ehepaar zum Beispiel, da macht der Mann 70 Prozent und die Frau 30 Prozent, weil sie in der Politik arbeitet und oft spät abends oder am Wochenende unterwegs ist.
Es gibt also vielerlei Lösungen. Aber grundsätzlich ist es schon noch so, dass Frauen meistens in Teilzeit arbeiten und Männer Vollzeit. Zum einen liegt das am Gender Pay Gap. Das habe ich auch in meinem Buch beschrieben, und da bedarf es natürlich politischer Lösungen.
Oft ist es auch mit dem Elterngeld so, dass bei 1.800 Euro gedeckelt ist und es für manche Familien, gerade in Städten wie Köln oder Düsseldorf, schwierig wird, davon noch die Miete zu zahlen, wenn dann bei der Frau weniger reinkommt. Das können wir jetzt wahrscheinlich nicht auf die Schnelle lösen.
Was wir aber lösen können, ist, dass Eltern oder Väter länger in Elternzeit gehen. Und dass die Absprachen zwischen den Ehepartnern ehrlich stattfinden. Das, was ich vorher gesagt habe, funktioniert auch nur, wenn die Frauen nicht einfach eine Retraditionalisierung in Kauf nehmen und sagen: Dann mache ich halt mehr. Es muss also Ehrlichkeit von beiden da sein. Der Mann darf nicht wegschauen, wenn die Frau viel zu viel macht. Und die Frau darf nicht einfach blind akzeptieren. Ich glaube, in Partnerschaften ist da Kommunikation vor allem wichtig.
Sibylle:
Und ich glaube auch, was viele für einen Fehler machen, ist, dass sie erstmal nur bis zur Elternzeit planen, aber nicht wirklich darüber hinaus. Das ist vielleicht so ein bisschen die Sackgasse, in die sich viele Frauen manövrieren, dass man dann ein Kind hat, das Kind bleibt länger zu Hause als gedacht und dann ist der Wiedereinstieg in den Beruf nicht von Anfang an mitgedacht, wodurch sich alles verzögert und Nachteile entstehen. Eine Frage, die sich für viele Männer gar nicht erst stellt.
Roman:
Absolut. Was ich auch merke, ist, dass sich viel auf die Elternzeit eingeschossen wird. Ich muss zugeben, ich habe auch nur zwei Monate genommen, vorerst. Das vielleicht später noch mal. Das wird mir auch öfter mal angekreidet, dass ich das Buch geschrieben habe und eigentlich nur zwei Monate Elternzeit genommen habe. Ich habe das im Buch aber auch detaillierter erklärt, was in mir vorging, um anderen mal einen Einblick zu geben, was einem da durch den Kopf geht.
Aber andererseits ist auch wichtig, an die 18 Jahre zu denken, die man hoffentlich mit den Kindern hat, und wie man die gestaltet. Es bringt nichts, wenn man sechs Monate oder ein Jahr gleichberechtigt aufteilt und dann 17 Jahre lang die Frau sich kümmert.
Sibylle:
Also noch mal konkret: Du hattest zwei Monate Elternzeit genommen und jetzt arbeitet ihr beide Vollzeit, deine Frau und du, oder habt ihr euch das anders aufgeteilt?
Roman:
Genau. Wir haben eine Betreuungszeit von ungefähr 8:00 oder 8:30 Uhr bis 15:30 oder 16:00 Uhr und teilen uns das dann so auf, dass Laura zum Beispiel samstags auch noch mal vier bis fünf Stunden Yogaunterricht oder MBSR-Kurse gibt. Dafür macht sie unter der Woche ein bisschen mehr mit den Kindern, und ich übernehme dann am Wochenende. Im Grunde arbeiten wir beide Vollzeit und die Betreuungszeit deckt den Großteil ab, ergänzt durch die Stunden am Wochenende.
Sibylle:
Ich glaube, was du eben beschrieben hast, das habe ich auch in einem Zeit-Interview mit dir gelesen. Was dir so durch den Kopf gegangen ist: Kann ich jetzt wirklich Elternzeit nehmen, wo ich gerade einen Karriereschritt gemacht habe? Welche Erwartungen hat mein berufliches Umfeld an mich? Und dieses Thema Hauptverdiener, das erlebe ich oft noch, dass Väter gerade dann, wenn die Kinder kommen, denken: Jetzt muss ich mich noch mehr ins Zeug legen und viel Geld ranschaffen, weil ich jetzt für eine Familie verantwortlich bin. Dass solche Erwartungen oft verhindern, den Schritt zu gehen, den man sich eigentlich fürs eigene Leben wünscht. Du kannst ja jetzt nicht unterschreiben, dass es bei dir negative Effekte hatte, oder doch?
Roman:
Ich hatte die ja auch befürchtet. Genauso habe ich es im Buch beschrieben und auch in dem Interview mit der Zeit gesagt, dass ich da genauso Bedenken hatte wie alle anderen. Aber für mich war es keine Frage, dass ich es nicht mache. Und für mich ist auch keine Frage, dass ich vielleicht nicht noch mal Elternzeit mit den Kindern mache.
Es ist aber einfach nicht so in der Gesellschaft anerkannt, dass es so einfach wäre. Es ist immer zu kurz gesprungen zu sagen: Die Männer könnten doch ein Jahr nehmen, warum tun sie es denn nicht? Das klingt dann genauso komisch wie zu sagen: Warum wird nicht jede Frau gleich Vorstand? Weil die Gesellschaft das eben auch unterbindet. Genauso wird auch unterbunden, dass Männer einfach ohne Angst, dass sie in der Firma unten durch sind, länger Elternzeit nehmen können. Das muss man gesellschaftlich ändern. Beides muss Akzeptanz bekommen.
Sibylle:
Ja, und auch in den Unternehmen. Wir sehen zum Beispiel im Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen schon spezifische Maßnahmen zur Väterförderung anbieten. Und eine der erfolgreichsten Maßnahmen kostet gar nichts. Das ist nämlich, wenn Führungskräfte Vorbilder sind. Wenn also der eigene Chef oder die eigene Chefin auch mal Elternzeit genommen hat, dann sieht man, dass Väter sich das signifikant häufiger auch trauen. Wie war das bei dir? Warst du der Erste bei euch oder kanntest du schon jemanden?
Roman:
Ich war nicht der Erste im Unternehmen, aber der Erste auf meinem Level als Führungskraft, also als Bereichsleiter.
Sibylle:
Ja.
Roman:
Ich fand es gar nicht so mutig. Für mich war einfach klar, dass ich das mache. Und wenn es so gewesen wäre, dass das nicht gewünscht gewesen wäre, dann wäre ich nicht mehr da. Dann wäre es die falsche Firma gewesen.
Es ist auf jeden Fall so, dass es männliche Vorbilder braucht. Also Führungskräfte, die es tun. Denn ansonsten entsteht ja der Eindruck: Wenn ich mal Bereichsleiter werden möchte, dann darf ich das nicht tun. Und das wirkt auch unausgesprochen. Es reicht nicht, dass Väter die gesetzliche Möglichkeit haben, Elternzeit zu nehmen. Es muss auch Motivation von Führungskräften kommen, damit Menschen wissen: Okay, ich kann das machen, ohne dass mir daraus ein Nachteil entsteht.
Deswegen versuchen wir zum Beispiel, Elternzeit immer direkt in Entwicklungsprogramme von Talenten mit einzubauen. Damit die wissen: Wenn ich jetzt sechs Monate oder sogar ein Jahr gehe, dann ist das nicht hinderlich für meine Karriere. Danach geht es direkt weiter mit einer Weiterbildung oder einer Beförderung. Das gilt bei Müttern und Vätern. Und das nimmt komplett die Angst raus.
Jens:
Ja, jetzt bin ich mal der Anwalt der kleinen und mittleren Unternehmen und sage: Das ist ja alles ganz gut und schön, wir gönnen dir das auch von Herzen als Fachkraft und Mitarbeiter, aber wir sind eben nur 20 Leute. Sobald du fehlst, haben wir hier bei uns in der kleinen Firma ein richtiges Problem. Was sagst du denn Chefs solcher Unternehmen? Die machen sich ja irgendwie aber auch zurecht Sorgen, oder nicht?
Roman:
Ja klar. Dann würde ich sagen: Was machen denn die anderen 20 Männer um die 40, die gesund sind, keine Behinderungen haben und auf gar keinen Fall Frauen, die in dem Unternehmen arbeiten? Weil sonst könnte ja niemand ausfallen. Ich frage dann meistens immer: Was macht ihr denn mit den Frauen? Und dann heißt es: Ja, die dürfen ja.
Jens:
Genau, bei Eltern ist das ja klar. Frauen dürfen ja.
Roman:
Ja, Frauen dürfen, ist ja ganz klar, die werden ja auch schwanger. Und deswegen ist diese Frage allein schon interessant. Was machen wir denn, wenn ein Vater geht? Dann sage ich: Was macht ihr denn mit den Müttern? Das funktioniert doch auch seit Jahren, wahrscheinlich, oder? Oder stellt ihr einfach keine ein?
Jens:
Da kommt man nicht drum herum, das muss man dann irgendwie beantworten.
Sibylle:
Ja, eben genau. Und das ist ja auch genau das, wo wir mit dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung ranwollen. Denn wir sehen, dass die Fachkräftelücken in Berufen, die sehr männertypisch und sehr frauentypisch sind, besonders groß sind. Das heißt, Unternehmen, die eine sehr homogene Belegschaft haben, verzichten auf einen ganz großen Teil qualifizierter Köpfe.
Deshalb können wir das eigentlich nur völlig unterstützen, so wie du und deine Frau das macht. Dass beide Lust haben, etwas zu bewirken, in der Familie, aber auch im Arbeitsleben. Weil wir brauchen euch alle, wir brauchen uns alle.
Und ich glaube auch, das Ehepaar Verena und Philipp Pausder, da habe ich mal vorher gestöbert bei LinkedIn, die sind ja auch Eltern, ich glaube sogar mit sechs Kindern in Patchwork. Und da sagt Philipp Pausder auch, der Wille seiner Frau, etwas zu bewirken, das ist ein wesentlicher Teil von ihr und auch einer der Gründe, warum man mit ihr zusammen sein möchte. Dass er das natürlich unterstützt. Also dass man beide Seiten im Blick hat. Den Mann, der in Elternzeit geht, und damit auch der Frau ermöglicht, ein erfülltes Berufsleben zu haben. Das finde ich total vorbildhaft und ich glaube, davon brauchen wir mehr und darüber müssen wir ganz oft sprechen, damit sichtbar wird, dass so etwas geht.
Jens:
Die Frage ist einfach immer noch: Wie gleichberechtigt wollen wir eigentlich sein? Und wenn die Antwort ist, wir wollen gleichberechtigt sein, dann stellt sich die Problematik ja eigentlich gar nicht mehr. Dann muss halt jeder seinen Teil dazu beitragen, so wie das im Hause Gaider offensichtlich der Fall ist.
Roman:
Wir versuchen es. Es ist ein Daily Struggle, würde ich sagen. Aber wie bei allen Familien ist das natürlich nicht einfach. Da gibt es kein Allgemeinrezept. Ich habe ganz viel davon versucht aufzuschreiben, aber natürlich bleibt es bei jedem individuell, wie man das zu Hause regeln möchte.
Und ich habe auch nichts gegen traditionell, wenn der Mann 100 Prozent des Verdienstes mit nach Hause bringt oder andersrum die Frau das 100 Prozent macht, wenn es beide glücklich macht. Ich bin dann auch manchmal fern davon zu sagen, jeder muss Karriere machen. Karriere ist auch nicht für jeden ein Selbstzweck oder eine wahnsinnige Erfüllung. Sie kann auch einfach nur Druck und Belastung sein. Und zu Hause die Zeit mit den Kindern ist natürlich der Purpose schlechthin, für mich auf jeden Fall.
Sibylle:
Ja, da bin ich voll bei dir.
Jens:
Ja, also Lesetipp von uns: Working Dad, das neue Buch von Roman Gaider, erschienen im Campus Verlag.
Jens:
KOFA to go, Wissen zum Mitnehmen.
Was können Sie als Unternehmerin oder Unternehmer tun, damit Ihre Working Dads Familie und Beruf optimal unter einen Hut bekommen und damit natürlich auch als Fach- und Führungskräfte erhalten bleiben? Antworten gibt es heute von unserem Working Dad im KOFA to go mit drei Tipps von Roman Gaider. Roman, dein erster Tipp.
Roman:
Auf jeden Fall mal Elternzeit in die Karriereplanung der werdenden Eltern, des Vaters oder der Mutter, mit einbauen. Damit es gar keine Wechselgedanken bei Vätern oder Müttern gibt. Auch mit Blick auf den Fachkräftemangel ist es besser, die Leute zu binden, anstatt sie zu vergraulen. Also proaktiv mit dem Thema Elternzeit umgehen, das ist ganz, ganz wichtig.
Jens:
Dein zweiter Tipp bitte.
Roman:
Mein zweiter Tipp ist eher für die Menschen persönlich: sich wirklich mal Gedanken darüber zu machen, was man für sich selbst als Erfolg definiert. Manchmal weiß man das gar nicht. Man folgt irgendwelchen Leuten, vielleicht auch in Social Media, und denkt sich: Ach, ich möchte sein wie der oder die. Das bringt aber alles nichts, wenn man für sich selbst keine Definition von Erfolg gefunden hat. Dann wird man auch keine Karriere machen, die einen erfüllt. Also das ist ganz, ganz wichtig. Nicht irgendeinem Karriere-Dogma nacheifern, das einen am Ende des Tages vielleicht nur unglücklich macht.
Jens:
Okay, und einen haben wir noch. Dritter Tipp.
Roman:
Als Führungskraft proaktiv auf die Mitarbeitenden zugehen und sie ermutigen, Elternzeit zu nehmen und auch mal um drei oder halb vier nach Hause zu gehen, um die Kinder abzuholen. Einfach zu zeigen, dass man als Vater nicht nur Führungskraft und Karrierist ist, sondern auch Mensch.
Jens:
KOFA to go, Wissen zum Mitnehmen.
Das war Roman Gaider heute bei KOFA auf dem Sofa. Manager, Vater, Working Dad. Roman, danke für deinen Besuch.
Roman:
Ganz vielen Dank für die Einladung, euch zwei.
Sibylle:
Toll, dass du bei uns auf dem Sofa warst. Das hat sehr viel Spaß gemacht mit dir.
Jens:
Unsere nächste Folge wird es am 9. November geben. Sibylle wird mit dabei sein, ich werde dabei sein und noch jemand wird mit dabei sein. Man hat mir gesagt, es wird ein unbequemer Gast werden.
Sibylle:
Ja, zumindest jemand, der auch mal gerne aneckt, um etwas in der Welt zu bewegen. Sie sagt, das geht nicht, ohne auch mal unbequem zu sein. Obwohl sie eigentlich für Themen steht, bei denen man sich fragt, wie passt das denn zusammen? Denn sie steht für wertschätzende Führung, für neue Formen der Zusammenarbeit, für Female Empowerment. Und deshalb freue ich mich besonders auf Vera Strauch, die nächstes Mal hier bei uns auf dem Sofa Platz nimmt.
Jens:
Dann freuen Sie sich mit uns auf Vera Strauch. Wir danken fürs Zuhören für heute, sagen Tschüss und bis zum 9. November.
Sibylle:
Tschüss, machen Sie es gut.
Beide:
Fachleute für Fachkräfte. KOFA auf dem Sofa, der Podcast.