
Transkript: Folge 50
KOFA auf dem Sofa: Recruiting: Kreativ kann jeder
Jens:
Kofa auf dem Sofa, der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer.
Sibylle:
Herzlich willkommen und schön, dass Sie auch dieses Mal wieder dabei sind, wenn Jens und ich auf unserem KOFA-Sofa sitzen.
Jens:
Hallo und herzlich willkommen auch von mir.
Sibylle:
Ja, und wir sprechen auch heute wieder über die nicht enden wollenden Möglichkeiten der Fachkräftesicherung. Dazu habe ich dir, lieber Jens, heute übrigens etwas Schönes und Erbauliches mitgebracht.
Jens:
Da guck mal einer, du hast mir was mitgebracht. Also hatte ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich Geschenke liebe? Ich bin natürlich jetzt umso mehr gespannt, was du mir mitgebracht hast.
Sibylle:
Gut, dann halt dich fest. Lass uns doch heute mal gemeinsam in die Bibel schauen.
Jens:
Ach Gott.
Sibylle:
Keine Sorge, es wird jetzt nicht religiös. Ich habe uns einen Ausschnitt aus der Karrierebibel mitgebracht, und zwar zum Thema Reverse Recruiting. Hast du das schon mal gehört?
Jens:
Habe ich schon gehört, ja. Das ist doch, wenn man im Grunde genommen, also normalerweise ist der Weg ja, dass man eine Stellenanzeige veröffentlicht und guckt, wer sich bewirbt. Und Reverse Recruiting ist, glaube ich, so ziemlich das Gegenteil. Also dass sich das Unternehmen beim Arbeitnehmenden bewirbt.
Sibylle:
Oh Jens, richtig gut, da hätten wir uns die Bibel fast sparen können. Aber ich sag dir noch mal ganz genau, was da drinsteht. Reverse Recruiting bedeutet, dass Unternehmen ihrerseits auf Bewerbende zugehen. Abwarten und Kandidaten kommen lassen funktioniert nicht mehr.
Das sagt ja eigentlich schon alles.
Jens:
Das ist natürlich sinnbildlich gemeint. Es reicht ja nicht, mit ausgestreckter Hand übers Werksgelände zu laufen und zu hoffen, dass jemand sagt: Komm, ich arbeite jetzt bei dir.
Wir haben uns diesmal überlegt, wir sprechen über kreative, vielleicht sogar verrückte Ideen bei der Mitarbeitergewinnung. Dinge, mit denen Sie hervorstechen und Ihre Zielgruppe anders ansprechen können.
Sibylle:
Genau. Wir schauen uns Beispiele aus Unternehmen an und geben wie immer unseren Senf dazu.
Ein Beispiel ist die Deutsche Bahn. Auch sie haben gemerkt, dass selbst ein großes Unternehmen nicht mehr automatisch genug Bewerbungen bekommt.
Sie wollten gezielt mehr Frauen ansprechen und haben den Weltfrauentag genutzt, um Deutschlands größte Bewerbung zu starten.
Jens:
Deutschlands größte Bewerbung ist natürlich spannend, weil sich das Unternehmen in diesem Fall bei den Arbeitnehmerinnen bewirbt.
Sibylle:
Ganz genau. Und zwar bei 26 Millionen Frauen in Deutschland auf einen Schlag.
Die Deutsche Bahn hat sich zum Ziel gesetzt, mehr Frauen an die Schiene zu bringen. Und man merkt: Das ist nicht nur eine Kampagne, sondern auch eine veränderte Haltung.
Wir machen uns attraktiv für Bewerbende und erwarten nicht mehr nur, dass sie sich für uns attraktiv machen.
Jens:
Das ist ein echter Perspektivwechsel.
Sibylle:
Ja, und es blieb nicht bei einer Imagekampagne. Mitarbeiterinnen haben auf Social Media und bei Events gezeigt, was sie bei der Bahn machen. Fragen wurden direkt beantwortet.
Moderiert wurde das Ganze von Tijen Onaran. Sie sagt:
„Unternehmen müssen dahin gehen, wo die Party stattfindet, nämlich zu den Talenten. Zu warten, dass sie sich bewerben, ist eine alte Denke.“
Jens:
Das ist schön formuliert. Die Zeit, dass die Party zu Ihnen kommt, ist vorbei.
Sibylle:
Und das gilt nicht nur für große Konzerne.
Ein Beispiel aus Mecklenburg-Vorpommern: der lila Bäcker. Die haben ihre Brötchentüten bedruckt und darüber Mitarbeitende gesucht.
Jens:
Das ist genial. Jeder Kunde sieht es direkt.
Sibylle:
Genau. Und manche gehen sogar noch weiter: Auf der Tüte kann man direkt ankreuzen, ob man Interesse an einem Job hat.
Ganz ohne Lebenslauf oder Anschreiben.
Jens:
Das senkt natürlich die Hürde enorm.
Sibylle:
Und es geht vor allem darum, dort sichtbar zu sein, wo die Zielgruppe ist.
Man kann sich fragen: Mit welchen Dingen kommt meine Zielgruppe täglich in Kontakt?
Jens Breuer:
Und wenn man dort auftaucht, wo niemand mit einem rechnet, bekommt man Aufmerksamkeit.
Wenn ich eine Bäckerei wäre, würde ich mein Mobil direkt vor Schulen stellen, Snacks verkaufen und gleichzeitig für Ausbildungsplätze werben.
Sibylle:
Und vielleicht direkt zu Schnuppertagen einladen.
Jens:
Genau. Und davon Fotos machen und über Social Media teilen.
Sibylle:
Ein weiteres Beispiel ist Ikea. Die haben schon vor über zehn Jahren in Australien in ihre Möbelpakete eine Aufbauanleitung für die Karriere bei Ikea gelegt.
Jens:
Das passt perfekt zum Markenbild. Statt Möbel baut man seine Karriere zusammen.
Sibylle:
Und es wird auch weitergegeben, wenn jemand anderes gerade auf Jobsuche ist.
Jens:
Ich kann mir vorstellen, dass viele das fotografieren und teilen.
Sibylle:
Noch ein Beispiel: Michael Egger.
Er hat auf LinkedIn eine Stellenanzeige für sein Wunschunternehmen veröffentlicht. Nach dem Motto: Bewerbt euch doch bei mir.
Jens:
Also wirklich Reverse Recruiting in Reinform.
Sibylle:
Genau. Und er sagt selbst:
„Ich wollte testen, wie offen Unternehmen wirklich für Reverse Recruiting sind. Und gleichzeitig eine neue Stelle finden.“
Jens:
Und, hat es funktioniert?
Sibylle:
Ja. Er bekam schnell Rückmeldungen. Und spannend fand er, dass Unternehmen sich für ihn als Mensch interessiert haben und nicht nur für seinen Lebenslauf.
Jens:
Das finde ich einen wichtigen Punkt. Erst schauen, ob es menschlich passt, und dann die Qualifikationen.
Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen ist das oft entscheidend.
Sibylle:
Genau. Wenn das Team passt, kann man vieles lernen und entwickeln.
Jens:
Ein richtig guter Ansatz.
Sibylle:
Gefällt mir auch total gut. Und auch da sieht man noch mal: Immer mehr Unternehmen senken die Hürden und schrauben die Anforderungslisten herunter. Stattdessen schauen sie stärker auf die Persönlichkeit und entwickeln die Qualifikationen gemeinsam im Job.
Jens:
Grundsätzlich muss man aber auch sagen, dass Betriebe bei der Fachkräftesuche nicht allein gelassen werden. Viele wissen vielleicht gar nicht, wo sie anfangen sollen, vor allem wenn es kreativ werden soll.
Viele Verbände unterstützen hier tatkräftig. Der DEHOGA, also der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, hat in Sachsen ein besonderes Format zur Berufsorientierung entwickelt: das Azubi-Dinner.
Sibylle:
Eine Berufsorientierung der ganz anderen Art. Der Hauptgeschäftsführer Axel Klein hat uns erklärt, wie das funktioniert:
„Wenn junge Menschen anderen jungen Menschen ihren Beruf erklären, hat das eine ganz andere Glaubwürdigkeit. Deshalb haben wir das Azubi-Dinner entwickelt. Jugendliche gestalten den Abend komplett selbst: Sie kochen, servieren und organisieren. Anschließend können sich Gäste mit ihnen austauschen.
Auch die Eltern sind eingeladen und haben die Möglichkeit, mit Betrieben und Ausbildern ins Gespräch zu kommen. So entsteht ein umfassendes Bild vom Beruf und vom Unternehmen.“
Jens:
Das ist wirklich geschickt. Wenn man die Eltern auf seiner Seite hat, gewinnt man enorm viel beim Thema Ausbildung.
Sibylle:
Absolut. Und man geht nicht nur informiert, sondern auch satt und zufrieden nach Hause.
Außerdem ist es für die Auszubildenden selbst eine tolle Bühne, um ihren Beruf zu zeigen und darüber zu berichten.
Jens:
Für eine Süßkartoffelsuppe und ein Schokomousse würde ich vielleicht auch noch mal über eine Karriere in der Gastronomie nachdenken.
Sibylle:
Dann rufen wir gleich mal an.
Jens:
Neben solchen analogen Formaten spielt natürlich auch Social Media eine Rolle. Gerade kleine Unternehmen denken oft, dass sich das für sie nicht lohnt. Aber manchmal überrascht es.
Sibylle:
Ein gutes Beispiel ist die Glaserei Sterz. Ein kleiner Betrieb mit etwa zehn Mitarbeitenden. Der Inhaber Sven Sterz hat ein Video auf Facebook veröffentlicht.
Er lässt darin eine große Glasscheibe auf den Boden fallen. Die zerspringt und sorgt sofort für Aufmerksamkeit.
Jens:
Das ist ein echter Hingucker.
Sibylle:
Genau. Und dann nutzt er diese Aufmerksamkeit, um über seine offenen Stellen zu sprechen.
Er erklärt transparent, was Bewerbende erwartet: Gehalt, Anforderungen, Zusatzleistungen.
Zum Beispiel Bonuszahlungen, Unterstützung beim Führerschein oder Fahrtkosten zur Berufsschule.
Jens:
Und das hat funktioniert?
Sibylle:
Ja. Das Video wurde millionenfach gesehen, von Medien aufgegriffen und brachte 36 Bewerbungen.
Am Ende hat er sogar mehr Leute eingestellt als geplant.
Jens:
Ein starkes Beispiel dafür, wie wichtig Aufmerksamkeit ist.
Sibylle:
Und wie wichtig es ist, Fragen zu beantworten, die Bewerbende wirklich haben.
Jens:
Man muss dabei ja nicht unbedingt etwas kaputt machen. Es geht auch anders kreativ.
Zum Beispiel über sogenanntes Recutainment – eine Mischung aus Recruiting und Entertainment.
Sibylle:
Genau. Unternehmen können zum Beispiel Videorundgänge durch den Betrieb machen oder kleine Quizformate entwickeln.
Es gibt sogar Anbieter, bei denen Bewerbende über Rätsel direkt einen Job gewinnen können.
Jens:
Das ist ein spannender Ansatz. So lassen sich Fähigkeiten wie Kreativität oder Durchhaltevermögen direkt testen.
Sibylle:
Uns würde natürlich interessieren, welche ungewöhnlichen Wege Sie schon ausprobiert haben.
Kommentieren Sie gerne unsere Beiträge auf Social Media.
Jens:
Vielleicht sprechen wir dann auch mal über Ihr Unternehmen im Podcast.
Sibylle:
Ein weiterer Ansatz ist, mit Emotionen zu arbeiten. Besonders gut funktioniert das mit Musik.
Ein Beispiel: die Metzgerei Freiberger mit dem Slogan „Ain’t no Wurstbrot when she’s gone“.
Jens:
Das bleibt sofort im Kopf.
Sibylle:
Und gerade in Branchen mit großem Fachkräftemangel lohnt es sich, kreativ zu werden.
In der Fleischverarbeitung fehlen tausende Fachkräfte.
Jens:
Also einfach das Team filmen, gemeinsam singen und online stellen. Schon hat man eine ungewöhnliche Stellenanzeige.
Sibylle:
Kommen wir zu unserem KOFA to go – drei Tipps zum Mitnehmen:
Tipp 1:
Drehen Sie den Spieß um und bewerben Sie sich bei Ihren zukünftigen Mitarbeitenden. Zeigen Sie, was Sie als Arbeitgeber auszeichnet.
Tipp 2:
Probieren Sie sich aus und denken Sie kreativ. Ein kurzes Video mit dem Smartphone kann schon große Wirkung erzielen.
Tipp 3:
Nutzen Sie crossmediale Ansätze. Verbinden Sie analoge Maßnahmen mit digitalen Kanälen.
Jens:
Nachdem wir Ihnen so viele Tipps gegeben haben, hätten wir noch eine Bitte:
Am 25. Mai erscheint die nächste Folge von KOFA auf dem Sofa.
Sibylle:
Dann geht es um die Stellenanzeige als Aushängeschild Ihres Unternehmens.
Wir zeigen, wie Sie diese optimieren können, um mehr Bewerbungen zu erhalten.
Jens:
Also unbedingt vormerken. Vielen Dank fürs Zuhören.
Sibylle:
Tschüss und bis zum nächsten Mal.
Jens:
Fachleute für Fachkräfte – KOFA auf dem Sofa, der Podcast.