Skip to content
Wenn Sie hier klicken, kommen sie zur StarteiteHome Icon
Home
KOFA Logo als Hintergrundbild

Transkript: Folge 48

KOFA auf dem Sofa: Unternehmensstandort unattraktiv – wie überzeuge ich trotzdem

Jens: 
KOFA auf dem Sofa, der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer. 

Sibylle: 
Ja, hallo von der grünen Wiese und ein herzliches Willkommen bei KOFA auf dem Sofa. Heute ist der 6. April. Schön, dass Sie dabei sind. 

Jens: 
Schön, dass Sie da sind. Ach, ist das idyllisch hier, Sibylle. 

Sibylle: 
Das ist toll, oder? Ja, Sie hören das, wir sind heute nicht allein. Kühe haben wir hier, eine bunte Auswahl heimischer Singvögel ist unterwegs und noch ganz vieles mehr. Heute geht es bei uns nämlich um das Leben und vor allem auch das Arbeiten auf dem Land. 

Jens: 
Und zwar nicht nur auf dem Bauernhof, sondern grundsätzlich an Standorten, die sich nicht in Metropolen und deren direktem Umland befinden. 

Sibylle: 
Was bist du denn? Bist du Team Großstadt oder eher Team Landluft? 

Jens: 
Ja, bei mir ist das so typisch: Ich bin eher Team Landluft aufgewachsen und wurde dann nach dem Abi Team Großstadt. Ich konnte gar nicht schnell genug meinen Koffer packen. Jetzt muss ich sagen, ich habe ja zwei Kinder, und mit 40 wird das Land langsam wieder attraktiver. 

Sibylle: 
Also bei mir war es ja genauso. Ich bin ja in Schleswig-Holstein groß geworden, und nach dem Abitur guckst du natürlich, dass du erst mal Land gewinnst. Und da eben nicht auf dem Land, weil sich dort meist nicht so vielfältig ausbilden lässt. Da bin ich dann nach Bremen gegangen, habe Zivildienst gemacht, bin dort geblieben und so weiter. Aber in der Tat, ich bin jetzt auch 40, und man kommt dann schon irgendwann mit Kind ins Grübeln, ob es auf dem Land für die Kinder nicht doch auch ganz schön ist. Und man ist vielleicht mittlerweile auch in einer Situation, gerade durch Corona, dass man sich vom Ort her flexibler aufstellen kann. Dadurch ist das vielleicht wieder ein größeres Thema als noch vor ein paar Jahren. 

Jens: 
Da bin ich ganz bei dir. Ich glaube, das spielt eine riesengroße Rolle. Zumal ich sagen muss: So Land, so sehr mich das jetzt auch reizt, wenn, dann müsste es halt so richtig Land sein. Also so Ribbeck im Havelland. Ein Birnenbaum im Garten. 

Sibylle: 
Kirschbaum, da drunter eine Bank und drumherum erst mal Platz. 

Jens: 
Ja, und da sind die interessanten Arbeitsplätze natürlich nicht so reich gesät. Aber wie du genau sagst: Die Corona-Pandemie hat da schon viel Bewegung reingebracht, sodass man vielleicht auch unterm Birnbaum in Zukunft in einem interessanten Unternehmen arbeiten kann. Wir wollen uns das Thema heute mal aus verschiedenen Perspektiven anschauen. Welche Standorte gelten für Arbeitnehmende als besonders attraktiv und warum? Und wie wichtig ist der Faktor Standort bei der Wahl eines Arbeitsplatzes? Wie immer haben wir auch zahlreiche praxisnahe Tipps für KMU im Gepäck. 

Sibylle: 
Es gibt da einen ganz schlauen Spruch: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss der Prophet eben zum Berg kommen. In dem Fall ist das so, dass wir natürlich unseren Unternehmensstandort haben und unser Berg, nämlich die Fachkräfte, möglicherweise ein Stück weit weg ist. Wie schaffen wir es denn trotz unseres Standorts auf dem Land, uns dieser Zielgruppe anzunähern? 

Jens: 
Wir haben dazu 2019 zusammen mit der Personalwirtschaft und Indeed Unternehmen gefragt, die schon akute Probleme hatten, Personal zu finden. Da wurde uns gesagt, und das ist ja auch ein Weg, um an die Leute ranzukommen, dass 16 Prozent der Unternehmen einen Standort dort aufgemacht haben, wo die Fachkräfte saßen. Das heißt, die saßen vielleicht irgendwo in Schleswig-Holstein weit weg von den Großstädten und haben dann einfach in Hamburg oder Berlin Büroräume angemietet und dort typischerweise ITler untergebracht. Also scheint das für einen kleinen Teil der Unternehmen eine Strategie zu sein. Und genauso viele haben uns dabei gesagt, sie planen das in Zukunft zu tun. Und das war wohlgemerkt noch vor Beginn der Pandemie. 

Sibylle: 
Okay, das geht aber nicht für alle Branchen. IT mag möglich sein, aber wenn ich jetzt zum Beispiel eine Tischlerei bin, dann habe ich es ein bisschen schwieriger. Ich kenne das aus meinem Leben so, dass du teilweise 30 oder 40 Kilometer fahren musst, um überhaupt erst mal zur Arbeit zu kommen, bis du in der nächsten größeren Stadt bist. Das macht es für die Menschen, die dort leben, natürlich schwer, Jobs zu finden, die ihrer Ausbildung entsprechen. Und wenn du gezielt auf die Suche nach spezialisierten Fachkräften gehst, also nach Leuten, die wirklich von einer ganz speziellen Sache Ahnung haben, dann setzt das voraus, dass die teilweise 80 oder 100 Kilometer fahren müssen. Die müssen dann aus Hamburg kommen oder so. Und da musst du die Menschen wirklich von dir überzeugen, damit sie bereit sind, zu dir zu kommen. 

Jens: 
Klar. Und ich meine, das ist natürlich auch ein Wunsch vieler Mittelständler. Da geht es ja viel um Loyalität und darum, dass man zur Kultur des Unternehmens passt. Deshalb ist es für viele Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer schwer, sich vorzustellen, dass die Leute, die für sie arbeiten, nicht direkt im Team vor Ort dabei sind. Das ist auch ein Stück weit Kulturwandel. 

Das Thema Pendeln ist natürlich eines, bei dem man im Grunde schon viele Gruppen ausschließt, wenn man darauf setzt. Denn Leute, die Teilzeit arbeiten und anteilig zur Arbeitszeit extrem viel Zeit im Auto verbringen würden, für die wird es direkt unattraktiv. Oder eben auch für solche, die flexibel mal schnell nach Hause müssen, wenn mit den Kindern etwas ist oder mit pflegebedürftigen Angehörigen. 

In Studien sehen wir auch: Was ist attraktiv, gerade für Fachkräfte, also Leute mit Berufsausbildung? Da ist auf Platz drei der Attraktivitätsskala ein Job in der Nähe des Wohnortes. Das wird nur noch von Platz eins, Sicherheit, und Platz zwei, einer guten Arbeitsatmosphäre, übertroffen. 

Sibylle: 
Vielleicht sollte man das aber auch gleich, wenn man mit seinem Unternehmen auf dem Land sitzt und dort bleiben möchte und Menschen dorthin ziehen will, ganz offensiv spielen. Man könnte ja auch mal eine Stellenanzeige schalten wie: Arbeitsplatz mit Aussicht. Wir haben die Kühe vor der Tür. Oder: Endlich Work-Life-Balance. Leben und Arbeiten, wir machen es möglich. Auch das können Ansätze sein. Habe ich so offensiv ehrlich gesagt noch nie gesehen. 

Jens: 
Ich habe mal ganz aktiv nach sowas gesucht und auch etwas gefunden. Also es gibt diese Arbeitgeber schon, die mit der schönen Natur oder den Freizeitmöglichkeiten werben. Das gelingt oftmals auch gut, wenn man das nicht allein als Unternehmen tut, sondern sich mit anderen Unternehmen in der Region zusammentut und vielleicht gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung eine Website auf die Beine stellt, auf der man noch mal zeigt: Bei uns gibt es Bauland, bei uns sind die Mieten so, bei uns gibt es diese und jene Attraktionen im Umfeld, Kinderbetreuung ist sichergestellt, Breitband ist überall verfügbar und so weiter. 

Sibylle: 
Ja, das habe ich neulich tatsächlich in der Wirtschaftswoche gelesen. Da ging es um den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Dort ist es ja schon seit vielen Jahren so, dass eher Menschen weggehen, als dass sie kommen. Und die haben sich tatsächlich Gedanken gemacht und eine eigene Beratungsagentur gegründet, die Menschen dabei unterstützen soll, entweder zum ersten Mal überhaupt aufs Land zu kommen oder wieder zurückzukommen, um dort zu leben und zu arbeiten. Also was man ihnen dort bieten kann, was die Freizeit hergibt und warum das eine lebenswerte Region ist. Da glaube ich schon, dass einige Kommunen erkannt haben, dass man da noch einiges bewegen kann. 

Jens: 
Also Lüchow-Dannenberg, da klingelt es bei mir sofort. Mein Kollege Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft forscht aktiv zum Thema Migration und Bewegung innerhalb Deutschlands. Dabei wurde erkannt, dass Lüchow-Dannenberg wirklich der Kreis in Deutschland ist, der am meisten schrumpfen wird, wenn sich die innerdeutschen Wanderungsbewegungen so weiterentwickeln wie in den letzten fünf Jahren. Insofern ist dieser Kreis auch wirklich gut beraten, etwas zu tun. 

Spannend fand ich: Ich habe mir die Seite mal angeguckt, mit der sie auch um Talente werben, und dort gibt es einen YouTube-Film, in dem besonders die rund 600 Schulabgänger adressiert werden, die der Kreis jährlich hat. Dort wird im Grunde gefragt: Warum hierbleiben? Und dann liefern sie Argumente, warum man eben nicht, so wie wir das eben auch erzählt haben, Zeugnis unter den Arm, zack, schnell in den nächsten Zug und ab in die Großstadt, sondern warum man das vielleicht eben nicht machen sollte. Sie setzen sehr auf Aspekte wie Gemeinschaft, natürlich die Natur vor Ort und auch das Thema: Wir brauchen euch hier. Und ich glaube, das sind Argumente, mit denen man junge Menschen durchaus erreichen kann. 

Sibylle: 
Ich glaube vor allem auch, dass sie ihre gesamte Schulzeit häufig in diesem Ort oder auf diesen Dörfern verbracht haben, so wie ich das eben auch hatte. Und natürlich ist es aufregend, mal ein paar Jahre rauszukommen und etwas von der Welt zu sehen. Aber irgendwann stellt man fest, dass es zu Hause vielleicht doch gar nicht so schlecht ist und dass man auch gerne mal wieder zu Mama und Papa zurückkehrt oder zu Oma und Opa oder zur Verwandtschaft. Insofern wäre ja vielleicht auch die Frage: Warum überhaupt erst weggehen? Urlaub machen kann man ja trotzdem, man muss ja nicht komplett wegziehen. 

Jens: 
Und oft ist den jungen Menschen, aber auch Fachkräften, die schon mitten im Leben stehen, gar nicht so bewusst, welche tollen Arbeitgeber da in der Provinz sitzen. Diese ganzen Hidden Champions, die wir gerade in Baden-Württemberg haben. Aber eben auch in Lüchow-Dannenberg ist zum Beispiel Völkel als Unternehmen vertreten. Das hätte ich jetzt auch nicht gewusst. Man denkt immer nur an Großstädte. SAP in Walldorf, Walldorf hat 15.000 Einwohner. Adidas in Herzogenaurach mit 23.000 Einwohnern. Oder Zeiss in Oberkochen mit 8.000 Einwohnern. Und oft gruppieren sich um solche großen Unternehmen auch Zulieferer oder Dienstleister, die tolle Arbeitgeber sein können. Das ist wieder eine Frage dessen, was existiert und was den Menschen überhaupt bewusst ist. Da müsste man Informationslücken schließen. 

Sibylle: 
Und was viele auch gar nicht wissen: Es gibt durchaus auch auf dem Land Start-up-Kultur. Man geht ja häufig in die großen Städte, wenn wir an Berlin denken, wo man die Hipster mit Latte im Café und MacBook sitzen sieht und irgendwelche Projekte bearbeiten. Das gibt es aber nicht nur in Berlin, sondern eben auch auf dem Land. Viele wissen auch nicht, dass dort teilweise sogar berufserfahrenere Leute arbeiten, die nachhaltigere Ideen verfolgen und nicht immer nur auf den schnellen Profit aus sind. Also wer sich im Start-up-Bereich umtun möchte, muss nicht unbedingt in die Großstadt. 

Jens: 
Ja, genau. Oder auch gestandene Unternehmen. Zum Beispiel Wago in Minden, das ist in Ostwestfalen, auch eine sehr starke Wirtschaftsregion. Da kann man sich einfach mal die Website anschauen, weil sie ganz stark auf diese Themen setzen, die du genannt hast: Verantwortung, Nachhaltigkeit, Haltung und auch Verbindung. Und ich finde das sehr glaubhaft, weil das Unternehmen von sich selbst sagt, dass es regelmäßig mit den Mitarbeitenden spricht, welche Angebote für sie besonders nützlich sind, auf welche sie verzichten können und welchen zusätzlichen Bedarf sie noch haben. Und das verschafft mir als Arbeitgeber natürlich super Argumente, mit denen ich rausgehen kann. Denn was meine Mitarbeitenden schätzen, werden diejenigen, die ich vielleicht künftig einstellen möchte, auch mögen. Das fand ich noch mal schön. So weg von der Frage: Sucht man Talente für die Provinz oder sucht man Talente für ein gutes Unternehmen? Das Zitat habe ich geklaut von Anna Wacker, sie ist COO bei Westphalia DataLab. Das hat sie im HR-Manager-Magazin gesagt, und ich finde das sehr schön. 

Sibylle: 
Ich glaube auch, dass gute Ideen und Zukunft keine Frage des Standorts sind, sondern dass man das überall haben kann. Und dass man den Mut haben kann und sollte, so etwas eben auch im ländlichen Raum umzusetzen. Das hat ja sogar einen Vorteil: Wenn ich auf dem Land gründe und dort vieles weitläufig ist und die Infrastruktur weiter verteilt ist, sehen viele das als Nachteil. Es kann aber auch ein echter Vorteil sein, weil man damit in der Region ein Alleinstellungsmerkmal hat. 

Jens: 
Ja, wunderbar, genau. Und um jetzt noch mal mit einer Zahl um die Ecke zu kommen: Wir haben auf dem Arbeitsmarkt oft die Situation, dass in einer Region Fachkräfte gesucht werden und in einer anderen noch welche arbeitslos sind, aber die Passung nicht stimmt. Wir nennen das Matching. Ein anderer IW-Kollege von mir, Alexander Burstedde, hat mal berechnet, dass 2018 mit einem besseren Matching 98.000 Stellen sofort besetzt werden könnten. Also hier lohnt es sich durchaus, auch mal überregional die Fühler auszustrecken. Auch wenn man bei Fachkräften oft ein bisschen länger argumentieren und graben muss, weil sie meist nicht so mobil sind wie Akademiker. Aber wenn man Unterstützung bietet, Umzugshilfen, Kitaplätze direkt mit anbietet und seine Beziehungen spielen lässt, kann man hier auch erfolgreich sein und doch noch die begehrten Fachkräfte in die Provinz locken. 

Jens: 
KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen. Der Betrieb sitzt auf dem Land, die benötigten Fachkräfte tummeln sich in der Stadt. Was also tun? Hier kommen drei Tipps von Sibylle, wie Sie Ihren Unternehmensstandort auch für diese Zielgruppe aufwerten können. 

Jens: 
Der erste Tipp: Gehen Sie neue Wege. Zu Ihnen kommen keine Fachkräfte, dann kommen Sie doch zu ihnen. Ziehen Sie in Betracht, einen neuen Standort in Regionen zu eröffnen, in denen es für Ihren Bereich noch viele mögliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt. 

Unser zweiter Tipp: Machen Sie Ihren Standort attraktiv. Keine Kinderbetreuung, schlechter Nahverkehr? Dann sind Sie als Unternehmen gefragt. Tun Sie sich mit anderen Betrieben aus der Region zusammen und unterstützen Sie Ihre Mitarbeitenden beispielsweise mit einer Betriebskita oder einem Pendelbus. 

Sibylle: 
Und einen dritten Tipp haben wir noch für Sie. 

Bleiben Sie im Dialog. Fragen Sie bereits in Vorstellungsgesprächen und auch während der Beschäftigung Ihre Mitarbeitenden, welche Angebote für sie besonders nützlich sind, worauf sie verzichten können und welchen zusätzlichen Bedarf sie haben. Finden Sie gemeinsam Lösungen. Da kann von Fahrgemeinschaften über Kinderbetreuung und Wäscheservice bis zum mobilen Arbeiten alles dabei sein. 

Jens: 
KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen. 

Das war KOFA auf dem Sofa, Folge Nummer 48. Die erscheint normalerweise alle zwei Wochen. Jetzt geht es aber erst einmal in eine kurze Osterpause. Die nächste Folge kommt dann am 27. April. 

Und Sie haben trotzdem einen Grund zur Freude, denn es erwartet Sie wieder ein ganz toller Gast. 

Sibylle: 
Ja, wir wollen über Berufsbezeichnungen sprechen und schauen mal, was unser neunjähriger Experte Falk zu Berufen wie Baumschuler und Co sagt. Seien Sie gespannt und hören Sie rein. 

Jens: 
Also ich habe den Verdacht, das könnte lustig werden. Merken Sie sich den 27. April vor, dann sind wir wieder für Sie da. Und bis dahin wünschen wir Ihnen schöne Ostern. 

Sibylle: 
Frohe Ostern, machen Sie es gut.