
Transkript: Folge 44
KOFA auf dem Sofa: Arbeitsbedingungen: Geht nicht, gibt’s nicht!
Jens:
KOFA auf dem Sofa, der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer.
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von KOFA auf dem Sofa. Heute ist Mittwoch, der 9. Februar, und an meiner Seite sitzt auch diesmal wieder Sibylle Stippler. Hallo Sibylle.
Sibylle:
Hallo Jens und hallo liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, schön, dass Sie wieder dabei sind.
Jens:
Es ist nicht das erste Mal, dass wir in unserem Podcast über den Fachkräftemangel sprechen. Natürlich, wie auch, denn das Thema betrifft uns alle.
Aber es ist das erste Mal, dass wir mit einem Mythos aufräumen wollen. Und der lautet: Attraktive und flexible Arbeitsbedingungen sind nur in bestimmten Branchen möglich.
Sibylle:
Das ist gerade jetzt in der Pandemie ein großes Thema. Wir haben hier im Podcast ja schon oft über Homeoffice und verschiedene Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung gesprochen.
Und dann kommt oft die berechtigte Frage: Wie ist das eigentlich im Handwerk, geht das dort überhaupt?
Jens:
Lass uns das mal konkret machen. Wenn ich morgens zum Bäcker gehe, liegen die Brötchen schon fertig im Regal, duften vor sich hin und alles wirkt ganz entspannt.
Das bedeutet aber auch, dass der Bäcker viele Stunden vorher, mitten in der Nacht, schon gearbeitet haben muss. Wenn ich komme, hat er möglicherweise schon Feierabend.
Da kann man ja fast nur lachen, wenn man sagt, mach doch mal flexible Arbeitszeiten. Die Brötchen müssen schließlich fertig sein, wenn die Kundinnen und Kunden kommen. Ist das trotzdem möglich?
Sibylle:
Ich habe das früher auch immer so gedacht und sogar meinen Kindern erzählt.
Dann habe ich aber gelesen, unter anderem im Spiegel und in der Deutschen Handwerks Zeitung, dass es durchaus anders geht.
Einige Bäckereien haben ihre Arbeitsabläufe überdacht. Zum Beispiel kann eine längere, aber kühlere Teigruhe dazu führen, dass man den Teig schon am Vortag vorbereitet und erst morgens backt.
So muss man nicht mehr mitten in der Nacht anfangen. Solche Ansätze kann man ausprobieren.
Jens:
Man sieht ja auch, dass viele Bäckereien mittlerweile mit vorbereiteten Teiglingen arbeiten, die morgens frisch aufgebacken werden.
Das bedeutet, dass ein Teil der Arbeit schon am Abend erledigt werden kann und die Arbeitszeiten sich verschieben lassen.
Sibylle:
Genau. Und es geht dabei nicht nur um industrielle Vorprodukte. Auch im Handwerk lassen sich Prozesse anpassen.
Natürlich hängt das von vielen Faktoren ab, etwa davon, ob mehrere Filialen beliefert werden müssen.
Aber der entscheidende Punkt ist: Zu sagen, das war schon immer so, reicht heute nicht mehr. Unternehmen sollten neue Wege ausprobieren.
Jens:
Vor allem dann nicht, wenn man Nachwuchs sucht.
Die Vorstellung, jeden Tag um halb drei aufzustehen, ist für viele junge Menschen wenig attraktiv, gerade im Hinblick auf Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Sibylle:
Absolut. Das zeigen auch Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks.
Im Jahr 2020 blieben bei den Fachverkäuferinnen im Bäckerhandwerk fast 50 Prozent der Stellen unbesetzt, bei den Bäckerinnen und Bäckern fast 30 Prozent.
Das hängt sicherlich auch mit den wahrgenommenen Arbeitsbedingungen zusammen.
Jens:
Auch die KOFA Daten zeigen das deutlich. Ende 2021 gab es über 3.600 offene Stellen im Bereich Bäckereien und Konditoreien.
Und das ist kein Einzelfall. In Tischlereibetrieben waren es über 13.000 unbesetzte Stellen.
Das zeigt, wie groß der Fachkräftemangel ist und welche Herausforderungen damit verbunden sind.
Sibylle:
Genau. Deshalb wollen wir heute auf Betriebe schauen, die es anders machen, die ihre Arbeitsbedingungen hinterfragen und teilweise sogar ihre Hierarchien neu denken.
Du hast gerade die Tischlereibetriebe erwähnt. Hier bei uns in Köln gibt es zum Beispiel die Tischlerei M hoch 3. Das ist ein kleiner Betrieb mit sechs Angestellten und vier Auszubildenden.
Der Inhaber Norbert Miesner hat sich bewusst dagegen entschieden, der klassische Chef zu sein, der nur Aufträge verteilt. Stattdessen hat er die Hierarchie weitgehend abgeschafft.
In der Werkstatt hängt ein großes Board, auf dem sichtbar ist, wer für welchen Auftrag verantwortlich ist.
Jeden Morgen beantwortet jedes Teammitglied drei Fragen in der Runde: Was habe ich gestern erreicht, was hat mich daran gehindert, mein Ziel zu erreichen, und was möchte ich heute schaffen.
Das sorgt für mehr Kommunikation und stärkt die Eigenverantwortung, auch in einem kleinen Handwerksbetrieb.
Jens:
Das heißt, die Hierarchie wird aufgebrochen und die Arbeit stärker projektbezogen organisiert.
Dass das auch im Handwerk funktioniert, zeigt dieses Beispiel sehr gut.
Wir haben noch ein weiteres Beispiel, und zwar die Bäckerei Hansen in Wyk auf Föhr. Geschäftsführer Volker Hansen hat sich gefragt, wie es im Bäckerhandwerk weitergehen kann, und hat in seinem Betrieb New Work eingeführt.
Er sagt, das war nicht nur möglich, sondern notwendig.
Volker Hansen:
New Work ist für uns ein Weg, über alles nachzudenken, vor allem über Hierarchien.
Hierarchien sind eine Ordnungsstruktur, die stark auf Erwartung, Belehrung und Kontrolle basiert. Sie ist sehr starr und kommt mit komplexen Anforderungen immer schlechter zurecht.
Die Welt verändert sich schnell. Deshalb brauchen wir das Potenzial der Menschen im Unternehmen.
Wir versuchen, neue Strukturen zu entwickeln, in denen sich Mitarbeitende stärker einbringen können.
Jens:
Gerade in Traditionsbetrieben, die oft familiengeführt sind, wirkt das wie ein großer Umbruch.
Ist das nicht ein sehr radikaler Schritt, von klassischen Strukturen hin zu mehr Mitbestimmung?
Sibylle:
Das kann so wirken. Aber wenn man genauer hinhört, wird deutlich, worum es eigentlich geht.
Beim Thema New Work denken viele zuerst an Startups mit lockerer Atmosphäre.
Volker Hansen macht es sehr konkret. Es geht ihm darum, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und Abläufe zu hinterfragen.
Gerade kleine Familienbetriebe haben hier Vorteile, weil sie nah an ihren Mitarbeitenden sind und deren Bedürfnisse gut kennen.
Es geht darum, Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe zu fördern, und das passt sehr gut zum Handwerk.
Jens:
Wir haben Volker Hansen auch gefragt, warum gerade das Bäckerhandwerk aus seiner Sicht einen besonderen Bedarf an neuen Arbeitsformen hat.
Volker Hansen:
Das Bäckerhandwerk steht vor großen Herausforderungen und vielen Veränderungen.
Wir haben ein breites Spektrum an Aufgaben, vom Einkauf über das Marketing bis zur Produktentwicklung.
Dieses Potenzial können wir in Zukunft nur nutzen, wenn wir alle Mitarbeitenden einbeziehen.
Das funktioniert nur, wenn wir neue Strukturen schaffen, in denen sich Menschen einbringen können.
Dann entsteht ein neues Potenzial, und wir können gemeinsam wachsen und langfristig bestehen.
Jens:
Das klingt durchaus deutlich. Er spricht sogar davon, dass es ums Überleben geht.
Gerade bei steigenden Kosten und wachsendem Wettbewerb ist das wahrscheinlich eine notwendige Strategie.
Sibylle:
Genau. Das Handwerk steht unter großem Druck, durch steigende Preise, veränderte Kundenanforderungen und den Fachkräftemangel.
Volker Hansen hat erkannt, dass Stillstand keine Option ist.
Die größte Gefahr in solchen Situationen ist, die Veränderungen zu sehen, aber trotzdem nichts zu ändern.
Er geht bewusst einen anderen Weg und übernimmt damit auch eine Vorbildfunktion für die Branche.
Interessant ist auch, dass er sich intensiv mit den Konzepten hinter New Work beschäftigt hat, zum Beispiel mit den Ideen von Frithjof Bergmann oder dem Buch „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux.
Er überträgt diese Ansätze aber sehr praktisch auf seinen Betrieb.
Zum Beispiel führt er gezielte Mitarbeitergespräche und fragt: Welche Interessen hast du, wie möchtest du dich einbringen.
Gleichzeitig fordert er mehr Eigenverantwortung.
Das funktioniert nicht immer sofort reibungslos. Es gab auch Phasen, in denen Dinge liegen geblieben sind, etwa bei der Wartung von Maschinen.
Aber genau daraus entstehen Lernprozesse.
Ein Mitarbeitender hat dann die Verantwortung übernommen und sich selbst darum gekümmert.
Das zeigt, dass solche Veränderungen Zeit brauchen, sich aber langfristig auszahlen können.
Jens:
Ich glaube, gerade mit Blick auf die Zukunft ist das ein sehr spannender Ansatz.
Vor allem, wenn es darum geht, Auszubildende und Fachkräfte zu gewinnen. Wenn man eigenverantwortlich arbeiten kann und sich nicht ständig rechtfertigen muss, arbeitet man doch ganz anders.
Es geht um Themen wie Sinn, Berufung und Purpose. Das wird durch solche Strukturen bewusst gefördert.
Und ich glaube, man ist auch mehr engagiert, wenn man sich selbst verwirklichen kann, statt nur Vorgaben umzusetzen. Natürlich kann das auch passen, aber die Wahrscheinlichkeit ist geringer.
Sibylle:
Genau. Wenn wir auf die Generation Z schauen, zeigen verschiedene Studien, zum Beispiel die Shell Jugendstudie oder die McDonalds Ausbildungsstudie, dass ihnen vor allem vier Dinge wichtig sind: Sicherheit, Sinnhaftigkeit, Work Life Balance und Spaß an der Arbeit.
Diese Aspekte lassen sich durch mehr Eigenverantwortung und flexible Arbeitsmodelle sehr gut umsetzen.
Und wenn Unternehmen das auch nach außen kommunizieren, steigen die Chancen deutlich, Nachwuchs zu gewinnen.
Jens:
Ist das aus deiner Sicht in allen Branchen möglich, Hierarchien aufzubrechen?
Wenn das im Handwerk funktioniert, müsste es doch eigentlich auch in anderen Bereichen möglich sein.
Sibylle:
Ich denke schon. Auch wenn man manchmal Denkschranken hat und sich fragt, wie das zum Beispiel im Schichtbetrieb funktionieren soll.
Mein Appell wäre, die Mitarbeitenden einzubeziehen und nach ihren Ideen zu fragen.
Ein Beispiel ist ein ambulanter Pflegedienst. Dort hat man überlegt, wie Arbeitszeiten flexibler gestaltet werden können.
Die Pflegekräfte nehmen zum Beispiel den Dienstwagen mit nach Hause und können ihre Schichten so starten, dass sie vorher ihre Kinder in die Schule bringen können.
Das verschafft dem Unternehmen einen klaren Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte.
Wichtig ist, offen zu bleiben und neue Wege auszuprobieren.
Jens:
Das heißt, einfach mal ins Gespräch gehen und schauen, was die Mitarbeitenden wirklich brauchen.
Sibylle:
Genau. Mitarbeitergespräche sind ein wichtiger Ansatzpunkt.
Außerdem gibt es viele Unterstützungsangebote, zum Beispiel vom KOFA oder von Initiativen wie der Zukunftsinitiative Handwerk 2025, die konkrete Tipps geben.
Jens:
KOFA to go, Wissen zum Mitnehmen.
Geht nicht, gibt es nicht, wenn es um attraktive und flexible Arbeitsmodelle im Handwerk geht.
Sibylle fasst die wichtigsten Tipps noch einmal zusammen.
Sibylle:
Erstens: Fragen Sie Ihre Beschäftigten, was sie brauchen, und entwickeln Sie gemeinsam passende Lösungen.
Zweitens: Nutzen Sie die Ideen Ihrer Mitarbeitenden und übertragen Sie Verantwortung. So gewinnen Sie Zeit für strategische Themen.
Drittens: Fördern Sie Eigenverantwortung. Das steigert Motivation, Akzeptanz und Bindung im Unternehmen.
Jens:
Machen Sie Ihr Unternehmen fit für die Zukunft und zu einem attraktiven Arbeitgeber.
Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei der Umsetzung.
Sibylle:
Das nächste KOFA auf dem Sofa hören Sie am 23. Februar.
Dann geht es um die Frage: Ist Gehalt alles, wenn es um Motivation und Bindung geht?
Ein kleiner Spoiler: Es wird tierisch.
Jens:
Machen Sie es gut und bis zum nächsten Mal.
Sibylle:
Tschüss. Fachleute für Fachkräfte.
KOFA auf dem Sofa, der Podcast.