
Transkript: Folge 43
KOFA auf dem Sofa: Mentale Gesundheit in Unternehmen - Chefsache?
Jens:
KOFA auf dem Sofa, der Podcast mit Sibylle Stippler und Jens Breuer.
Das erste KOFA auf dem Sofa im neuen Jahr. Auch wenn sich viele schon an 2022 gewöhnt haben, ist es unsere erste Folge und deshalb wünschen wir Ihnen noch einmal ein frohes neues Jahr. Schön, dass Sie wieder dabei sind.
Sibylle:
Wir freuen uns sehr, das neue Jahr mit Ihnen zu starten. Man hört es vielleicht im Hintergrund, meine Kinder sind gerade zu Hause.
Ich habe allen ein frohes neues Jahr mit mehr Leichtigkeit gewünscht, in der Hoffnung, dass die Pandemie uns weniger beeinflusst.
Bei uns hat es jetzt leider voll eingeschlagen, meine beiden Kinder sind positiv und zu Hause.
Jens:
Da habt ihr im Moment einiges zu tun. Aber ansonsten seid ihr gut ins neue Jahr gestartet?
Sibylle:
Ja, wir sind gut reingekommen. Wir haben direkt mit dem Raclette Gerät die Hauptsicherung im Haus rausgehauen.
Aber ich habe auch erlebt, was Solidarität bedeutet. Eine Nachbarin hat uns spontan ihr Raclette Gerät geliehen und damit war der Abend gerettet. Danke an Astrid an dieser Stelle.
Jens:
Astrid, du bist die Größte.
Wir starten jetzt in das dritte Corona Jahr. Das merken wir alle, auch im Berufsleben.
Viele haben inzwischen nicht nur einen Arbeitsplatz im Büro, sondern auch zu Hause. Manche waren in Kurzarbeit, andere haben ihren Job verloren.
Und die Kontaktreduktion führt dazu, dass sich viele Menschen allein fühlen. Das hat natürlich Auswirkungen.
Sibylle:
Gerade jetzt sollten sich Arbeitgeber verstärkt um die mentale Gesundheit ihrer Beschäftigten kümmern.
Das war schon vor der Pandemie ein Thema, ist jetzt aber noch wichtiger geworden.
Und dafür haben wir heute den passenden Gast: Rüdiger Scharf von der DAK Gesundheit. Herzlich willkommen.
Rüdiger:
Vielen Dank für die Einladung und auch noch einmal Glückwunsch zu Ihrem Podcast.
Jens:
Wir starten wie immer mit unserem kleinen Elevator Pitch. Stellen Sie sich doch kurz vor.
Rüdiger:
Ich nehme die Treppe statt den Fahrstuhl und stelle mich kurz vor.
Ich bin Rüdiger Scharf, 59 Jahre alt, verheiratet und Vater von 17-jährigen Zwillingen. Ursprünglich komme ich aus dem Sauerland und habe in Bochum Sozialarbeit studiert.
Danach war ich beim Deutschen Evangelischen Kirchentag als Pressesprecher tätig, später bei der Berliner Morgenpost und seit 2002 bei der DAK Gesundheit, aktuell als PR Chef.
Jens:
Sie haben tiefe Einblicke in die Situation von Beschäftigten in Deutschland. Wie hat sich das nach zwei Jahren Pandemie entwickelt?
Rüdiger:
Vor der Pandemie war der Krankenstand insgesamt relativ niedrig.
Durch Corona hat sich das Bild verändert. Der Krankenstand ist insgesamt ähnlich geblieben, aber es gibt Verschiebungen.
Es gibt weniger Atemwegserkrankungen, weil sich Menschen weniger treffen und Hygieneregeln einhalten.
Zugenommen haben hingegen Rückenerkrankungen, unter anderem durch das Homeoffice.
Besonders besorgniserregend ist aber der Anstieg psychischer Erkrankungen.
Sibylle:
In Ihrem Psychreport steht, dass inzwischen jede fünfte Krankschreibung auf psychische Ursachen zurückgeht und die Ausfallzeiten sehr lang sind.
Was können Unternehmen tun, um ihre Mitarbeitenden zu stärken?
Rüdiger:
Ein zentrales Thema ist Resilienz im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements.
Es geht darum, die innere Widerstandskraft zu stärken, damit Beschäftigte besser mit Belastungen umgehen können.
Das können private oder berufliche Herausforderungen sein.
Unternehmen können dafür verschiedene Angebote nutzen, sowohl online als auch in Präsenz.
Jens:
Was können Unternehmen konkret tun, wenn sie in diesem Bereich aktiv werden wollen?
Rüdiger:
Es gibt die DAK Gesundheit, aber auch viele andere Krankenkassen bieten ähnliche Angebote an. Unternehmen können sich dort informieren und beraten lassen.
Aktuell sind vor allem Onlineangebote sehr gefragt, um die Gesundheit der Beschäftigten zu fördern.
Ein Beispiel ist Augentraining. Viele Menschen arbeiten im Homeoffice mit kleineren Bildschirmen als im Büro. Übungen für die Augen können helfen, Kopfschmerzen und Beschwerden zu vermeiden.
Ein weiteres Thema ist der Rücken. Wer viel am Küchentisch arbeitet, nimmt oft eine ungünstige Haltung ein. Das kann langfristig zu Beschwerden führen. Auch hier gibt es Trainings und Übungen.
Und dann gibt es noch das Thema Resilienz. Auch dazu stehen Angebote zur Verfügung, teilweise sogar kostenlos.
Es gibt sieben Schlüssel zur Resilienz. Diese sind oft einfach umzusetzen, wenn man sich bewusst damit auseinandersetzt. Das stärkt das Wohlbefinden und die innere Stabilität der Beschäftigten.
Jens:
Im Idealfall setzt man ja früh an, bevor überhaupt Probleme entstehen.
Ich habe aber das Gefühl, dass es vielen leichter fällt, über körperliche Beschwerden zu sprechen als über psychische Belastung.
Zu sagen, ich brauche einen besseren Stuhl oder einen zweiten Bildschirm, fällt leichter als zuzugeben, dass man überfordert ist oder sich nicht mehr konzentrieren kann.
Da gibt es noch viele Tabus. Wie erlebst du das und wie kann man eine offene Atmosphäre schaffen?
Rüdiger:
Wir führen bei der DAK regelmäßig anonyme Befragungen durch, um zu erfahren, wie es den Beschäftigten geht.
Das hilft Führungskräften, ihre Wahrnehmung mit der Realität abzugleichen.
Außerdem gibt es Personalgespräche, in denen solche Themen angesprochen werden können.
Wichtig ist, präventiv zu handeln. Wir haben zum Beispiel einen Resilienztag im Team organisiert, begleitet von externen Fachleuten.
Dort wurden Themen wie Optimismus, Eigenverantwortung und Netzwerke besprochen.
Gerade im Homeoffice ist das wichtig, weil der persönliche Austausch fehlt. Man sieht sich nicht mehr auf dem Flur oder in der Kaffeeküche.
Solche Formate helfen, den Austausch wieder zu stärken.
Jens:
Was kann ich als Führungskraft konkret tun, wenn ich merke, dass es jemandem nicht gut geht?
Rüdiger:
Ich würde empfehlen, die Person offen anzusprechen, aber auch zu respektieren, wenn sie nicht darüber sprechen möchte.
Man sollte niemanden dazu drängen, persönliche Dinge zu teilen.
Stattdessen kann man anbieten, gemeinsam nach anderen Ansprechpersonen oder Unterstützungsangeboten zu suchen.
Es kann auch sein, dass die Ursache im Arbeitsumfeld liegt. Dann ist es wichtig, alternative Wege aufzuzeigen.
Am Ende entscheidet die betroffene Person selbst, welcher Weg für sie der richtige ist.
Sibylle:
Bei uns gibt es zum Beispiel eine anonyme Beratungshotline, die über den Arbeitgeber finanziert wird.
Solche Angebote sichtbar zu machen, ist ein wichtiger Schritt.
Und ich glaube, es ist auch entscheidend, dass Führungskräfte selbst offener mit dem Thema umgehen.
Wenn sie zeigen, dass auch sie Belastungen erleben, hilft das, das Thema aus der Tabuzone zu holen.
Es gibt inzwischen auch viele Beispiele von Führungskräften, die öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen. Das kann ein wichtiger Impuls sein.
Rüdiger:
Wichtig ist außerdem, die Eigenverantwortung der Beschäftigten zu stärken.
Natürlich kann man entlasten, indem man Aufgaben reduziert. Aber das ist nicht immer der richtige Weg.
Manche Menschen brauchen gerade in schwierigen Phasen weiterhin Verantwortung und Bestätigung.
Deshalb sollte man gemeinsam schauen, was individuell sinnvoll ist.
Die Führungskraft kann unterstützen und Wege aufzeigen, aber die Entscheidung liegt immer bei der betroffenen Person.
Jens:
Das ist ja auch ein schmaler Grat.
Auf der einen Seite überlässt man den Mitarbeitenden die Eigenverantwortung, selbst zu sagen, wenn es zu viel wird. Auf der anderen Seite hat man als Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht und muss aufmerksam sein, wenn es jemandem nicht gut geht.
Rüdiger:
Als Führungskraft hat man hier eine klare Verantwortung, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt.
Wenn die Arbeit erledigt wird, keine Fehler passieren und die Person signalisiert, dass es ihr gut geht, dann muss man das akzeptieren.
Das fällt nicht jeder Führungskraft leicht, ist aber wichtig.
Sibylle:
Ich erinnere mich an eine konkrete Situation aus meinem Arbeitsleben. Eine Mitarbeiterin hatte einen Todesfall in der Familie.
Mein erster Impuls war, sie zu entlasten und freizustellen.
Im Gespräch hat sie mir aber gesagt, dass ihr die Arbeit gerade Stabilität gibt und ihr hilft, mit der Situation umzugehen.
Wir haben dann vereinbart, dass sie sich meldet, wenn es ihr mal nicht gut geht, und ansonsten ihren Arbeitsalltag beibehält.
Das zeigt, wie wichtig es ist, individuell zu schauen, was jemand braucht.
Jens:
Das passt auch zum Thema betriebliches Eingliederungsmanagement.
Wenn jemand länger als sechs Wochen ausfällt, wird gemeinsam geschaut, wie der Wiedereinstieg gestaltet werden kann.
Auch hier gilt das Prinzip der Freiwilligkeit. Der Arbeitgeber muss es anbieten, aber die Entscheidung liegt bei der betroffenen Person.
Rüdiger:
Genau. Die Wiedereingliederung ist sehr individuell und oft auch emotional.
Ich empfehle, eng mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten zusammenzuarbeiten. Sie können am besten einschätzen, wie belastbar eine Person ist.
Das gilt nicht nur für psychische Erkrankungen, sondern auch für körperliche Beschwerden wie Rückenprobleme.
Ein Punkt, der mir wichtig ist: Wir sprechen viel über Homeoffice, aber es gibt viele Menschen, die nicht von zu Hause arbeiten können.
Gerade im Gesundheitswesen oder in der Pflege sind die Belastungen besonders hoch.
Diese Perspektive darf man nicht vergessen.
Sibylle:
Das ist ein sehr wichtiger Hinweis.
Ich möchte noch einen Punkt ergänzen. Es gibt Studien, die zeigen, dass auch die Wahrnehmung des Unternehmens eine Rolle spielt.
Wenn Beschäftigte ihr Unternehmen als stabil und unterstützend erleben, sinken die Fehlzeiten deutlich.
Das zeigt, wie wichtig gute Arbeitsbedingungen und eine wertschätzende Unternehmenskultur sind.
Rüdiger:
Da hat sich in den letzten Jahren viel getan.
Neben der individuellen Gesundheit rückt auch die gesunde Organisation und die gesunde Führung stärker in den Fokus.
Führungskräfte tragen dazu bei, Dauerbelastung zu vermeiden und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden zu stärken.
Das wirkt sich positiv auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit aus.
Und auch wirtschaftlich lohnt sich das. Studien zeigen, dass sich Investitionen in betriebliche Gesundheit mehrfach auszahlen.
Jens:
Rüdiger, unsere Folge trägt den Titel „Mentale Gesundheit in Unternehmen, Chefsache?“.
Wie würdest du diese Frage beantworten?
Rüdiger:
Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Gesundheit ist das wichtigste Gut, auch für Führungskräfte.
Wenn Mitarbeitende nicht gesund sind, nicht gerne zur Arbeit kommen oder nicht leistungsfähig sind, wirkt sich das direkt auf das gesamte Unternehmen aus.
Deshalb muss Gesundheit ein zentrales Thema für jede Führungskraft sein.
Jens:
Rüdiger Scharf von der DAK Gesundheit war heute unser Gast hier bei KOFA auf dem Sofa. Vielen Dank für deinen Besuch.
Rüdiger:
Vielen Dank für die Einladung und bleiben Sie gesund.
Sibylle:
Das wünschen wir dir auch.
Jens:
KOFA to go, Wissen zum Mitnehmen.
Hier sind drei Tipps für Sie, kompakt zusammengefasst.
Sibylle:
Erstens: Psychische Erkrankungen sind in der Arbeitswelt noch immer ein Tabuthema.
Nehmen Sie die mentale Gesundheit Ihrer Beschäftigten ernst und fördern Sie sie aktiv.
Zweitens: Führungskräfte spielen eine entscheidende Rolle.
Schaffen Sie eine vertrauensvolle Atmosphäre, fragen Sie nach und bieten Sie Unterstützung an.
Drittens: Bieten Sie ein betriebliches Eingliederungsmanagement an, wenn Mitarbeitende länger erkrankt sind.
Gestalten Sie diesen Prozess individuell und finden Sie gemeinsam Lösungen, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.
Jens:
Das war unsere erste Folge im neuen Jahr. Vielen Dank, dass Sie wieder dabei waren.
Die nächste Folge erscheint am 8. Februar. Dann geht es um die Frage, ob flexible Arbeitsbedingungen wirklich nur in bestimmten Branchen möglich sind.
Wir zeigen Ihnen Beispiele, die genau das Gegenteil beweisen.
Sibylle:
Lassen Sie sich überraschen und hören Sie in zwei Wochen wieder rein.
Jens:
Bis dahin, machen Sie es gut.
Sibylle:
Tschüss. Fachleute für Fachkräfte.
KOFA auf dem Sofa, der Podcast.