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Transkript: Folge 111

KOFA auf dem SOFA - Folge 111 - Kurzfolge: Arbeitsmarkt 2026 - Was Unternehmen wissen müssen (mit Alexander Burstedde) 

Letizia:
Hallo und herzlich willkommen zu KOFA auf dem Sofa. Mein Name ist Letizia Celentano und heute sprechen wir über eines der drängendsten Themen für Unternehmen in Deutschland: den Fachkräftemangel.

Nachdem unser heutiger Gast bereits im letzten Jahr einen Blick in die Zukunft des Fachkräftemangels gegeben hat, ist er heute wieder bei uns, um die aktuelle Entwicklung einzuordnen.

Ich freue mich, Arbeitsmarktforscher Alexander Burstedde vom Institut der deutschen Wirtschaft begrüßen zu dürfen. Herzlich willkommen, Alexander.

Zum Einstieg erstmal: Wo stehen wir aktuell beim Fachkräftemangel? Hat sich die Lage verbessert oder eher verschärft?

Alexander:
Es kommt ein bisschen darauf an, welche Perspektive man einnimmt.

Wenn wir nur drei Jahre zurückschauen, dann ist der Fachkräftemangel deutlich zurückgegangen – also wirklich sehr, sehr stark. Das liegt aber auch daran, dass 2022 ein krasses Jahr war, wo nach der Pandemie alle wieder loslegen wollten und dann gemerkt haben: Man kriegt Fachkräfte nicht einfach so. Ich finde, das ist ein schlechter Vergleichszeitpunkt.

Wenn wir stattdessen schauen, wie es war, als die Welt noch in Ordnung war – also vor Corona, 2017/2018 – dann war der Fachkräftemangel, so wie wir ihn messen, im Grunde genauso hoch wie heute.

Es ist also immer noch ein Riesenproblem.

Letizia:
Kannst du mir da vielleicht ein paar Zahlen nennen, damit man sich das besser vorstellen kann?

Alexander:
Ja klar.

Wir vom Institut der deutschen Wirtschaft und beim KOFA messen den Fachkräftemangel so: Wir versuchen auszurechnen, wie viele Menschen Unternehmen gerne sofort einstellen würden. Dann schauen wir deutschlandweit, wer arbeitslos ist und die passende Qualifikation hat.

Wir nehmen dann – ganz großzügig – an, dass alle umziehen und alle Stellen besetzen. Und das, was dann noch übrig bleibt, ist die sogenannte Fachkräftelücke.

Im Moment liegt sie unter 400.000. Aber das ist immer noch mehr als eine ganze Bundesstadt wie Bonn oder Mainz. Eine komplette große Stadt an Fachkräften fehlt uns.

Letizia:
Ja, das stimmt. Wenn man sich das bildlich vorstellt, sieht man erst, wie viel das eigentlich ist.

Ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass viele Menschen aktuell den Eindruck haben, dass es schwieriger geworden ist, einen Job zu finden. Gleichzeitig sprechen wir immer noch vom Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen?

Alexander:
Das ist eigentlich ein Dauerthema.

Es gibt immer Arbeitslose und gleichzeitig eine Fachkräftelücke. Das liegt daran, dass die berufliche Passung entscheidend ist.

Es bringt nichts, wenn man irgendetwas gelernt hat – man muss etwas gelernt haben, das auch gefragt ist.

Ein unverfängliches Beispiel ist: Wenn ich Pelze herstellen kann, das kauft heute kaum noch jemand. Das bringt mir dann nichts.

Oder früher hieß es: „Mach was Sicheres, geh zur Bank.“ Heute gehen Banken ins Online-Banking und bauen Schalterstellen ab. Die brauchen die Leute dort nicht mehr so.

Also bitte keine Ausbildung bei einer Bank anfangen – das ist nicht unbedingt ein Zukunftsfeld.

So ist es immer beim Fachkräftemangel: Einige fühlen sich betroffen, weil sie keinen Job finden. Das liegt oft daran, dass ihre Qualifikation nicht gefragt ist.

Manchmal ist es aber auch Ungeduld. Man sollte nicht erwarten, direkt nach dem Abschluss am nächsten Tag einen Job zu haben. Es dauert oft Monate, bis man etwas Passendes findet – das ist ganz normal und nichts, wofür man sich schämen muss.

Letizia:
Und was würdest du sagen: Was sind aktuelle Zukunftsfelder? Wo wird viel gesucht?

Alexander:
Da gibt es einige.

In einer alternden Gesellschaft wie Deutschland ist alles rund um Gesundheit eine sichere Bank: Pflegeberufe, Physiotherapie, Ärztinnen und Ärzte.

Dann der Bildungsbereich: Wenn wir erfolgreicher sein wollen, brauchen wir mehr Fachkräfte in Erziehung und Sozialpädagogik. Auch wenn die Geburtenzahlen zurückgehen – wir können die gut gebrauchen.

Und ein großes Thema ist das Handwerk, insbesondere das Bauhandwerk.

Wir wollen Infrastruktur aufbauen – Straßen, Gleise, Tunnel – aber wissen oft gar nicht, wer das alles umsetzen soll. Auch Planer fehlen.

Das sind drei Bereiche, die relativ sichere Zukunftsfelder sind.

Letizia:
Wenn wir jetzt mal einen Blick in die Zukunft wagen: Was kommt in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmarkt zu?

Alexander:
Im Moment ist die Stimmung eher gedämpft – Krise und so weiter. Und ja, es ist wirtschaftlich schwierig.

Aber ich denke, ziemlich sicher ist, dass die Demografie am Ende der wichtigste Faktor sein wird.

Der geburtenstärkste Jahrgang ist 1964. Die meisten davon arbeiten noch – das sind etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen.

Zehn Jahre später wurden nicht einmal eine Million geboren – also rund 30 Prozent weniger.

Wenn diese Jahrgänge in Rente gehen, haben wir für 7 von 10 Stellen Menschen – und für 3 von 10 nicht.

Und wenn das kein Problem ist, dann weiß ich es auch nicht.

Ich glaube, viele unterschätzen noch, wie stark sich das verschärfen wird.

Letizia:
Was können Unternehmen konkret tun – gerade auch mit Blick auf KMU?

Alexander:
Das Wichtigste ist: Unternehmen sollten mit älteren Beschäftigten sprechen.

Also fragen: Wann wollt ihr in Rente gehen? Und was müsste passieren, damit ihr länger bleibt?

Zum Beispiel ein sanfter Übergang, erst Teilzeit.

Wenn die Leute einmal fest geplant haben zu gehen – und vielleicht schon eine große Reise gebucht haben – dann ist es vorbei.

Deshalb muss man frühzeitig ins Gespräch gehen und fragen: Welchen Deal muss ich dir anbieten, damit du länger bleibst?

Denn jedes Jahr gehen mehr Menschen in Rente. Wenn wir sie nicht halten, ist dieses Potenzial weg.

Letizia:
Ich finde, du hast das Problem sehr gut dargestellt. Danke für deine Einschätzung und die konkreten Hinweise.

Es klingt auf jeden Fall sehr dringlich. Ich hoffe, dass einige jetzt direkt ins Gespräch gehen.

Danke euch allen fürs Einschalten. Nächste Woche übernimmt wieder Sibylle mit Daniel Terzenbach von der Bundesagentur für Arbeit.

Also dranbleiben und bis bald.