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Transkript: Folge 109

KOFA auf dem Sofa Kurzfolge: Recruiting unter Druck - Wenn Bewerber Unternehmen ghosten (mit Philip Herzer)

KOFA auf dem Sofa, kompakt. 

Letizia fragt nach, wenn kurze Fragen auf kluge Köpfe treffen. 

Letizia: 
Hallo und herzlich willkommen zu KOFA auf dem Sofa. Ich bin Letizia Celentano und heute sprechen wir über Ghosting – aber nicht beim Online-Dating, sondern im Bewerbungsprozess. Denn immer mehr Unternehmen berichten: Bewerberinnen und Bewerber unterzeichnen einen Arbeitsvertrag, treten die Stelle dann aber nicht an. 

Was das für Unternehmen bedeutet, warum es dazu kommt und was Firmen heute konkret tun können, darüber spreche ich mit KOFA-Experte Philipp Herzer, der zu diesem Thema eine aktuelle Studie durchgeführt hat. Hallo Philip. 

Wenn wir heute über Fachkräftemangel sprechen: Was spüren Unternehmen im Recruiting ganz konkret? 

Philip: 
Wir haben 2024 Unternehmen befragt, genau dazu, was sie ganz konkret vom Fachkräftemangel merken. Dabei zeigte sich, dass über 14 Prozent der Unternehmen genau diesen Fall erleben: Menschen unterschreiben einen Arbeitsvertrag und tauchen dann zum ersten Arbeitstag einfach nicht auf – ohne Rückmeldung. Also wirklich Ghosting. 

Das ist natürlich ein großes Problem, weil viele Mittel und viele Ressourcen in das Recruiting fließen. Gleichzeitig sehen wir auch, dass es mehr Kündigungen in der Probezeit seitens der Mitarbeitenden gibt und Absagen im Bewerbungsprozess, weil Bewerberinnen und Bewerber einen anderen Job angenommen haben. 

Und parallel sagen uns über 90 Prozent der Unternehmen, dass Beschäftigte heute höhere Ansprüche an Arbeitgeber haben als früher. Unternehmen merken also sehr deutlich: Es wird schwieriger. Sie reagieren aber auch darauf. Drei Viertel der Unternehmen haben uns gesagt, dass sie heute mehr Aufwand betreiben als früher, um Beschäftigte zu finden und zu binden. 

Letizia: 
Und noch mal zum Thema Ghosting: Kannst du sagen, an welchen Stellen im Bewerbungsprozess das besonders häufig auftritt? 

Philip: 
Wir haben ganz konkret gefragt, wann wir wirklich von Ghosting sprechen – nämlich dann, wenn Leute den Job nicht antreten. So haben wir es erhoben. In anderen Studien wird das teilweise anders gefasst. 

Daneben wird Ghosting auch häufig in der Probezeit erlebt, wie ich eben gesagt habe. Und auch im Bewerbungsprozess generell, wo immerhin noch eine Rückmeldung kommt, sagen Unternehmen: Die springen uns ab. 

Deshalb sind Unternehmen gut beraten, möglichst früh eine Bindung, eine persönliche Bindung zu Bewerberinnen und Bewerbern aufzubauen, um so etwas zu verhindern. 

Letizia: 
Das ist natürlich total problematisch. Man freut sich, den passenden Bewerber gefunden zu haben, und am Ende springt er trotzdem ab. Dann kann man sich als Unternehmen ja gar nicht sicher sein. 

Wenn wir den Blick weiten: Welche Recruitingansätze funktionieren aus deiner Sicht aktuell besonders gut? 

Philip: 
Wir haben Unternehmen gefragt, welche Recruiting-Maßnahmen sie konkret einsetzen. Dazu haben wir einen größeren Katalog abgefragt und anschließend gefragt, was davon besonders gut funktioniert. 

Wenn man eine Klammer drum machen will, dann sind es vor allem Maßnahmen, bei denen Unternehmen und potenzielle Bewerberinnen und Bewerber in direkten Kontakt kommen. Der ungeschlagene Champion – auch aus vielen anderen Befragungen – sind Mitarbeiterempfehlungen. 

Wenn Mitarbeitende jemanden aus dem eigenen Bekanntenkreis empfehlen, ist das ein sehr persönlicher Zugang. Beide Seiten bürgen ein Stück weit füreinander: Der Mitarbeitende für das Unternehmen und der empfohlene Kontakt für seine eigene Eignung. Das sind Gründe, warum das gut funktioniert – und auch schon immer gut funktioniert hat. 

Active Sourcing, also die proaktive Ansprache potenzieller Bewerberinnen und Bewerber, wird von gut 40 Prozent der Unternehmen genutzt. Das ist relativ wenig, aber sehr erfolgreich. Das ist unsere Nummer zwei geworden – ein echter Hidden Champion. Allerdings ist es auch mit Aufwand verbunden. 

Sehr erfolgreich sind auch Praktika, weil sie einen direkten Kontakt herstellen. Das ist Platz drei in unserer Befragung. Und auch Jobanzeigen in sozialen Medien funktionieren gut. Das ist zwar Werbung, aber Social Media ist etwas anderes als eine klassische Anzeige, weil über persönliche Eindrücke eine ganz andere Nähe entsteht. 

Insgesamt sind es also die Maßnahmen, bei denen direkter Kontakt entsteht. Das zeigen auch andere Forschungsergebnisse, zum Beispiel vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Die konnten zeigen: Unternehmen, die eher auf indirekte Maßnahmen setzen, bekommen zwar mehr Bewerbungen, aber die Unternehmen, die in direkten Kontakt gehen, haben am Ende mehr Einstellungen – und darum geht es ja. 

Letizia: 
Man kann also sagen, der beste Ansatz ist, eine persönliche Verbindung aufzubauen. Gibt es auch Recruitingansätze, bei denen du sagst: Die verlieren an Wirksamkeit? 

Philip: 
Wir haben auch abgefragt, ob Job- und Karrieremessen genutzt werden. Sie werden genutzt, tauchen aber nicht in unserer Topliste auf. Das klingt erst mal widersprüchlich, weil dort ja persönlicher Kontakt entsteht. 

Aber das deckt sich mit dem, was wir aus Gesprächen mit Unternehmerinnen und Unternehmern hören. Viele gehen auf Messen, weil die Konkurrenz dort ist, sagen aber: Einstellungen entstehen dort eher selten. 

Gerade bei Azubis werden viele von Schulen durchgeschleust, sammeln Giveaways, aber der echte Kontakt entsteht oft nicht. Das gilt natürlich nicht für jedes Unternehmen, aber es spiegelt sich auch in unseren Zahlen wider, dass Messen nicht zu den Top-Methoden gehören. 

Letizia: 
Das kann ich mir gut vorstellen, wenn man sich nur kurz sieht. Was können Unternehmen konkret tun, um Mitarbeitende, die schon da sind, langfristig zu binden? 

Philip: 
Das ist ein ganz zentraler Punkt. Wer Mitarbeitende hält, muss weniger rekrutieren. Deshalb haben wir auch gefragt, welche Maßnahmen zur Bindung besonders gut funktionieren. 

Besonders erfolgreich sind Dinge, die Mitarbeitenden Flexibilität ermöglichen: flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten, Homeoffice. Aber auch Unterstützung bei Kinderbetreuung und Pflege. 

All das hilft, Privatleben und Arbeit gut miteinander zu vereinbaren. Das sind oft genau die Punkte, an denen es hakt, wenn Menschen sagen, sie würden eigentlich gern in Vollzeit arbeiten. 

Natürlich sind das auch Maßnahmen, die Aufwand bedeuten. Aber es muss nicht immer die Betriebskita sein. Es können auch zusätzliche Kindkranktage ohne Attest sein oder ein entspannter Umgang mit familiären Themen. 

Es muss nicht immer das ganz große Besteck sein. Es gibt viele gute Praxisbeispiele – auch im Schichtbetrieb –, die wir bei KOFA zeigen. 

Letizia: 
Man muss also schauen, was im eigenen Unternehmen konkret umsetzbar ist. Wenn wir Recruiting und Mitarbeiterbindung zusammendenken: Worauf kommt es aktuell wirklich an? 

Philip: 
Das ist die Masterfrage. Viele Maßnahmen sind nicht einfach. Active Sourcing braucht Know-how und Organisation. Unterstützung bei Betreuung und Pflege wirkt ebenfalls aufwendig. 

Wichtig ist, klein zu denken und zu überlegen: Was ist mit unseren Ressourcen machbar? Beim Active Sourcing kann das heißen, dass Marketing und Recruiting enger zusammenarbeiten und gemeinsam Strategien entwickeln. 

Bei der Bindung kann viel über Kommunikation laufen. Viele Unternehmen sind familienfreundlicher, als sie es nach außen zeigen. Wenn das so ist, sollte man das auch in Stellenausschreibungen kommunizieren. 

Was Mitarbeitende bindet, die schon da sind, ist meist auch für andere attraktiv. Das sichtbar zu machen, ist Employer Branding. Eine Arbeitgebermarke aufzubauen – authentisch und ehrlich. Nur das kommunizieren, was Mitarbeitende auch wirklich so erleben. 

Letizia: 
Authentizität ist da ein großes Stichwort. Insgesamt geht es darum, mehr in den Austausch zu gehen – mit potenziellen und bestehenden Mitarbeitenden. 

Danke, Philipp, für die spannenden Einblicke und die konkreten Tipps. Beim nächsten Mal ist wieder Sibylle für euch da. Sie spricht mit einem spannenden Gast über künstliche Intelligenz und Produktivitätssteigerung. 

Danke fürs Zuhören und bis bald. 

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