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Transkript: Folge 108

KOFA auf dem Sofa: Generation unter Druck? Mentale Gesundheit auf dem Weg ins Berufsleben (Gast: Quentin Gärtner) 

Einleitung:
KOFA auf dem Sofa, dein Podcast für bessere Personalarbeit im Mittelstand, präsentiert vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung.

Sibylle:
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge KOFA auf dem Sofa.
Mein Name ist Sibylle und hier im Podcast sprechen wir über Zahlen, Daten, Fakten, die die Arbeitswelt betreffen. Wir bleiben aber nicht bei den trockenen Daten, sondern wir gucken, was wir aus diesen Erkenntnissen ableiten können, um die Personalarbeit in mittelständischen Unternehmen ein bisschen besser zu machen.

Und heute geht es um ein Thema, was uns alle angeht, nämlich um die Nachwuchskräfte. Junge Menschen starten heute oft mit unsichtbarem Gepäck ins Berufsleben. Da ist Druck, Erschöpfung und auch Angst. Das liegt unter anderem an der digitalen, ökologischen und wirtschaftlichen Transformation – das lässt uns ja auch alle nicht kalt. Und wir wollen gucken, wie wir den Weg bereiten können, damit diese jungen Menschen dennoch gut ankommen können im Berufsleben.

Ja, und das mache ich nicht alleine, sondern wie immer habe ich einen Gast auf meinem KOFA-Sofa. Das ist heute Quentin Gärtner. Er ist Jahrgang 2007 und war Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz und hat damit für mehr als siebeneinhalb Millionen junge Menschen gesprochen. Lieber Quentin, schön, dass du heute bei uns bist.

Quentin:
Ja, hallo Sibylle, toll, dass ich da sein darf.

Sibylle:
Quentin, was hast du in den letzten Jahren denn besonders deutlich beobachtet, wenn es um die psychische Gesundheit junger Menschen geht?

Quentin:
Nun, wir haben eine sehr eindeutige Studienlage. Das ist auch eine Sache, die sich in den alltäglichen Erlebnissen von Schülern, von Eltern, von Lehrern widerspiegelt. Es ist sehr eindeutig, dass wir seit der Corona-Pandemie auf so einer Art Plateau angekommen sind, wo die psychische Belastung und die psychischen Auffälligkeiten nicht mehr abnehmen. Wir sind nie wieder zum Vorkrisenniveau vor der Corona-Pandemie gekommen.

Das zeigen beispielsweise die COPSY-Studien, das zeigt aber auch das Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung. Wir wissen also, dass Einsamkeit ein riesiges Thema ist in meiner Generation. Depressionen sind ein riesiges Thema, aber auch eher unkonkretere Problembilder. Die Zahl der jungen Menschen, die ihre eigene Lebensqualität als gering beschreiben, liegt bei fast 25 Prozent. Fast jeder vierte junge Mensch sagt: „Ich führe eigentlich kein so tolles Leben, meine Lebensqualität ist gering.“

Das wirkt sich dann in verschiedenerlei Hinsicht aus. Und trotzdem ist ein allgemeines Desinteresse zu beobachten, wenn es um politische Entscheidungsträger geht, da entschieden gegenzuwirken.

Sibylle:
Kannst du das noch ein bisschen konkreter machen? Kannst du uns vielleicht ein paar Situationen aus dem Alltag in der Schule schildern? Woran merkt man ganz konkret, dass Schülerinnen und Schüler heute belastet sind?

Quentin:
Ich glaube, spätestens seit der Corona-Pandemie hat jeder Schüler mindestens einen Klassenkameraden oder Freund oder zumindest eine Person im näheren Umfeld, die mit verschiedenen Herausforderungen zu kämpfen hat. Ob das jetzt Depressionen sind, Angststörungen oder eine große soziale Isolation – das steht auf einem anderen Blatt, aber das wirkt sich ja jeweils ganz unterschiedlich aus.

Ich kenne Schüler, die es nicht mehr schaffen, eine reguläre Schulstunde zu besuchen, ohne mindestens einmal aufs Klo zu rennen, weil sie eine Panikattacke haben und mit dem Druck nicht klarkommen. Es gibt andere, die ganz klischeehaft nicht mehr aus dem Bett kommen. Wiederum andere verfolgen soziale Aktivitäten gar nicht mehr, sitzen am Wochenende nur zu Hause, machen kaum Sport.

Das sind verschiedenste Bilder, die sich da auftun. Aber alle führen dazu, dass junge Menschen erheblich belastet sind und nicht in dem Maße partizipieren können an den unterschiedlichen Prozessen, an denen man eigentlich partizipieren sollte, wenn man jung ist, wenn man kurz vorm Arbeitsleben steht und eigentlich Bock haben sollte aufs Leben.

Sibylle:
Jetzt könnte man ja denken, dass der Übergang von Schule in Studium oder Ausbildung fast eine Befreiung sein kann. Wie erlebst du das? Ist das auch eine Chance, das System Schule hinter sich zu lassen?

Quentin:
Auch da muss man sagen, das ist sehr individuell angelegt. Man muss aber festhalten, dass in Deutschland, in den meisten Bundesländern, genau dieser Übergang nicht gut gemanagt ist. Es findet zu wenig qualitativ hochwertige Berufsbildung in der Schule statt, sodass eine relativ große Orientierungslosigkeit existiert, wenn Schüler die Schule verlassen.

Es ist oft sehr unklar: Was will ich eigentlich? Will ich noch ein Jahr Pause machen und ein FSJ machen? Will ich reisen gehen? Will ich direkt in einen Beruf starten? Will ich eine Ausbildung machen oder ein Studium? Da stehen ganz viele existenzielle Fragen an, und die Schule schafft es nicht ausreichend, darauf vorzubereiten.

Ich habe gerade Abitur gemacht, 2025. In meinem Jahrgang hatten auf dem Abiball nur ganz wenige einen direkten Plan. Und kaum jemand hat gesagt: „Ja, das war jetzt der ausschlaggebende Punkt, dass ich eine gute Berufs- und Studienorientierung in der Schule hatte.“ Da müssen wir auf jeden Fall besser werden. Diese Unsicherheit führt dann natürlich auch zu zusätzlichen psychischen Belastungen.

Sibylle:
Was hat denn bei dir gut funktioniert, dass du dich schon direkt für ein Studium entschieden hast?

Quentin:
Wie gesagt, nicht die Berufs- und Studienorientierung an meiner Schule. Das kann ich so nicht behaupten. Es war vielmehr so, dass ich immer mit Ehrgeiz verschiedene Dinge ausprobiert habe und gesagt habe: Ich möchte mich engagieren und einbringen.

Das hat mich letztendlich dazu geführt, dass ich verschiedene Dinge ausgetestet habe und mich für mein Studium in Heidelberg entschieden habe. Molekulare Biotechnologie, also Wirkstoffforschung – das hatte ich schon relativ lange im Blick.

Ich kann nur jedem empfehlen, parallel zur Schule aktiv zu sein, sich verschiedene Dinge anzuschauen und zu versuchen, ein aktives Leben zu führen. Dann hat man zumindest einen guten Überblick, was einen interessieren könnte, was Spaß machen könnte – und was nicht.

Sibylle:
Politik muss sich bewegen, Schulen müssen sich bewegen, auch die Betriebe haben Aufgaben. Aber wo können wir denn den jungen Menschen vielleicht selbst auch unbequeme Schritte zumuten, ohne sie zu überfordern? Und wie können wir sie dabei unterstützen, diesen schwierigen Weg auch zu gehen?

Quentin:
Mein Kernmantra war immer: fördern und fordern. Ich bin niemand, der sagt, man darf jungen Menschen nichts zutrauen. Selbstverständlich muss man von uns Dinge einfordern, sonst können wir ja auch gar nicht wachsen. Wir wachsen mit unseren Aufgaben und mit den Erwartungen, die an uns gerichtet werden.

Gleichzeitig müssen junge Menschen ein Schulsystem und ein berufliches Umfeld erleben, das bereit ist, in sie zu investieren und sie zu fördern. Und das haben wir in den letzten Jahren kaum gesehen.

Wir hatten von 2010 bis 2019 durchgängig Wirtschaftswachstum, und trotzdem sind die Pisa-Ergebnisse seit 2012 schlechter geworden. Das zeigt, dass Bildung selbst in guten Zeiten keine Priorität hatte. Und das wirkt sich aus, wenn junge Menschen antreten und Verantwortung übernehmen wollen.

Wir brauchen ein Umdenken im Bildungsbereich. Auch die Wirtschaft ist gefragt, sich für grundlegende Reformen einzusetzen, denn am Ende des Tages ist Bildung die Grundlage für kompetente Arbeitnehmer.

Sibylle:
Wir richten uns mit dem Podcast vor allem an mittelständische Unternehmen. Stell dir vor, ich bin Ausbildungsleiterin und eine junge Frau fängt in meinem Betrieb an. Ich merke, sie traut sich nicht, Sorgen oder Ideen einzubringen. Was kann ich tun?

Quentin:
Das Wichtigste ist eine Kultur des Hinschauens. Jeder Mensch möchte gesehen werden. Eine gute Ausbilderin fragt nach: Wie geht es dir? Kann ich dich unterstützen? Gibt es etwas, was dich bedrückt?

Allein diese Frage kann schon viel bewirken. Wichtig ist auch, Klischees zu vermeiden – Stichwort „faule Gen Z“. Erwartungen klar formulieren, aber dann gemeinsam überlegen, wie man sie erreicht. Das ist gute Führungskultur.

Sibylle:
Jetzt darfst du auch mal pitchen: Welche Stärken bringt deine Generation mit?

Quentin:
Wir sind empirisch nachweislich besser in Englisch. Wir sind Digital Natives, lösen technische Probleme schneller und gehen selbstverständlich mit KI um. Viele haben bereits gelernt, KI sinnvoll – oder auch kreativ – einzusetzen.

Und wir sind resilienter, als man denkt. Trotz Corona, trotz Krisen sind viele junge Menschen krisenfester geworden. Wir haben Solidarität gezeigt und wollen Verantwortung übernehmen.

Sibylle:
Stell dir vor, wir sprechen uns in fünf Jahren wieder. Auszubildende starten gesünder ins Berufsleben. Woran lag das?

Quentin:
An einer anderen Kultur – in Schule und Ausbildung. Mehr Hinschauen, bessere Räume, weniger Klischees, mehr Vertrauen. Wenn es Menschen besser geht, sind auch die Leistungen besser. Das ist empirisch belegt.

Einspieler:
KOFA to go – Wissen zum Mitnehmen

Sibylle:
Quentin, welche drei Dinge sollen unsere Zuhörer unbedingt mitnehmen?

Quentin:
Erstens: Wir brauchen eine grundlegende Reform des Bildungssystems. Zweitens: Alte Klischees überwinden. Drittens: Eine konstruktive Fehlerkultur etablieren, in der man hinschaut und gemeinsam Lösungen findet.

Sibylle:
Mentale Gesundheit ist keine Privatsache. Wenn wir junge Menschen gut unterstützen, können sie bleiben, wachsen und Verantwortung übernehmen.

Das war KOFA auf dem Sofa, heute mit Quentin Gärtner, ehemaligem Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Wir hören uns in zwei Wochen wieder – dann mit meiner Kollegin Letizia. Bis dahin, macht’s gut, tschüss.

Ausleitung:
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