Geschäftsführerin Maria Sibylla Kalverkämper im Gespräch mit Ruth Schulz Wiemann.

60plus und voller Energie

Eine Werbeagentur findet es merkwürdig, dass die Neueinstellung einer 60jährigen so viel Verwunderung hervorruft.

Die Werbeagentur „Des Wahnsinns Fette Beute“ hat ihren Firmensitz in Attendorn. Etwa 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten vom Sauerland aus für Familienunternehmen in der ganzen Republik. „Wir sind auf die Markenführung dieser Traditionsunternehmen spezialisiert“, erklärt die Geschäftsführerin Maria Sibylla Kalverkämper.

Zum Interviewtermin treffen wir sie im Meeting-Raum ihrer Agentur. Ein braunes Ledersofa. Eine mit Getränken gefüllte Bar. Tischfußball. Ein großer Konferenztisch. Unser Gesprächsthema heute: Mitarbeiter über 60. 

Frau Kalverkämper, Ihnen ist im letzten Jahr eine ungewöhnliche Bewerbung zugesandt worden. Können Sie davon berichten?

Das Bewerbungsschreiben eröffnete mit den Worten: „Ich bin zwar über 60 – aber noch lange nicht Mitglied im Club der alten Schachteln.“ Die Bewerberin, Ruth (Anm.d.Red.: In der Agentur duzen sich alle), ist mit ihrem Alter sehr offensiv umgegangen und hat deutlich gemacht, dass sie Energie hat und arbeiten will. Sie brachte vielfältige Kompetenzen mit und deshalb wollten wir sie kennenlernen.

(Tipp: Die Bewerberin erzählt von ihrer Arbeitsplatzsuche in unserem Podcast, Folge 10: "Generation Erfahrung")

Und Sie haben die Kandidatin dann eingestellt?

Nein, nicht sofort. Wir haben eine Projektmanagerin oder einen Projektmanager gesucht – und mir war wichtig, dass die Bewerberin oder der Bewerber über Agenturerfahrung verfügt. Das war bei Ruth nicht der Fall. Aber ich muss ehrlich sagen: Ruth hat dann einfach nicht lockergelassen (lacht). Und so haben wir eine Stelle für sie geschaffen. Sie ist jetzt Assistenz der Geschäftsführung.

Die Bewerberin hatte in gleicher Position jahrzehntelang in einem Industrieunternehmen gearbeitet. War der Wechsel in die Agentur problemlos?

Ja. Wir haben uns für die Einarbeitung aber auch Zeit genommen. Man muss dazu sagen, dass Ruth ein sehr breites Portfolie mitbringt. Das hat es für uns nicht ganz einfach gemacht, sie sofort einem Arbeitsbereich zuzuordnen.

Wir mussten auch zunächst rausfinden: Gibt es genug Aufgaben für eine Vollzeitstelle? Und füllen diese Aufgaben Ruth auch aus? Denn durch ihre Erfahrungen und ihr Wissen hat sie schon bestimmte Ansprüche an ihre Arbeit und wollte – überspitzt formuliert – nicht nur kopieren. Wir mussten uns gemeinsam das passende Stellenprofil erarbeiten.

Hat sich während der Einarbeitung ein besonderer Fortbildungsbedarf abgezeichnet?

Ruth hat sehr viel Erfahrung in der internationalen Pressearbeit. Um uns in diesem Bereich gut zu unterstützen, war es aber nötig, dass sie sich in die Software einarbeitet, über die wir die Marketingautomation machen. Hier hat sie Fortbildungen erhalten. 

Ich kann aber wirklich nicht behaupten, dass das ein Weiterbildungsbedarf war, der hervorzuheben ist. Wir bilden auch unsere jüngeren Mitarbeiter laufend fort. Das ist uns auch wichtig. Ruth hat eine Einführung in die Arbeit mit dem Mac bekommen – genauso wie eine 25jährige, die zuvor auf dem PC gearbeitet hat.

Einen Generationenunterschied haben Sie also nicht bemerkt?

Ruth bringt Tugenden mit, die man der alten Garde zuschreiben könnte. Sie arbeitet unglaublich strukturiert, pünktlich und zuverlässig. Ob das typisch für ihre Generation ist, weiß ich nicht. Es ist in der Zusammenarbeit aber äußerst angenehm. 

Ruth Schulz Wiemann mit einem Kollegen aus der Agentur

Sie veranstalten regelmäßig Barcamps und haben dort auch eine Session zum Thema „Energie 60plus“ gemacht – wie waren die Reaktionen?

Ruth hatte die Barcamp-Session angeregt, um auf die Benachteiligung älterer Bewerberinnen und Bewerber auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam zu machen. Und es war unglaublich, wie intensiv das Thema diskutiert wurde.

Natürlich würde kein Unternehmer öffentlich sagen, dass er Menschen ab einem bestimmten Alter nicht mehr einstellt. Gleichzeitig wurde uns gespiegelt, wie außergewöhnlich es alle finden, dass wir einer Frau über 60 einen Arbeitsvertrag ausgestellt haben. Für uns war das eine Selbstverständlichkeit. Wir haben über ihr Alter überhaupt nicht nachgedacht. Und wir haben eine top motivierte Mitarbeiterin gewonnen.

Was können Sie anderen Unternehmen aus Ihrer eigenen Erfahrung raten?

Es lohnt sich, Bewerberinnen und Bewerber unabhängig von Alter und Geschlecht zu bewerten. Um es provokant zu formulieren: Wir stellen auch Frauen im gebärfähigen Alter ein. Von Bewerberinnen Ende 20 hört man ja auch häufiger, dass sie es bei der Jobsuche schwer haben.

Wir suchen Menschen, die zu uns und unserer Unternehmenskultur passen. Umbrüche im Leben lassen sich gemeinsam gestalten. Wir merken an der Motivation unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass sich diese Personalpolitik auszahlt. 

Wir danken Frau Kalverkämper für das Gespräch.

 

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