Stark als Genossenschaft

Experteninterview mit Dr. Johannes Blome-Drees

Den Mitarbeitern eine betriebseigene Kinderbetreuung anbieten oder eine Beratung für Pflegefälle in der Familie: Viele kleine und mittlere Unternehmen können solche Angebote zur Fachkräftebindung nicht aus eigener Kraft stemmen. Im Verbund mit anderen KMU lässt sich dagegen auch aus personalpolitischer Sicht vieles organisieren. Dr. Johannes Blome-Drees vom Seminar für Genossenschaftswesen an der Uni Köln erklärt, welche Möglichkeiten Genossenschaften bieten und warum diese Form des Zusammenschlusses zurzeit eine Renaissance erlebt.

Wann bietet es sich für kleine und mittlere Unternehmen an, sich in einer Genossenschaft zusammenzuschließen?

Blome-Drees: Das sieht man am besten an den Voraussetzungen für die Gründung einer Genossenschaft: Sie brauchen mindestens drei Gründer, die bereit sind, auf Basis von demokratischen Entscheidungsfindungen zusammenzuarbeiten und ein Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit haben. Dabei darf kein finanzieller Zweck im Vordergrund stehen, sondern eine leistungswirtschaftliche Förderung. Indem die Mitglieder bestimmte betriebliche Funktionen in den gemeinsamen Betrieb ausgliedern, produzieren sie also Güter und Dienstleistungen. Zum Beispiel können KMU in Einkaufsgenossenschaften günstiger einkaufen oder ihren Mitarbeitern in sogenannten Familiengenossenschaften Angebote für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen. Beispiele sind die Familiengenossenschaft Münsterland eG, die Familiengenossenschaft Nordeifel-Euskirchen eG oder auch die Familiengenossenschaft Monheim eG.

Und welche Vorteile sehen KMU ganz konkret, die sich für einen Zusammenschluss als Genossenschaft entscheiden?

Blome-Drees: Zu den Merkmalen, die Genossenschaftsgründer – auch mittelständische Kooperationen – für wichtig halten, gehört das Bekenntnis zur demokratischen Entscheidungsfindung. Das heißt, man arbeitet auf Augenhöhe zusammen – anders als in Kapitalgesellschaften, in denen das Stimmrecht von der Kapitaleinlage abhängig ist. Auch die Haftungsbeschränkung, nach der die Mitglieder nur mit ihren Einzahlungen auf die Geschäftsanteile haften, und den unbürokratischen Ein- und Austritt sowie die fehlende Mindestkapitalanforderung sehen viele als Vorteil. Dazu kommt die verpflichtende Jahresabschlussprüfung durch genossenschaftliche Prüfverbände und damit verbunden eine sehr geringe Insolvenzquote. Sehr wichtig ist den Unternehmen außerdem, dass sie ihre unternehmerische Selbstständigkeit behalten, da sie ja nur bestimmte Funktionen in die Genossenschaft auslagern.

Wie läuft die Gründung ab?

Blome-Drees: Die Geschäftsidee muss einem genossenschaftlichen Prüfungsverband vorgestellt werden. Nach den Vorschriften des Genossenschaftsgesetzes prüft dieser im Interesse der Mitglieder und Gläubiger die wirtschaftlichen Verhältnisse der neu gründeten Genossenschaft. Schwerpunkte der Gründungsprüfung sind die Beurteilung der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des Gründungskonzepts, die Eintragungsfähigkeit der Satzung sowie die Effektivität der Mitgliederförderung.

Wo finden interessierte KMU Rat für die Genossenschaftsgründung?

Blome-Drees: Guten Rat bieten vor allem die genossenschaftlichen Prüfungsverbände, denn sie bieten mit einer beratenden und betreuenden Prüfung ein Rundumpaket. Solange die Gründer allerdings noch gar keine Entscheidung darüber getroffen haben, welche Rechtsform sie ihrem Zusammenschluss geben möchten, bieten sich öffentliche Gründungsagenturen an, die auch zu Genossenschaften beraten. Eine andere Möglichkeit sind Berater der freien Berufe wie Notare und Rechtsanwälte. Das große Manko bei letzteren ist allerdings, dass sie sich bislang in ihrer Ausbildung nur sehr wenig mit dem Thema Genossenschaften befassen.

Wie beliebt ist die Form der Genossenschaft aktuell bei mittelständischen Firmen? Hat sich das im Zeitverlauf verändert?

Blome-Drees: Wir haben in Deutschland knapp 8.000 Genossenschaften, ein Drittel davon wurde allein in den vergangenen zehn Jahren gegründet. Die meisten davon sind im gewerblichen Bereich entstanden, und hier sind es auch kleine und mittlere Unternehmen, die sich in dieser Rechtsform zusammenschließen. Wir erleben derzeit eine Renaissance der Genossenschaftsidee. Gerade weil das Vertrauen in die Steuerung durch Markt und Staat in der Finanzmarktkrise gelitten hat, ist das Vertrauen in das Genossenschaftswesen mit seiner sehr geringen Insolvenzquote aktuell hoch.

Wir danken Herrn Blome-Drees für das Gespräch.

 

Auswahl von Familiengenossenschaften

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