Prolog

Eine Geschichte von Ausbildern im Ruhestand, die in die Lehrwerkstatt zurückkehren, um Flüchtlinge in die Metalltechnik einzuführen.

Eine Geschichte von Männern aus Krisenregionen, die Freundschaften und Träume aufgeben, um die Chance auf eine Ausbildung in Deutschland zu erhalten.

Erste Begegnung

Die Senioren und das Flüchtlingsprojekt

Februar 2017, Gevelsberg. 47 Jahre lang hat Norbert Rother in der Metallindustrie gearbeitet. 40 Meter hohe Kräne sind unter seinen Händen entstanden. 36 Jahre lang war er im IHK-Prüfungsausschuss für Auszubildende als Industriemechaniker – er weiß genau, worauf es in seiner Branche ankommt. Was ein guter Metaller können muss.

„Beweisen muss ich mir nichts mehr - aber ich denke schon, dass die Flüchtlinge von meiner Erfahrung profitieren können“, sagt der Ruheständler und lässt seinen Blick durch die Ausbildungswerkstatt der Altenloh, Brinck & Co Gruppe gleiten.

In der Werkstatt des Schraubenherstellers wird Norbert Rother in einigen Monaten Flüchtlinge in der Metallverarbeitung coachen.

„Ich bin ehrgeizig.
Die Flüchtlinge sollen
bei mir etwas lernen.“

Norbert Rother

Norbert Rother ist nicht der Einzige, der für den „Spezialjob" in dem Flüchtlingsprojekt aus dem Ruhestand zurückgeholt wurde: Auch der 70-jährige Ekkehard Just hat sich gemeldet, um Männer aus aller Welt in der Metallkunde zu unterrichten. Sein Einsatzort: Die Lehrwerkstatt von thyssenkrupp Bilstein. Der Betrieb produziert Stoßdämpfer für die Automobilindustrie.

Video: Ekkehard Just zur Aufgabe der Senioren

Überall in Deutschland haben Unternehmen in den letzten drei Jahren Flüchtlinge beschäftigt. Mehr als 400.000 Unternehmen haben mittlerweile Erfahrung in der Integration gesammelt. Am häufigsten arbeiteten die Geflüchteten im Rahmen eines Praktikums mit - so wie in diesem Flüchtlingsprojekt, bei dem Norbert Rother und Ekkehard Just mitwirken. Organisiert wird das Qualifizierungsprogramm vom Märkischen Arbeitgeberverband, der lokalen Arbeitsagentur und der Volkshochschule Ennepe-Ruhr-Süd. Aber es sind Norbert Rother und Ekkehard Just, die in wenigen Wochen mit zwanzig Männern aus elf Ländern zusammenarbeiten werden.

„Unser Ziel ist die
Integration in den
Arbeitsmarkt.“

Dr. Bettina Schwegmann

Viele Projektpartner – ein ehrgeiziges Ziel

Wie konzipiert man ein Praktikum für Flüchtlinge? Welche Unterstützung brauchen die Betriebe? Welche Voraussetzungen müssen die Flüchtlinge mitbringen? Dr. Bettina Schwegmann, Geschäftsführerin des Märkischen Arbeitgeberverbandes, gehört zu den Projektverantwortlichen, die sich über all diese Fragen Gedanken gemacht haben. Die Praxisphase bei der Altenloh, Brinck & Co Gruppe und bei thyssenkrupp Bilstein ist in ihren Augen alles andere als ein Sprung ins kalte Wasser.

„Wir haben diese Qualifizierungsmaßnahme für Flüchtlinge in ähnlicher Form seit Anfang 2016 bereits zwei Mal durchgeführt“, erklärt die Verbandssprecherin. 

Viel Herzblut, viel Zeit, viel Organisation sei in die Vorbereitung geflossen. Und grundsätzlich habe sich das Konzept bewährt: Die Arbeitsagentur Hagen und das Jobcenter Ennepe-Ruhr  haben auch für diesen Durchgang wieder die Auswahl der Flüchtlinge übernommen. Die Volkshochschule unterstützt mit Kursen zur Berufskunde und zur Sprachförderung.

Mehrstufige Qualifizierungsmaßnahme

Modul 1: berufliche Grundbildung

  • Dauer: 6 Wochen
  • Projektpartner: VHS Ennepe-Ruhr-Süd
  • Maßnahmenziel: Die Teilnehmenden erweitern und identifizieren ihre beruflichen und sprachlichen Kompetenzen.

Modul 2: berufsbezogene Sprachbildung

  • Dauer: 2 Monate
  • Maßnahmenziel: Die Teilnehmenden erweitern ihre Sprachkenntnisse um berufsbezogene Inhalte.
  • Projektpartner: VHS Ennepe-Ruhr-Süd

Modul 3: Praktikum Metalltechnik für Industrieberufe Grundkurs Metalltechnik

  • Dauer: 2 Monate
  • Maßnahmenziel: Vermittlung beruflicher Grundlagenkenntnisse im Bereich Metalltechnik, Vorbereitung auf die Anforderung am Arbeitsmarkt.
  • Projektpartner: Altenloh, Brinck & Co Gruppe, Thyssen-Krupp Bilstein

Die Erfahrung hat ihr gezeigt, dass das Konzept funktioniert. Sie weiß aber auch, dass jede neue Praxisphase neue Herausforderungen birgt.

„Nach beiden Durchgängen haben wir eine kritische Bilanz gezogen“, erzählt Schwegmann offen. „Und wir haben immer wieder Anpassungen vorgenommen, um das Programm für Betriebe und Flüchtlinge noch besser zu machen.“ 

Dem Verband geht es bei dem Projekt, um den Vermittlungserfolg der Teilnehmer in den Arbeitsmarkt.

Und es geht darum, Erfahrungen zu sammeln, Herausforderungen und Schwierigkeiten zu erkennen und Lösungen zu erarbeiten.

Auch andere Betriebe und Verbände sollen von den Erkenntnissen, die in den nächsten Wochen gesammelt werden, profitieren.

In den letzten zwei Jahren sind viele Initiativen und Unternehmensnetzwerke entstanden, die bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt unterstützen.

Maßnahmen in Ihrer Nähe finden Sie hier:

Initiativen zur Integration von Flüchtlingen

„Es wird sich zeigen,
wer für einen Job
in der Branche
geeignet ist.“

Ekkehard Just

Konkrete Vorbereitung

Aufgaben für die Flüchtlinge

April 2017. In wenigen Tagen beginnt für Norbert Rother und Ekkehard Just ihr Einsatz. In letzter Zeit haben sie die Lehrwerkstätten bei Altenloh, Brinck & Co Gruppe und thyssenkrupp Bilstein mehrfach besucht. Sie bereiten sich vor, auf ihre Rückkehr aus dem Ruhestand.

Video: Vergleichbare Aufgaben für alle Geflüchteten

Die Projektpartner haben die beiden Senioren eingeladen, an einem interkulturellen Vorbereitungstreffen teilzunehmen: In einem arabischen Restaurant berichteten Dozenten der Volkshochschule und Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und Guinea über landesspezifische Sitten und Gebräuche.  Norbert Rother und Ekkehard Just haben an der Veranstaltung teilgenommen.

„Aber eigentlich setzen wir vor allem auf unsere Erfahrung als Ausbilder und auf unsere Menschenkenntnis“, sagen sie.

Und dann gebe es ja auch Spielregeln im Berufsleben, an die jeder sich zu halten habe. Regeln zur Arbeitszeit. Regeln zur Sicherheit. Es sind Regeln, die Norbert Rother und Ekkehard Just in fast 50 Jahren Berufserfahrung in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Der Wippmann als Gradmesser für handwerkliches Talent

Die beiden Senioren haben die letzten Wochen genutzt, um sich zu überlegen, was sie fachlich vermitteln wollen. Ein Ordner mit Arbeitsanweisungen liegt auf dem Tisch. Just kramt eine Zeichnung hervor: Der „Wippmann“. Damit sollen sich die Teilnehmer die nächsten Wochen beschäftigen. Ein metallenes Männlein, das bei Berührung auf einer Stelle vor- und zurückschwankt. Es ist eine Aufgabe, an der sich auch deutsche Praktikanten in den Lehrwerkstätten abarbeiten.

„Die Fähigkeiten, die für das Wippmännchen gebraucht werden, bilden eigentlich einen Querschnitt der Qualifikationen ab, die in der Ausbildung zum Industriemechaniker nötig sind“, erklärt Just.

Die Senioren können lange über den Wippmann reden. Welche Arbeitsschritte nötig sind. Auf welche Messverfahren die Praktikanten zurückgreifen sollten.

„Letztlich geht es uns auch darum, eine Vergleichbarkeit der Kandidaten zu gewährleisten, sie zu bewerten und ihnen ein Zertifikat auszustellen, mit dem sie sich bei anderen Betrieben vorstellen können“, erklärt Just.

Der Wippmann ist eben nicht nur ein metallenes Kerlchen, das man als Andenken auf dem Fenstersims platziert. Für die Praktikanten ist es der Gradmesser, wer das Potenzial mitbringt, in der Metallindustrie Fuß zu fassen.

Klare Aufgaben geben dem Arbeitsalltag während des Praktikums Struktur und vereinfachen die Zusammenarbeit mit dem Praktikanten.

Flüchtlinge im Praktikum

„Es geht um
meine Zukunft in
Deutschland.“

Aboubakar Fofana

Im Sprachkurs

Vor den zwanzig ausgewählten Kandidaten für die Qualifizierungsmaßnahme liegen Arbeitsblätter. Es ist ein Lückentext. Das richtige Wort muss gefunden, die richtige grammatikalische Form oberhalb der gestrichelten Linie eingefügt werden. Es sind ausschließlich Männer, die hier gemeinsam lernen. Keine einzige Frau hatte sich für das Angebot in der Metallindustrie beworben.

In ihrer Heimat haben die Männer als Kfz-Mechaniker, Juristen, Fahrradkuriere, Bauern, Lehrer oder Schneider gearbeitet.

Jetzt versuchen sie, den Erklärungen der Sprachlehrerin zu folgen. Noch zwei Tage, dann ist der Abschlusstest des Sprachkurses. Dann beginnt mit der Praxisphase in den Lehrwerkstätten das eigentliche Projekt.

Aboubakar Fofana (links) hat bereits zwei Sprachkurse gemacht, seit er 2015 nach Deutschland gekommen ist. „Ich bin so froh, dass ich mich im Alltag mittlerweile auf Deutsch verständigen kann“, erzählt er.

Die Schüler üben heute Bewerbungsanschreiben zu formulieren. Die „Höflichkeitsformel“ fällt einigen Schülern schwer. „Auf der Straße sprechen die Leute ganz anders, als in den Sprachbüchern“, sagen sie.

Der Sprachkurs endet mit einer offiziellen Prüfung. Die Praktikanten bereiten sich teilweise gemeinsam auf den Test vor. Über die Sozialen Medien tauschen sie sich auch nach dem Unterricht aus und geben sich Tipps.

Aboubakar Fofana ist einer derjenigen, die von der Arbeitsagentur für das Programm ausgewählt wurden. Er ist 22 Jahre alt und kommt aus Guinea.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in seiner Heimat liegt bei 58 Jahren. Guinea gilt als eines der ärmsten Länder der Welt.

„Reisende ins Landesinnere sollten sich bewusst sein, dass gewaltsame Konflikte zwischen verschiedenen Familienclans oder ethnischen Gruppen jederzeit auftreten können“, heißt es in den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes. Trotzdem wurden 2016 knapp 77 Prozent aller Asylanträge aus Guinea in Deutschland abgelehnt.

Der Antrag von Aboubakar Fofana läuft. Und er hofft, dass sich seine Chancen, in Deutschland zu bleiben, verbessern, wenn er über das Praktikum möglicherweise eine Einstiegsqualifizierung und dann eine Ausbildung ergattert. Das Praktikum soll ihm helfen, hier eine Zukunft aufzubauen.

Video: Aboubakar Fofana über seine Motivation

Teil eines Teams sein

Aboubakar Fofana weiß, wie wichtig die deutsche Sprache ist. Und dass jedes System seine eigenen sprachlichen Codes hat.

„Deutsch im Sprachkurs ist zum Beispiel etwas völlig anderes als Deutsch auf dem Fußballplatz“, erklärt er und lacht.

Fußball – das ist seine Leidenschaft. Da ist er plötzlich zuhause, auch in der Ferne. „Neue Löwen“ nennt die Presse die zehn neuen Mitspieler, die den Lüner SV in der Westfalenliga in dieser Saison unterstützen. Aboubakar Fofana ist einer dieser „Löwen“. „In seinen nur drei Spielen […] entpuppte er sich als Vollblutstürmer und als ‚echter 9er‘. Spielerfahrung sammelte er auch in Griechenland“, so heißt es auf einer Fan-Seite im Internet.

Griechenland. Das lag auf seiner Fluchtroute. Doch auf dem Platz interessiert das keinen. Da gehört man zum Team, wenn man das Trikot trägt.

Und ein bisschen ist es auch jetzt so, bei der Vorbereitung auf das Praktikum. Schon vor Beginn des berufsbezogenen Sprachkurses wurde Aboubakar Fofana mit Arbeitskleidung von der Altenloh, Brinck & Co Gruppe ausgestattet. Er ist jetzt im Kader. Im Praktikum wird sich zeigen, ob er sich einen Stammplatz erspielt.

Arbeitskleidung, die vom Arbeitgeber gestellt wird, kann die Identifikation mit dem Unternehmen erhöhen und die Integration in den Betrieb erleichtern.

Grundkurs Metalltechnik - die Praxisphase

360-Grad-Video aus der Ausbildungswerkstatt der Altenloh, Brinck & Co Gruppe

Das Projekt beginnt

Die erste Praktikumswoche

Ende April 2017. Wie soll man die erste Praktikumswoche zusammenfassen? Norbert Rother überlegt. Er schüttelt den Kopf. Ihm fällt ein Geräusch ein.

„Ich frage mich also, warum klingt das so, wenn die Jungs sägen“, erzählt Norbert Rother. „Ich gehe um die Werkbank. Und was sehe ich? Fast alle haben die Sägeblätter falsch eingelegt.“

Die erste Woche war anstrengend für Norbert Rother. Er ist ein ehrlicher Mensch. Er kann seine Gefühlslage schlecht verbergen. Was ihm selbstverständlich erscheint, muss er kleinteilig erklären. Das Vorwissen seiner Teilnehmer unterscheidet sich beträchtlich.

„Einige der Männer verfügen lediglich über vier Jahre Grundschulbildung“, sagt Rother.

Und: „Ein syrischer Praktikant erscheint mir völlig traumatisiert. Der hat Tränen in den Augen, wenn ich ihn korrigiere. Das macht die Arbeit in der Gruppe denkbar schwierig.“

Ja – Norbert Rother hatte sich den Beginn dieser Praxisphase einfacher vorgestellt. Es war doch alles vorbereitet. Die Zeichnung. Der Wippmann. Und jetzt?

Video: Wie Norbert Rother die Praxisphase erlebt

Jetzt heißt es flexibel sein. Die Teilnehmer dort abzuholen, wo sie stehen. „Was haben wir denn gerade besprochen?“, fragt Rother immer wieder.

„Ich habe gemerkt, dass die Männer zu schüchtern sind, um nachzufragen“, erklärt Rother.

„Ich hoffe, dass ich Verständnisschwierigkeiten ausräumen kann, indem ich sie die Arbeitsaufträge in ihren eigenen Worten wiederholen lasse. Aber es wird dabei auch deutlich, wie groß die Kommunikationsschwierigkeiten eigentlich sind.“ Rother hat in seinem Arbeitsleben viel erlebt. Es mangelt ihm nicht an interkultureller Kompetenz. Damals, bei der Arbeit am Kran, da haben Facharbeiter aus einem Dutzend Nationen unter seiner Anleitung gearbeitet. „Aber die wussten alle, was sie tun. Das jetzt ist etwas völlig anderes.“

Die Bildungssysteme unterschiedlicher Länder unterscheiden sich teilweise erheblich. Das macht es häufig schwierig, die schulischen Qualifikationen von Geflüchteten richtig einzuschätzen. Personalverantwortliche sollten ggf. ihre eigenen Vorurteile kritisch überprüfen und auf sachliche Informationen setzen.

Die Zeiterfassung

Norbert Rother telefoniert regelmäßig mit Ekkehard Just. Der Erfahrungsaustausch der beiden Praktikumsleiter hilft den beiden. Es ist nicht alles vergleichbar. Norbert Rother betreut 15 Kandidaten, Ekkehard Just nur fünf. „Das ist vielleicht auch das erste Fazit“, sagen beide. „Dass die Gruppe bei so einem Programm nicht zu groß sein darf – sonst ist es in der Praxis kaum möglich, auf individuelle Fragen einzugehen – und den unterschiedlichen Wissensstand zu berücksichtigen.“

Und dann ist da ja noch die „rote Linie“ von der Rother und Just in der Vorbereitung gesprochen haben. Die Regeln des deutschen Arbeitsalltags. Eine dieser Regeln sagt: Die Schicht beginnt um sechs Uhr – nicht früher und nicht später.

„Wir haben uns gezwungen gesehen, für die Praktikanten ein Zeiterfassungssystem einzuführen, um Kontrolle und Verbindlichkeit zu schaffen“, erzählen Rother und Just.

Seitdem müssen die Flüchtlinge wie alle anderen in der Lehrwerkstatt „stempeln“.

Ekkehard Just betreut bei thyssenkrupp Bilstein nur fünf Praktikanten. Er merkt, dass die individuelle Ansprache wichtig ist.

Die Praktikanten prüfen ihre Arbeitsergebnisse. „Es ist in diesem Beruf wichtig, sehr genau zu arbeiten“, sagt Just.

Von 6.00 Uhr bis 13.30 Uhr dauert die reguläre Arbeitszeit der Praktikanten. Die Arbeitsatmosphäre ist meist konzentriert. In den Pausen geht es aber lockerer zu.

Ekkehard Just nimmt sich immer wieder Zeit für theoretische Erklärungen. „Ich merke, dass ganz viele Grundlagen fehlen“, sagt er. „Aber die Jungs sind dankbar, wenn man ihnen etwas beibringen will.“

„Ich weiß nicht,
wie es mit mir
weitergeht.“

Aboubakar Fofana

Eine schwierige Entscheidung

6 Uhr Arbeitsbeginn. Das bedeutet für Aboubakar Fofana, um 5.03 Uhr am Wittener Bahnhof in den Zug zu steigen. Um 5.35 Uhr ist er dann in Gevelsberg. Es muss dieser Zug sein. Mit der nächsten Verbindung käme er zwanzig Minuten zu spät. Rote Linie. Regelverstoß.
 
Tatsächlich greift Norbert Rother manchmal in eine imaginäre Tasche an seinem Hemd, reckt den Arm in die Höhe. „Rote Karte“ soll die internationale Geste heißen – dieses Verhalten geht bei uns nicht. Natürlich kennt Aboubakar Fofana diese Geste. Vom Training beim Lüner SV. Von der Mannschaft, die an drei Abenden in der Woche auf ihn wartet.
     
Aboubakar Fofana versucht, die Bälle seines Lebens in der Luft zu halten.

Um vier Uhr aufstehen. Technische Zeichnungen verstehen, fräsen, bohren, messen – immer auf den Millimeter genau. Abends dann zum Lüner SV. Fit wirken. Um einen festen Stammplatz im Team stürmen. Erst um halb zwölf liegt der 22-Jährige an solchen Tagen wieder in seinem Bett. In viereinhalb Stunden klingelt der Wecker. Dann beginnt ein neuer Tag.

Die Jungs aus der Mannschaft verstehen ihn nicht. „Sie sagen: Es geht doch nur um ein Praktikum“, erzählt Aboubakar Fofana. „Verbieg dich dafür nicht so. Du bist doch einer von uns.“
 
Aboubakar Fofana überlegt: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Fußballprofi zu werden? Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, über das Praktikum einen Ausbildungsplatz in der Metallindustrie zu finden? Aboubakar Fofana merkt, dass ihm die Kraft für das Leben ausgeht, das er zurzeit führt. Die Fußballmannschaft spielt jetzt ohne ihn.

Aboubakar Fofana im Interview

Lange Tage im Ramadan

Juni 2017. Die letzten drei Wochen des Grundkurses Metalltechnik fallen in den Ramadan.

Fast alle Praktikanten von Altenloh, Brinck & Co Gruppe und thyssenkrupp Bilstein essen von 5 Uhr morgens bis 21 Uhr abends nicht.

Im Scherz bedauern sie sich gegenseitig. Sie nehmen sich auf den Arm. Norbert Rother lacht mit – das Praktikumsteam ist zusammengewachsen. Man merkt das: „Am Anfang habe ich Angst vor Herrn Rother gehabt. Aber er ist wirklich sehr geduldig. Er erklärt uns die Sachen gut“, sagt Aboubakar Fofana. „Respekt“, sagt Norbert Rother und schmunzelt. „Du hast Respekt gehabt.“

Norbert Rother sieht nach vier Wochen Praktikum vieles differenzierter. Jeder der Praktikanten entwickle sich eben in seinem eigenen Tempo. Einige zeigen Talent. Andere tun sich schwer. Zwei mussten den Kurs verlassen. Zu viele Regelverstöße – und auch zu wenig Motivation, in der Branche Fuß zu fassen.

„Ja, es bleiben Probleme“, erzählt Norbert Rother. Sprachliche, mathematische und handwerkliche. „Diejenigen, die jetzt noch hier sind, zeigen mir aber auch, dass sie extrem motiviert sind, sich weiterzuentwickeln.“

Was Norbert Rother ärgert, ist, dass seine Teilnehmer während der Arbeitszeit immer wieder bei der Arbeitsagentur oder der Ausländerbehörde vorsprechen müssen. Er merkt auch, dass die Männer Unterstützung brauchen, die er nicht leisten kann – und in seiner Position auch nicht leisten will. Vielleicht bräuchte es einen Sozialarbeiter. Vielleicht eine Vertrauensperson im Betrieb. „Eigentlich sollten Fragen zum Bleiberecht gelöst sein, bevor die Flüchtlinge in einem Unternehmen anfangen“, meint er. „Ich glaube, auf dieser Basis ist es für die Flüchtlinge einfacher zu lernen – und für die Betriebe einfacher, Perspektiven zu schaffen.“

Der Arbeitsmarktzugang von geflüchteten Menschen ist abhängig vom jeweiligen Aufenthaltsstatus. Während einer Ausbildung sind Geflüchtete vor einer Abschiebung geschützt. Über weitere rechtliche Regelungen zum Aufenthaltsstatus können Betriebe sich hier informieren:

Rechtliche Fragen

Wie Sprachbarrieren abnehmen

Ekkehard Just hat es bei thyssenkrupp Bilstein irgendwie einfacher. Die Gruppe ist kleiner, die Betreuung intensiver. Die Teilnehmer lernen schneller. Nicht nur der Wippmann ist fertig. Auch eine eiserne Lokomotive und ein 1 Kubikzentimeter kleiner Metallwürfel.

„Ich bin wirklich ganz angetan, was die Jungs hier leisten“, sagt Ekkehard Just und beobachtet zufrieden, wie die Flüchtlinge einen Hammerkopf fertigen.

Eine neue Aufgabe –  für den Schlussspurt. Längst wird das Projekt im Konzern als Vorbild gehandelt. Der Leiter der Ausbildungswerkstatt, Ulrich Schmelter, durfte auf dem bundesweiten Ausbildertag von thyssenkrupp über die Erfahrungen in seiner Lehrwerkstatt referieren. Über das gute Verhältnis zwischen den Auszubildenden und den fünf Flüchtlingen. Über die kreativen Ideen zum Spracherwerb, die Ekkehard Just eingeführt hat.

Video: Das Bilder-Lexikon von Ekkehard Just

„Auch bei uns sind enorme Schwierigkeiten aufgetreten, weil die Flüchtlinge das Fachvokabular nicht beherrscht haben“, sagt Just.

Es sind Worte wie „Zylinderschraube mit Innenschacht“ „Innengewinde-Bohrer“, „Mittelschneider“, „Flachmeißel“, „Schneideisenhalter“, die in der Kommunikation zwischen Just und den Flüchtlingen scheinbar unüberbrückbare Schluchten aufklaffen lassen.

Welcher Muttersprachler außerhalb der Branche verwendet diese Wörter eigentlich präzise, fragt sich Just. Und er fängt an, nach Feierabend ein Handbuch zu erstellen.

Eine Seite nach der anderen. Bilder von Werkzeugen, Materialien, Arbeitsprozessen. Kleinteilige Darstellungen. Daneben das Wort. Im Singular, im Plural. Vielleicht noch ein Verb dazu. „Der Senker, die Senker, senken, senkte, gesenkt, das Senken.“

„Wer in der Branche arbeiten möchte, muss sich in seiner Freizeit hinsetzen und Vokabeln pauken“, sagt Just.

Die Ehrgeizigen tun das. Just merkt, dass sein Bilderlexikon funktioniert. Das Praktikum geht zu Ende. Und die Schluchten werden immer schmaler.

Ein großer Schritt in Richtung Zukunft

Aboubakar Fofana hat sein Ziel erreicht

Projekt-Ende. Die letzten beiden Juni-Tage waren schlimm für Aboubakar Fofana. Was, wenn alles umsonst war? 12 Werkstücke hat Aboubakar Fofana in der Werkstatt von Altenloh, Brinck & Co Gruppe fertig gestellt. Sechs Monate hat das mehrstufige Programm gedauert – bis heute: bis zum Tag, an dem ihm mitgeteilt wurde, dass Norbert Rother sich ausgerechnet für ihn beim Unternehmen stark gemacht hat.

Er darf bleiben – er hat gezeigt, dass er lernwillig ist. Dass er das mathematische Grundverständnis für eine Ausbildung in der Metallbranche mitbringt. Dass er handwerkliches Geschick hat.

Zunächst wird er weiter als Praktikant beschäftigt werden. Später vielleicht als Azubi. Eines Tages – wer weiß das schon – hängt auch er in der „Ahnengalerie“ der Lehrwerkstatt. Als Absolvent. Als einer, der seine Chance ergriffen hat.

Für die anderen Praktikanten beginnt jetzt das Praktikum in einem anderen Unternehmen: „Wir lassen die Leute nicht allein“, verspricht die Geschäftsführerin des Märkischen Arbeitgeberverbandes, Dr. Bettina Schwegmann. „Unsere Mitgliedsunternehmen haben Bedarf an Mitarbeitern – wer Talent hat, wird hier auch seine Chance bekommen mit einer Einstiegsqualifizierung, Ausbildung oder Arbeit.“

Feierlichkeiten und Erfahrungen

Der Abschied des Praktikums wird gefeiert. Lokalpolitiker kommen vorbei. Sie staunen. Die Presse berichtet. Aboubakar Fofana hält eine Dankesrede. Norbert Rother und Ekkehard Just verabschieden sich aus dem Projekt. Sie kehren zurück in ihren Ruhestand.

„Wir wollten den Flüchtlingen Starthilfe geben“, sagt Norbert Rother. „Und ich glaube, das hat bei einigen auch geklappt.“

Ein Großteil der Absolventen strebt weiter eine Beschäftigung in der Metallbranche an. Das erworbene Zertifikat soll der Schlüssel sein für weitere erfolgreiche Bewerbungen. Einige wollen eine Ausbildung machen. Andere wollen einen Job und so schnell wie möglich Geld verdienen, um ihre Familien in der alten Heimat zu unterstützen.

Es sind viele Lehren, die die Teilnehmer aus diesem Projekt ziehen. Die wichtigsten sind vielleicht diese:

KOFA-Tipps

  1. Ausreichende Sprachkenntnisse sind eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Praktikum.
  2. Praktikanten brauchen einen festen Ansprechpartner.
  3. Externe Unterstützung und starke Netzwerke können bei der Integration von Geflüchteten helfen. Mehr Informationen finden Sie hier:
  4. Arbeitskleidung schafft eine Identifikation mit dem Arbeitgeber.
  5. Klare Aufgaben während des Praktikums sind wichtig – eine flexible Betreuung muss trotzdem möglich sein.
  6. Regeln zu betrieblichen Arbeitsabläufen und zur Sicherheit müssen den Flüchtlingen erklärt werden und sie müssen sie verstanden haben.
  7. Kleine Gruppen haben die Chance, effektiver zu lernen als große.
  8. Wer Krieg und Verfolgung ausgesetzt war, ist möglicherweise traumatisiert. Ständige Angst vor Abschiebung kann zu Stresssymptomen führen. Betreuer sollten für diese psychischen Probleme sensibilisiert sein und ggf. Informationen über Hilfsangebote an zentraler Stelle bereit legen.
  9. Die Schwierigkeit berufsspezifischer Fachbegriffe darf bei der Kommunikation im Arbeitsalltag nicht unterschätzt werden. Es kann hilfreich sein, ein „Bildlexikon“ mit den wichtigsten Begriffen für den Arbeitsalltag zusammenzustellen.  
  10. Jeder Geflüchtete bringt andere Erfahrungen, Qualifikationen und persönliche Voraussetzungen mit. In der praktischen Zusammenarbeit können Sie erkennen, ob ein Geflüchteter auch über das Praktikum hinaus zu Ihrem Unternehmen passt.  


Mehr Informationen finden Sie auf www.kofa.de/fluechtlinge

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