Rekrutierung in der Corona-Krise

Wie Sie jetzt Chancen zur Personalbeschaffung erkennen und ergreifen

Die Corona Pandemie stellt Unternehmen vor gewaltige Herausforderungen, teils sogar vor existenzielle Unsicherheiten. Ist es angesichts von gesundheitlichen Risiken, Einschränkungen im Alltagsleben, Kurzarbeit und steigenden Arbeitslosenzahlen möglich, auch über die Chancen der Krise zu sprechen? Wir finden: Die Krise ist da, tun wir unser Möglichstes, sie gut zu überstehen.

Tipp: Sie möchten wissen, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf den deutschen Arbeitsmarkt hat? Lesen Sie das Interview mit Dr. Annina Hering, Economist bei Indeed.

Das haben wir für Sie erarbeitet:

  1. Corona und Arbeitsmarkt: Wasserstandsmeldungen
  2. Personalarbeit und Personalbeschaffung in der Corona-Krise
  3. Zeit für Optimierung: Ihr Recruiting-Prozess

Die Corona-Krise hält Chancen für die Personalpolitik und die Personalbeschaffung kleiner und mittlerer Unternehmen bereit:

  • Personalbeschaffung war ein mühsames Geschäft: Lange waren kaum oder gar keine passend qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Unternehmen können in der Zeit von Einstellungsstopps und Kurzarbeit entgegen dem allgemeinen Trend rekrutieren und gerade jetzt begehrte Fachkräfte gewinnen.
  • Mit Blick auf die digitale Zusammenarbeit probieren Unternehmen momentan viel aus: mehr Homeoffice, Austausch per Videokonferenz und digitale Vorstellungsgespräche. Experimentieren ist derzeit nicht nur erlaubt sondern erwünscht und die Fehlertoleranz höher. Auch bei der Rekrutierung (Recruiting) zeigt sich, dass manch neuer Weg erfolgreich ist und auch für die Zeit nach der Krise beibehalten werden kann.
  • Jetzt ist Zeit für Optimierungen, die im täglichen Abarbeiten der To Dos zu kurz gekommen sind: Mit etwas Distanz lassen sich Arbeitsabläufe im Recruiting-Prozess verbessern, der Bewerbungsprozess hinterfragen, endlich die Stellenanzeigen überarbeiten oder die neue Karriereseite gestalten.
  • In der Krise offenbart sich die wahre Größe von Unternehmen: Ein Arbeitgeber, der sich jetzt menschlich zeigt, seine Angestellten im Blick hat, Produktivität statt Anwesenheit belohnt und Homeoffice ermöglicht, wird mit Loyalität und Mitarbeiterempfehlungen belohnt.

Corona und Arbeitsmarkt: Wasserstandsmeldungen

Gerade noch war der Fachkräftemangel das beherrschende Thema – jetzt herrschen aufgrund der Corona-Krise verbreitet Einstellungsstopps und steigende Arbeitslosenzahlen. Ist das größte Problem, das deutsche Unternehmen bis vor wenigen Wochen in Atem gehalten hat, nun auf einen Schlag gelöst?

Viel spricht dafür, dass dies nicht so ist. Denn der Fachkräftemangel in Deutschland ist vor allem ein strukturelles Problem. „Sobald die Konjunktur wieder anzieht, wird der Fachkräftemangel ganz schnell wieder unser größtes Problem sein.“ ist der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Ingo Kramer, überzeugt (das ganze Interview lesen Sie hier). Zudem setzen Unternehmen, die in den letzten Jahren erfolgreich die lang ersehnten Fachkräfte für ihre Unternehmen gewinnen konnten, alles daran, diese auch zu halten. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass mittlerweile zwei von drei Unternehmen auf Kurzarbeit setzen, um so ihre Mitarbeiter zu halten (siehe auch das KOFA-Interview mit Tischlermeister Julius Kapune zur Corona-Krise „Mein Ziel ist es, unsere Mitarbeiter alle  zu halten“).

Personalarbeit in der Corona-Krise: Was tun bei Einstellungsstopp?

Die unsicheren wirtschaftliche Aussichten führen in vielen Unternehmen zu einer Zurückhaltung Personal aufzubauen.

Da sich die Corona-Pandemie nicht angekündigt hat, hat sie vielen bereits laufenden Einstellungsverfahren ein jähes Ende gesetzt. Vielleicht hatten auch Sie vielversprechende Gespräche und standen kurz vor einer Vertragsunterzeichnung – und dann kam der Einstellungsstopp.

Das ist für beide Seiten eine emotionale und belastende Situation. Wenn Sie in dieser Situation die Kommunikation abbrechen, ist die Kandidatin oder der Kandidat wahrscheinlich für Ihr Unternehmen verloren, das Vertrauen ist weg. Sie können jedoch auch das Gegenteil tun und den persönlichen Kontakt intensivieren. Informieren Sie die Kandidatin oder den Kandidaten: Warum wurde in Ihrem Betrieb ein Einstellungsstopp verhängt? Wie lange soll dieser gelten? Welche Maßnahmen hat das Unternehmen getroffen, um die Krise kurz- und langfristig zu überstehen? Was bewegt die Kandidatin oder den Kandidaten angesichts der Krise? Wenn Sie persönlich und aufrichtig kommunizieren, können Sie trotz der ungewohnten Situation Nähe aufbauen – und haben damit vielleicht die Chance, nach überstandener Krise eine motivierte neue Mitarbeiterin oder einen motivierten neuen Mitarbeiter für sich zu gewinnen.

Personalbeschaffung in der Corona-Krise: Wie überzeuge ich zögernde Kandidatinnen und Kandidaten?

Ihr Unternehmen möchte weiter einstellen, doch die Kandidatin oder der Kandidat zögert, den Vertrag zu unterschreiben? Viele Bewerberinnen und Bewerber treibt jetzt die Sorge um, einen Fehlgriff zu tätigen und dann mitten in der Rezession auf der Straße zu stehen.

Auch hier ist es empfehlenswert, die Kommunikation zu intensivieren und die Gefühlslage der Kandidatin oder des Kandidaten zu verstehen. Ebenso kann es helfen, sie oder ihn bereits mit potenziellen Teammitgliedern virtuell zu vernetzen, damit sie oder er sich abseits des Formellen ein Bild über die Lage im Unternehmen verschaffen kann. Auch ein persönlicher Anruf aus der Geschäftsführung kann als vertrauensbildende Maßnahme viel bewirken. Die damit verbundene Wertschätzung noch vor einem möglichen Eintritt ins Unternehmen ist nicht zu unterschätzen.

Auch Mittelständler können neben den kommunikativen Möglichkeiten mit folgenden handfesten Argumenten überzeugen: Eine Verkürzung oder der Wegfall der Probezeit kann Kandidatinnen und Kandidaten überzeugen zu unterschreiben. Manche Betriebe loben auch eine sofort fällige Eintrittszahlung bei Unterschrift aus („Signing Bonus“).

Zeit für Optimierung: Ihr Recruiting-Prozess

Nutzen Sie die Zeit und betrachten Sie Ihren Bewerbungsprozess einmal durch die Brille der Kandidatinnen und Kandidaten. Bewerben Sie sich testweise beim eigenen Unternehmen. Halten Sie schriftlich fest, was Sie erleben. Identifizieren Sie Verbesserungspotenziale und halten Sie diese fest.

Haben Sie einen definierten, schriftlich festgehaltenen Bewerbungsprozess? Wie viel Zeit benötigen Sie bis zur ersten Rückmeldung, Einladung zum Gespräch, Einstellung oder Absage?

Mitarbeiter finden während der Corona-Krise: Stellenanzeigen optimieren

In vielen Unternehmen wird der Personalbedarf nicht langfristig geplant. Ist eine Stelle zu besetzen, muss es schnell gehen. So wird oft eine alte Stellenausschreibung genommen, nur etwas angepasst und dann in den Stellenportalen, die von dem Unternehmen traditionell genutzt werden, veröffentlicht. Dabei müssen Sie nur an kleinen Stellschrauben drehen, um mehr Bewerberinnen und Bewerber zu erreichen:

  1. Mit Ihrer Stellenausschreibung bewerben Sie sich bei den potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten. Was haben Sie zu bieten? Liefern Sie Argumente, die für Sie als Arbeitgeber sprechen.
  2. Informieren Sie sich über die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen, die Sie erreichen wollen. Ein Beispiel: Ihre Zielgruppe möchte nicht pendeln? Wunderbar, rücken Sie Ihre Verwurzelung in der Region in den Fokus. Kommunizieren Sie auch die Möglichkeit zum Arbeiten im Homeoffice oder Teilzeit schon in der Stellenanzeige. Viele Kandidatinnen und Kandidaten suchen nicht nur in Krisenzeiten danach.
  3. Lassen Sie nach Möglichkeit Spielraum bei den erforderlichen Qualifikationen, zum Beispiel so: „Sie verfügen über ein abgeschlossenes Studium der XYZ oder eine Berufsausbildung im Bereich XYZ oder vergleichbare in der Praxis erworbene Kenntnisse und Erfahrungen.“
  4. Welche Kompetenzen müssen bei Stellenantritt zwingend vorhanden sein, welche können auch später erworben werden? Bennen Sie diese als Entwicklungsziel, zum Beispiel so: „Sie sind Expertin oder Experte auf dem Gebiet XYZ oder möchten sich dazu entwickeln?“
  5. Bilder sagen mehr als Worte. Nutzen Sie Fotos Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in realen Arbeitssituationen. Zeigen Sie eine Ansprechperson mit Foto, Telefondurchwahl und E-Mail-Adresse.

Sie haben Lust bekommen, Ihre Stellenanzeigen zu optimieren? Weiter Informationen finden Sie hier.

Vorstellungsgespräche online führen

Es ist ungewohnt, aber möglich: Jemanden einstellen, ohne ihr oder ihm je physisch begegnet zu sein. Per Videokonferenz können Sie einen Menschen genauso gut kennenlernen wie bei einem traditionellen Bewerbungsgespräch. Da digitale Kompetenzen in der Arbeitswelt immer wichtiger werden, ist es für viele Jobprofile interessant zu erfahren, wie die Kandidatin oder der Kandidat mit der Technik zurechtkommt.

Entscheidend für die Wahl des Tools ist, welche Programme Sie im Unternehmen für die virtuelle Kommunikation bereits nutzen. Microsoft Teams, Skype, Zoom, Facetime, Jitsi: Alle Programme haben Stärken und Schwächen und erlauben es, auch mit unternehmensexternen Personen per Bild und Ton zu kommunizieren (siehe auch die KOFA-Handlungsempfehlungen zu Online-Angeboten für die digitale Kommunikation).

In vielen Unternehmen gibt es trotz Distanzgebot Sonderregelungen für Vorstellungsgespräche. Sprechen Sie mit der Bewerberin oder dem Bewerber, ob ein Treffen vor Ort für sie oder ihn in der aktuellen Situation in Frage kommt. Bieten Sie an, das erste Kennenlernen virtuell stattfinden zu lassen. Falls Sie unsicher sind, ob Ihnen ein virtuelles Kennenlernen ausreicht, sich aber auf dieses Experiment einlassen möchten, können Sie auch einfach vorab um Verständnis werben, dass Ihnen vor Vertragsabschluss noch ein persönliches Treffen wichtig ist. Mit Transparenz kommen Sie zum Ziel.

Wir haben bereits gute Erfahrungen mit Einstellungen auf Basis von Online-Vorstellungsgesprächen und Videokonferenzen gemacht. Es mag sich für beide Seiten ungewohnt anfühlen – aber es ermöglicht doch, Stellen erfolgreich zu besetzen.

Praktische Tipps zur Durchführung von Vorstellungsgesprächen (Einstiegsfragen, 5 Phasen des Bewerbungsgesprächs) finden Sie hier.

Rekrutierung in Zeiten von Corona: Onboarding digital

Onboarding-Maßnahmen beginnen bereits vor dem ersten Arbeitstag. Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, dem zukünftigen Mitarbeitenden Verlässlichkeit zu signalisieren.

Gedanken, die sich zukünftige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen:

  • „War meine Entscheidung für den Jobwechsel und für diesen Arbeitgeber richtig?“
  • „Wie komme ich überhaupt an mein Equipment?“
  • „Brauchen die mich gerade überhaupt?"
  • „Ich kann doch nicht ständig Leute aus meinem Team anrufen und mit Fragen nerven.“

Das hilft:

  • Viel Kontakt und Kommunikation durch die direkte Führungskraft und/oder eine Patin oder einen Paten. Am besten per Videotelefonie, denn Mimik und Gestik schaffen Nähe.
  • Neben der fachlichen Kommunikation Gelegenheit für den informellen Austausch schaffen, zum Beispiel bei einer virtuellen Kaffeepause mit dem Team.
  • Rasch ein erstes Kleinprojekt übertragen und viel Feedback geben.
  • Erwartungen klären und Orientierung bieten.
  • Anerkennung zeigen.

Manche Unternehmen versenden jetzt in Krisenzeiten Willkommenspakete oder Blumensträuße an neue Beschäftigte. Was passt zu Ihrer Unternehmenskultur? Werden Sie kreativ, die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen es zu schätzen.

Zeit für Strategie: Arbeitgeberprofil schärfen

Vielleicht haben Sie jetzt die Möglichkeit, aus dem Hamsterrad der Routinetätigkeiten auszubrechen und sich strategischen Themen zu widmen. Ihre Attraktivität als Arbeitgeber ist ein wichtiger Schlüssel für qualifizierte, motivierte Beschäftigte von heute und morgen.

Eine Arbeitgebermarke zeichnet dadurch aus, dass sie

  • Emotionen anspricht
  • eine Geschichte erzählt
  • authentisch zeigt, was in Ihrem Unternehmen zählt
  • Bewerberwünsche adressiert
  • sich vom Wettbewerb abhebt
  • über passende Kommunikationskanäle verbreitet wird

Prüfen Sie Ihr Image auf Arbeitgeberbewertungsportalen. Kununu hat in der Corona-Krise den „Corona-Zufriedenheits-Index“ eingeführt. Denn in der Krise zeigt sich der wahre Kern von Unternehmen.

Sie wollen eine Arbeitgebermarke entwickeln? Unsere Tipps finden sie hier.

Zum Abschluss: Wir haben jetzt die Chance, einen neuen „Normalzustand“ für die Zeit nach der Corona-Krise zu gestalten. Vielleicht möchten auch Sie sich diese Frage stellen: Was von all dem wollen Sie aus der Krise mitnehmen? Denn es gibt ein Leben nach Corona. Jetzt können wir die Vorbereitungen dafür treffen.

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