Thema des Monats: Mitarbeiterwohnungen

Was Unternehmen dazu wissen sollten

Der Wohnungsmarkt ist angespannt. Und hohe Immobilienpreise können für Fachkräfte ein Ausschlusskriterium bei der Standortwahl darstellen. Wer will schon dort arbeiten, wo die Hälfte des Einkommens von der Miete verschlungen wird? – Werkswohnungen sind eine Möglichkeiten für Unternehmen, um bezahlbaren Wohnraum anzubieten und sich als attraktiver Arbeitgeber (Employer Branding) zu positionieren. Im „Thema des Monats“ erklärt Wohnungs-Experte Simon Wieland von der RegioKontext GmbH, was Unternehmen zu dem Thema wissen sollten:

Herr Wieland, warum haben Sie angefangen sich mit dem Thema Mitarbeiterwohnung zu beschäftigen?

Wieland: Mit dem Thema Mitarbeiterwohnungen beschäftigen wir uns seit dem Jahr 2012. Wenn wir für andere Forschungsprojekte Gespräche mit Kommunalpolitikern geführt haben, wurde immer wieder bedauert, dass die Unternehmen als Akteure bei der Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums scheinbar verschwunden sind. Damals habe es Werkswohnungen gegeben, aber heute…? Wir haben uns dann gefragt: Gibt es in Deutschland tatsächlich keine Mitarbeiterwohnungen mehr? Lassen sich Beispiele für neuen Werkswohnungsbau finden? Und wenn ja, wie setzen die Unternehmen das konkret um?

Wir haben dann Fallbeispiele in ganz Deutschland recherchiert. Die Ergebnisse haben wir in der Publikation  „Mitarbeiterwohnen. Mehr als ein Instrument aktiver Personalpolitik“ zusammengetragen. Tatsächlich hat es in den letzten Jahren immer mehr Unternehmen gegeben, die das Thema „Wohnen“ für sich entdeckt haben und wieder Werkswohnungen anbieten.

Welche Vorteile sehen die Unternehmen für sich?

Wieland: Für die Unternehmen bietet sich ganz klar der Vorteil in der Personalgewinnung und der Fachkräftesicherung. Bezahlbarer Wohnraum in Arbeitsplatznähe ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. Es ist ein Argument bei der Rekrutierung neuer Fachkräfte aber auch bei der Sicherung des Personals. Vor allem in Ballungszentren und bei ausgeschriebenen Stellen mit mittleren Löhnen, machen Unternehmen die Erfahrung, dass die Mitarbeiter sich eine Wohnung in der Nähe des Unternehmens schlichtweg nicht leisten können. „Wir würden ja gerne hier arbeiten, aber können die Mieten nicht bezahlen“, heißt es dann. Gerade Industriebetriebe haben aber häufig Flächen in Reserve, die nicht genutzt werden und unter bestimmten Auflagen als Bauland ausgewiesen werden können. Das ist eine tolle Voraussetzung, um selbst Wohnraum zu bauen.

Aber nicht jedes Unternehmen hat solche Voraussetzungen…

Wieland: Das ist richtig. Wer selbst nicht als Eigentümer und Vermieter auftreten möchte, kann zum Beispiel auch eine Kooperation mit einer Genossenschaft, einem kommunalen oder privaten Wohnungsunternehmen eingehen und dort Belegrechte erwerben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen dann nicht in Massenbesichtigungen um eine bezahlbare Wohnung buhlen, sondern werden bei der Wiedervermietung von Wohnungen bevorzugt behandelt.

Worin bestehen für Unternehmen die größten Hürden bei der Bereitstellung von Wohnraum?

Wieland: Wir alle wissen, dass Bauland und Immobilien zurzeit rar und teuer sind – das erschwert die Bedingungen für ein bezahlbares und bedarfsgerechtes Wohnen auch für Unternehmen. Auch im Bauprozess treten Probleme mit Dienstleitern, etc. auf. Es muss im Unternehmen Menschen geben, die das alles planen und begleiten – oder zu mindest die entsprechenden Kooperationen betreuen. Unternehmen dürfen die benötigten Personal- und Kapitalressourcen für so ein Projekt nicht unterschätzen.

Was sind die ersten drei Schritte für Unternehmen, die Mitarbeiterwohnen realisieren möchten?

Wieland: Unternehmen sollten zunächst einmal den Bedarf für Werkswohnungen bestimmen. Hierzu ist es wichtig, in den Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ggf. dem Betriebsrat zu gehen. Unternehmen müssen herausfinden: Für welche Zielgruppe ist ein Wohnungsangebot attraktiv und welche Wohnungen werden benötigt? Möglicherweise kommen Unternehmen dann zu der Erkenntnis: Unsere Führungskräfte haben am lokalen Wohnungsmarkt keine Schwierigkeiten – dafür klagen die Trainees und Auszubildenden darüber, dass sie sich kein eigenes Zimmer leisten können.

Wer die Zielgruppe und den Bedarf ermittelt hat, kann daraus ableiten, welche Angebote sinnvoll sind. Reicht es eine Wohnung anzumieten, um eine Azubi-WG einzurichten? Kooperiere ich z.B. mit einer Genossenschaft, um die Produktionsmitarbeiter dort bevorzugt unterzubringen? Kaufe ich mehrere Wohnungen in dem Haus über den Geschäftsräumen? Oder baue ich familienfreundliche Reihenhäuser für meine Fach- und Führungskräfte? – Für jedes Unternehmen mag ein anderer Weg sinnvoll sein.

Am Ende ist es natürlich wichtig, sich die Rahmenbedingungen bewusst zu machen. „Habe ich die Ressourcen? Besitze ich freie Flächen? Baue ich selbst? Habe ich Kooperationspartner?“ – Diese Fragen sollten im Vorfeld beantwortet sein.

Gibt es Beratungsstellen für Unternehmen, die Mitarbeiterwohnen anbieten wollen?

Wieland: Explizite Beratungsstellen nur für das Thema Mitarbeiterwohnen gibt es meines Wissens nach bisher nicht. Unser Unternehmen hat einige Expertise aufgebaut und berät sowohl Kommunen als auch Betriebe bei der Konzeption und Umsetzung. Darüber hinaus empfehle ich Unternehmen bei den Kammern vorstellig zu werden. Grade in Ballungszentren, haben ja möglicherweise schon andere Unternehmen Werkswohnungen gebaut, so dass man sich austauschen kann.

Welche Empfehlung geben Sie Unternehmen, die Werkswohnungen anbieten möchten?

Wieland: Trauen Sie sich! Wir haben mit vielen Unternehmen zu diesem Thema gesprochen. Keines der Unternehmen, das Werkswohnungen anbietet, hat dies bereut. Ganz im Gegenteil! Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind ja an ihrem Standort häufig fest verwurzelt. Werkswohnungen stärken die Verbundenheit vor Ort, tragen zur Entspannung am lokalen Wohnungsmarkt teil, helfen bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und binden wertvolle Fachkräfte ans Unternehmen.

Tipp: Sie interessieren sich für das Thema? – Wir empfehlen Ihnen auch die IW-Studie „Wohnen und arbeiten in Deutschland“: https://www.iwkoeln.de/studien/iw-kurzberichte/beitrag/paula-risius-michael-voigtlaender-wohnen-und-arbeiten-in-deutschland-399276.html

Außerdem empfehlenswert: das Praxisbeispiel „Kommt zu uns, wir haben Wohnungen

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