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KOFA-Studie 1/2020: „Versorgungsrelevante“ Berufe in der Corona-Krise

© KOFA

Zur Eingrenzung der Corona-Pandemie wurde die wirtschaftliche Aktivität stark heruntergefahren. Eine Ausnahme bilden dabei die sogenannten „system- oder versorgungsrelevanten“ Bereiche, die durch besondere Regelungen umfassend am Laufen gehalten oder sogar ausgebaut werden. Welche Berufe jedoch versorgungsrelevant sind, also für die Grundversorgung der Bevölkerung, das staatliche Gemeinwesen und die öffentliche Sicherheit mittelfristig erforderlich sind, wurde bisher noch nicht ausreichend untersucht.  Diese KOFA-Studie erarbeitet eine Liste solcher Berufe und schätzt, , in welchen dieser Berufe in der Corona-Krise Fachkräfteengpässe bestehen oder zu erwarten sind. 

Dabei wurde die Definition von Relevanz für kritische Infrastrukturen weiter gefasst als bisher, da für die Grundversorgung der Bevölkerung teilweise lange Wertschöpfungsketten zu berücksichtigen sind. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass die Relevant für kritische Infrastrukturen keine Wertung der Wichtigkeit von Tätigkeiten für Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft für diejenigen Berufe und Tätigkeiten impliziert, die derzeit nicht entsprechend eingestuft werden. Der Begriff der Relevanz für kritische Infrastrukturen bezieht sich hier ausschließlich auf eine kurz- bis mittelfristige Versorgungsrelevanz. 

Im Fokus der Diskussion stehen bisher verschiedene Branchenlisten kritischer Infrastrukturen (KRITIS) von Bund und Ländern. Von Branchen kann jedoch nicht ohne Weiteres auf Berufe geschlossen werden. Ausgehend von den KRITIS-Listen werden in der KOFA-Studie daher 501 Berufe herausgearbeitet. Diese beinhalten auch mittelbar relevante Berufe, die in der bisherigen Diskussion häufig vernachlässigt werden. Beispielsweise brauchen Krankenhäuser nicht nur Ärzte und Pfleger, sondern auch Geräte und Materialien, die ebenfalls dauerhaft von passend qualifizierten Arbeitskräften hergestellt und gewartet werden müssen. Die KOFA-Liste der für kritische Infrastrukturen relevanter Berufe berücksichtigt erstmals Wertschöpfungsketten und gelangt dadurch zu einer größeren Vielfalt an Berufen, die für die Grundversorgung der Bevölkerung während der Corona-Krise dauerhaft wichtig sind. 

Definition von „für kritische Infrastrukturen relevanten“ Branchen, Berufen und Tätigkeiten

Wichtig ist es zu betonen, dass mit dem Begriff der „System- oder Versorgungsrelevanz“ keine Wertung verbunden sein sollte, inwiefern spezifische Berufstätigkeiten oder wirtschaftliche Aktivitäten als wichtig oder unwichtig zu beschreiben sind. Die Definition zu „Kritischen Infrastrukturen“ beschreibt „Organisationen und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden“ (KRITIS). Dies umfasst insbesondere Bereiche und Berufe, die zur unmittelbaren Grundversorgung der Bevölkerung in besonderem Maße kurzfristig benötigt werden. Für die wirtschaftliche Entwicklung, den Wohlstand und die kulturelle Vielfalt eines Landes sind weitaus mehr Aktivitäten relevant und sinnstiftend als derzeit in der Corona-Krise entsprechend eingestuft werden. Langfristig wären aufgrund der verzweigten Wertschöpfungsketten sehr viele Berufe und Branchen relevant. Der Begriff „für kritische Infrastrukturen relevant“ bezieht sich hier somit ausschließlich auf eine kurz- und mittelfristige Relevanz der Grundversorgung. 

Für alle identifizierten Berufe wurde anschließend eine Corona-spezifische Arbeitsmarktanalyse durchgeführt, um eventuelle Engpässe in diesen Berufen zu identifizieren. Es werden sowohl die Wahrscheinlichkeit von Engpässen auf Basis eines Corona-Engpassindex als auch die Größe der Corona-Fachkräftelücke in zwei Szenarien geschätzt (Positiv- und Negativszenario). Für die Berechnungen wurden unter anderem Annahmen zu Mehrbedarfen und erwarteten Arbeitsausfällen getroffen. Sie gelten für die Dauer der Corona-Pandemie, jedoch nicht darüber hinaus. Bei der Berechnung des Corona-Index wurden vier Dimensionen berücksichtigt, in denen jeweils 0 bis 2 Punkte vergeben wurden:  

  1. Gibt es durch die Corona-Pandemie einen Mehrbedarf an Waren und Dienstleistungen in dem jeweiligen Berufsbereich?  
  2. Gab es bereits vor der Corona-Krise Fachkräfteengpässe,  
  3. Ist mit dem Wegfall von Arbeitskräften (z. B. durch höhere Krankenstände) zu rechnen und  
  4. Wie hoch ist das Aktivierungspotenzial, d.h. die Zahl passend qualifizierter Fachkräften aus Bereichen, die derzeit nicht für die Aufrechterhaltung kritischer Infrastrukturen eingesetzt werden, für die dies aber kurzfristig möglich wäre?

Die Indexwerte dienen der Orientierung und der Fokussierung von Berufen mit besonderen Handlungsbedarfen. Abschließend werden politische Handlungsempfehlungen zur Aktivierung vorhandener Fachkräftepotenziale gegeben. 

Das am stärksten betroffene Berufsfeld ist der Gesundheitsbereich. Auf diesen entfallen mit 102 die meisten der 501 für kritische Infrastrukturen relevanten Berufe. Spezialisten für Fachkrankenpflege, etwa auf Intensivstationen, weisen den höchsten Corona-Engpassindex auf, die größte quantitative Corona-Fachkräftelücke besteht hingegen bei Fachkräften für Gesundheits- und Krankenpflege.  

Für die Grundversorgung der Bevölkerung sind jedoch auch viele andere Bereiche entscheidend, auf die zusammen 399 Berufe entfallen. Hierzu zählen etwa Transport und Verkehr (95), Ernährung (68) oder Staat und Verwaltung (56). Bisher stark vernachlässigt ist der Bereich Medizintechnik, Hygieneartikel und Verpackung (46), zu dem viele Industrieberufe zählen, wie etwa die Aufsichtskräfte für Papier- und Verpackungstechnik oder Fachkräfte der Kunststoff- und Kautschukherstellung, ohne die weder Sanitärpapier, Lebensmittelverpackungen noch Bauteile für Beatmungsgeräte hergestellt werden können. Die Diskussion um system- oder versorgungsrelevante Berufe muss deswegen dringend Wertschöpfungsketten berücksichtigen und somit verbreitert werden. 

In der KOFA-Studie werden Maßnahmen vorgeschlagen, mit denen kurzfristig Arbeitskräftepotenziale in Berufen aktiviert werden können, die Relevanz für kritische Infrastrukturen haben. Das größte Potenzial bietet die kurzfristige Aktivierung von Arbeitskräften, die für die Herstellung versorgungsrelevanter Güter und Dienstleistungen qualifiziert, aber aktuell nicht mit deren Herstellung beschäftigt sind. Diese Reallokation kann durch die Bereitstellung passgenauer Informationen sowie durch Anreize für Arbeitskräfte und Arbeitgeber erleichtert werden. Ergänzend sollten Hemmnisse für einen kurzfristigen und vorübergehenden Wechsel qualifizierter Arbeitskräfte in Tätigkeiten abgebaut werden, die für die Aufrechterhaltung kritischer Infrastrukturen relevant sind. Dabei ist zu beachten, dass eine Rückkehr dieser Arbeitskräfte in ihre ursprünglichen Tätigkeiten leicht möglich bleiben sollte, um das Wiederhochfahren der wirtschaftlichen Aktivität nach Überwindung der Krise nicht zu gefährden. Das unterschiedliche Vorgehen der Bundesländer erschwert dabei die Orientierung. Stärker vereinheitlichte Regularien sowie ein zentrales Informationsportal würden helfen. 

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