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KOFA-Studie 1/2018: Fachkräftecheck Chemie

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Fachkräfteengpässe in den Berufen der chemischen Industrie

Bereits seit mehreren Jahren bestehen in einigen Berufen und Regionen Fachkräfteengpässe am deutschen Arbeitsmarkt. Dies zeigen die Studien des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung. Dabei beschrieben die Erkenntnisse bislang stets die Entwicklungen auf dem gesamten Arbeitsmarkt. Nun erscheint mit dem „Fachkräftecheck Chemie“ die erste KOFA-Analyse, die ganz gezielt die Fachkräftesituation in den Berufen einer bestimmten Branche beleuchtet. Dabei wurden nicht nur Stellenangebot und Arbeitslosenzahl, sondern auch die Zusammensetzung der Belegschaften in Bezug auf Ältere, Frauen und Migranten betrachtet.

Jeder zweite relevante Beruf ist von Engpässen betroffen

Insgesamt wurden 35 Berufe untersucht, die der chemischen Industrie zugeordnet werden können. 18 von ihnen wiesen im Jahresdurchschnitt zwischen Juli 2016 und Juni 2017 einen Fachkräfteengpass auf. Von Fachkräfteengpässen ist immer dann die Rede, wenn zu wenige passend qualifizierte Arbeitslose vorhanden sind, um die angebotenen offenen Stellen zu besetzen. Die Berufsgattung mit den meisten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind die Chemikanten und Pharmakanten. An ihnen fehlt es seit Jahren: Als einzige naturwissenschaftliche Berufe der chemischen Industrie weisen sie schon seit über fünf Jahren Fachkräfteengpässe auf. Akute Engpässe bestehen zudem bei chemisch-technischen Laboranten und Fachkräften im Lacklaboratorium. Der Schwerpunkt der Engpässe für die chemische Industrie liegt jedoch nicht bei den naturwissenschaftlichen Berufen, die den produktiven und innovativen Kern der Branche ausmachen, sondern bei den technischen Berufen, welche auch von anderen Branchen – beispielsweise der Metall- und Elektro-Industrie – stark nachgefragt werden.

In den technischen Berufen wird ein großer Teil der Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben. Dies trifft auf alle Bundesländern außer Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zu. Die Situation in naturwissenschaftlichen Berufen ist deutlich differenzierter: In Thüringen sind die Knappheiten relativ gesehen am größten, allerdings ist die Stellenzahl insgesamt sehr gering. Das von Engpässen betroffene Stellenvolumen ist in Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen am größten. Insbesondere in Hessen ist der Mangel an Chemikanten und Pharmakanten stark ausgeprägt. Dort sind acht von zehn Stellen in naturwissenschaftlichen Chemieberufen schwer zu besetzen.

Die Zusammensetzung der Belegschaften gibt Hinweise auf mögliche Ansatzpunkte für die Personalarbeit

Die aktuelle Sozialstruktur in Berufen kann Ansatzpunkte dafür liefern, welche Zielgruppen zukünftig noch erschlossen werden könnten, um von den Vorteilen einer möglichst vielfältigen Belegschaft zu profitieren. In den Berufen, die für die chemische Industrie eine besondere Relevanz haben, unterscheiden sich die betrachteten Fachbereiche – naturwissenschaftliche, technische und kaufmännische Berufe – dabei so stark voneinander, dass für jeden der Bereiche teils unterschiedliche Schlüsse gezogen werden müssen.

Mit Blick auf die Geschlechterquote ist der Frauenanteil beispielsweise in kaufmännischen Berufen sehr hoch, während er in technischen Berufen besonders niedrig ist. Dem kann unter anderem entgegengewirkt werden, indem die Berufsorientierung ohne Geschlechterklischees gestaltet wird. Ein weiterer Ansatzpunkt für Betriebe ist die Formulierung der Stellenanzeigen. Mit kleinen Anpassungen können Betriebe Frauen besser erreichen und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben stärken. Insbesondere Letzteres ist nicht nur für Frauen, sondern für alle Mitarbeiter ein Pluspunkt.

Ein weiterer Ansatzpunkt, an dem besonders kaufmännische und naturwissenschaftliche Berufe mit besonderer Relevanz für die chemische Industrie noch aufholen können, ist die Rekrutierung internationaler Fachkräfte. Informationen hierzu finden sich beispielsweise in der entsprechenden KOFA-Handlungsempfehlung oder bei Make it in Germany. Ältere Mitarbeiter länger im Betrieb zu halten gelingt der Chemiebranche hingegen bereits vergleichsweise gut. In diesem Bereich sind die Verbände und Unternehmen bereits heute sehr aktiv. Ein Bereich, der noch gestärkt werden könnte, ist an dieser Stelle der Wissens- und Erfahrungstransfer zwischen den Generationen.

Ausbildung – immer noch eine starke Stellschraube für nachwachsende Fachkräfte

Wer ausbildet, sichert sich schon heute die Nachwuchskräfte von morgen. In vielen Berufen, die für die chemische Industrie relevant sind, gelingt die Rekrutierung von Auszubildenden bereits sehr gut. Dennoch bleibt eine steigende Zahl von Ausbildungsstellen unbesetzt, insbesondere in den technischen Berufen. Ein Grund hierfür sind regionale Fehlpassungen von Angebot und Nachfrage, ein weiterer die unzureichende Berufsorientierung in den Schulen. Gerade für Berufe wie Chemikanten und Pharmakanten interessierten sich früher vor allem Abiturienten – von diesen entscheiden sich jedoch heute viele für ein Studium. Folglich ist es wichtig, dass Betriebe die Schülerinnen und Schüler wieder stärker mit den Vorteilen der dualen Ausbildung vertraut machen. Auch in diesem Bereich sind die Verbände bereits sehr aktiv, beispielsweise mit der Ausbildungskampagne „Elementare Vielfalt“, die über die Ausbildungsberufe der Branche informiert, sowie mit dem „Berufskompass Chemie“, der Weiterbildungswege und Fördermöglichkeiten aufzeigt. Wenn einzelne Betriebe selbst aktiv werden möchten – beispielsweise beim Aufbau von Schulkooperationen oder der Rekrutierung von Studienabbrechern, bietet das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung Handlungsempfehlungen, in denen die notwendigen Schritte erklärt werden.

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