Vom Homeoffice zurück ins Büro

Was Unternehmen jetzt beachten müssen erklärt Psychologe Stephan Grünewald

Stephan Grünewald ist Psychologe, Marktforscher und Gründer des Rheingold Instituts. Im April 2020 wurde er von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in den Corona-Expertenrat der Landesregierung berufen, um die Politik bei einer Rückkehr zur Normalität nach dem Lockdown zu beraten. Seit Juni 2020 haben in NRW die meisten Schulen und Kindergärten wieder geöffnet. Auch die Unternehmen streben nach einer neuen Normalität in der Pandemie. Aber wie kann der Aufbau einer solchen Normalität gelingen? Und wie sollten Arbeitgeber mit eventuellen Ängsten ihrer Mitarbeitenden umgehen? – Antworten finden Sie im Interview.

Sie haben mit dem Rheingold Institut in den vergangenen Wochen viele Menschen zu ihrem seelischen Befinden während der Pandemie befragt. Welche Gefühle haben Arbeitnehmer in diesen Wochen durchlebt? 

GrünewaldAus unseren zahlreichen Befragungen wissen wir, dass seit Beginn der Pandemie drei Phasen durchlaufen wurden.  

Erst gab es ein Gefühl der Ohnmacht. Das Corona-Virus war eine Bedrohung, die nicht fassbar war. Einen unsichtbaren Feind kann man nicht bekämpfen. Was bei vielen Menschen dann passiert ist, war eine Verlagerungsbewegung: Sie versuchten gegen die Ohnmacht anzugehen, in dem sie Hamsterkäufe tätigten oder sich in Baumärkten mit Werkzeugen und Material armierten.   

Mit Beginn des Lockdowns begann dann eine Phase der Polarisierung. In dieser Phase zeigte sich eine gewaltige Spaltung der Lebenswirklichkeiten. Einige Arbeitnehmer erlebten diese Zeit als eine Art Vorhölle: Homeoffice, Homeschooling, Kinderbetreuung, enge Lebensverhältnisse, Existenzängste, Überforderung. Andere Arbeitnehmer beschreiben diese Zeit als wahre Glückseligkeit: Da wurde neben der Arbeit gegärtnert, getöpfert, man genoss die Entschleunigung und das Leben im Corona-Biedermeier.  

Nun treten wir nach dem Lockdown in eine dritte Phase ein: Unternehmen bemühen sich, zu einer Normalität in der Pandemie zurückzukehren. Aber das ist nicht einfach. Bei einigen Mitarbeitenden regen sich Unbehagen und Widerstände: Wer den Lockdown als eine Phase der Entspannung erlebt hat, möchte dieses Lebensgefühl nur ungern wieder aufgeben.

Was ist für Unternehmen jetzt zu tun, um die Rückkehr zur Normalität voranzutreiben? 

Grünewald: Auch Arbeitgeber können die Zeit nicht einfach zurückdrehen. Die Menschen spüren sehr deutlich, dass wir trotz zahlreicher Lockerungen nicht automatisch wieder in der alten Welt sind. Stattdessen befinden wir uns alle gemeinsam in einem Übergang, der noch keine klaren Konturen hat.  

Ausgelöst durch die Pandemie stehen Unternehmen jetzt gewollt oder ungewollt in einem Change-Prozess. Dieser Change bietet eine historische Chance, Arbeit und Zusammenhalt in der Belegschaft neu zu definieren.  

Genau jetzt ist es Aufgabe des Unternehmens, Standards und Werte festzulegen, die der Belegschaft nach dem Lockdown einen gemeinsamen Halt und eine Identität geben. In diesen Prozess sollten die Mitarbeitenden unbedingt einbezogen werden. 

Sie haben die Spaltung der Lebenswirklichkeiten beschrieben, die auch Arbeitnehmer betrifft. Kann es für alle Mitarbeitergruppen die gleichen Standards und Werte geben? 

Grünewald: Bestimmte Bedürfnisse und Notwendigkeiten von Mitarbeitergruppen müssen im Auge behalten werden. Wer aufgrund von Schulschließungen Kinder betreuen muss, kann nicht im Betrieb anwesend sein.  

Gleichzeitig halte ich es aber für sehr wichtig, dass nachvollziehbare Standards in einem Unternehmen herrschen. Wenn es lediglich individuelle Absprachen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern gibt, schwächt das die Moral und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Belegschaft. Dann gibt es auch Neiddebatten.  

Nicht alle Arbeitnehmer fürchten sich vor einer Ansteckung mit Corona gleichermaßen. Wie sollten Unternehmen mit individuellen Ängsten umgehen? 

Grünewald: Hier sehe ich eine wichtige Aufgabe der Führungskräfte. Ängste lassen sich nicht wegdiktieren. Und bei bestimmten Risikogruppen mag es auch überzeugende medizinische Argumente geben. Aber manchmal stecken hinter formulierten Ängsten auch andere Motive. Vielleicht möchte der Mitarbeitende seine selbstbestimmte Arbeit nicht aufgeben? Oder er fühlt sich im Büro gemobbt? Führungskräfte sollten sich die Zeit nehmen, um die Motive der einzelnen Mitarbeitenden zu verstehen und für alle nachvollziehbar darauf zu reagieren. 

Inwieweit verändert sich Führungskultur durch die Corona-Krise? 

Grünewald: Die Corona-Krise verändert das Persönlichkeitsprofil von Führungsgestalten ganz stark. Die meisten Arbeitnehmer haben im Homeoffice gelernt, selbständig zu arbeiten. Die brauchen keinen Chef, der disziplinierend auftritt. Stattdessen gilt es jetzt für Führungskräfte zu inspirieren, zu motivieren und fürsorglich zu reagieren.  

Was glauben Sie, wie sich Arbeitswelt verändern wird? 

Grünewald: Im aktuellen Change-Prozess liegt eine riesige Chance für Arbeitgeber und für Arbeitnehmer: Wenn Mitarbeiter im Homeoffice effizienter arbeiten können als im Büro, dann freut sich auch der Arbeitgeber über diesen Produktivitätszuwachs. Wir werden in den nächsten Monaten sehen, dass sich neue Formen der Zusammenarbeit etablieren, weil nicht jeder mehr seinen festen Platz im Büro einnimmt. In Bürokomplexen werden freie Flächen entstehen, die neu genutzt werden können – zum Beispiel für Kreativräume oder Stillarbeitsplätze.  

Nicht alle Unternehmen empfinden die Situation gerade als großen Aufbruch in eine neue Ära. Wirtschaftliche Ängste und Kurzarbeit spielen vielerorts eine Rolle…

Grünewald: Das ist richtig. Und Geschäftsführer sollten in so einer Situation maximal transparent kommunizieren. Kurzarbeit führt bei Mitarbeitenden zu Verunsicherung und zu Ängsten. Nicht selten erwachsen daraus Verschwörungstheorien. Geschäftsführer müssen in kurzen Taktungen die Karten auf den Tisch legen und offen über die wirtschaftliche Situation sprechen. 

Aus der Forschung wissen wir, dass es Arbeitnehmer-Typen gibt, die gerade in Krisensituationen ein enormes kreatives Potenzial entfalten und mit eigenen Ideen, zur Bewältigung der aktuellen Krisenlage beitragen können.  

Mein Appell an Arbeitgeber ist daher: Lassen Sie Mitarbeitenden einen Teil ihrer Arbeitszeit nutzen, um sich konstruktiv einzubringen. Dies kann langfristig dazu führen, dass das Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgeht.  

Wir danken Herrn Grünewald für das Gespräch. 

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