Lohngerechtigkeit – Ein Thema für KMU?

Gibt es den Gender Pay Gap wirklich? Und wenn ja, wie hoch ist der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen? – Das sind Fragen über die sich Politiker, Aktionisten und Wissenschaftler zu Frühlingsbeginn leidenschaftlich streiten können.

Anlass für den wiederkehrenden Schlagabtausch ist der „Equal Pay Day“, der am 18. März 2017 stattfindet. Der nationale Aktionstag symbolisiert den Tag, bis zu dem Frauen von Jahresbeginn an umsonst arbeiten würden, wenn sie den gleichen durchschnittlichen Bruttostundenlohn wie Männer bekämen, so das Aktionsbündnis. In Deutschland beträgt der geschlechtsspezifische Entgeltunterschied zwischen Männern und Frauen laut Statistischem Bundesamt 21 Prozent.

Aber was sagt diese Zahl aus? Und inwiefern sollten Arbeitgeber und KMU sich diesem Thema annehmen? – Das KOFA hat hierzu mit Volkswirt Jörg Schmidt vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln gesprochen. Er forscht zu den Ursachen des Gender Pay Gap.

Herr Schmidt, Sie stehen dem Equal Pay Day eher kritisch gegenüber. Warum?

Grundsätzlich ist das Thema Lohngerechtigkeit wichtig und durch den Equal Pay Day wird es breit diskutiert.

Als Wissenschaftler verstehe ich die Zahl, die am Equal Pay Day als Lohnlücke herausgestellt wird, so: Bei der unbereinigten Lohnlücke von 21 Prozent handelt es sich lediglich um den Vergleich der Durchschnittsbruttostundenlöhne von Männern und Frauen. Wichtige Faktoren wie Erwerbsumfang, Erwerbserfahrung, Branche und Betriebsgröße werden gar nicht berücksichtigt. Das ist aber wichtig, um wirklich vergleichbare Zahlen zu erhalten und Ursachenforschung zu betreiben, da sich Frauen und Männer anhand dieser Kriterien oft unterscheiden. Verschiedene Studien zeigen, dass der Gender Pay Gap fast vollständig auf unterschiedliche erwerbsbiografische und berufsbezogene Merkmale zurückgeführt werden kann. Vor diesem Hintergrund lässt sich anhand der Datenlage nicht beobachten, dass in Deutschland grundsätzlich ungerechtfertigte Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern herrschen.

Trotzdem hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Programm Logib-D (Lohngleichheit im Betrieb – Deutschland) aufgelegt, bei dem Sie auch mitgearbeitet haben.

Das stimmt. Mit der bereitgestellten Software von Logib-D können Personalverantwortliche die Gehaltsstruktur ihres Unternehmens unter Geschlechtergesichtspunkten analysieren. Die Software erhalten Unternehmen kostenlos. Sie ist entwickelt worden, um Unternehmen für ein größeres Bewusstsein für mehr Chancengleichheit von Frauen und Männern zu sensibilisieren.

Was genau leistet das Programm?

Unternehmen ab 50 Mitarbeitern können mit Logib-D eine detaillierte Entgeltanalyse durchführen. Logib-D berechnet den Entgeltunterschied von Frauen und Männern, der um personen- und arbeitsplatzbezogene Merkmale der Beschäftigten in einem Betrieb „bereinigt" ist. Dies bedeutet, dass der prozentuale Entgeltunterschied zwischen Frauen und Männern ermittelt wird, der sich bei gleicher Anzahl an Ausbildungs-, Dienstjahren und gleicher Berufserfahrung sowie gleichem Anforderungsniveau und gleicher beruflicher Stellung ergeben würde. Damit weist das Programm auf Ursachen von möglicherweise vorliegenden Lohnunterschieden hin.

Welche Maßnahmen können aus der Software abgeleitet werden?

Wer Indikatoren identifiziert, die im Hinblick auf eine ungleiche Bezahlung eine Rolle spielen, kann hier gezielt personalpolitische Maßnahmen ergreifen – zum Beispiel, indem er mehr weibliche Führungskräfte einstellt.

Was wir von einzelnen Betrieben aus der Praxis zurückgespiegelt bekommen haben, ist aber nicht, dass das Tool große bereinigte Entgeltlücken zwischen Männern und Frauen offenbaren würde. Vielmehr ist es so, dass sich die beteiligten Unternehmen von der Nutzung des Tools auch einen präziseren Einblick in die Gehaltsstrukturen versprechen. Allgemein können Unternehmen, die das Tool nutzen, beispielsweise die aufbereiteten Daten auch in Nachhaltigkeits- und Geschäftsberichte einbinden oder dazu verwenden, um für Chancengleichheit im eigenen Unternehmen zu werben. Das dürfte zum Beispiel auch bei der Rekrutierung qualifizierter Frauen Unterstützung leisten.

Finden Sie es für KMU wichtig, sich mit Lohngleichheit zu beschäftigen?

Gerade für Unternehmen, die von Fachkräftemangel betroffen sind, ist es sicherlich sinnvoll, qualifizierte Frauen als Bewerberinnen gezielt anzusprechen. Das Thema betrifft auch deshalb KMU in besonderem Maße, weil Frauen überproportional häufig in sehr kleinen Betrieben beschäftigt sind.

Heute sind es vor allem größere Unternehmen, die mit dem Konzept der Gender Diversity werben – also mit der Förderung der Diversität der Geschlechter im Unternehmen. Aber auch kleine Unternehmen können ihre Arbeitgeberattraktivität steigern, wenn sie sich mit Chancen- und Lohngleichheit beschäftigen.

Wir danken Jörg Schmidt für dieses Gespräch

Links zum Thema:

Mehr zu diesem Thema auf KOFA.de:

Frauen

Stellenanzeigen für weibliche Fachkräfte: Sie möchten mehr Bewerbungen erhalten? Erfahren Sie, wie Sie weibliche Fachkräfte mit einer Stellenanzeige erfolgreich ansprechen. mehr

Mitarbeiterbefragung

Eine Mitarbeiterbefragung lohnt sich für jedes Unternehmen. Lesen Sie hier welchen Effekt Befragungen für Ihr Unternehmen haben können und wie Sie sie durchführen. mehr

Frauen fördern im Handwerk

Tischlerinnen sind noch immer selten. Schade, findet Tischlerei Julius Möbel. Über die Förderung von Frauenkarrieren gewinnt sie hochqualifizierte und zielstrebige Fachkräfte. mehr

Karrieren von Frauen fördern

Gespräche und Veränderungen bei Karriere-Angeboten führten bei der Holter Regelarmaturen GmbH & Co. KG zu einer chancengleichen Kultur in einer männderdominierten Belegschaft. mehr

Traumatisierte Flüchtlinge

Kriege, Verfolgung, Hunger, Flucht – Die allermeisten Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, haben traumatische Erfahrungen gemacht. „Arbeit kann von der Vergangenheit ablenken, eine äußere Struktur und inneren Halt geben“, sagen Maria Akritidou und Massimo Marcone vom Therapiezentrum für Folteropfer der Caritas. mehr

Fachkräfteengpässe in Unternehmen 2/2015

KOFA-Studie Fachkräfteengpässe in Unternehmen 2/2015: Geschlechterunterschiede in Engpassberufen. Männer- und frauentypische Berufe sind von Fachkräfteengpässen betroffen. mehr

Interview Unternehmensnachfolge

Jeder „Senior“ prägt sein Unternehmen. Dies gilt es für den Nachfolger zu berücksichtigen, rät Sibylle Stippler. mehr

März 2015 - Mit Frauen geht es besser

Thema des Monats: Im Wettbewerb um Fachkräfte sind attraktive Arbeitsbedingungen Trumpf. mehr

August 2015 - Familienfreundliche Personalarbeit

Thema des Monats: Familienfreundlichkeit ist für jedes Unternehmen von Bedeutung. Hier erfahren Sie was Sie tun können. mehr

Geflüchtete Frauen

Sie erfahren hier wie geflüchtete Frauen in den Arbeitsmarkt integriert werden können. mehr

Ihre Meinung ist gefragt!

Nehmen Sie an unserer Umfrage teil und helfen Sie uns, unser Angebot für Sie noch besser zu machen. Alle Fragen lassen sich in max. 5 Minuten beantworten. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Jetzt teilnehmen