Corona-Krise: Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt

Interview mit Dr. Annina Hering, Economist bei Indeed

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf den deutschen Arbeitsmarkt aus?

Hering: Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den deutschen Arbeitsmarkt sind erheblich. Der Arbeitsmarkt hat bereits zu Beginn des Jahres etwas geschwächelt und dann kam die Corona-Krise. Das Robert Koch-Institut hat Mitte März das Risiko für die deutsche Bevölkerung als “hoch” eingestuft und die Politik reagierte mit den ersten Maßnahmen. Das ist genau der Zeitpunkt, zudem Stellenausschreibungen begonnen haben sehr stark zurückzugehen. Seit Anfang April hat sich der Rückgang der Stellenaus-schreibungen etwas verlangsamt, sodass wir am 24. April bei -22% im Vergleich zum Vorjahr lagen. 

Um die Auswirkungen der Krise zu verstehen, untersuchen wir, wie sich bezahlte und unbezahlte Online-Stellenausschreibungen auf der Jobseite Indeed über die Zeit verändern. Stellenausschreibungen sind ein Indikator für die Personalplanung von Unternehmen und stellen eine zentrale Ergänzung zur Arbeitslosenquote, der Erwerbstätigenzahl und der Kurzarbeit dar. Die Aktualität der Indeed-Daten zu Stellenausschreibungen ist hier ein ganz entscheidender Vorteil gegenüber den anderen Maßzahlen.

Sind alle Branchen gleichermaßen betroffen? Wo werden Recruiting-Aktivitäten besonders stark zurückgefahren, wo wird unverändert rekrutiert? Gibt es Branchen, die in der Krise sogar mehr Stellen ausschreiben als vor der Krise?

Hering: Die Wirtschaftsbereiche sind sehr unterschiedlich von der Corona-Krise betroffen, allerdings zeigt sich überall eine gewisse Betroffenheit. Das Recruiting ist Mitte März in eine Art Schockstarre gefallen, aus der einige Bereiche seit kurzem aber wieder zu erwachen scheinen.

In Berufen, die direkt von den Eindämmungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie betroffen sind, haben Unternehmen das Recruiting besonders heruntergefahren. In Berufen der Hotel- und Tourismusbranche liegt die Entwicklung der Stellenausschreibungen am 24. April im Vergleich zum Vorjahr bei -42%. In Berufen der Gastronomie liegt der Unterschied zum Vorjahr bei -40%. Der Einzelhandel profitiert von der Lebensmittelsparte und liegt bei -13% im Vergleich zum Vorjahr.

Weniger betroffen sind zum Beispiel Stellenausschreibungen für Berufe im Bauwesen (-16%) oder im Versicherungswesen (-10%). Wie enorm die Auswirkungen der Corona-Krise sind wird besonders deutlich, wenn wir das Minus von 5% im Vergleich zum Vorjahr bei Stellenausschreibungen in Berufen der Gesundheits- und Krankenpflege betrachten, ein Bereich, der dringend auf Fachkräfte angewiesen ist. 

Wie reagieren Bewerberinnen und Bewerber seit Beginn der Krise? Ist überhaupt noch jemand auf Jobsuche?

Hering: Die Analyse, der am stärksten wachsenden und sinkenden Suchbegriffe auf der Jobseite Indeed zeigen sehr gut, in welchen Wirtschaftsbereichen Jobsuchende aktuell am stärksten von der Covid-19-Krise betroffen sind. Die am stärksten gesunkenen Suchbegriffe sind alle dem Bereich der Gastronomie zuzuordnen.

Jobsuchende ändern derzeit ihre Pläne und verlagern ihr Suchverhalten auf Berufe und Wirtschaftsbereiche, von denen sie denken, dass sie dort einen neuen Job bekommen, wie zum Beispiel in Supermärkten. Das zeigt ein sehr pragmatisches und lösungsorientiertes Verhalten, was dazu beitragen könnte, dass die Arbeitslosenquote in den stark von den Eindämmungsmaßnahmen betroffenen Wirtschaftsbereichen weniger stark ansteigen könnte. 

Zeigen Ihre Analysen sonst Auffälligkeiten, die Sie gerne mitteilen möchten?

Hering: Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt fallen in Deutschland bisher geringer aus als in vielen anderen Ländern. Derzeit liegen wir in Deutschland bei -22%. Im Vereinigten Königreich liegt die Entwicklung der Stellenausschreibungen bei -53% im Vergleich zum Vorjahr, in Frankreich und Spanien liegt sie bei -43%, in Italien bei -40% und in den USA bei -37%. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum die Auswirkungen so unterschiedlich ausfallen, wie zum Beispiel, dass die Länder zu unterschiedlichen Zeitpunkten Maßnahmen ergriffen haben. Einen Zusammenhang, den wir beobachten können, ist, dass je höher der Anteil der Beschäftigten ist, die in Jobs mit theoretischem Homeoffice-Potenzial arbeiten, desto niedriger fällt der Rückgang bei den Stellenausschreibungen aus.

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