„Die Herausforderungen der Integration haben sich verändert“

Interview mit den Willkommenslotsen Gabriele Wörner und Timo Walther zur Integration von Flüchtlingen

Gabriele Wörner und Timo Walther sind seit zwei Jahren „Willkommenslotsen“ beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft. Sie unterstützten Unternehmen bei der Integration von Geflüchteten in Praktika, Ausbildung und Beschäftigung. Im Interview erzählen die Willkommenslotsen, wie sich ihre Arbeit seit dem Beginn ihrer Tätigkeit im Juni 2016 verändert hat und wie Geflüchtete und Unternehmen noch besser zusammenfinden können.

Frau Wörner, Herr Walther, Sie beraten Unternehmen bei der Integration von Geflüchteten in ihrem Betrieb. Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Walther: Der wesentliche Unterschied ist, dass die Flüchtlinge mittlerweile schon länger in Deutschland sind. Die meisten haben ihre Sprachkurse absolviert oder bewegen sich zumindest auf einem höheren Niveau. Dementsprechend kann man viel leichter mit ihnen kommunizieren, was natürlich die Integration in der Firma – zumindest theoretisch – erleichtert.

Die Integration geht also einfacher als noch vor zwei Jahren?

Walther: Die Herausforderungen für uns aber auch für die Unternehmen haben sich verändert. Zwar ist das Sprachniveau besser als noch vor zwei Jahren, allerdings haben sich dadurch und durch die gesammelten Erfahrungen im deutschen Arbeitsleben auch die Erwartungen der Flüchtlinge verändert. Früher hieß es: „Ich will irgendetwas mit Technik machen.“ Da konnten wir dann beraten und unterschiedliche, auch weniger nachgefragte Berufe, empfehlen. Heute sind Geflüchtete häufig schon im Voraus besser über die Berufe informiert und einige wollen deshalb dann beispielsweise ganz speziell Mechatroniker werden – also direkt die Königsdisziplin. Das macht die Vermittlung komplizierter.

Wörner: Solche Fälle kenne ich auch. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass die Geflüchteten inzwischen einen besseren Einblick in unsere Gesellschaft haben und eher verstehen, wie sich der Berufsalltag hier bei uns gestaltet. Auch wenn dadurch die Berufsfindung aufwendiger ist und der Prozess länger dauert, ist es doch insgesamt positiv.

Klare Vorstellungen sind vermutlich auch ein Vorteil, um späteren Enttäuschungen vorzubeugen?

Walther: Da haben Sie nicht Unrecht. Wenn wir für die freie Stelle bei einer Firma tatsächlich eine Person mit genau dem Wunschberuf finden und vermitteln, dann ist es auch meistens sehr gut gelaufen. Das Problem, das wir dabei aber haben, ist, dass es schwieriger ist, in exakt den gewünschten Beruf zu vermitteln. Die Stellen, die sich die Leute wünschen, sind in der Regel Berufe, die attraktiv sind und bei denen es ohnehin eine hohe Bewerberzahl gibt. Für Flüchtlinge mit brüchigem Deutsch ist es da sehr schwierig, sich gegen andere Bewerberinnen und Bewerber durchzusetzen.

Hat das dazu geführt, dass Sie weniger Geflüchtete in eine erfolgreiche Ausbildung vermitteln können?

Walther: Bisher hat sich das so nicht abgezeichnet. Zwar mag die Stellensuche teilweise schwieriger sein, aber die vermittelten Personen kommen dafür mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bis zum Ziel. Vor zwei Jahren sind viele Praktika in Unternehmen nicht gut verlaufen, weil einfach das Sprachniveau zu niedrig war. Das sieht mittlerweile anders aus. Der Kandidatenkreis ist kleiner, hat aber größere Erfolgsaussichten den Einstieg zu schaffen und Fuß zu fassen sich eine berufliche Zukunft aufzubauen.

Wenn die Sprache ein kleineres Problem geworden ist, wo muss als nächstes angesetzt werden?

Wörner: Flüchtlinge müssen die Fachsprache der jeweiligen Berufe lernen. (Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch die multimediale Reportage „Das Flüchtlings-Projekt. Eine Chronik“)  Und auch der Stichpunkt „interkulturelle Kommunikation“ ist wichtig: Es kommt immer noch zu vielen Missverständnissen zwischen Chef und Flüchtling., Körpersprache und Verhaltensweisen differieren, und so kommt es häufiger vor, dass deutsche Arbeitgeber nicht wissen, wie sie ein Verhalten interpretieren sollen. Da arbeite ich gern als Übersetzerin.

Sind Firmen mittlerweile erfahrener im Umgang mit Geflüchteten?

Walther: Durch die Erfahrungen, die Unternehmen schon mit Flüchtlingen gemacht haben, haben einige das Gefühl, sie hätten weniger Beratungsbedarf. Im Nachhinein stellt sich dann oft heraus, dass sie einige Sachverhalte doch anders hätten regeln sollen. Gerade bei rechtlichen Details herrscht trotz vieler Aufklärungs-Initiativen oft noch Unklarheit.

Es geht also weiterhin darum, Unternehmen die Basics nahezubringen?

Walther: Es ist ein breiteres Spektrum an Themen: Es sind einerseits immer noch die grundlegenden Dinge, wie Fragen zur Bleibewahrscheinlichkeit oder zu Unterstützungsmöglichkeiten, aber teilweise auch speziellere Fragen. Ich habe beispielsweise kürzlich mehrere Unternehmen betreut, die damit geliebäugelt haben, statt einer Ausbildung ein duales Studium anzubieten und so Flüchtlinge ins Unternehmen zu integrieren. Das halte ich für eine schlechte Idee, da hierfür die Sprachkenntnisse in der Regel unzureichend sind.

Hat sich der Zeitaufwand pro Vermittlung verändert?

Walther: Mein subjektives Empfinden ist, dass der Betreuungsaufwand gestiegen ist, gerade wenn es um die anspruchsvollere Berufe geht. Dabei haben wir häufiger mit größeren Firmen zu tun, bei denen mehrere Ansprechpersonen eingebunden sind.  Das ist bei kleineren Firmen seltener. Zum Beispiel haben wir mittlerweile manchmal auch Personaler, die möchten, dass wir zur Vertragsunterschrift mitkommen. Früher durften wir aufgrund unserer Projektvorschriften ja auch nur mit kleinen und mittleren Unternehmen arbeiten. Seit Oktober vergangenen Jahres ist diese Auflage ausgesetzt.

Was wünschen Sie sich, um die Integration noch weiter zu verbessern?

Wörner: Vor allem geringqualifizierte Geflüchtete werden häufig in Jobs vermittelt, in denen nur wenig gezahlt wird. Wenn diese Menschen eine Familie haben, reicht das oft nicht, um diese zu ernähren. Deshalb würde ich gerne sehen, dass sich die Bereitschaft in den Familien erhöht, dass beide Partner arbeiten. Ich würde gerne stärker mit den Frauen arbeiten. Das funktioniert tatsächlich auch immer besser, in Sprachkursen sind sie beispielsweise oft schneller als die Männer. Außerdem wünsche mir für alle unter 20-jährigen nochmal zwei Jahre an einer Regelschule. Das hätte man vor drei Jahren bereits einführen können und es hätte viele Probleme gelöst. Und natürlich sollte es insgesamt mehr Geld für Fach- und Berufssprachkurse, Kurse für Mathematik, Gesellschaftskunde und das Rechtssystem geben über die Integrationskurse hinaus.

Walther: Ich wünsche mir einen leichteren Zugang zu Sprachkursen für Personen mit schlechter Bleibeperspektive. Es handelt sich bei dieser Gruppe um eine stets benachteiligte. Aus volkswirtschaftlicher Sicht mag es zwar zunächst einleuchtend erscheinen, diesen Personen Sprachkurse zu verweigern, da sie – theoretisch – nicht lange in Deutschland bleiben sollen. In der Realität zeigt sich aber, dass auch diese Personen häufig viele Jahre in Deutschland sind und aufgrund schlechter Deutschkenntnisse über Jahre hinweg keinen Fuß im Berufsleben fassen konnten. Wir verschenken damit Zeit, wir verschenken Steuereinnahmen und für das Selbstwertgefühl der Personen sowie deren Psyche generell ist es unübertrieben eine Katastrophe.

Vielen Dank für das Gespräch.

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