Gehörlose Facharbeiter in der Malerwerkstätte Karl Müller

Wie Inklusion in einem Malerbetrieb umgesetzt wird

Es ist 7 Uhr morgens. Ralph Müller und Marco Schelzke stehen in der Werkshalle und tauschen sich angeregt aus. Die beiden Anstreicher sind heute auf zwei unterschiedlichen Baustellen in Köln im Einsatz. Doch bevor sie in die Autos steigen und zu den Baustellen aufbrechen, formen ihre Hände in rascher Abfolge die Zeichen der Gebärdensprache.

Die beiden Facharbeiter sind seit ihrer Geburt gehörlos. „Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht handwerklich arbeiten können“, erklärt Marco Schelzke. In einem speziellen Ausbildungszentrum für Gehörslose hat er einst seine Ausbildung als Maler und Lackierer absolviert. „Viele Betriebe hatten Vorbehalte mich einzustellen“, erzählt er. Bei der Malerwerkstätte Karl Müller wurde ihm zunächst ein Praktikum angeboten. Einige Wochen später hielt er seinen unbefristeten Arbeitsvertrag in den Händen.

Branche: Handwerk | Standort: Bergheim (NRW) | Beschäftigte: 18

Stand: 2018

„Sie arbeiten selbstständig und sorgfältig“

„Es sind ganz normale Mitarbeiter, wie alle anderen auch“, betont Michaela Korfmacher. Sie arbeitet als Vorarbeiterin in dem Handwerksbetrieb, plant die Einsätze und fährt zu den Baustellen, um die Qualität der Arbeiten zu überprüfen. „Bei Ralph Müller und Marco Schelzke weiß ich, dass die beiden sehr selbstständig und sorgfältig arbeiten. Ich kann mich zu 100 Prozent auf sie verlassen.“

Michaela Korfmacher hat sich nach der Schule ganz bewusst dafür entschieden, als Frau ins Handwerk zu gehen. Sie mag es anzupacken und körperlich zu arbeiten. Es ist ihr wichtig, dass im Team eine gute Stimmung herrscht. Auch deshalb hat sie gemeinsam mit Betriebsinhaber Karl Müller „Mitarbeitergespräche“ eingeführt, in der Probleme regelmäßig gesprochen werden können. „So ein Gespräch kann ich mit den beiden natürlich nicht alleine führen“, sagt Michaela Korfmacher. „Da brauche ich dann schon eine Gebärdendolmetscherin.“

Unterstützung vom Integrationsfachdienst

Es sind nicht nur Mitarbeitergespräche, bei denen das Unternehmen auf externe Unterstützung zurückgreift. Auch bei Sicherheitsunterweisungen oder anderen Dienstbesprechungen wird mittlerweile ein Dolmetscher oder eine Dolmetscherin beim Integrationsfachdienst angefordert. Integrationsfachdienste gibt es in ganz Deutschland. Ihre Unterstützungsleistungen in Sachen Inklusion sind für Unternehmen und Beschäftigte kostenfrei. Allerdings muss man rechtzeitig daran denken einen Gebärdendolmetscher anzufordern – da die Termine häufig Tage im Voraus vergeben werden. „Im Berufsalltag brauchen wir zum Glück keinen Dolmetscher“, sagt Michaela Korfmacher. „Da funktioniert bei uns viel über Schrift oder mit Händen und Füßen. Und wenn man deutlich spricht und Blickkontakt aufnimmt, können die beiden vieles von den Lippen ablesen.“

Kommunikation als Schlüssel zur Inklusion

Es sei eine andere Art der Kommunikation, an die sich auch neue Kolleginnen und Kollegen erst gewöhnen müssten, erzählt Korfmacher. Zu Problemen sei es dabei aber noch nie gekommen. „Am Anfang mussten wir uns zwingen, auch bei schriftlichen Aufträgen kurze Sätze zu schreiben“, sagt Korfmacher. Was auch die Mitarbeiter im Betrieb erst lernen mussten: Die Gebärdensprache hat eine eigene Struktur und Grammatik, die sich nicht mit der deutschen Lautsprache deckt. Für Menschen, die gehörlos zur Welt kommen, ist Deutsch daher eine Fremdsprache, die erst mühsam erlernt werden muss. „Die Kommunikation über WhatsApp mit kurzen Texten funktioniert problemlos“, so Michaela Korfmacher. „Aber bei langen Dokumenten stoßen die beiden an ihre Grenzen – da versuchen wir dann, die Inhalte auf das Wesentliche zu kürzen.“

Ralph Müller und Michaela Korfmacher sind ein gutes Team.

Keine Sonderrolle

Mittlerweile wurde viel über den inklusiven Malerbetrieb berichtet. Regionalzeitungen schrieben über das besondere soziale Engagement des Handwerksbetriebs. Die Aktion Mensch hat in dem Unternehmen ein Video gedreht, um für gelungene Inklusion im Berufsleben zu werben.

Solche Berichte haben Strahlkraft: Im vergangenen Jahr gab es zwei weitere gehörlose Maler, die sich im Unternehmen beworben hatten. „In diesen beiden Fällen ist es aber nicht zu einer Übernahme gekommen“, erzählt Michaela Korfmacher. „Die beiden haben einfach nicht so gut ins Team gepasst. Das hatte nichts mit ihrer Behinderung zu tun.“

Ralph Müller und Marco Schelzke wiederum haben ihren festen Platz im Team gefunden. Sie haben keine Sonderrolle. Sie machen ihre Arbeit, wie alle anderen auch. Wenn der Chef die Mitarbeiter einmal im Jahr zu einem Betriebsausflug nach Mallorca einlädt, sind auch sie selbstverständlich dabei.

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