Kontakt und Rekrutierung

  • Es gibt zahlreiche Wege, um mit Menschen mit Behinderung in Kontakt zu treten.
  • Nutzen Sie passgenaue Stellenanzeigen, um Menschen mit Behinderung als Zielgruppe ausdrücklich anzusprechen.
  • Die zentrale Frage lautet: „Passt der Mensch mit seinen Qualifikationen, seiner Erfahrung und seiner Persönlichkeit zu meinem Unternehmen?“

Menschen mit Behinderung – das versteckte Fachkräftepotenzial

Der Fachkräftemangel sowie der demografische Wandel führen zu immer größeren Herausforderungen in deutschen Unternehmen – vor allem bei kleinen und mittleren Betrieben. Als Arbeitgeber sollten Sie deshalb auch Menschen mit Behinderung bei der Suche nach geeigneten Fachkräften in Betracht ziehen. Viele Potenziale bleiben jedoch ungenutzt – vor allem bei den kleinen und mittleren Unternehmen. Viele Menschen mit Behinderung sind sehr gut ausgebildet und bringen begehrte Qualifikationen mit. 71 Prozent der Beschäftigten mit Schwerbehinderung arbeiten als Fachkräfte, weitere 17 Prozent sind als Führungskräfte aktiv. Erfahren Sie im Folgenden, wie Sie Menschen mit Behinderung als qualifizierte Kräfte für Ihr Unternehmen gewinnen können.

© Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG
Olaf Guttzeit, Inklusionsbeauftragter, Boehringer Ingelheim

Die Ausgleichsabgabe zu zahlen ist kein Muss – wer offen für Menschen mit Behinderung ist, bekommt dieses Vertrauen durch Loyalität und Engagement zurückgezahlt.

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Schritt 1: Wie trete ich mit Menschen mit Behinderung in Kontakt?

Der Hauptgrund, warum noch nicht mehr als ca. 23 Prozent der ausbildungsaktiven Betriebe Menschen mit Behinderung ausbilden, liegt laut ihrer Aussage in der Kontaktaufnahme. 80 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass sie keine oder zu wenig Ausbildungsplatzbewerber mit Behinderungen bekommen. Und das in Zeiten teils massiven Fachkräftemangels.

Dabei gibt es zahlreiche Wege, mit potenziellen Auszubildenden oder Fachkräften mit Behinderung in Kontakt zu treten: Wenden Sie sich zum Beispiel an örtliche Bildungsträger wie die Berufsförderungswerke. In diesen Einrichtungen werden erwachsene Menschen mit Behinderung aus- und weitergebildet sowie Umschulungen angeboten. Um junge Nachwuchskräfte zu erreichen, sollten Sie bei einer Schulkooperation nicht nur die allgemeinbildenden Regelschulen ansprechen, sondern auch Förderschulen für Menschen mit Behinderung. An den Förderschulen gibt es meist schuleigene Werkstätten, die verschiedenen Berufsgruppen zugeordnet sind (Garten, Handwerk, Hauswirtschaft, etc.). Es lohnt sich, den Kontakt zur jeweils leitenden Lehrkraft oder Sozialpädagogen aufzubauen und zu halten. So bauen Sie frühzeitig Kontakt zu jungen Menschen mit Behinderung auf. Orientieren Sie sich an den Fähigkeiten der jungen Leute und nicht an den Defiziten.

Jede Behinderung hat andere Auswirkungen. Manchmal spielen für den Arbeitsalltag überhaupt keine Rolle. Falls doch, bieten sich je nach Einzelfall unterschiedliche Unterstützungen an. Eine erste Orientierung geben Ihnen unsere Steckbriefe zu verschiedenen Behinderungsformen – von der geistigen Behinderung bis zur Sinnesbehinderung. Wichtig ist, dass Sie mit diesem Wissen auf den Menschen mit Behinderung zugehen und mit ihm oder ihr gemeinsam entscheiden, was sich jeweils an Unterstützung anbietet und die Bedarfe abfragen. Jeder Mensch ist unterschiedlich – ob mit oder ohne Behinderung.

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Steckbriefe zu Behinderungsformen

Zu den Steckbriefen

Eine Übersicht der zahlreichen Möglichkeiten, um mit Menschen mit Behinderung in Kontakt zu treten, finden Sie hier:

Eine wichtige Rolle nehmen die Werkstätten für Menschen mit Behinderung ein. Viele Unternehmen haben Tätigkeiten mit Routinecharakter und suchen dafür zuverlässige Teammitglieder. Diese können Sie bei Werkstätten für Menschen mit Behinderung finden und sogenannte Außenarbeitsplätze anbieten. Wenn Sie Kontakt zu einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Ihrer Nähe aufnehmen möchten, nutzen Sie die Webseite Werkstätten-im-Netz. Diese bietet Ihnen sowohl die Möglichkeit nach Postleitzahlen als auch nach Produkten der Werkstätten zu suchen. Wenn Sie eher nach bestimmten Produkten oder Auftragsarbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen suchen, empfehlen wir Ihnen https://www.rehadat-wfbm.de.

Arbeitsplatz: Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Sie interessieren sich dafür, was das eigentlich für Einrichtungen sind und wie die Menschen dort arbeiten? Dieser Text gibt Ihnen einen Überblick. 

Schritt 2: Wie gestalte ich den Bewerbungsprozess mit Menschen mit Behinderung?

Zunächst sollten Sie eine passgenaue Stellenanzeige gestalten. Beschreiben Sie das eigene Unternehmen, die zu besetzende Stelle und das geforderte Anforderungsprofil. Wie eine Stellenanzeige gelingt, zeigen wir Ihnen in unserem Tutorial.

Menschen mit Behinderung bewerben sich nicht automatisch bei jedem Arbeitgeber. Wenn Sie sich nicht sicher sein können, dass sie die notwendige Unterstützung erhalten, sehen Sie von einer Bewerbung eher ab. Dem können Sie entgegenwirken. Nutzen Sie Ihre Webseite als Kommunikationskanal, um über Ihr Engagement für Menschen mit Behinderung zu berichten. Sprechen Sie Menschen mit Behinderung als Zielgruppe in Ihren Stellenanzeigen ausdrücklich an. In einer Stellenausschreibung sollte immer stehen, dass Sie sich über Bewerbungen von Menschen mit Behinderung freuen oder dass Bewerbungen von Menschen mit Behinderung gewünscht sind. Lassen Sie die fertige Ausschreibung von Mitarbeitenden mit Behinderung sowie von Mitarbeitenden, die die Stelle kennen, gegenlesen. Falls Sie (noch) keine Mitarbeitenden mit Behinderung haben, können Sie Personen mit Behinderung aus Ihrem Familien- oder Freundeskreis um ihre Meinung bitten.

Eine Hilfestellung für den Alltag, wie Sie Stellenanzeigen für die Zielgruppe verfassen und veröffentlichen, finden Sie in hier.

Beachten Sie bei der Suche nach Auszubildenden, dass knapp 30 Prozent der Jugendlichen, die auf eine Förderschule gehen, Lernschwierigkeiten haben. Etwa 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben andere Förderschwerpunkte, wie Sehen, Hören, Sprache sowie körperliche beziehungsweise motorische Entwicklung. Stellenausschreibungen für Auszubildenden sollten deshalb in einfacher Sprache gestaltet sein. Sinnvoll ist es, Bilder mitzuliefern, damit die Bewerber und Bewerberinnen sich ihren zukünftigen Arbeitsplatz besser vorstellen können. Betriebe können ihre Gesuche auch direkt an die Schulen richten. So können die Lehrkräfte oder Sozialarbeiter geeignete Schülerinnen und Schüler ansprechen und in der ersten Phase begleiten.

Download: Checkliste inklusive Stellenausschreibung 

Schritt 3: Wie führe ich ein Bewerbungsgespräch?

Nachdem Sie die Stelle ausgeschrieben haben, folgt ein Bewerbungsgespräch. Für ein solches Gespräch mit einer Bewerberin oder einen Bewerber mit (Schwer-)Behinderung sind zunächst die gleichen Fragen entscheidend wie bei jedem anderen Gespräch. Von daher sollten Sie auch hier zunächst über fachliche Themen sprechen. Die zentrale Frage lautet: „Passt der Mensch vor mir mit seinen Qualifikationen, seiner Erfahrung und seiner Persönlichkeit zu mir und meinem Unternehmen?“. Es bietet sich an, über Fragen bezüglich der Behinderung erst im späteren Verlauf des Bewerbungsgesprächs zu sprechen, wenn sich die Gesprächsatmosphäre schon etwas gelockert hat. Grundsätzlich gibt es zwei Situationen zu unterscheiden: Die Schwerbehinderung beziehungsweise Einschränkung ist bekannt oder nicht bekannt.

Lesen Sie hier einige Tipps, wie Sie ein Bewerbungsgespräch mit Menschen mit Behinderung führen.

Schritt 4: Onboarding – Bleiben Sie bis zum ersten Arbeitstag in Kontakt

Wenn Sie sich nach dem Bewerbungsgespräch für den Kandidaten oder die Kandidatin entschieden haben und ein Vertrag zustande kommt, nutzen Sie die Zeit bis zum Beginn der Ausbildung oder der Beschäftigung. Bleiben Sie mit der Person in Kontakt, laden Sie sie schon einmal ein, um die Räumlichkeiten anzusehen und denken Sie auch bei Teamtreffen oder -feiern daran, eine Einladung auszusprechen. So verbindet sich der zukünftige Kollege bzw. die Kollegin bereits emotional mit Ihrem Unternehmen und baut Sicherheit auf.

Nachdem Sie Kontakt zu potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten aufgenommen haben und die freie Position passgenaue besetzen konnten, ist es nun wichtig, dass Sie die Beschäftigung für Ihre Mitarbeitenden mit Behinderung gut gestalten. 

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