Praxisbeispiel: Stahlbauer bildet Flüchtling aus

Jugendlicher aus Afghanistan macht seine Lehre beim Stahlbauer Herges

Als Mohammad Jafari ein kleiner Junge war, hatte er einen Wunsch: „Ich wollte Handwerker werden, etwas mit Metall machen“. Im Iran war das, wo er und seine Familie Zuflucht vor dem Taliban-Regime in Afghanistan gesucht haben. Vier Jahre war Mohammad damals alt. Doch als afghanischer Junge hatte er keine Rechte im Iran. Mehr als zwei Jahre Schule und Jobben als Schneider waren nicht drin – und das unter der ständigen Angst, nach Afghanistan zurückgeschickt zu werden. Im Iran sei er als afghanischer Flüchtling auf offener Straße beleidigt, geschlagen und sogar von der Polizei um Geld erpresst worden. Aber zurück nach Afghanistan? „Das war und ist zu gefährlich“, sagt der 19-Jährige.

Branche: Metallbau | Standort: St. Ingbert (Saarland) | Beschäftigte: 60

Stand: 2016

Schulabschluss nach zwei Jahren

Er sitzt im Büro von Wolfgang Herges, seinem Chef bei Herges Stahl- und Blechbau im saarländischen St. Ingbert. Wenn er aus dem Fenster sieht, blickt er ins Grüne. Hinter ihm schnarcht Herges‘ Riesenschnauzerhündin Sunny. „Ich bin gegangen, als ich 16 war, zuerst mit Schleppern nach Italien. Von dort bin ich mit einem Freund nach Frankreich und dann alleine weiter.“ Vor drei Jahren ist Jafari im Saarland angekommen. Als unbegleiteter Minderjähriger kümmerte sich das Jugendamt direkt um ihn. Er kam in ein Jugenddorf in Homburg. Und in die Schule. „Nach zwei Jahren hatte ich meinen Hauptschulabschluss“, sagt Jafari, außerdem eine Aufenthaltserlaubnis zur Ausbildung. Zwei wesentliche Schritte zum Kindheitswunsch Handwerker waren geschafft, jetzt musste er ein Unternehmen finden, das ihn ausbildet. „Ich habe mich im Internet über die Firma Herges informiert und bin auch persönlich gekommen, um sie mir von außen anzugucken.“ Mit Hilfe seiner Betreuer hat er eine Bewerbung geschrieben. „Und ich wurde eingeladen“, sagt Jafari und lächelt.

Es ist kurz vor Schichtende, Zeit die Tagesarbeit zu erledigen. Jafari prüft die Fläche eines Stahlteils für einen Behälter, ob er auch wirklich alle Unebenheiten gesäubert hat. Jürgen Engel arbeitet hin und wieder mit dem Metallbauer-Azubi aus Afghanistan zusammen. „Mit der Sprache ist es nicht immer ganz einfach. Aber das kriegen wir schon hin“, sagt der langjährige Herges-Mitarbeiter lachend. Jafari weiß, dass er sich beim Deutschlernen ranhalten muss. Dabei spricht er schon sehr gut und versteht alle Fragen. Mehrere Zeitungen und sogar das Fernsehen waren schon da, um über die Ausbildung des Geflüchteten zu berichten. „Der erste Eindruck beim Vorstellungsgespräch war positiv“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Herges. „Ich habe mich gewundert, dass er mich direkt so gut verstanden hat.“ Beim Schreiben allerdings wird es schon schwieriger: „Hier gibt es eine ganz andere Schrift, das ist ein Problem“, sagt Jafari. Wenn die Kollegen ihm bei der Arbeit etwas zurufen, das er nicht versteht, fragt er nach. „Dann klappt es.“ Mit den Prüfungen in der Berufsschule ist das eine andere Sache: Wer wie Jafari beim Schreiben Probleme hat, verliert wichtige Prüfungszeit – und droht durchzufallen, auch wenn das Verständnis da ist und die praktische Arbeit gut funktioniert, wie der Kollege Engel bestätigt.

Freizeit gehört der Ausbildung

Jafari senkt den Blick, seine Stimme wird leiser. „Doch, meine Eltern finden es gut, dass ich hier Arbeit gefunden habe. Ich habe ihnen auch einmal erzählt, was ich hier mache. Aber wir sprechen nicht so oft, vielleicht alle drei oder vier Monate.“ Ein paar Freunde habe er hier schon gefunden, gleich zu Anfang im Jugenddorf in Homburg. „Aber im Moment ist es schwierig, weil ich in der Ausbildung bin.“ Auch Fußball und Taekwondo habe er gemacht – doch die Ausbildung geht jetzt vor, die möchte der 19-Jährige unbedingt schaffen. So wie die beiden anderen Herges-Auszubildenden seines Jahrgangs auch, die ihm oft in der Berufsschule helfen. „Sie sind sehr freundlich“, sagt Jafari und lächelt.

Gleich wird er sich auf den Nachhauseweg machen. Zwanzig Minuten zu Fuß sind es bis zu seiner Wohnung. Zwanzig Minuten, in denen er wieder froh sein wird, dass niemand ihn wie damals im Iran belästigt oder beschimpft, einfach, weil die meisten wussten, dass er aus Afghanistan kommt. Und wenn er am nächsten Arbeitstag um sechs Uhr wieder seine blau-schwarze Arbeitskleidung anzieht, erwartet ihn eine neue Schicht mit Kollegen aus Sri Lanka, dem Kongo, Polen oder der Türkei. Als Fremder fühlt er sich hier nicht: „Es hat mich gefreut, dass aus fast jedem Land jemand hier ist.“ Herges, das steht für ihn fest, ist ein sehr sozialer Arbeitgeber. Einer, der es ihm ermöglicht, „mein Essen mit meiner Arbeit selbst zu verdienen“.

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Interview mit Geschäftsführer Wolfgang Herges

Herr Herges, weshalb haben Sie sich entschieden, mit Herrn Jafari einen Geflüchteten auszubilden?
Wir hatten schon immer eine hohe Quote an Migranten unter unseren Auszubildenden. Es ist völlig egal, wo jemand herkommt: Ich suche engagierte Leute, die etwas lernen möchten und Leistung bringen. Außerdem finde ich, dass man als Unternehmen auch eine soziale Verantwortung hat. Und wenn die jungen Menschen nach der Ausbildung wieder weggehen, ist es auch in Ordnung. Dann tragen wir eben zu Wiederaufbau in ihrem Heimatland bei.

Hatten Sie keine Bedenken, dass die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert wird und Herr Jafari die Ausbildung vielleicht gar nicht zu Ende machen kann?
Ich habe Herrn Jafari vom Jugendamt geschickt bekommen, und er ist ja auch als Auszubildender bei der Kammer eingetragen. Was soll ich mich da verrückt machen? Wir hatten vor 15 Jahren einen ähnlichen Fall: Die Aufenthaltserlaubnis unseres Auszubildenden aus Ex-Jugoslawien wurde immer wieder verlängert, da haben wir es auch einfach riskiert. Bei jungen Menschen haben Sie ohnehin immer das Risiko, dass sie sich fünf Mal um die eigene Achse drehen, vielleicht die Ausbildung abbrechen und etwas ganz anderes machen – ob es nun Deutsche oder Ausländer sind.

Sehen Sie dennoch spezielle Herausforderungen in der Ausbildung von Flüchtlingen?
Was nicht unterschätzt werden sollte, ist die Sprache: Das ist eine Herausforderung, bei der Unternehmen besser unterstützt werden sollten. Ich bin auch Landesvorsitzender des Verbandes „Die Familienunternehmer“. Wir fordern, dass der Ausbildung von Flüchtlingen ein Jahr mit begleitender Sprachschule vorangeht. Im Fall von Herrn Jafari bin ich im Gespräch mit den Kammern, damit er das erste Ausbildungsjahr wiederholen kann. Denn es nützt ja nichts, wenn er die Prüfungen macht und wegen seiner Schwierigkeiten mit dem schriftlichen Deutsch durchfällt – wiederholen geht an der Berufsschule nun mal nicht.

Was würden Sie anderen Unternehmen raten, die überlegen, Geflüchtete auszubilden?
Man sollte es einfach versuchen und sich nicht von der Fragen nach bürokratischen Hemmnissen abschrecken lassen. Die habe ich als Unternehmer noch in ganz anderen Bereichen. Für Betriebe, die keine Auszubildenden mehr finden, ist die Ausbildung von Flüchtlingen vor allem eine Chance. Diese Menschen haben bewiesen, dass sie sich durchbeißen können und eine Willensstärke haben, die manchem Deutschen fehlt.

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