Praxisbeispiel: Schweißerlehrgang für Flüchtlinge

Reuther STC bietet Geflüchteten über Praktika mit Schweißerlehrgang eine Chance zur Integration

Francis Martinal Tschentchoua stellt sein Fahrrad am Werkstor der Reuther STC GmbH ab. Der Rahmen des Rades leuchtet in einem satten Blau. Seit einigen Monaten verdient der 34-jährige Kameruner sein eigenes Geld. Er kann seine Familie in der Heimat unterstützen – und er kann sich ein neues Fahrrad leisten. In Schichtarbeit schweißt er schwere Stahlrohre zusammen. Später werden daraus Türme für Windkraftanlagen montiert. Vor drei Jahren sah sein Leben noch völlig anders aus: Eine Zukunft in Kamerun konnte er sich nicht vorstellen. Seine Flucht führte ihn über Spanien ins östliche Brandenburg. Hier hat er gefunden, was er gesucht hat: Eine Perspektive und ein sicheres Leben.

Doch es gibt Tage, an denen Tschentchoua seinem Glück nicht traut. Heute ist so ein Tag: „Ich bin durcheinander im Kopf“, entschuldigt er sich. Er kramt in seiner Tasche. Ein Behördenbrief: „Aufforderung zur Vorlage eines Passes oder Personalausweises“ steht im Betreff. Das Anliegen stellt Tschentchoua vor Probleme. Denn wie so viele Flüchtlinge ist er ohne Ausweispapiere nach Deutschland eingereist.

Branche: Metallbau | Standort: Fürstenwalde (Brandenburg) | Beschäftigte: 250

Stand: 2016

Neue Aufgaben für den Personalchef

Im Besprechungszimmer wandert der Behördenbrief in die Hände von Gerold Brunken. „Ich kopiere das und dann schauen wir weiter“, beruhigt er. Brunken ist kein Sozialarbeiter und auch kein Flüchtlingshelfer. Er ist zuständig für Finanzen und Personal bei Reuther STC, einem Betrieb mit fast 300 Mitarbeitern.

Von Berufs wegen legen Menschen wie er viel Wert auf vollständige Dokumente. Auf lückenlose Lebensläufe. Auf Nachweise und Zeugnisse. Im letzten Jahr hat Brunken umlernen müssen. Er hat sich auf ein Experiment eingelassen: Anfang 2015 holte er 14 Flüchtlinge in den Betrieb. Im Rahmen eines Praktikums erhielten sie die Möglichkeit, einen Schweißerlehrgang zu machen. Drei von ihnen erzählen nun von ihren Erfahrungen. Tschentchoua (34), Franklin Nde (32) und Hamza Ahmed (26) haben nach dem Praktikum einen Anschlussvertrag erhalten. „Für uns war es eine große Chance“, sagen sie. Das Praktikum war der erste Schritt zu einem geregelten Einkommen, einer eigenen Wohnung und einem selbstständigen Leben.

Arbeit statt Langeweile

Von dem Betrieb aus kann man das Heim sehen, in dem die drei Flüchtlinge damals gelebt haben. Nur 500 Meter ist es entfernt. Es liegt neben einer Tankstelle, gegenüber eines Waldes. „Ein gutes Heim“, wie die drei Männer versichern. Und tatsächlich war es für sie ein Glück, dass ihre Flucht aus Kamerun und Somalia gerade hier endete.

Die Unterkunft wird von der „Gesellschaft für Arbeit und Soziales“ betrieben, kurz Gefas. Ein engagierter Sozialarbeiter lebt mit den rund 100 Flüchtlingen unter einem Dach. Bei ihm standen die afrikanischen Männer Abend um Abend vor der Tür. Sie erzählten von ihrer Heimat. Und sie wünschten sich eine Beschäftigung. Der Flüchtlingshelfer Karl-Heinz Ziegler hat das Anliegen dieser Menschen ernst genommen. Ein paar Wochen später stand die Kooperation mit Reuther STC.

Gesellschaftliches Engagement als Antrieb

„Man braucht einen guten Partner, um so ein Praktikum auf die Beine zu stellen“, erklärt Brunken. „Mir war es wichtig, unbürokratische Ansprechpartner vor Ort zu haben.“

Gemeinsam mit der Gefas entwickelte Brunken ein straffes Programm: Über drei Monate waren die Flüchtlinge fünf Tage die Woche im Betrieb. An den Wochenenden erhielten sie Deutschunterricht. Einen freien Tag gab es nicht. Und auch kein Geld. „Damals gab es kaum Vorbilder, wie man so ein Praktikum organisiert“, erklärt Brunken. Seitdem hat sich in Deutschland viel getan: Im Sommer 2015 hat die Bundesregierung beispielsweise neue Regelungen verabschiedet, um Praktika für Flüchtlinge zu erleichtern.

Brunken hatte damals viele offene Fragen: Ziehen die Männer das Praktikum durch? Wollen sie lernen? Wie gut gelingt die Integration im Betrieb? Trotz aller Unsicherheiten war ihm das Pilotprojekt wichtig: „Unser Antrieb war gesellschaftliches Engagement“, erklärt er. „Organisatorische Schwierigkeiten gab es keine. Ich würde sagen: Die größte Hürde für ein Unternehmen ist der eigene Wille. Entweder man möchte als Betrieb Flüchtlinge integrieren, oder nicht.“

Der Personalleiter verschweigt nicht, dass so ein Engagement auch Geld kostet: Freigestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Qualifizierung und Betreuung übernehmen, der Sprachkurs, Arbeitsmaterialien und Schutzausrüstung. Das alles muss bezahlt werden. Etwa 25.000 Euro haben das Unternehmen und die Gefas gemeinsam in die 14 Flüchtlinge investiert.

Flüchtlinge als geprüfte Schweißer

Und das Ergebnis? „Unsere Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen“, schwärmt Brunken. „Alle 14 Flüchtlinge haben die Prüfung zum Schweißer abgelegt. Die Männer waren zuvorkommend und hochmotiviert. Und nebenbei haben wir neue Mitarbeiter gewonnen.“

Dass Tschentchoua, Nde und Ahmed bis heute keinen gesicherten Aufenthaltsstatus haben, spielt für ihn keine Rolle: „Auch bei deutschen Mitarbeitern kann man nicht ausschließen, dass sie dem Unternehmen früher oder später den Rücken kehren – aber es wäre doch fatal diese drei Männer nicht zu beschäftigen, nur weil sie uns möglicherweise irgendwann wieder verlassen.“

In den letzten drei bis vier Jahren sei es für den Betrieb immer schwieriger geworden, Auszubildende als Anlagenmechaniker zu finden. Die schulischen Leistungen der Bewerberinnen und Bewerber seien zum Teil schlecht. Häufig mangele es auch an der richtigen Einstellung. „Einer unserer deutschen Auszubildenden hatte über 100 Fehltage“, erzählt Brunken. Die Flüchtlinge zeigten sich hingegen äußerst pflichtbewusst. Brunken sieht hier eine Chance: Vier seiner Ausbildungsplätze vergibt Reuther STC in diesem Sommer an junge Männer aus dem Flüchtlingsheim. Auch sie werden vor Ausbildungsbeginn ein Praktikum absolvieren. Vielleicht der Beginn ihrer beruflichen Karriere in einer neuen Heimat.

Zur Unternehmenswebseite

Links

  • Website der Gesellschaft für Arbeit und Soziales e.V. (zur Webseite)
  • Website des Arbeitgebermagazins Faktor A (Bundesagentur für Arbeit) (zur Webseite)

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