Auszubildenden gesucht – engagierten Flüchtling gefunden

NetMarket weitet Bewerbersuche aus und findet den Wunsch-Azubi
 

Ismael Keita legt den Rückwärtsgang ein. „Sirrrrr“, schnurrt der Gabelstapler, als Keita rasant zwischen den Regalen einparkt. Seit sechs Wochen darf der 21-Jährige bei seinem Ausbilder,  dem Druck- und Logistikdienstleister NetMarket in Elsdorf bei Köln, den Schlüssel im Zündschloss drehen, Paletten in die Lagerregale fahren oder Lieferungen im Hof abholen. Er hat den Staplerschein gemacht – eines von vielen Zielen, die Keita seit seiner Flucht aus dem Heimatland Guinea erreicht hat.

Im Herbst 2016 ist er nach Deutschland gekommen. Seitdem klotzt er ran: zuerst Deutschunterricht und Hauptschulabschluss. Dann die Berufswahl: Der junge Mann hat sich über die deutschen Ausbildungsberufe informiert und beschlossen, Fachlagerist zu werden. Mit diesem Entschluss ist er unter anderem zur Ausbildungsberatung KAUSA in Köln gegangen, die eng mit Willkommenslotsen zusammenarbeitet. Er ist mit Hilfe von KAUSA-Mitarbeiterin Marion Haas schnell fündig geworden: Der Willkommenslotse hatte Kontakt zu NetMarket, die für ihre Ausbildung im Lager ausdrücklich auch Bewerber mit Fluchtbiografie gesucht haben.

Branche: Druck und Gestaltung | Standort: Heppendorf (NRW) | Beschäftigte: 50

Stand: 2019

Flüchtlinge: neuer Bewerberkreis für schwer zu besetzende Stellen?

Für NetMarket-Personalerin Sandra Bohnet ist die Besetzung von Stellen im Lager angesichts der angespannten Lage am Arbeitsmarkt und steigender Anforderungen im Arbeitsalltag schwer umzusetzen. „Besonders im Lagerbereich ist es für uns schwierig, Leute zu bekommen, die motiviert sind und neben Interesse auch ein gewisses Talent für den Beruf mitbringen, also zum Beispiel gut rechnen können. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man unter Geflüchteten eher jemanden findet als wenn man bei der Agentur für Arbeit einfach ein Stellenangebot aufgibt.“

Marion Haas freut sich, dass die Vermittlung ein Erfolg ist.

Heute hat Bohnet Haas eingeladen, sich das Ergebnis ihrer Vermittlungsarbeit anzusehen. Neben ihr sitzt Keita. Es gibt Kaffee und kalte Getränke. Keita lehnt ab. Er erzählt lieber von seinem Praktikum und dem Start in seine Ausbildung zum Fachlageristen bei dem 50-Mann-Unternehmen, das Kunden neben Druck und Gestaltung auch Lagerhaltung anbietet. „Ich habe ziemlich Spaß im Praktikum als Fachlagerist gehabt. Ich habe mir gesagt, ich kann mein Leben darauf hin organisieren, denn ich fühle mich mit den Leuten auf der Arbeit wohl“, sagt er und lächelt. „Ich komme mit allen klar, sie sind alle so höflich und es ist genau, als wäre ich schon jahrelang hier. Das finde ich echt cool. Und auch den Job finde ich echt gut. Ich kontrolliere zum Beispiel den Wareneingang. Wir bekommen Pakete mit Papieren oder ähnliches. Man muss zählen, ob die Menge auf dem Lieferschein wirklich stimmt.“

Keita ist seit wenigen Wochen in Ausbildung, die Ergebnisse der ersten Prüfungen in der Berufsschule stehen noch aus. Doch Bohnet ist jetzt schon sicher, mit dem Guineer die richtige Wahl getroffen zu haben: „Ismael ist sehr motiviert. Das findet man bei Leuten hier in Deutschland, bei denen seit dem Schulabschluss vielleicht fünf Jahre vergangen sind, in denen sie weder gearbeitet noch sonst etwas gemacht haben, kaum. Man lädt sie zum Vorstellungsgespräch ein, und sie melden sich gar nicht mehr auf die Mail. Da fand ich es positiv, dass Ismael sehr interessiert war.“

Zielstrebig in die Berufsausbildung

So interessiert, dass er so schnell wie möglich arbeiten wollte. Nach seinem Hauptschulabschluss bei der Deutschen Angestellten-Akademie hatte diese ihm eigentlich weiteren Sprachunterricht empfohlen. „Ismael hatte dann aber gesagt, dass er gerne direkt arbeiten würde – er ist ja durch die Berufsschule ohnehin nur an drei Tagen im Betrieb. Wir haben dann besprochen, dass er mir die Noten seiner Berufsschulprüfungen direkt sagt. Wenn wir merken, dass es in irgendeinem Fach Probleme gibt, organisieren wir Nachhilfe“, erklärt Sandra Bohnet.

Ob das nötig ist, zeigt sich vielleicht schon an den ersten Prüfungsergebnissen. Zweifel hat Keita in Mathematik. Bohnet: „Das Mathematische selbst ist kein Problem, nur vom Sprachlichen in der Matheprüfung versteht er nicht alles.“

Keita steht vor einer Palette mit Stapeln, den Lieferschein in der Hand. Er spreizt Zeigefinger und Daumen und legt sie an einen Stapel um Maß zu nehmen. Er zählt die Stapel von oben nach unten per Fingermaß durch. Dann zählt er die Reihen nach rechts und nach hinten zur Wand, rechnet kurz und nickt zufrieden: „Alles stimmt“, sagt er und eilt ins Lager, um zu prüfen, wo Platz für die Lieferung ist.

„Mir macht es sehr viel Spaß, dass ich mich immer bewegen muss“, sagt der Auszubildende. „Ich arbeite einige Zeit an einer Stelle, dann kommt vielleicht ein Wareneingang und ich muss da hin, um zu kontrollieren: Zum Beispiel steht auf dem Lieferzettel, dass es 12.000 Flyer sind, dann musst du zählen. Du musst gucken, wie viel ist in einem Karton drin, dann weißt Du, jeder Karton hat diese Menge, dann weißt du, wie viele Kartons da sein müssen, um zu wissen, ob wirklich 12.000 Flyer da sind – ein bisschen Mathematik, da kannst du kalkulieren. Das macht echt einfach Spaß.“

Um Material richtig einzulagern, ist sorgfältige Arbeit und Computerwissen nötig.

Auch Computerwissen ist gefragt, wenn er anschließend im Lager einen Platz für die Lieferung findet und ins System einbucht: „Vielleicht gibt es Platz, aber es ist noch ein anderer Karton da. Dann musst du ihn zu einem anderen Platz bringen. Du machst die neue Ware dahin und buchst sie im Computer ein. Auch dass der andere Karton nicht mehr hier, sondern da ist.“ Das ist wichtig, damit bei der nächsten Bestellung auf dem Kommissionierschein auch der richtige Lagerplatz für diesen Artikel steht. Einen solchen Schein hält Keita jetzt in der Hand: „500 Flyer, 10 Stressherzen, Kugelschreiber – diese Sachen muss ich jetzt packen und dann mit dem Schein kontrollieren, ob alles stimmt.“

Unterstützung bei der Bewerbersuche ist verbesserungsfähig

So ein Schein, auf dem steht, was es für die Ausbildung von Flüchtlingen alles braucht, hätte Sandra Bohnet sicher auch geholfen. „Der eine Ansprechpartner, der die ganzen Fragen kennt und beantworten hilft, die bei der Ausbildung von Geflüchteten auf Unternehmen zukommen, war mir damals nicht bekannt“, berichtet sie. „Unser Ansprechpartner bei der Deutschen Angestellten-Akademie hat mir gesagt, dass es wichtig ist, dass Ismael die Ausbildungsduldung bekommt. Die kam auch ziemlich schnell. Dann war es vor allem immer wieder so, dass ich überlegt habe: Wen rufe ich jetzt an, um zu erfahren, was getan werden muss, damit alles so läuft wie es laufen soll. Zum Beispiel mit Sozialversicherungsnummer und Steuer-ID.“

Sandra Bohnet hat mit Ismael Keita nach langer Bewerbersuche den richtigen gefunden.

Diese beiden Dinge haben reibungslos geklappt. Mehr Unterstützung hätte sich die Personalerin dagegen bei der Bewerbersuche gewünscht. „Unsere Idee war, ein Praktikum im Rahmen einer Einstiegsqualifizierung anzubieten“, sagt Bohnet. Sie hat sich bei verschiedenen Stellen informiert und Rat bei Veranstaltungen gesucht. Das Ergebnis: Ein Stellenangebot der regionalen Arbeitsagentur mit dem Zusatz, dass auch Bewerber mit Migrationshintergrund willkommen sind. Mehr nicht.

„Da hat sich kein Geflüchteter beworben, weil sie die Anzeigen nicht unbedingt selbst lesen. In dem Jahr haben wir dann eben niemanden eingestellt“, sagt sie, immer noch enttäuscht. „Da geht man zu Veranstaltungen, wo es heißt, wir brauchen Unternehmen, die Flüchtlinge ausbilden oder auch nur Praktika anbieten. Viele scheuen davor zurück, denn es sind eben nicht nur Fachkräfte, die in unser Land kommen. Es sind viele Leute, die nicht mal einen Schulabschluss haben. Dann bietet man eine Stelle an, aber es gibt so wenig Unterstützung zur Frage, wie man an Bewerber kommt oder was alles zu tun und zu beachten ist. Hier war ich über den Kontakt zu Frau Haas und Kausa sehr dankbar.“

Eine Stellenanzeige über die IHK hat zur Berufsausbildung geführt

Fürs neue Ausbildungsjahr hatte NetMarket die Suche dann intensiviert und die Stelle unter anderem bei der IHK gemeldet. „Wenn sie dort explizit auch für Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund ausgeschrieben ist, wissen die Willkommenslotsen sofort Bescheid“, erklärt Ausbildungsberaterin Haas. Gut für Ismael Keita. Als das Stellenangebot über die IHK beim Willkommenslotsen landete und für Haas greifbar war, hatte er mit Hilfe der Ausbildungsberaterin bereits seine Bewerbungsunterlagen fertig. Zunächst für ein Praktikum, das hoffentlich zu einem Ausbildungsplatz führen würde. „Das ist für uns inzwischen die Regel: Ganz am Anfang haben wir direkt in Ausbildung vermittelt. Dann hat sich oft herausgestellt, dass die Flüchtlinge sich überhaupt nichts unter dem Beruf vorstellen konnten, weil es den in der Heimat nicht oder in völlig anderer Form gab. Dadurch hatten wir wirklich viele Abbrüche“, sagt Haas.

Die Kollegen, das Unternehmen, der Job selbst: Für den jungen Guineer stimmt bei NetMarket alles.

Keita steht mit dem Lagerleiter Max Lieven und seinem Mit-Azubi zusammen. Die drei lachen, dann machen sich die beiden Azubis wieder auf die Suche nach Flyern, Stressherzen und den Dingen, die es laut Kommissionierschein sonst noch für die nächste Bestellung braucht. Zwischendurch fragt Keita, ob er noch fürs Gespräch mit Marion Haas und Sandra Bohnet gebraucht wird. Er wirkt fast erleichtert, als beide den Kopf schütteln. Schließlich hat er einiges vor: „Ich möchte noch Fachkraft für Lagerlogistik machen, aber wir haben dann besprochen, dass ich erst Fachlagerist mache“, hatte er zuvor erzählt. Die Ausbildung dauert nur zwei Jahre. „Die IHK hat sie uns empfohlen, weil sie ein bisschen einfacher und das Risiko, dass die Ausbildung am Sprachlichen scheitert, nicht so hoch ist“, ergänzt Bohnet. Wenn alles gut läuft, kann Keita noch ein Jahr draufsetzen und seinen Abschluss zur Fachkraft für Lagerlogistik machen.

Die Chancen dafür stehen gut: Nach ihren Erfahrungen mit Ismael Keita rät Sandra Bohnet anderen Unternehmen jedenfalls, die Bewerbersuche auf Flüchtlinge auszuweiten. „Sie sollten sich bewusst machen, dass es durchaus verborgenes Potenzial gibt, wenngleich ein Betrieb den möglichen Mehraufwand durch eine eigene Betreuung berücksichtigen muss. Aber wenn ansonsten die Stellen unbesetzt blieben und Aufträge dadurch nicht abgearbeitet werden, ist es möglicherweise eine Ergänzung der bisherigen Wege zur Personalgewinnung. Vielleicht haben andere Unternehmen ja auch Glück und finden einen motivierten Auszubildenden, der Interesse an seiner Arbeit zeigt und langfristig etwas tun möchte.“

Keita nickt. „Ich kann mir vorstellen, hier zu bleiben. Ich bin jetzt am Anfang, aber ich finde alles, genau, wie ich es mir wünsche. Ich fühle mich ziemlich gut.“

Mehr zu diesem Thema auf KOFA.de:

Diversity Management

Steigern Sie Ihre Arbeitgeberattraktivität durch Diversity Management. Nutzen Sie das Potenzial einer vielfältigen Belegschaft. mehr

Willkommenskultur

Mit einer gelebten Willkommenskultur werden Sie für Fachkräfte aus dem Ausland und mit Migrationshintergrund ein überaus attraktiver Arbeitgeber. mehr

Flüchtlinge

Geflüchtete sind eine interessante Zielgruppe für Unternehmen bei der Suche nach Fachkräften, da sie häufig schon eine Ausbildung oder Berufserfahrung besitzen. mehr

Qualifizierung für Flüchtling im Stahlbau

Warum nicht mal neue Wege gehen, dachte man sich bei der Firma Wurst Stahlbau, als ein nigerianischer Flüchtling um ein Praktikum bat. Inzwischen hat sie zwei nigerianische Flüchtlinge zu Schweißern ausgebildet. mehr

Flüchtlinge in Festanstellung

Wie Flüchtlinge bei Fachkräfteengpässen helfen können, kann man in Schleswig-Holstein beobachten: Bei Henning Dierk arbeiten zwei Syrer und ein Afghane auf Stellen, die teils Jahre unbesetzt waren. mehr

Flüchtlinge im Bäckereipraktikum

Die einen suchen Auszubildende, die anderen eine Zukunft. Über die Einstiegsqualifizierung der Bundesagentur für Arbeit haben die Bremer Backstube und drei Flüchtlinge in einem Praktikum zusammengefunden. mehr

Interview zur Integration in den Arbeitsmarkt

Die Zahl der Asylanträge in Deutschland ist im Jahr 2017 deutlich zurückgegangen. Für eine erfolgreiche Integration in Unternehmen müssen die Sprachangebote ausgeweitet und betriebliche Integrationshilfen gestärkt werden. Näheres dazu erklärt Svenja Jambo im Interview bei Phoenix. mehr

So integrieren Sie Flüchtlinge

Sie möchten Geflüchtete in Ihr Unternehmen integrieren und suchen nach Fördermöglichkeiten? Dieses videobasierte Informations-Angebot richtet sich an Personalverantwortliche. KOFA-Expertin Svenja Jambo informiert, wie Unternehmen von (staatlichen) Unterstützungsmöglichkeiten profitieren können. mehr

Webinar: Erfolgreiche Integration von Geflüchteten in den Betrieb

Sie überlegen, ob und wie Sie Geflüchtete in Ihrem Betrieb beschäftigen können? Dieses Webinar beantwortet Fragen rund um das Thema: "Erfolgreiche Integration von Geflüchteten in den Betrieb“. mehr

KOFA schult Willkommenslotsen

„Die zentrale Frage ist doch: Wie sag ich’s meinem Unternehmer?“ Mit diesem Satz brachte eine der Teilnehmerinnen das Ziel der ersten Willkommenslotsen-Schulungen auf den Punkt. Bis zu 150 Willkommenslotsen wird das BMWi über sein Programm „Passgenaue Besetzung“ für die Integration von Flüchtlingen in KMU finanzieren. Die Schulung des KOFA bereitet die Willkommenslotsen auf ihre Aufgabe vor. mehr

Inklusion in der dualen Berufsausbildung

Knapp ein Jahr nach der Auftaktveranstaltung fand die zweite KOFA-Veranstaltung zur Inklusion von Menschen mit Behinderung in der dualen Berufsausbildung statt. Nach der Vorstellung der zentralen Ergebnisse einer repräsentativen Unternehmensumfrage aus dem IW-Personalpanel und einem Praxisbeispiel, wurde in drei Workshops zu unterschiedlichen Themen diskutiert. mehr

Fachkräfte – unser wichtigster „Betriebsstoff“

Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) Ostthüringen und das KOFA wissen um die Fachkräfteengpässe, die viele KMU umtreiben. Neben dem demografischen Wandel stellen veränderte Lebensmodelle von Beschäftigten und neue Anforderungen der Generation Y Betriebe vor neue Herausforderungen. Gemeinsam zeigten die Veranstalter den Teilnehmern Handlungsoptionen auf. mehr

Ihre Meinung ist gefragt!

Nehmen Sie an unserer Umfrage teil und helfen Sie uns, unser Angebot für Sie noch besser zu machen. Alle Fragen lassen sich in max. 5 Minuten beantworten. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Jetzt teilnehmen