Praxisbeispiel: Unternehmernetzwerk qualifiziert Flüchtlinge

Praktika und Deutschkurse verkürzen die Wartezeit von Flüchtlingen

Abdulmajid Majidis Weg nach Deutschland dauerte sieben Jahre. Vier Jahre Warten im Iran und in der Türkei hatte der Afghane hinter sich, ehe er das nötige Geld und das Wissen zusammenhatte, das ihn ans ersehnte Ziel führte: Emmerich, eine Kleinstadt am Niederrhein. „In Afghanistan habe ich auf der Baustelle gearbeitet“, sagt der 21-Jährige. Doch der Krieg zwischen den Taliban und Amerika hat ihm das Weiterleben in seiner Heimat unmöglich gemacht. Seit einem Jahr ist Majidi jetzt in Emmerich und hat vor allem eines getan: Deutsch gelernt.

Doch seit ein paar Wochen trägt Abdulmajid Majidi neben seinen Kursunterlagen tagsüber auch Blaumann: Er macht ein Praktikum bei den Probat Werken, einem Hersteller von Kaffeeröstanlagen. Den Arbeitsweg und viele der Kollegen kennt er schon: Probatangestellte haben ihn und seinen Praktikumskollegen Omid Haidari, ebenfalls ein Flüchtling aus Afghanistan, in Deutsch unterrichtet. Iris Gerlach, eigentlich Teil des Marketing-Teams des Emmericher Unternehmens, ist ihre Lehrerin gewesen. „Sie hat uns gefragt, ob wir ein Praktikum machen möchten“, sagt Majidi und lächelt.

Branche: Maschinenbau | Standort: Emmerich (NRW) | Beschäftigte: 470 (Emmerich), 800 (weltweit)

Stand: 2016

Rasante Fortschritte in Deutsch und in der Werkstatt

In der Ausbildungswerkstatt steht eine Gruppe von jungen Männern an der Werkbank. Sie wollen Industriemechaniker werden, so wie Majidi. Er steht mittendrin und zeigt sein erstes selbst gefertigtes Teil: ein Tesa-Roller aus Metall. Gerade hat er noch die letzten Schliffe mit der Feile gemacht. „Ich habe einen Tag gebraucht“, sagt er zu Iris Gerlach, als sie zu der Gruppe stößt. „Andere brauchen eine Woche“, antwortet sie überrascht und stolz auf ihren Schüler zugleich.

„Abdulmajid hat sehr große Fortschritte gemacht, gerade durch die Zusammenarbeit mit den Azubis in den letzten Wochen“, sagt sie. Haidari, der in Afghanistan als Dolmetscher gearbeitet hat, sei ohnehin ein Sprachtalent. „Es war für uns eine Überraschung, wie gut die beiden Deutsch können. Ich stelle mir oft vor, ich müsste in einem Jahr Persisch lernen, also so schnell wie die beiden Deutsch gelernt haben“, sagt Julian Ingenhorst. Der 20-jährige Auszubildende zum Industriemechaniker kümmert sich besonders um die beiden Praktikanten, die in der Heimat und auf der Flucht zum Teil Unvorstellbares durchgemacht haben. „Es gibt so vieles, was man zurückbekommt: Man freundet sich an und lernt viel über ihre Kultur kennen. Und fachlich ist es, als würden sie ganz normal bei uns in der Fertigung arbeiten – es fluppt einfach.“

Wartezeit der Flüchtlinge sinnvoll nutzen

Majidi und Haidari durchlaufen, was Probat die zweite Säule seines Integrationskonzepts nennt. „Als der Flüchtlingsstrom im vergangenen Herbst immer größer wurde, haben wir uns gefragt: Was können wir als mittelständisches Unternehmen tun? Diese Frage hat unser Geschäftsführer Wim Abbing bei einem Unternehmertreffen in den Raum gestellt“, beschreibt Marketingchef Jan Molitor die Anfänge. Schon andere Unternehmensverbände hatten zu dieser Zeit Projekte für Flüchtlinge mit Betriebspraktika auf die Beine gestellt. Aus dem Engagement von Wim Abbing erwuchs die Unternehmensinitiative „Gemeinsame Integration“. Neben Probat gehören die Emmericher Unternehmen Deutsche Giessdraht, Convent Spedition, Kao Chemicals und Katjes Fassin dazu. Gemeinsam haben die Unternehmen überlegt, wie sie die oft lange Wartezeit während des Asylverfahrens nutzen können.

Schnell waren sie sich einig, dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist und Sprachkurse damit den Flüchtlingen wie den Unternehmen und der Gesellschaft insgesamt nutzen. Die zweite Säule sollten Praktika sein. „Das konnten wir nur anbieten, weil wir gleich am Anfang die Bundesagentur für Arbeit, den Bürgermeister und weitere Beteiligte an den Tisch geholt haben“, sagt Molitor. So konnten sich die Unternehmen direkt absichern, dass auf drei Monate befristete Praktika, die sie bei der Minijob-Zentrale anmelden, bei einer temporären Aufenthaltsgenehmigung der Flüchtlinge rechtlich erlaubt sind. „Die Stadt hat dann die Sprachschüler für unsere Kurse ausgewählt, die auch für ein Praktikum die Richtigen wären.“

Inzwischen ist es Nachmittag und die Werkshalle leert sich: Schichtende. Majidi schultert seinen Rucksack. Was er heute noch vorhabe? Fußballspielen, Fitnessstudio, vielleicht auch ein bisschen Youtube gucken – sein Deutschlernprogramm vor dem Sprachkurs mit Probat-Mitarbeitern. „Ich habe damit Deutsch lesen und schreiben gelernt.“ Heute läuft das neben dem Praktikum weiter. Vielleicht hilft es ihm auch bei seinem nächsten Ziel: „Mir gefällt hier bei Probat alles gut. Wenn ich Hilfe brauche, kann ich alle fragen und sie helfen mir. Ich würde gerne eine Ausbildung machen.“

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Kollege von Abdulmajid Majidi


Kurzinterview mit Jan Molitor, Leiter Marketing und Kommunikation

Herr Molitor, wie kommt Ihre Unternehmensinitiative in der Region an?
Wir stehen immer wieder im Austausch mit anderen Unternehmen und Verbänden, die mehr über unsere Initiative lernen wollen. Die Fragen sind oftmals die gleichen: Wie fange ich an? Welche Maßnahmen sind zielführend für beide Seiten? Wie löse ich den Bürokratieaufwand, der mit der Integration von Flüchtlingen in Unternehmen verbunden ist?

Und was ist dann Ihr Rat?
Manchmal muss man einfach mal ins kalte Wasser springen und starten. Wir neigen oftmals dazu, die möglichen Probleme im Vorfeld in den Vordergrund zu rücken. Grundsätzlich sollte sich jedes Unternehmen darüber informieren, ob die geplanten Vorhaben, wie z.B. Praktika, rechtlich in Ordnung sind. Ich würde daher empfehlen, sich an Initiativen und Netzwerke oder größere Unternehmen in der Region (oder die Bundesagentur für Arbeit, Anmerkung der Redaktion) zu wenden, die Erfahrung mit der Beschäftigung von Flüchtlingen haben. Dann ist Integration auch für den kleinen Handwerksbetrieb machbar.

Was haben Unternehmen davon, Flüchtlinge einzubinden?
Für die Unternehmen ist es eine gesellschaftliche Verpflichtung, sich in diese Thematik einzubringen. Darüber hinaus haben wir mit den Flüchtlingen in unserem Land eine Menge hochmotivierter Menschen, die aktuell sehr viel Zeit damit verbringen, einfach nur zu warten. Diese Zeit sollten wir gemeinsam sinnvoll nutzen. Und es ist auch ein Gewinn für die Unternehmen, denn gelebte Integration macht etwas mit uns: Der Kontakt zu den Flüchtlingen hilft, mögliche Barrieren abzubauen, aber auch, das ein oder andere Problem wieder richtig einzuordnen, wenn man sich mit ihnen über ihre Lebensgeschichten austauscht.

Informationsseite über das Netzwerk „Gemeinsame Integration“

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