Praxisbeispiel: Syrischer Kollege im Tierarzt-Praktikum

„Mit etwas Glück profitieren beide Seiten.“

Die Tierärztin Dr. Elisabeth Kellerwessel aus Köln hat einem Kollegen aus Syrien die Möglichkeit gegeben, zwei Wochen lang in ihrer Praxis mitzuarbeiten. Das Praktikum ist Bestandteil eines Integrationskurses. Das KOFA hat sie am Ende der zwei Wochen besucht, um zu erfahren, welche Erfahrungen die Tierärztin mit ihm macht.

Frau Kellerwessel, wie ist es zu dem Praktikum gekommen?
Der Kontakt kam über eine Kundin, die in der Flüchtlingshilfe engagiert ist. Sie hatte mich gefragt, ob ich einem syrischen Tierarzt Einblick in meinen Praxisalltag geben würde. Da habe ich sofort „Ja“ gesagt.

Ich persönlich finde es wichtig, Flüchtlingen eine Chance zur Integration zu geben. Herr Antar hat uns seine Bewerbungsunterlagen geschickt. Aus den Unterlagen war sofort ersichtlich, dass er gute Qualifikationen mitbringt. Ich habe ihn dann zu einem Treffen eingeladen. Wir haben uns gut verstanden und haben das Praktikum dann fix gemacht.

Wie haben Sie das zweiwöchige Praktikum erlebt?
Ich kann nur Positives berichten. Herr Antar hat sich sofort gut bei uns zurecht gefunden. Aufgrund seiner recht guten Deutschkenntnisse gibt es nur geringe Verständigungsprobleme. Er ist freundlich zu unseren Mitarbeitern und Kunden und unterstützt uns tatkräftig. Wir können wirklich froh sein, einen so qualifizierten Praktikanten zu haben.

Haben Sie die Praktikumszeit vorbereitet?
Es gab keine besondere Vorbereitung. Ich finde es wichtig, vorher abzufragen, mit welcher Zielsetzung ein Praktikant bei uns beginnt. Herr Antar macht sein Praktikum im Rahmen eines Integrationskurses. Er lernt also Deutsch und möchte seine berufsspezifischen Sprachkenntnisse verbessern. Außerdem findet er den medizintechnischen Standard in unserer Praxis interessant und möchte sich hier weiterbilden. Wir versuchen im Praxisalltag auf diese Bedürfnisse einzugehen.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass für Flüchtlinge das Gleiche gilt wie für alle anderen Praktikanten auch: Es ist wichtig, den Mitarbeitern Aufgaben zu übertragen, die Ihnen Spaß machen, die aber auch zum Arbeitsalltag in unserer Praxis gehören. Wenn die Grundstimmung gut ist, kommt alles andere von alleine. Dann bereichert man sich gegenseitig. Davon bin ich überzeugt.

Haben Sie Herrn Antar im Team besonders angekündigt?
Nein. In unserer Praxis arbeiten sehr häufig Praktikanten. Das Team ist es gewohnt, neue Mitarbeiter rasch zu integrieren. Ich habe im Vorfeld nur gesagt: „Herr Antar möchte unseren Arbeitsalltag kennenlernen. Er kommt aus Syrien und hat dort als Tierarzt gearbeitet.“ Für uns ist es nicht wichtig, ob jemand aus Deutschland, Europa oder aus einem anderen Teil der Welt kommt. Wichtig ist, dass er mitarbeiten möchte und menschlich zu uns passt.

Das Praktikum im Rahmen des Integrationskurses dauert nur zwei Wochen. Ist das aus Ihrer Sicht ein angemessener Zeitraum?
Ich glaube, dass kommt wieder darauf an, was mit dem Praktikum erreicht werde soll. Es gibt bestimmt junge Flüchtlinge, die erstmal in den deutschen Berufsalltag reinschnuppern möchten. Da reichen möglicherweise zwei Wochen.

Herr Antar hat Interesse daran, auch weiterhin den Kontakt zur Praxis zu halten. Das freut mich und wir haben vereinbart, dass er in Absprache an einzelnen Tagen vorbeikommt und bei uns in der Praxis hospitiert. Das Ganze hat eher einen informellen Charakter. Ich denke, für ihn ist es eine Chance, seine berufsbezogenen Sprachkenntnisse zu vertiefen, vertiefenden Einblick in den deutschen Arbeitsalltag zu erhalten und mit Kollegen im Austausch zu sein.

Haben Sie einen Rat an andere kleine und mittlere Betriebe, die von Flüchtlingen für ein Praktikum angefragt werden?
Erstmal würde ich raten, offen für solche Anfragen zu sein und es einfach auszuprobieren.
Gleichzeitig glaube ich, dass es wichtig ist, realistische Erwartungen zu haben. Ich mache auch mit deutschen Praktikanten ganz unterschiedlich gute und schlechte Erfahrungen – warum sollte das bei Flüchtlingen anders sein?

Es bringt aber auch nichts, immer nur die Probleme in den Vordergrund zu stellen. Ein zweiwöchiges Praktikum birgt für ein Unternehmen ja kein großes Risiko – und mit etwas Glück profitieren am Ende beide Seite davon.

Wir danken Frau Dr. Kellerwessel für das Gespräch

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Tipp

Sie wollen mehr über Praktika im Rahmen von Integrationskursen erfahren? Lesen Sie auch diesen Beitrag: Bericht aus der Sprachschule.

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