Flüchtling überzeugt durch Geschick

Albert Koch bildet jungen Afghanen zum Facharbeiter aus

Wenn es immer weniger junge Menschen im Land gibt, muss der Nachwuchs auch von außen kommen. So sieht das die Albert Koch Maschinen- und Vorrichtungsbau GmbH.

Branche: Maschinenbau | Standort: Baunatal (Hessen) | Beschäftigte: 68

Stand: 2015

Vor kurzem hat Morteza Djafari, 18 Jahre, hier seine Ausbildung zum Industriemechaniker begonnen. Der 18-Jährige ist als Kind mit seiner Familie aus Afghanistan in den Iran geflohen und vor drei Jahren weiter nach Deutschland. Er und Timo Rösler, Prokurist der Albert Koch GmbH, erzählen, wie er ins Unternehmen gefunden hat.

Herr Djafari, wie haben Sie die Albert Koch Maschinen- und Vorrichtungsbau GmbH kennengelernt?

Djafari: Vor drei Jahren bin ich in Deutschland angekommen. Ich habe hier meinen Hauptschulabschluss und dann den Realschulabschluss gemacht. Danach habe ich mehrere Bewerbungen an Unternehmen der Region verschickt, auch an die Albert Koch GmbH. Ich hatte auch schon Einstellungstests woanders – leider folgten aber nur Absagen. Bei Koch ist es dann mit einem Vorstellungsgespräch weitergegangen, und ich habe den Platz bekommen.

Welche Schulbildung haben Sie aus dem Iran mitgebracht?

Djafari: Ich bin bis zur fünften Klasse in die Schule gegangen. Dann habe ich in der Landwirtschaft gearbeitet. Doch die Lebenssituation für Ausländer ist im Iran nicht so gut. Zum Beispiel haben wir als Afghanen keine Papiere bekommen. Also habe ich mich zusammen mit meinem Cousin entschieden zu gehen. Wir waren drei Monate auf der Flucht: über die Türkei, Griechenland und Italien. Unser Ziel war Schweden – bis ich hier festgenommen wurde. Mein Cousin ist weiter nach Schweden und ich kam in ein Flüchtlingsheim, in dem ich bis kurz vor der Ausbildung gewohnt habe. Jetzt habe ich eine eigene Wohnung.

Wer oder was hat Ihnen dabei geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen – also zum Beispiel Asyl zu beantragen oder auch so gut Deutsch zu lernen?

Djafari: Mein Vormund hat mir sehr geholfen. Bei den Kontakten mit den Ämtern, aber auch dabei, wie in Deutschland Bewerbungen geschrieben werden.

Rösler: Herr Federici, ein pensionierter Geschäftsführer eines Wirtschafsunternehmens, hat auch uns in den ersten Monaten gut begleitet. Bei der Einstellung von Morteza gab es ein paar offene Fragen für unser Personalbüro: Ist sein Visum gültig, gibt es eine Arbeitserlaubnis, ist er sozial- und krankenversichert? Um die letzten beiden Punkte hat sich Morteza selbst gekümmert. Innerhalb von zwei, drei Wochen hatten wir dann auch schon alle nötigen Unterlagen zusammen.

Herr Djafari war sicher nicht der einzige Bewerber. Weshalb haben Sie sich für ihn entschieden?

Rösler: Wir laden eine Grobauswahl zum schriftlichen und praktischen Einstellungstest ein. Die besten fünf aus dieser Runde möchten wir im Vorstellungsgespräch näher kennenlernen. In Mortezas Fall haben wir beim schriftlichen Test ein Auge zugedrückt, weil wir wissen, dass nach drei Jahren in Deutschland die Sprachkenntnisse noch nicht so da sein können. Sein Fingerspitzengefühl und die Genauigkeit haben uns dafür umso mehr überzeugt. Der Job als Industriemechaniker erfordert nämlich genau diese Fähigkeiten. Außerdem haben wir ein gutes Gefühl dafür, wer in die Belegschaft passt: Morteza ist sehr höflich und zuvorkommend, was gut zu unserem Credo passt, dass wir hier ordentlich miteinander umgehen. Und schließlich möchten wir Morteza die Chance geben, weil wir uns vorstellen können, wie schwer es als Flüchtling ist, in einem fremden Land Fuß zu fassen.

Wie schwer ist es denn generell für Sie, Fachkräfte zu finden?

Rösler: Die Fachkräftesituation ist grundsätzlich schwierig. Von außen bekommen wir kaum Personal in der Qualität, die wir brauchen. Deshalb bilden wir selbst aus – seit fast 60 Jahren, in den vergangenen Jahren etwa zwei Azubis pro Jahrgang. Mit dem Ergebnis, dass mehr als 90 Prozent unserer Facharbeiter ihre Ausbildung hier durchlaufen haben. Wir haben zwar so gut wie null Fluktuation, aber es gibt neben dem natürlichen Wechsel immer mal wieder Mitarbeiter, die sich zum Beispiel für den Meister oder Techniker entscheiden. Das reißt bei uns Löcher, denn die Fachkräfte fehlen uns an den Maschinen. Bei Meistern und Technikern weist der Markt dagegen aktuell ein Überangebot auf.

Und wie haben Sie diese Löcher bisher zu füllen versucht?

Rösler: Auf der einen Seite haben wir die Facharbeiterproblematik. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die aus verschiedenen Gründen keinen Job bekommen. Die Integration dieser Menschen wird in Zukunft wichtiger denn je. Wir haben über Schulkooperationen mit Schwererziehbaren angefangen, damit sie zumindest in Berührung mit einem Beruf kommen. Mit Morteza haben wir jetzt einen Auszubildenden, der mit seinen Deutschkenntnissen und seinem Geschick Vorbildcharakter hat – vielleicht künftig auch für weitere Flüchtlinge, die bei uns in die Ausbildung gehen.

Herr Djafari, wie war denn der Ausbildungsstart als ein solches Vorbild für Sie?

Djafari: Anfangs gab es schon Blicke, so als wollten die Kollegen sagen „Ah, das ist der Neue“. Aber es hat nicht lang gedauert, bis ich sie kennengelernt habe.

Rösler: Ich denke, das ist wie bei jedem neuen Kollegen. Morteza ist nicht der erste Ausländer bei uns und auch nicht der erste Flüchtling, den die Kollegen gesehen haben. Wir haben aber seinen Ausbilder vorbereitet. Er kennt beispielsweise die Fluchtgeschichte von Morteza und die Gründe für seine Flucht.

Die Flucht, die Trennung von der Familie, ganz von vorn in einem fremden Land zu starten: Wie kommen Sie mit Ihrer Situation zurecht, Herr Djafari?

Djafari: Am Anfang war es sehr schwierig. Da war immer der Gedanke „Was macht meine Familie, geht es ihnen gut?“ Doch im Flüchtlingsheim gab es viele andere Jugendliche. Ihre Geschichte ist zwar immer wieder eine andere, aber unsere Situation war ähnlich. Wir haben viel darüber gesprochen. Das hat mir geholfen. Heute habe ich viele Freunde, mit denen ich mich treffe – aus meinem Land, aber auch Deutsche. Wir spielen Fußball, manchmal trainiere ich im Fitnessstudio. Das alles macht mein Leben normal.

Herr Rösler, bieten Sie Herrn Djafari als Arbeitgeber spezielle Unterstützung an?

Rösler: Bislang war das noch nicht notwendig, denn es gibt keine Probleme, auch keine Missverständnisse wegen der Sprache. Wenn mal fremde Begriffe auftauchen, erklären die Kollegen sie direkt. Aber natürlich wird es – wie bei jeder Neuerung – Fragezeichen geben. Das lassen wir auf uns zukommen. Und wenn es mal Hürden gibt, werden wir diese bewältigen.

Was würden Sie anderen Unternehmen raten: Lohnt es sich, Flüchtlinge auszubilden?

Rösler: Auf jeden Fall sollten Firmen diesen Weg gehen. Er wird uns voranbringen beim Thema Integration und bei dem Problem, Facharbeiterstellen zu besetzen. Wir können nicht immer nur nehmen, wir müssen auch geben: Wenn wir keine fertigen Leute bekommen, müssen wir sie ausbilden. Wir haben den Anspruch, sie so gut auszubilden, dass sie beruflich Fuß fassen können – ob bei uns oder später vielleicht einmal in Afghanistan. Auch wenn wir natürlich hoffen, dass sich die Ausbildung für uns mit einem guten Facharbeiter bezahlt macht.

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