Praxisbeispiel: Ehemals Arbeitslose in der Produktion

Schon morgens um acht donnern Lkws durch die Hühndorfer Höhe in Wilsdruff, eine Straße dicht umsäumt von Industriebetrieben inmitten von Feldern. Quer über den Acker nehmen Baumaschinen ihre Arbeit auf. Eine neue Werkshalle entsteht.

Das kleine Industriegebiet in der Sächsischen Schweiz boomt. Auch das IT-Unternehmen ads-tec GmbH (Automation, Daten- und Systemtechnik) aus Baden-Württemberg hat hier 2009 gebaut. „Am Stammsitz in der Nähe von Stuttgart ist es nicht einfach für eine solche Halle Platz zu bekommen“, erklärt Werner Reinhuber, Prokurist der Tochtergesellschaft in Sachsen. Gefördert wurde der Neubau mit EU-Geldern über die sächsische Aufbaubank zur Ansiedlung von Unternehmen. Ausschlaggebend waren für die Firma aber andere Gründe, sich gerade hier anzusiedeln. Zu diesen Gründen gehören Menschen wie David Sattler.

Branche: Industrial IT & Energy Storage | Standort: Nürtingen (Baden-Württemberg) | Beschäftigte: 240

Stand: 2016

ads-tec hat seine Produktion in die Sächsische Schweiz ausgelagert – und hier ehemals Arbeitslosen eine Chance gegeben

David Sattler ist 32 Jahre alt. Er ist in der Region aufgewachsen, hier zur Schule gegangen, hat eine Lehre als Teilezurichter gemacht – und dann war er arbeitslos. Die Welt feierte damals ein neues Millennium. Aber der Aufbruch in eine neue Zeit schien für die Jugendlichen in Wilsdruff auszufallen. „Zehn Monate habe ich versucht, einen Job zu bekommen“, erzählt Sattler. „Dann habe ich bei Maßnahmen des Arbeitsamtes und Sozialprojekten mitgemacht. Schließlich hat mich Werner Reinhuber gefragt, ob ich „irgendwas mit Computern“ machen wolle – da habe ich „Ja“ gesagt.“ Das war im Jahr 2004. Die Arbeitslosigkeit in Sachsen lag bei 17,8 Prozent.

Als David Sattler und Werner Reinhuber vor zwölf Jahren zusammentrafen, war Reinhuber Geschäftsführer der Stiftung „Arbeit und Leben“, die sich zum Ziel setzt, christliche Werte und demokratische Fähigkeiten zu fördern. Gleichzeitig war er ein enger Freund der Unternehmensführung der ads-tec, einem westdeutschen, stark wachsenden Familienbetrieb für Spezialcomputer. „Uns ging es zu dieser Zeit darum, perspektivlosen Jugendlichen in Ostdeutschland eine Chance zu geben“, erzählt Reinhuber. Und so entstand zwischen dem Unternehmen und der Stiftung ein gemeinsamer Plan: ads-tec würde einen Teil seiner Produktion von Baden-Württemberg in die Sächsische Schweiz auslagern – die Stiftung würde die arbeitslosen Jugendlichen dabei unterstützen, sich nach der Arbeitslosigkeit wieder in einem normalen Arbeitsalltag zurechtzufinden.

Aus zehn Mitarbeitern werden vierzig

Es war ein Versuch mit offenem Ausgang. Das Ziel: Nach zwei Jahren sollte sich die Produktion am neuen Standort auch wirtschaftlich tragen. Andernfalls würde sie eingestellt.

Die ads-tec mietete eine Etage in einem alten Bürogebäude. Und so kamen David Sattler und zehn andere überwiegend junge Menschen aus der Region in das Unternehmen. Ihre Aufgabe: Computer-Gehäuse verschrauben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Stammbelegschaft zogen vorübergehend nach Wilsdruff und lernten die Jugendlichen an. Am Anfang montierte das Team vielleicht fünfzig Geräte in der Woche. Ein paar Monate später hatte sich die Produktion vervielfacht. Nach zwei Jahren waren aus den zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bereits vierzig geworden. Ein Großteil kam aus der Arbeitslosigkeit und aus berufsfördernden Qualifizierungs-Maßnahmen der Stiftung „Arbeit und Leben“.

Ein wachsender Produktionsstandort

Für ads-tec hat sich die Verlagerung des Standorts und das Vertrauen in die elf jungen Männer ohne einschlägige Berufserfahrung wirtschaftlich gelohnt. Die fünf Millionen teure Werkshalle beherbergt heute Produktion, Lager und Service. Sechs von den elf Jugendlichen, die zum Gründungsteam gehörten, arbeiten auch zwölf Jahre später noch im Unternehmen – so wie David Sattler.

„Wenn wir bei Betriebsfesten zusammensitzen, sprechen wir häufig darüber, wie wir angefangen haben“, erzählt Sattler. Die „Pionierzeit“ des Unternehmens ist Teil der gemeinsamen Identität. Die enge Beziehung zur Stiftung „Arbeit und Leben“ besteht fort. Inzwischen stammen ca. 35 Prozent der Belegschaft aus der Arbeitslosigkeit.

Heute geht es um ältere Arbeitslose

Trotzdem hat sich vieles verändert: „Damals hatten wir es vor allem mit Jugendarbeitslosigkeit zu tun. Wenn wir jetzt Arbeitslose einstellen, sind es eher Ältere, deren Betriebe insolvent gegangen sind“, erklärt Andreas Erhardt, seit 2008 Geschäftsführer der ads-tec Dresden am Produktionsstandort Wilsdruff.

Erhardt bekennt sich zu der Tradition des Unternehmens. Als „Sozialbetrieb“ will er trotzdem nicht wahrgenommen werden. „Vor kurzem haben wir einen neuen Mitarbeiter für die Qualitätsprüfung gesucht. Da setzen wir dann schon bestimmte Qualifikationen voraus“, erklärt Erhardt. „Das kann dann jemand sein, der zuvor arbeitslos war – oder aber nicht.“ Wer Langzeitarbeitslosen oder Menschen mit einer Behinderung einstellt, kann unter bestimmten Umständen auch Fördergelder von der Agentur für Arbeit bzw. dem Jobcenter erhalten. Für ads-tec spielt das bei der Auswahl neuer Mitarbeiter aber nicht die entscheidende Rolle.  „Wir beschäftigen Menschen nur dann, wenn wir auch wirklich langfristig mit ihnen zusammenarbeiten wollen“, erklärt Erhardt. „Fördergelder alleine sind für uns kein Grund, jemanden in den Betrieb zu holen.“

Ein starker Sozialpartner ist wichtig

Ohne die Kooperation mit der Stiftung Leben und Arbeit hätte das Modell in Wilsdruff kaum funktioniert. „In einem Fall haben Stiftungsmitarbeiter einen unserer Angestellten zuhause abgeholt, um ihn zu einer Qualifizierungsmaßnahme zu fahren“, erzählt Erhardt. „Wir alleine hätten das nicht leisten können – dafür braucht man einen starken Sozialpartner.“

Und auch die Belegschaft sei immer wieder gefordert. Schließlich seien es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Neue geduldig anlernten – auch wenn diese aufgrund von langer Arbeitslosigkeit nicht auf dem neuesten Stand seien oder sie andere soziale Probleme hätten. Die meisten Mitarbeiter in der Produktion lernen ihren Job im Austausch mit dem Team – nur etwa ein Drittel der Gesamtbelegschaft hat eine abgeschlossene Ausbildung.

„Unsere Personalpolitik fordert einen hohen emotionalen Einsatz“, meint Erhardt. „Aber ich persönlich bin daran gewachsen. Und es macht mich stolz, wie einige unserer Mitarbeiter sich hier entwickeln.“

Ausbildung als Elektroanlagenmonteur

David Sattler ist dafür ein gutes Beispiel. Mit 20 Jahren hat er für ads-tec als „Schrauber“ angefangen. Mittlerweile hat er eine zweite Ausbildung als Elektroanlagenmonteur abgeschlossen und leitet selbst ein Team von mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Kürzlich ist er Vater geworden und hat in der Nähe des Betriebes ein Haus gebaut. „Für mich war es ein Glücksfall, dass mir jemand eine Chance gegeben hat, als ich arbeitslos war“, sagt er heute. „Einen Plan B hatte ich nicht.“

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