Eine Chance für beide Seiten

Henning Dierk integriert Flüchtlinge und gewinnt lang gesuchte Fachkräfte

Bei der Metallbaufirma Henning Dierk haben drei Flüchtlinge eine Festanstellung gefunden. Ihre Integration macht sich laut Geschäftsführer Jens Norden bezahlt: Er hat motivierte und qualifizierte Fachkräfte gewonnen, die schon Vorbilder für die Stammbelegschaft sind.

Branche: Metallbau | Standort: Wattenbek (Schleswig-Holstein) | Beschäftigte: 62

Stand: 2015

Durch die Werkhallenfenster leuchtet bereits das Blau der Abenddämmerung, als Arjan Mahmoud Teile neben seiner Werkbank sortiert. Der nächste Arbeitsauftrag wartet auf den 29-jährigen Flüchtling aus Syrien. „Ich muss meinen Arbeitsplatz aufräumen und dann Edelstahlkästen schweißen.“ Er liest die Zeichnung. „Zuerst muss ich die Teile zusammenschrauben.“ Fertig geschweißt, werden die Kästen als Sockel für ein Gehäuse dienen. Von denen werden beim Metallbauer Henning Dierk im schleswig-holsteinischen Wattenbek zurzeit mehr nachgefragt, als Jens Nordens Mannschaft bewältigen kann. „Aktuell fehlen in der Zerspanung zwei und in der Schlosserei vier Mitarbeiter“, sagt der Geschäftsführer.

Fachkräftemangel ist immer wieder ein Thema im rund 100 Kilometer nördlich von Hamburg gelegenen Betrieb. Im Vergleich zur Metropolregion wirken ländliche Gebiete für Arbeitnehmer weniger attraktiv. „Ich habe sechs Jahre lang einen Industrielackierer gesucht“, nennt Norden ein Beispiel. Inzwischen hat er ihn gefunden: Jamshid Zandi, 27 Jahre, geflohen aus Afghanistan. Seine Eltern waren mit ihm und seinem jüngeren Bruder zunächst in den Iran geflohen. Doch hier waren die Arbeitsaussichten schlecht, und die Eltern beschlossen, ihre Söhne nach Deutschland zu schicken. Mit Schleppern sind sie über die klassische Balkanroute gekommen – zuerst nach Hamburg, dann weiter nach Kiel. Zandis Bruder durfte hier die Schule besuchen, er selbst war laut Ämtern dafür zu alt. So kam er in ein Asylbewerberheim in Bad Oldesloe. „Zum Nichtstun verdammt“, beschreibt Norden die Situation, in der er Zandi über eine Hilfsorganisation kennengelernt hat.

Flüchtlinge sind eine Bereicherung

Was dann folgte, waren etliche Schriftwechsel mit jeweils zuständigen Ämtern, um erstens nachzuweisen, dass sich seit Jahren kein deutscher Bewerber für die Industrielackierer-Stelle gefunden hat, und Zandi zweitens die passende Qualifikation mitbringt. Drittens, um Zandis Versetzung aus dem Heim in Bad Oldesloe nach Rendsburg genehmigen zu lassen und damit die Anfahrt zu Henning Dierk deutlich zu verkürzen. Zwischendurch drohte dem jungen Mann gar die Abschiebung. Nach einem Härtefallverfahren durfte er bleiben.

Heute möchte Jens Norden den Afghanen nicht mehr in seiner Belegschaft missen, genauso wenig wie den Syrer Mahmoud und seinen Landsmann Basel Al Aziz. „Für mich ist es eine große Bereicherung, dass die drei hier arbeiten. Die Menschen sind dankbar, dass sie eine Perspektive haben, und andersherum gibt es fachlich wie menschlich absolut nichts an ihnen auszusetzen.“

Um herauszufinden, was mögliche künftige Mitarbeiter können, hält Norden sich nicht lange mit Zeugnissen auf. „Ich suche nicht jemanden, der auf dem Papier stehen hat, dass er Schweißer ist. Ich suche vielmehr Konstruktionsmechaniker.“ Er legt ein Blatt mit vielen Linien, Pfeilen, Winkeln und Zahlen auf den Tisch, dazu fünf Teile aus Blech in fünf ziemlich unterschiedlichen Formen. „Das ist die Aufgabe, die ich Bewerbern zu Beginn des Vorstellungsgesprächs gerne stelle.“ Auch Arjan Mahmoud hatte sich bei Henning Dierk um ein Vorstellungsgespräch beworben. Die Teile für die Münzschütte eines Parkhausautomaten hat der gelernte Autolackierer mit Hilfe der Zeichnung schnell richtig zusammengesetzt. „Was wir sonst noch an Fertigkeiten brauchen, können wir ihm hier super beibringen“, war sich Norden sicher. Damit hatte Mahmoud die Festanstellung als Schweißer, nach der er so lange gesucht hatte: „Ich habe über die Bundesagentur für Arbeit hier Schweißer gelernt und schon einige Vorstellungsgespräche gehabt. Die meisten sagten, dass mir die Berufserfahrung fehlt.“

Jens Norden, Geschäftsführer

Als Arbeitgeber lohnt es sich, neugierig zu sein und sich auf etwas Neues einzulassen. Dafür gewinnt man Mitarbeiter, die eine große Bereicherung sind.

Berufsbegleitende Deutschkurse fehlen

Dann verabschiedet sich der 29-Jährige: „Ich muss weiterarbeiten.“ So zufrieden sein Chef mit ihm ist – Mahmoud selbst ist es nicht. „Ich muss noch viel lernen“, sagt er, zurück an der Werkbank. Als Schweißer, aber auch in der Sprache. Nur als sein Kollege, Ismal Öner, vorbeikommt, unterbricht er die Arbeit kurz: „Ihn frage ich immer, wenn ich nicht weiter weiß, und wir fahren auch zusammen zur Arbeit.“ Fragen könne man ansonsten aber jeden hier. „Ich war sehr erleichtert, dass hier wirklich alle hilfsbereit sind.“ Dabei sei sein Deutsch noch lange nicht perfekt. Mahmoud ist sieben Monate im Unternehmen und seit rund fünf Jahren in Deutschland. Vor einem Jahr, als er sich bei Norden vorgestellt hatte, war sein Deutsch laut Norden schon sehr gut – dank Sprachkursen, aber auch, weil er viel deutsches Fernsehen gesehen hatte.

Eine Etage höher, in Nordens Büro, sieht Hannelore Franz sich mit Basel Al Aziz einen Zettel an. Darauf stehen in Handschrift Wörter wie „Zollstock“, „Schweißmaschine“ oder „Edelstahl“, rechts daneben in arabischer Schrift die Übersetzung. Geschrieben hat ihn Mahmoud, da das Deutsch des 33-jährigen Al Aziz noch nicht so gut ist. Franz war bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin und ist die Schwiegermutter von Jens Norden. Al Aziz‘ Flucht hat ihn vor einigen Monaten in das Dorf bei Kiel geführt, in dem sie lebt und sich für Flüchtlinge engagiert. Sie gibt dem jungen Syrer Deutschunterricht. Geübt wird, wo es gerade hakt: „Wenn ich merke, die Konjugation ist schwierig oder die Unregelmäßigkeiten in der deutschen Sprache, dann arbeiten wir daran. Leider wird hier ja nichts Berufsbegleitendes angeboten. Ohne funktioniert es aber nicht.“ Wie wichtig berufsbegleitende Deutschkurse wären, hat ihr Schwiegersohn auch schon auf einer Pressekonferenz mit Vertretern des Landesministeriums für Arbeit und der Arbeitsagentur betont.

Engagement für Asylbewerber macht sich durch ihr Geschick bezahlt

„Ich versuche es mit jedem. Wichtig sind nur die Deutschkenntnisse. Solange sich die Frühstücks- und die Mittagspausengrüppchen nur nach dem Alter sortieren, ist alles in Ordnung. Was ich hier nicht möchte, sind ethnische Gruppen. Die Belegschaft muss miteinander funktionieren, und Akzeptanz kommt über Kommunikation. Schon deshalb müssen die Leute Deutsch können“, sagt Norden. Die Ausnahme sitzt neben ihm. „Basel ist ausgesprochen geschickt.“ So geschickt, dass die anfängliche Skepsis der Vorarbeiter nach wenigen Tagen verflogen war und er eine Festanstellung bekommen hat – mit der Auflage, schnell Deutsch zu lernen. Sein Kollege Jamshid Zandi spricht wie Arjan Mahmoud gut Deutsch. Zandi hat einen der Sprachkurse „en bloc“ gemacht, wie Norden sagt. Den Rest habe er über seinen Bruder gelernt. Im Übrigen sei er ein hochintelligenter Mensch, „gefürchtet im Bad Oldesloer Schachclub“.

Mit seinen Erfahrungen würde Jens Norden jederzeit weitere Asylsuchende einstellen. „Die Ausländerbehörden wissen, dass ich bereit wäre, Flüchtlinge aufzunehmen.“ Bis jetzt kam nichts. Auch über die Arbeitsagenturen habe es noch keine Vermittlungen gegeben. „Die Behörden sind überlastet“, vermutet der Geschäftsführer. Die Regeln und Vorgaben änderten sich zurzeit schließlich ständig. Doch so zäh es zurzeit noch ist, sich als Arbeitgeber durch die Zuständigkeiten und nötigen Anträge bei den Ämtern zu arbeiten: „Es lohnt sich, neugierig, mutig zu sein und sich auf etwas Neues einzulassen. Man gewinnt dadurch wirklich sehr gute, qualifizierte Mitarbeiter, deren Motivation sich die Stammbelegschaft gerne als Vorbild nehmen kann.“

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