Inklusiv ausbilden – wie Berufsbildungswerke KMU unterstützen können

Experteninterview mit Joachim Trabold

Joachim Trabold (56), Betriebswirt, beschäftigt sich seit über dreißig mit der Integration behinderter Jugendlicher in den Arbeitsmarkt. Heute ist Trabold Prokurist und Mitglied der Geschäftsleitung des SRH-Berufsbildungswerks Neckargemünd. Er leitet dort u.a. den Bereich „duale Ausbildung“. Angeschlossen an diesen Bereich ist eine hauseigene, private, staatlich anerkannte Berufsschule.

Herr Trabold, der Begriff „Berufsbildungswerk“ ist vielen Menschen nicht geläufig – was leistet das Berufsbildungswerk Neckargemünd?

Trabold: Unsere Hauptaufgabe liegt derzeit immer noch in der außerbetrieblichen Ausbildung junger Menschen mit Handicap – dabei bieten wir aktuell mehr als vierzig Ausbildungsberufe an. Darüber hinaus können Schulabgänger mit einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung bei uns unterschiedliche berufsvorbereitende Leistungen erhalten. Wir unterstützen unsere Absolventen außerdem bei der Integration in den Arbeitsmarkt und stehen auch Unternehmen bei Fragen zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung beratend zur Seite.

In Ihrer Berufskarriere haben Sie jede Menge Erfahrung bei der Ausbildung junger Menschen mit Behinderung gesammelt – was können KMU von Ihrer Arbeit im Berufsbildungswerk lernen?

Trabold: Zunächst sollten sich Unternehmen bewusst machen, dass es nicht „den Menschen mit Behinderung“ gibt. „Behinderung“ ist ein extrem heterogenes Phänomen. Es ist etwas völlig anderes, ob ich jemanden ausbilde, der im Rollstuhl sitzt, blind ist, eine Form von Autismus hat oder unter Depressionen leidet. Ich kann Unternehmen deshalb keine allgemeingültigen Ratschläge geben – aber wenn Unternehmen mit einer konkreten Frage auf unser Berufsbildungswerk zukommen, können wir gezielt individuell unterstützen.

Und das gehört wirklich zu Ihren Aufgaben?

Trabold: Aber ja. Früher gab es die Vorstellung: Wir machen bei uns die Jugendlichen fit für den Arbeitsmarkt – und was dann passiert, liegt nicht mehr in unserem Aufgabenbereich. Heute verstehen wir unser Bildungsunternehmen als Brücke zwischen unseren Klienten und der Arbeitswelt. Wir bereiten und begleiten Inklusion. Das bedeutet, dass wir Kontakt zwischen Unternehmen und Jugendlichen vermitteln, dass wir den Betrieben helfen, sich richtig auf den neuen Mitarbeiter einzustellen und wenn Unternehmen das wünschen, beraten wir Sie auch noch während der Ausbildung.

Warum brauchen KMU Ihrer Meinung nach einen Partner wie Sie?

Trabold: Viele Unternehmen, die händeringend nach Auszubildenden suchen, klagen darüber, dass Menschen mit Behinderung sich gar nicht erst bei ihnen bewerben. Wissenschaftliche Studien belegen diese Erfahrung – Jugendliche mit einer Beeinträchtigung und KMU kommen zurzeit leider kaum zusammen.

Meiner Meinung nach brauchen KMU jemanden, der Kontakte zu geeigneten Jugendlichen herstellt. Und da kommen wir ins Spiel: Wir betreuen in unserem Berufsbildungswerk 800 Jugendliche. Dabei mangelt es uns nie an Bewerbungen von jungen Menschen mit Handicap. Ganz im Gegenteil. Wir haben jedes Jahr mehr Bewerber als Plätze. Selbstverständlich kommen nicht alle Bewerber sofort für eine betriebliche Ausbildung in Frage, sonst würden sie ja nicht in einem Berufsbildungswerk angemeldet werden. Ziel ist es aber immer, durch möglichst hohe Praxisanteile, auch während einer außerbetrieblichen Ausbildung, den Kontakt zu den Unternehmen nicht zu verlieren und auf eine möglichst zügige Integration hinzuarbeiten.

Darüber hinaus nehmen ca. drei Viertel unserer Klienten vor Ausbildungsbeginn, eine qualifizierte Berufsvorbereitung in Anspruch – das heißt, diese Jugendlichen möchten evtl. gerne eine betriebliche Ausbildung machen, verfügen aber noch nicht über die notwendige Ausbildungsreife. Wir können hier ein gezieltes Matching anbieten und dabei helfen, dass eine möglichst sinnvolle individuelle Lösung gefunden wird, im optimalen Fall, der Übergang in eine betriebliche Ausbildung gelingt.

Können Sie Unternehmen weitere Hilfestellung anbieten?

Trabold: Nehmen wir an, ein Unternehmen rekrutiert über uns einen Jugendlichen – dann kennen wir den jungen Mann oder die junge Frau ja schon einige Zeit. Wir können genau beraten, wie ein Arbeitsplatz beschaffen sein muss, damit diese Person die erwartete Arbeitsleistung abliefern kann. Wir wissen, welche technischen Hilfsmittel der neue Azubi braucht, welche rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden müssen, welche Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten es gibt – ich glaube, dass es für Unternehmen extrem hilfreich ist, einen festen Partner zu haben, der diese Informationen aus einer Hand liefern kann, statt sich bei verschiedenen Institutionen sämtliche Informationen beschaffen zu müssen.

Ist es für Unternehmen wichtig, sich auf Auszubildende mit einem Handicap besonders vorzubereiten?

Trabold: Das ist ausgesprochen wichtig. Wer im Vorfeld adäquate Arbeitsbedingungen schafft, kann das Abbruchrisiko signifikant verringern.

Vor ein paar Jahren dachte man beim Begriff „barrierefrei“ ja vor allem an die Möglichkeit, sich mit dem Rollstuhl frei bewegen zu können – Barrierefreiheit schien vor allem eine Frage der Architektur zu sein. Heute fassen wir den Begriff viel weiter: Was bedeutet barrierefrei für einen Gehörlosen? Welche Barrieren müssen für einen Menschen mit einer psychischen Erkrankung fallen, damit er arbeitsfähig ist? – Wer Menschen mit Behinderung einstellt, sollte die individuellen Bedürfnisse seines neuen Mitarbeiters kennen und darauf eingehen.

Nehmen wir als Beispiel einen Jugendlichen mit Autismus. Der braucht je nach Ausprägung der Erkrankung ein reizarmes Arbeitsumfeld und einen festen Ansprechpartner, am besten mit entsprechenden Kenntnissen. Wenn das der ausbildende Betrieb nicht gewährleisten kann, ist dieser Jugendliche möglicherweise nicht der richtige Kandidat für sein Unternehmen.

Ein Unternehmen ist ja immer auch ein sozialer Ort. Wie wichtig ist die Einstellung der Mitarbeiter zu dem Thema Inklusion?

Trabold: Da sprechen Sie etwas ganz Entscheidendes an – wenn das Team nicht bereit ist, den Jugendlichen mit Handicap aufzunehmen und zu unterstützen, dann gibt es Probleme. Da kann der Wille der Geschäftsführung oder der Personalleitung noch so groß sein. Deshalb ist es ganz wichtig, das Team frühzeitig mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass das Unternehmen sich bewusst neuen Bewerbergruppen öffnet. Unserer Erfahrung nach hilft es, die Qualifikation der neuen Auszubildenden bei der Kommunikation mit den Mitarbeitern in den Vordergrund zu stellen und nicht nur seine Defizite zu betonen. Eine offene Kommunikation unter allen, gerade zu Beginn der Aufnahme einer Tätigkeit, stellt die Weichen für das weitere Gelingen. Auch hier ist es ratsam, wenn sich das Unternehmen erfahrene Partner mit ins Boot holt.

Wie beurteilen Sie den Stand der Inklusion in KMU?

Trabold: Ich bin seit drei Jahrzehnten in diesem Bereich tätig und beobachte da tatsächlich einen Paradigmenwechsel. Früher haben Unternehmen sich vor allem aus sozialen Gründen engagiert und Menschen mit einer Behinderung ausgebildet. In Zeiten von Fachkräfteengpässen sehen Geschäftsführer nun in erster Linie die Potenziale, die Menschen mit Behinderung für ihr Unternehmen mitbringen und weniger, die im Einzelfall mit dem jeweiligen Handicap verbunden Einschränkungen. Aber natürlich gibt es noch viel zu tun, um die Inklusion auch im Arbeitsleben großflächig umzusetzen.

Ich sehe da allerdings eine positive Tendenz. Im Austausch mit Wirtschaftsverbänden erlebe ich eine große Offenheit. Im Idealfall ergeben sich in Zukunft immer häufiger Win-win-Situationen. Betriebe finden gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. Auszubildende – und junge Menschen starten erfolgreich ihre Berufskarriere. Interessanterweise ist das gesamte Thema Ausbildung von jungen Menschen mit Handicap nicht nur ein sozialpolitisches Thema, sondern wird zunehmend auch ein Thema der Wirtschaftspolitik.

Wir danken Herrn Trabold für das Gespräch.

zur Webseite des Berufsbildungswerkes Neckargemünd GmbH

Tipp: Sie interessieren sich für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung in KMU? - Dann empfehlen wir Ihnen das Video "D.LaPorte: So geht Inklusion".

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