Was bedeutet Führung 4.0 für KMU?

Ein Experteninterview mit Dr. Armin Trost

Dr. Armin Trost ist Professor für Personalmanagement an der Business School der Hochschule Furtwangen. In seiner Forschung und seinen Vorträgen beschäftigt er sich mit den Herausforderungen, die Unternehmen in Zeiten von Digitalisierung, Fachkräftemangel und Wissensökonomie meistern müssen. Er ist überzeugt davon: auch für KMU beginnt Führung 4.0 heute.

Überall liest man von „Führung 4.0“ – von einem neuen vernetzten Führungsstil in der digitalen Arbeitswelt. Müssen sich KMU mit diesem Thema wirklich heute schon befassen?

Trost: Absolut. Ich gehe davon aus, dass sich die Arbeitswelt in den nächsten zehn Jahren komplett verändert. Die digitale Transformation ist in vollem Gange – sie kommt quasi über uns. Dieser Entwicklung muss sich jeder Geschäftsführer stellen.

Bei der digitalen Transformation denken viele zuerst an technische Ausstattung, an eine Vernetzung der Produktion – warum betrifft das auch unseren Führungsstil?

Trost: Es gibt einen schönen Satz der heißt: Vernetzte Produkte brauchen vernetzte Organisationen. In der Praxis lässt sich das auch sehr schön beobachten – zum Beispiel, wenn wir die Arbeitsweise von Software-Unternehmen im Silicon Valley analysieren, die in der Digitalisierung schon sehr weit sind.

Diese Unternehmen beziehen ihre Kunden bei der Produktentwicklung sehr frühzeitig ein. Sie gehen schon in der Entwicklungsphase mit einem Prototyp auf die Kunden zu und holen sich Feedback – und dieses Feedback setzen die zuständigen Entwickler direkt um.

Diese Arbeitsweise ist den meisten KMU in Deutschland völlig fremd. Bei uns wird langfristiger und statischer geplant. Wir haben aufwendige Berichtswege nach Oben und die Chef-Etage entscheidet, welche Änderungen umgesetzt werden. Diese hierarchische Arbeitsweise macht Unternehmen unglaublich langsam – und wer kann sich das in einer vernetzten Welt noch leisten?

Welche Rolle werden Führungskräfte in Zukunft übernehmen?

Trost: Führungskräfte müssen eine Gesamtvision haben und diese an die Mitarbeiter vermitteln. Sie moderieren zwischen den unterschiedlichen Akteuren und haben eine Art Coaching-Rolle. Sie lösen nicht mehr alle Probleme und treffen alle Entscheidungen – das funktioniert in der modernen Arbeitswelt nicht mehr.

Führungskräfte müssen ihrem Team plötzlich ganz anders vertrauen. Sie müssen ihren Mitarbeitern zugestehen, dass sie näher am Kunden sind und möglicherweise das bessere Knowhow haben.

Führung 4.0 bedeutet Verantwortung abzugeben und durch Fragen zu leiten: Was will der Kunde? Was sind die besten Optionen? Welche Konsequenzen folgen daraus? – Eine gute Führungskraft unterstützt seine Mitarbeiter, in einer schnelllebigen Welt die richtigen Entscheidungen zu treffen.

„Coach“ statt „Chef“ – welchen Anreiz hat der Nachwuchs eine solche Position einzunehmen?

Trost: Macht und Status werden in Zukunft nicht mehr die zentralen Anreize sein. Ich denke, bei der neuen Führungsgeneration geht es vor allem um den Willen, größere Räder zu drehen, unterschiedliche Akteure zu vernetzen und den Überblick zu bewahren.

Um diese Aufgaben auszufüllen, müssen Führungskräfte auch andere Kompetenzen mitbringen. Durchsetzungsstärke ist weniger gefragt als die Fähigkeit zu kooperieren. Und da ist die jüngere Generation gut vorbereitet: Die haben bereits ein anderes Verständnis von Führung. Die haben die Welt als Netzwerk kennengelernt und nicht als Hierarchie. Das Internet ist ihr gedankliches Betriebssystem. Sie sind es gewohnt, voneinander zu lernen und Dinge gemeinsam zu lösen – und diese Erfahrung übertragen sie auf die Arbeitswelt und lösen so auch einen Veränderungsdruck aus.

Wie lässt sich Führung 4.0 im eigenen Unternehmen umsetzen?

Trost: Ein wichtiger Faktor ist ein Umdenken in der Unternehmensspitze. Die Geschäftsführung muss sich zu einem neuen Führungsstil bekennen und diesen auch im Arbeitsalltag leben – das ist die Voraussetzung für den Wandel.

Wir wissen, dass sie eine Kultur nur verändern, wenn sie auch die Strukturen ändern. Wenn ich als Geschäftsführer sage: „Ich erwarte von meinen Mitarbeitern Eigenverantwortung“, dann muss ich auch bereit sein, fixe Arbeitszeiten abzuschaffen. – Denn wer eigenverantwortlich arbeitet, kann sich seine Zeit selbstverständlich frei einteilen.

Wenn ich von meinen Mitarbeitern einfordere, nicht in Hierarchien zu denken, brauche ich auch kein Mitarbeitergespräch, zu dem der Vorgesetzten einmal im Jahr einlädt. Dann muss der Geschäftsführer sagen: Feedback ist jederzeit möglich und zwar in beide Richtungen – wer Gesprächsbedarf hat, vereinbart selbständig einen Termin.

Beobachten Sie eine Anpassung der Strukturen in der Arbeitswelt?

Trost: Durchaus. Konzerne wie Bosch und Daimler haben zum Beispiel den Manager-Bonus abgeschafft. In der Vergangenheit führte dieser Bonus dazu, dass sich jede Führungskraft auf seine individuellen Ziele konzentriert hat, statt vernetzt für den Gesamterfolg zu arbeiten. Die Konzernleitung hat erkannt, dass wir uns so ein Verhalten in einer digitalen Welt nicht mehr leisten können.

An diesem Vorgehen können sich KMU durchaus ein Beispiel nehmen: Ich rate jedem Geschäftsführer sich mit der Frage zu beschäftigen: Wie wollen wir in Zukunft führen und zusammenarbeiten? Wer darauf Antworten gefunden hat, kann die eigenen Strukturen kritisch überprüfen und anpassen. Das ist der erste Schritt in Richtung Führung 4.0.

Wir danken Armin Trost für das Gespräch.

zur Webseite von Armin Trost

Tipp

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