„KMU müssen die Integration nicht alleine stemmen“

Experteninterview mit Dr. Regina Flake zur KOFA-Studie.

Regina Flake ist eine der Autorinnen, die im März 2017 die Studie „Engagement von Unternehmen bei der Integration von Flüchtlingen“ veröffentlicht hat. Im Experteninterview erklärt die Volkswirtin vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln, welche Ergebnisse für KMU besonders relevant sind:

Frau Flake, warum war es den Wissenschaftlern des KOFA wichtig, das Engagement der Unternehmen bei der Integration von Flüchtlingen genauer unter die Lupe zu nehmen?

Regina Flake © KOFA
Dr. Regina Flake

Unternehmen übernehmen bei der Integration von Flüchtlingen in unsere Gesellschaft eine zentrale Rolle. 2016 gab es in den Medien immer wieder kritische Stimmen, die hinterfragt haben, ob die Wirtschaft sich mit diesem wichtigen Thema ausreichend beschäftigt. Wir haben es als unsere Aufgabe angesehen, uns die Situation aus einer wissenschaftlichen Perspektive genauer anzuschauen und gleichzeitig zu überlegen, wie  man das Engagement der Unternehmen noch besser fördern kann. In unserer Studie untersuchen wir deshalb, in welcher Form und in welchem Umfang Unternehmen einen Beitrag zur Flüchtlingsintegration leisten. Darüber hinaus werten wir aus, ob die Unternehmen Unterstützungsangebote nutzen. Denn die Unternehmen können und müssen die Integration von Flüchtlingen nicht alleine stemmen, sondern können auf zahlreiche Initiativen und Maßnahmen zurückgreifen.

Welche Ergebnisse Ihrer Studie finden Sie für KMU besonders relevant?

Viele Unternehmen engagieren sich – das ist ein ganz zentrales Ergebnis: Knapp ein Viertel der Unternehmen in Deutschland integrieren zurzeit Flüchtlinge über Praktikum, Ausbildung oder Beschäftigung in ihrem Betrieb oder haben dies in den letzten drei Jahren getan. Ein Drittel aller Unternehmen plant, auch 2017 Flüchtlinge einzustellen. Ein besonders großes Engagement sehen wir dabei im Handwerk.

Was auch interessant ist: Wer bereits Flüchtlinge beschäftigt hat, scheint durch seine Erfahrungen darin bestärkt zu werden, diesen Weg in Zukunft fortzusetzen. Unsere Ergebnisse zeigen zumindest, dass Unternehmen, die bereits mit Flüchtlingen zusammengearbeitet haben, weitaus offener für diese Bewerbergruppe sind, als andere Unternehmen.

Überraschend fanden wir, dass viele Unterstützungsangebote, die Unternehmen bei der Integration von Flüchtlingen zur Verfügung stehen, gar nicht bekannt sind, obwohl viele Maßnahmen wirklich auf den Bedarf der Unternehmen abzielen. So wünschen sich viele Unternehmen einen direkten Ansprechpartner. Gleichzeitig sind die Willkommenslotsen, die so ein zentraler Ansprechpartner für Unternehmen sind, noch gar nicht in der Fläche bekannt und könnten da viel besser genutzt werden.

Was wissen Sie über die Erfahrungen, die Unternehmen bei der Integration von Flüchtlingen sammeln?

Viele Betriebe machen sehr positive Erfahrungen. Neun von Zehn Unternehmen sagen, dass sie die Arbeit im vielfältigen Team als Bereicherung empfinden. Genauso viele  Unternehmen berichten außerdem, dass die Flüchtlinge einen großen Lerneifer und eine große Motivation mitbringen.

Gleichzeitig gibt es natürlich Erfahrungen, die sich als Herausforderungen entpuppen: zum Beispiel mangelnde Sprachkenntnisse oder fehlende fachliche Kenntnisse der Flüchtlinge. Häufig mangelt es auch an Informationen, welche Qualifikationen die Person aus ihrem Heimatland konkret mitbringen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, um Hürden für KMU bei der Integration von Flüchtlingen abzubauen?

Aus unserer Studie wissen wir: Wer bereits Flüchtlinge beschäftigt, kennt mehr Hilfsangebote zur Integration als andere Betriebe. Das zeigt uns: Die Betriebe informieren sich erst dann über die Programme, wenn sie einen geflüchteten Menschen kennengelernt haben, den sie beschäftigen oder qualifizieren möchten.

Für KMU ist es meiner Meinung nach wichtig, dass man die Informationen über Maßnahmen und Programme zur Integration von Flüchtlingen noch bekannter machen muss. Die Entscheider müssen wissen, dass sie diese Aufgabe nicht alleine stemmen müssen, sondern dass es Unterstützung gibt. Ich glaube, dass das auch die Bereitschaft von KMU weiter erhöht, Flüchtlinge einzustellen.

Welche Hilfsangebote und Programme zur Integration gibt es für KMU?

Unternehmen wünschen sich an erster Stelle eine Unterstützung bei der Sprachförderung. Hier gibt es zum Beispiel die berufsbezogene Deutschförderung der Bundesregierung, die vielen KMU aber gar nicht bekannt ist. Solche Informationen müssen dringend weiter gestreut werden.

Wer in Kontakt mit Flüchtlingen treten möchte, sollte sich über die Programme „Perspektive für Flüchtlinge“ (PerF) oder „Perspektive für junge Flüchtlinge“ (PerjuF) informieren. Sie dienen der Arbeitsmarkt- und Berufsorientierung und können eine gute Chance für Unternehmen und Flüchtlinge sein, sich gegenseitig kennenzulernen.

Ein weiteres zentrales Programm für KMU ist meiner Meinung nach die Einstiegsqualifizierung der Bundesagentur für Arbeit, die auch Geflüchteten offensteht. Die Einstiegsqualifizierung ermöglicht Unternehmen, Jugendliche im Vorfeld der Ausbildung ein Einstiegspraktikum anzubieten. Dieses Praktikum kann zwischen 6 und 12 Monaten dauern und kann bei einer erfolgreichen Zusammenarbeit später auf die Ausbildungszeit angerechnet werden.

KMU, die einen direkten Ansprechpartner in der Region suchen, sind bei einem Willkommenslotsen richtig aufgehoben. Als Ansprechpartner vor Ort haben Willkommenslotsen die Aufgabe, KMU bei allen Fragen zur Integration zu beraten und sie ggf. über weitere Initiativen und Netzwerke aufzuklären.

Und nicht zuletzt verstehen wir uns vom KOFA natürlich auch als ein zentraler Ansprechpartner für KMU, der alle Informationen zur Integration von Geflüchteten im Rahmen einer Dossier-Seite für sie bündelt und aufbereitet.

Wir danken Frau Flake für das Gespräch.

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