Vom Fußball lernen

BVB-Pressesprecher Sascha Fligge zur Integration „internationaler Fachkräfte“

Internationale Fachkräfte integrieren. In den Ohren vieler Personalchefs klingt das nach großen Herausforderungen – dabei ist heute kaum ein internationaler Wettbewerb ohne Experten aus dem Ausland zu gewinnen. Das lehrt uns nicht nur der Fußball.

Sascha Fligge, Borussia Dortmunds Direktor Kommunikation, freut sich zu der kommenden Saison auf Neuverpflichtungen aus einem halben Dutzend Länder. Sorgen um deren Integration macht sich beim BVB niemand. „Das geht fast von selbst“, verrät uns der Pressesprecher. Das KOFA-Team wollte darüber mehr erfahren – und hat Sascha Fligge interviewt. Unser Fazit: Auch Sie als Unternehmen können aus der Erfahrung des BVB einige Aspekte für Ihre Personalarbeit ableiten.

Tipp 1:
Locker bleiben – Integration spielerisch angehen

Sascha Fligge: Fußballer, die aus dem Ausland zu uns kommen, haben meiner Meinung nach die gleichen Probleme wie andere Arbeitnehmer, die nach Deutschland kommen. Ein dicker Geldbeutel macht in einem neuen Umfeld ja nicht automatisch glücklich. Trotzdem machen wir die Erfahrung, dass die Integration fast immer gelingt.

Bei uns funktioniert das spielerisch. Selbst wenn es sprachliche Barrieren gibt, verstehen sich die Profis über die internationale Sprache des Fußballs. Sie reden mit Händen und Füßen, mal greift ein Mitspieler dolmetschend ein.

Am Wichtigsten sind aber gemeinsame Erlebnisse, die ein Team zusammenschweißen. Wer gemeinsam Niederlagen verarbeitet, Erfolge feiert und Trainingslager miteinander verbringt, rückt automatisch näher zusammen.

Was wir daraus lernen können: Integration heißt, aus der Belegschaft eine Mannschaft zu machen. Binden Sie Ihre Mitarbeiter aktiv ein. Team-Building-Maßnahmen oder Mitarbeiter-Events wie zum Beispiel ein Sommerfest können helfen, ein Gemeinschaftsgefühl in Ihrem Unternehmen zu entwickeln. In jedem Fall sollten alle Mitarbeiter das gemeinsame Ziel Ihres Unternehmens kennen und dafür an einem Strang ziehen.

Tipp 2:
Sprachkurse fördern

Sascha Fligge: Wir als Verein haben ein Interesse daran, dass alle unsere Spieler so schnell wie möglich Deutsch lernen. Unser Mittelfeldspieler Ousmane Dembélé, den wir für die nächste Saison aus Frankreich verpflichten haben, bekommt zum Beispiel schon seit einigen Wochen Einzelunterricht. Er lernt Fußball-Fachbegriffe, aber auch die Alltags-Sprache.

In der Vergangenheit haben uns ausländische Spieler immer wieder gesagt, dass Deutsch eine schwere Sprache ist. Unser Ansatz ist, dass wir gerade die jungen Talente am Anfang nicht im Regen stehen lassen. Ein Sprachlehrer bzw. ein Betreuer hilft, wenn im Alltag Sprachbarrieren auftauchen. Und zwar ohne dass den Profis alles abgenommen wird…

Fazit: Sprache spielt nicht nur bei der Arbeit eine Rolle, sondern im täglichen Leben und gerade beim Aufbau neuer Kontakte. Sprechen Sie mit Ihren internationalen Fachkräften. Fragen Sie ganz konkret, ob sie in den Anfangsmonaten zusätzliche Unterstützung benötigen. Informieren Sie sich über Möglichkeiten der Sprachförderung. Denn nur, wer sich in seiner neuen Heimat wohlfühlt, ist bereit zu bleiben und kann Spitzenleistungen erbringen.

Tipp 3:
Zum Erfolg mit festen Ansprechpartnern

Sascha Fligge: Gerade unsere jungen ausländischen Talente brauchen feste Ansprechpartner. Einer unserer Scouts war früher selbst Fußballprofi, stammt aus Italien, hat in Frankreich gelebt und ist seit Jahrzehnten in Deutschland zu Hause. Sein Name ist Massimo Mariotti.

Mariotti kümmert sich seit zwei Jahren um Pierre-Emerick Aubameyang und nun auch um Dembélé. Er geht zum Beispiel mit ihm seine Post durch und hilft bei Behördengängen.

Natürlich ist es das Ziel, dass die Spieler schnell selbstständig werden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir von Anfang an sportliche Spitzenleistungen von ihnen erwarten. Und dafür müssen sie sich einfach wohlfühlen. Deshalb finden wir es richtig und wichtig, ihnen die Unterstützung zu geben, die sie bei ihrem Neustart brauchen.

Wir sind überzeugt: Auch in KMU kann eine feste Ansprechpartnerin oder ein fester Ansprechpartner, wie eine Mentorin oder ein Mentor die Integration maßgeblich fördern. Neben fachlicher Kompetenz zeichnen sich diese Personen idealerweise durch interkulturelle Kompetenzen aus. Vielleicht beschäftigen Sie in Ihrer Belegschaft schon Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit entsprechenden Erfahrungen, die sprachliche und kulturelle Eingewöhnungsphasen selbst erlebt haben und sich so gut in die Situation der neuen Fachkräfte hineinversetzen können.

Tipp 4:
Jeder Spieler ist anders – Integration individuell gestalten

Sascha Fligge: Ich arbeite seit fünf Jahren beim BVB und habe in dieser Zeit viele Transfers aus dem Ausland miterlebt. Meine Erfahrung ist: Letztlich funktioniert Integration bei jedem Spieler anders. Der eine fügt sich schneller ins Team ein, der nächste braucht Zeit.

Mit Emre Mor bekommen wir beispielsweise einen Spieler aus Dänemark, der für die türkische Nationalmannschaft spielt. Er spricht kaum Türkisch, dafür aber perfekt Englisch. Hier in Deutschland wird er mit Englisch erst einmal gut zurechtkommen – auch wenn er zusätzlich natürlich Deutsch lernen wird. Seine Integration wird aber schon aufgrund seiner spezifischen Sprachkenntnisse anders verlaufen als die anderer Transfers, die ausschließlich ihre Heimatsprache beherrschen.

Was der Fußball uns zeigt: Integration bedeutet auch flexibel auf die unterschiedlichen Qualifikationen und Bedürfnisse internationaler Fachkräfte einzugehen. Hierfür ist eine offene Kommunikation im Unternehmen entscheidend, die durch eine gelebte Willkommenskultur gefördert wird.

Sascha Fligge und Shinji Kagawa

Tipp 5:
Netzwerke schaffen und Freizeit gestalten

Sascha Fligge: Wir sind der Meinung: egal ob wir jemanden aus Nürnberg oder Spanien nach Dortmund holen – als Arbeitgeber ist es unsere Pflicht, für die entsprechenden Netzwerke zu sorgen, damit der Neuzugang sich mit seinem neuen Umfeld auseinandersetzen kann. Wir machen das auf vielfältige Weise: Wir setzen unsere Spieler zum Beispiel mit Fans an einen Tisch, damit sie ein Gefühl für den BVB und seine Kultur bekommen. Der Mannschaftsrat sorgt für eine Vernetzung der Spieler untereinander und für Aktivitäten außerhalb des Stadions.

Aber auch den Austausch mit anderen Landsleuten finden wir wichtig. Ein Beispiel hierfür ist Shinji Kagawa. Als Japaner war schon das europäische Essen für ihn fremd. Unser Glück ist, dass es hier in NRW eine große japanische Gemeinde gibt. Im Zweifelsfall findet man also ein japanisches Restaurant, in dem man authentisch essen kann. Und es leben hier andere Japaner, mit denen Kagawa sich über kulturelle Unterschiede austauschen kann.

Auch ein interessanter Aspekt: Integration als Vernetzung – im neuen Land und mit Menschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben. Denn auch die Vernetzung in einer internationalen Community, kann das Einleben in der Fremde erleichtern.

Tipp 6:
Das „Wir-Gefühl“ stärken – Wie aus Fachkräften Fans des eigenen Unternehmens werden

Sascha Fligge: Ich glaube, es ist für jeden Arbeitnehmer ein Geschenk, wenn er sich mit dem identifizieren kann, was er tagtäglich macht. Beim BVB ist es so, dass die allermeisten von uns nicht nur Angestellte sind, sondern Fans.

Eine ähnliche Entwicklung erhoffen wir uns auch von den Spielern, die aus dem Ausland zu uns kommen. Wir möchten, dass sie sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren und ihn sympathisch finden. Damit ihnen der Zugang leichter fällt, berichten wir ihnen über die Historie und die Philosophie des Klubs, zeigen ihnen Bilder der Erfolge. Auch dieses Wissen trägt letztlich zu einer tieferen Bindung und einer schnellen Integration bei.

Auf Ihr Unternehmen übertragen bedeutet das: Kreieren Sie unter Berufung auf Ihre Tradition und Unternehmenserfolge eine eigene Arbeitgebermarke. Das stärkt das Wir-Gefühl in Ihrem „Team“ – auch zwischen Stammbelegschaft und Mitarbeitern aus dem Ausland.

Wir danken Sascha Fligge für das Gespräch.

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