„Digitalisierung lohnt sich“

Experteninterview mit Dr. Vera Demary

Höhere Produktivität, geringere Kosten, bessere Kundenbindung. Auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) liegen in der Digitalisierung große Chancen. Davon ist Dr. Vera Demary überzeugt. Die studierte Volkswirtin leitet am Institut der deutschen Wirtschaft Köln das Kompetenzfeld „Strukturwandel und Wettbewerb“.

Frau Demary, was versteht man unter Digitalisierung?

Demary: Am besten gebe ich dafür ein Beispiel: Viele Unternehmen produzieren heute schon mithilfe von Robotern. Die Entwicklung geht dahin, dass diese Maschinen noch umfassender untereinander vernetzt sind. Und im Zuge der Digitalisierung stehen sie dann auch in Kontakt mit Zulieferern, Kunden und anderen Partnerunternehmen. Alles wird in Echtzeit miteinander abgestimmt. Die Maschinen können selbst Entscheidungen treffen. Zum Beispiel wenn ein Problem auftritt: Dann stellt sich die Maschine automatisch um, Bestellvorgänge werden ausgelöst, das richtige Material kommt an. Letztlich betrifft Digitalisierung alle Unternehmensbereiche: Produktion, Bestellung, Buchhaltung aber auch Vertrieb.

Was ich hier beschreibe, ist keine Zukunftsutopie – in vielen Betrieben sieht man einzelne Aspekte dieser Entwicklung schon heute. Allerdings gibt es noch kaum Unternehmen, die wirklich umfassend digitalisiert sind.

Wie wichtig ist es für KMU, sich frühzeitig mit dieser Entwicklung zu beschäftigen?

Demary: Die Entwicklung kommt auf jeden Betrieb zu. Das bedeutet aber nicht, dass die Unternehmen sich in den nächsten zwei Wochen komplett digitalisiert haben müssen.

Ganz entscheidend ist, das eigene Netzwerk zu kennen und zu analysieren. Denn eine umfassende Digitalisierung funktioniert nicht losgelöst von allen anderen. Noch ein Beispiel: Viele KMU bekommen ihre Bestellungen bis heute per Fax. Und wenn die Kunden per Fax bestellen wollen, kann ich als Betrieb noch so digital sein – dann werde ich das Faxgerät nicht los. Man braucht für eine weitreichende Digitalisierung also auch Zeit. Es reicht nicht, dass einzelne Unternehmen digitalisiert sind. Die ganze Wertschöpfungskette muss eingebunden sein.

Das ist aber kein Grund sich auszuruhen: Als Unternehmen sollte man sein Umfeld beobachten, Trends erkennen und dann auch mitmachen. Wichtig ist, sich zu informieren: Was ist technisch möglich? Was für Vorteile haben wir dadurch? – Im Idealfall wird das Unternehmen effizienter und spart Kosten.

Besteht die Gefahr, die Entwicklung als KMU zu „verschlafen“?

Demary: Ich glaube, das Bewusstsein für das Thema ist bei den meisten Verantwortlichen absolut vorhanden. Aber natürlich müssen sich Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer gut überlegen, was aus Kostensicht effizient ist. Sie brauchen Informationen über digitale Technologien. Sie müssen entscheiden, welche Standards sie für ihre Anwendungen nehmen und wie sie diese einsetzen. Schließlich müssen diese Standards auch kompatibel mit denen von Geschäftspartnern oder Kunden sein. Das sind alles wichtige Entscheidungen.

Viele KMU sind hier schon unterwegs, andere befinden sich noch in der Informationsphase. Von „verschlafen“ kann aber keine Rede sein. KMU sind hier nicht langsamer unterwegs als große Unternehmen. Wichtig ist zu begreifen: Digitalisierung ist nichts Lästiges – Digitalisierung birgt große Chancen.

Welche Chancen sind das?

Demary: KMU sind häufig in Wertschöpfungsketten eingebunden. Wer als Teil dieser Wertschöpfungskette digital arbeitet, ist ein attraktiver Partner für andere Unternehmen. Das ist eine Möglichkeit, sich gut zu positionieren und im Wettbewerb mitzuhalten.

Digitalisierung ist ein Weg, die Produktion effizienter zu machen. Die Unternehmen können besser auf Kundenwünsche eingehen und individuelle Anfragen verarbeiten.

Und letztlich können KMU sich mithilfe der Digitalisierung als attraktiver Arbeitgeber präsentieren. Zum Beispiel könnte sich eine Flexibilisierung von Arbeitszeit oder -ort ergeben. Das sind nur einige Beispiele. Man sieht daran: Digitalisierung lohnt sich.

Lohnt sich die Digitalisierung auch für die Mitarbeiter? Oder müssen sie Angst vor Personalabbau haben?

Demary: Meine persönliche Einschätzung ist, dass bestimmte Arbeitsplätze an Bedeutung verlieren, aber gleichzeitig andere Arbeitsplätze entstehen: Schließlich muss es Menschen geben, die die digitalen Systeme aufbauen, die sie kontrollieren und sie weiterentwickeln. Auch im Bereich der Datenauswertung werden neue Arbeitsplätze entstehen.

Was bedeutete die Digitalisierung für die Personalarbeit von KMU?

Demary: Ganz wichtig ist, dass man die Belegschaft bei der Entwicklung mitnimmt. Und das funktioniert mit Weiterbildung und Qualifizierung. Dafür haben die Unternehmen auch Zeit: Denn eine umfassende Digitalisierung passiert ja nicht von heute auf morgen. Es ist wichtig, die eigene Belegschaft gut über die Entwicklungen und möglichen Veränderungen im Unternehmen zu informieren und für die Zukunft fit zu machen. Alles andere kann keine Option sein.

Welche Maßnahmen müssen dafür getroffen werden?

Demary: Es gibt kein Patentrezept. Aber wenn es um die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens geht, können zum Beispiel altersgemischte Teams ein guter Ansatz sein. Altersgemischt bedeutet ja oft auch kompetenzgemischt – und das auch in Bezug auf die digitalen Kompetenzen. Häufig profitieren die Jüngeren von dem Erfahrungswissen der Älteren. In diesem Fall ist es möglicherweise umgekehrt. Es lohnt sich, solche Ansätze auszuprobieren.

Was würden Sie Unternehmen raten, die sich bislang wenig mit dem Thema beschäftigt haben?

Demary: Für Unternehmen ist es wichtig, wirklich am Zahn der Zeit zu sein. Sie sollten die relevanten Entwicklungen in der eigenen Branche kennen. Dann können die Verantwortlichen auch entscheiden, ob sie bestimmte Innovationen in der eigenen Firma einführen wollen oder nicht.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat außerdem sogenannte Kompetenzzentren 4.0 eingerichtet. Sie sollen KMU bei der Digitalisierung helfen. Ich kann Unternehmen nur raten, Angebote zum Austausch und zur Information wahrzunehmen und so die Vorteile der Digitalisierung für sich zu entdecken.

Wir danken Frau Demary für das Gespräch.

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