Wege zu mehr Inklusion in der Berufsausbildung

Welchen Beitrag können Unternehmen und Sozialpartner leisten?

von links: Jessica Müller, Ralph Müller, Dirk Werner, Verena Bentele, Iris Gleicke, Dagmar Greskamp

Am 10. Februar 2017 fand im Eichensaal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) in Berlin die Inklusions-Veranstaltung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) in Kooperation mit Aktion Mensch statt.

Ziel der Veranstaltung war es, gemeinsam mit Unternehmen, Sozialpartnern, Vertreterinnen und Vertretern aus Politik sowie den Teilnehmenden zu diskutieren, wie mehr inklusive Ausbildungsplätze für junge Menschen mit Behinderung in KMU geschaffen werden können. Für die jungen Menschen schafft dies neue Perspektiven sowie die Möglichkeit zu mehr sozialer Teilhabe. Gleichzeitig bietet Inklusion in der Berufsausbildung Unternehmen in Zeiten zunehmender Fachkräfteengpässe die Möglichkeit, bisher ungenutztes Potenzial zur Nachwuchssicherung zu erschließen.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Rainer Schmidt, ein Multitalent mit vielfältigen Erfahrungen – sei es als evangelischer Pfarrer, als Olympiasieger im Tischtennis oder als Kabarettist. Und das alles mit Handicap: Denn Rainer Schmidt wurde ohne Unterarme geboren und hat einen verkürzten rechten Oberschenkel. Mit großer Professionalität, welche sich aus einer perfekt abgestimmten Mischung aus Humor und Feingefühl zusammensetzt, führte er die Zuhörerschaft durch die Veranstaltung und sorgte von Anfang an für das, was sich auch im Laufe der Veranstaltung in Bezug auf das Thema Inklusion immer weiter herauskristallisieren sollte: für Optimismus und Macher-Mentalität.

Für mehr Mut in der Inklusion: „Einfach mal ausprobieren“

Nach einem einleitenden Grußwort von Dr. Sabine Hepperle, Leiterin der Abteilung Mittelstandspolitik im BMWi, folgten Erfolgsberichte aus der Praxis. In Film und Gespräch stellte sich das Malerunternehmen Karl Müller vor, vertreten durch die Juniorchefin Jessica Müller und den angestellten Malermeister Ralph Müller. Ralph Müller ist gehörlos und nun seit einigen Jahren im Unternehmen tätig. Nach kleineren Anfangsschwierigkeiten habe die Kommunikation problemlos funktioniert, sagt Jessica Müller. Sie seien über Bekannte auf Herrn Müller aufmerksam geworden und haben es „einfach mal versucht“, wie die Juniorchefin mit einem Lächeln sagt. Auch Ralph Müller äußerte sich in Gebärdensprache durchweg positiv über die Integrationserfolge seines Arbeitgebers. Die Kommunikation und das Miteinander innerhalb des Betriebs funktionieren mittlerweile vollkommen problemlos; barrierefrei sozusagen. Diese Erfahrung hat das kleine Unternehmen dazu ermutigt, weiter in diese Richtung zu gehen. Mittlerweile arbeiten 19 Menschen in dem Malerbetrieb; vier davon sind gehörlos.

Auch Sonja Grunau, Disability-Managerin bei den Ford-Werken, bestätigte, dass die betriebliche Inklusion von Menschen mit Behinderung vor allem eine Frage der Einstellung sei und belegte dies anhand von eigenen positiven Erfahrungen. Am Standort in Köln hat in etwa jeder Dreizehnte der mehr als 4.000 Mitarbeiter eine Behinderung. Das größte Problem bei der betrieblichen Inklusion, so Sonja Grunau, sei der Denkfehler, dass Menschen mit Behinderung durch ihre Einschränkung beim Arbeiten behindert würden. Eine Einschränkung in einem Bereich gehe nicht selten mit der überdurchschnittlichen Ausprägung eines Talents in einem anderen Bereich einher. Für individuelle Stärken und Schwächen müssten dann gemeinsam Lösungswege gefunden werden.

Im Anschluss appellierte Ausbildungsexpertin Dagmar Greskamp von Aktion Mensch an die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Personalverantwortlichen, noch stärker die Fähigkeiten und die besondere Motivation von Menschen mit Behinderung bei der Einstellung in den Blick zu nehmen. Wichtig dafür sei, dass Unternehmen und junge Menschen mit Behinderung sich in einem ersten Schritt intensiv kennenlernen – beispielsweise indem Unternehmen Kooperationen mit Förderschulen eingingen. In ihrem Arbeitsalltag höre sie häufig Erfolgsgeschichten, die mit dem Satz beginnen „Wir haben´s dann einfach mal ausprobiert“.

Barrierefrei kommunizieren – zum Ausprobieren

Staatssekretärin Iris Gleicke am Erlebnisparcours "Barrierefrei kommunizieren"

In der Pause konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung selbst ein Bild davon machen, wie der Arbeitsplatz von Fachkräften mit unterschiedlichen Handicaps aussehen kann, etwa wenn sie ohne Arme einen Computer bedienen. Auch die parlamentarische Staatssekretärin Iris Gleicke testete die Möglichkeiten am Erlebnisparcours der „STIFTUNG barrierefrei kommunizieren!“.

Neue KOFA-Handlungsempfehlung zur Ausbildung von Menschen mit Behinderung

Auf der Basis der KOFA-Studie „Menschen mit Behinderung in der dualen Berufsausbildung: Potenziale zur Stärkung der Inklusion“ stellte der Leiter des KOFA, Dirk Werner, die neue KOFA-Handlungsempfehlung zum Thema „Ausbildung von Menschen mit Behinderung“ vor. Diese Schritt-für-Schritt-Anleitung beinhaltet unter anderem eine ausführliche Grafik zu den verschiedenen Rekrutierungswegen sowie eine präzise Beschreibung der bestehenden Unterstützungsmaßnahmen. Im folgenden Video können Sie die Präsentation von Herrn Werner zu Hintergründen und Erfolgsfaktoren in der Ausbildung von Menschen mit Behinderung nachverfolgen:

Vier Perspektiven, ein Ziel: Unternehmen und junge Menschen mit Behinderung für die Ausbildung zusammenbringen

In einer abschließenden Podiumsdiskussion diskutierten vier hochrangige Expertinnen und Experten aus der Politik und von Sozialpartnern, wie aus ihrer Sicht Inklusion in der Ausbildung gefördert werden könne. Den ersten Akzent setzte die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Frau Iris Gleicke. Der nächste entscheidende Schritt sei, einzelne Unternehmen vor Ort zu erreichen. Es sei wichtig, das Netzwerk aus Agenturen für Arbeit, Kammern und Verbänden zu nutzen, um vorhandene Informations- und Unterstützungsangebote in die Regionen und in die Köpfe der Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Betriebe vor Ort zu tragen. Frau Verena Bentele, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, wies darauf hin, dass die Inklusion von Menschen mit Behinderung in eine duale Ausbildung ein Teil einer längeren Bildungskette ist, die bei der schulischen Inklusion beginnt. Wichtig sei es auch, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen eine Lotsin bzw. einen Lotsen oder eine Kontaktperson zur Seite gestellt bekommen, um sich bei den Fördermöglichkeiten zurechtzufinden.

Aus gewerkschaftlicher Sicht betonte Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung Bildungsarbeit und Bildungspolitik des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), dass das Thema Inklusion nicht nur für die Unternehmensleitungen, sondern auch für die Schwerbehindertenvertretungen, Jugend- und Ausbildungsvertretungen sowie die Betriebsrätinnen und Betriebsräte von großer Bedeutung sei. Zudem könne der Kontakt zwischen Unternehmen und Menschen mit Behinderung durch eine gute Berufsorientierung gefördert werden: Wer auch einmal die Möglichkeit hat, sich an einer Werkbank in einem Betrieb auszuprobieren, habe gleich eine andere Perspektive.

Frau Barbara Dorn führte als Leiterin der Abteilung Bildung und Berufliche Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) die Perspektive der Arbeitgeber aus. Passende Informationen für den gezielten Umgang mit ganz unterschiedlichen Auszubildenden seien sehr wichtig, denn jeder einzelne Mensch hat ein anderes Stärken- und Schwächen-Profil und damit andere Bedürfnisse im Betrieb. Daher sollten stärker modularisierte und damit passgenauere Qualifikationsangebote für Ausbilderinnen und Ausbilder etabliert werden. Darüber hinaus sei für Arbeitgeber die Berufsschule als Partner in der Ausbildung sehr wichtig. Hier müsste die Expertise im Umgang mit Menschen mit Behinderung bei den Lehrkräften gezielt ausgebaut werden.

Die Veranstaltung lieferte insgesamt vielfältige Perspektiven und Informationen sowie wertvolle Diskussionsbeiträge. Der Weg in eine inklusive Gesellschaft besteht aus vielen kleinen Schritten. Im Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung möchten wir auch weiterhin alle engagierten Personalverantwortlichen in kleinen und mittleren Unternehmen auf diesem Weg begleiten und danken den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung für Ihre Anregungen und Hinweise.

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